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Otto Speck: System Heilpädagogik

Otto Speck: System Heilpädagogik. Eine ökologisch reflexive Grundlegung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 6., neu bearbeitete Auflage. 547 Seiten. ISBN 978-3-497-01998-4. D: 44,00 EUR, A: 45,20 EUR, CH: 73,00 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das „System Heilpädagogik“ ist ein Standardwerk. Es steht für eine auf Integration ausgerichtete heilpädagogische Theorie und Praxis – und hat für dieses Anliegen viel bewirkt. Nun liegt das erstmals 1988 erschiene Buch als 6. überarbeitete Auflage vor.

Aufbau und Inhalt

Das Werk des emeritierten Münchener Hochschullehrers Otto Speck ist in sieben Abschnitte gegliedert.

Im ersten Abschnitt stellt der Autor Heilpädagogik als ein System im Wandel vor. Damit nimmt er die im zweiten Abschnitt von ihm grundgelegte Beschreibung eines heilpädagogischen Systems vorweg und versucht es in den von ihm wahrgenommenen derzeitigen „Epochenumbruch“ einzuordnen. Zugleich setzt er sich ausführlich mit den Begriff der Heilpädagogik auseinander und begründet deren Eigensinn.

Der zweite Abschnitt widmet sich den wissenschaftlichen Zugängen zu dem Bereich der Heilpädagogik. Hier geht es dem Autor vor allem um theoretische Stabilität für ein offenes System, die er wesentlich über systemtheoretische Zugänge zu gewinnen versucht.

Der dritte Abschnitt ist den anthropologischen Grundlagen der Heilpädagogik gewidmet. Speck weist bereits in den ersten beiden Abschnitten auf deren Notwendigkeit hin und findet sie neben biologischen Erkenntnissen vor allem in Menschenrechten. Dieses vermag jedoch nur dann zu überzeugen, wenn diese Menschenrechte nicht als von Menschen geschaffenen Vereinbarungen sondern als Ausdruck eines vorpositiven Rechts verstanden werden.

Der Begriff der Behinderung steht im Mittelpunkt des vierten Abschnitts, er wird kritisch und unter verschiedenen Rücksichten ausgeleuchtet.

Im fünften und mit Abstand umfangreichsten Abschnitt legt der Autor nun seinen eigenen Ansatz vor, dem das Buch auch seinen Titel „System Heilpädagogik – eine ökologisch-reflexive Grundlegung“ verdankt. Heilpädagogik wie Speck sie versteht, ist zuallererst und selbstverständlich Pädagogik (was soll sie sonst sein?), sie ist aber zugleich (s. auch S. 21) Beitrag zum heilpädagogischen Gespräch und damit Prozess und Wandel unterworfen, nicht statisch. Mit anderen Hilfezusammenhängen teilt die Heilpädagogik damit das Schicksal, aus eigenständiger Definitionsmacht herausgelöst zu sein und nicht mehr Ausdruck eines „einseitige(n) und kausal-lineare(n) Handlungsansatz(es)“ zu sein (S. 263). Um dies zu verdeutlichen, verwendet der Autor die Begriffe „systemisch“ und ökologisch“. Er will damit verdeutlichen, dass die Menschen, auf die hin sich dieser Ansatz orientiert, sowohl am allgemeinen Recht auf Lebensschutz partizipieren als auch in wechselwirkenden Zusammenhängen stehen. Ökologisch und systemisch bezieht sich hier auf den ganzen Menschen als eine „Lebensganzheit“ als auch „auf seine Umwelt und seine lebensweltliche Eingliederung“ (s.o.).Er verfolgt dabei ein Ganzheitsprinzip, in dem Raum für eine von ihm beschriebene große Spannbreite (Disparität, vgl. S. 268 ff.) ist. Menschen mit einer Behinderungen können in verschiedenen Funktionssystemen sowohl inkludiert wie exkludiert sein; die Einwirkungen auf ihn wirken auch untereinander, und erst eine das Ganze im Blick behaltende Sicht kann dies angemessen aufnehmen. Mit dieser Perspektive (die er in diversen Modell-Bildern zu veranschaulichen sucht) buchstabiert er u.a. die Fragen nach sozialen Umwelten, den Kategorien Lebensinn und Lebensglück und heilpädagogischem Ethos durch. Eine längere Passage widmet sich Institutionen und ihren Funktionen in der heilpädagogischen Arbeit.

Der sechste Abschnitt widmet sich dem normativen Prinzip der Integration, ihren geschichtlichen Vorläufern und ihrem Ziel, der Eingliederung in Schule und Kindergarten.
Der mittlerweile die Fachdiskussion stärker bestimmende Begriff der Inklusion nimmt an dieser Stelle praktisch keinen Raum ein, zu fragen wäre, ob er mit Integration – nach seiner Definition die „soziale Eingliederung behinderter Menschen in natürliche und kulturell gewachsene Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen in natürlich und kulturell gewachsene Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen im Lernen, Spielen, Arbeiten und Geselligsein gemäß den den eigenen Bedürfnissen“ (S. 386) einen Integrationsbegriff vertritt, der dem aktuell diskutierten Inklusionsverständnis sehr nahe kommt.

Der siebte und letzte Abschnitt stellt eine Reihe von heilpädagogischen Kooperationen in Verbundsystemen vor, die der Autor unter Berücksichtigung der zuvor entwickelten ökologisch-systemischen Kriterien begutachtet. Die Entwicklung von der Kindesförderung zur Familienförderung ist dabei genauso im Blick wie die spätere Eingliederung von Erwachsenen mit Behinderungen in die Arbeitswelt. Von besonderem Interesse für die Praxis ist unserer Ansicht nach die Empfehlungsliste S. 484 ff, in der Speck mit den aus systemischer Sicht entwickelten Leitbegriffen Interdependenz und Kooperation hilfreiche Hypothesen entwickelt. Das trotz manchen Ausflugs in die Begrifflichkeiten der Systemtheorie gut lesbare Werk schließt mit einem Blick auf ein weiteres Kooperationsfeld der Heilpädagogik, die Arbeit mit älteren Menschen mit Behinderungen. Dies für die bundesdeutsche Situation und Debatte eher neue Feld gewinnt, wie er zu Recht diagnostiziert, zunehmend an Bedeutung.

Insgesamt ist die umfangreiche Literaturliste vor allem für vor der Jahrtausendwende erschienene Literatur ergiebig.

Diskussion

Überraschenderweise setzt sich der Autor mit dem inzwischen in der Fachdiskussion zentralen Begriff der Inklusion nur am Rande auseinander.

Störend und als Mangel ist anzumerken, dass im Text mehrfach auf das BSHG als geltendes Recht verwiesen wird und sich damit die Frage stellt, ob die Ausführungen die Veränderungen in der Gesetzeslage nach der Einführung des SGB XII im Jahr 2004 hinreichend reflektieren.

Fazit

Ein anschauliches, gut zu lesendes Buch sowohl für Fachleute als auch für Menschen, die einen ersten auch geschichtlichen Einblick in das Thema Heilpädagogik bekommen möchten. Eine weitere Überarbeitung müsste neuere Literatur berücksichtigen.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. Christian Bernzen
Partner bei BERNZEN SONNTAG Rechtsanwälte und Hochschullehrer an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin
Homepage www.msbh.de
E-Mail Mailformular
und
Pastorin Anne Gidion
gottesdienst institut nordelbien, Hamburg
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Zitiervorschlag
Christian Bernzen/Anne Gidion. Rezension vom 11.07.2009 zu: Otto Speck: System Heilpädagogik. Eine ökologisch reflexive Grundlegung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 6., neu bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-497-01998-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6643.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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