Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Anke Abraham: Der Körper im biographischen Kontext

Rezensiert von Prof. Dr. Wolfram Fischer, 30.06.2003

Cover Anke Abraham: Der Körper im biographischen Kontext ISBN 978-3-531-13829-9

Anke Abraham: Der Körper im biographischen Kontext. Ein wissenssoziologischer Beitrag. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 496 Seiten. ISBN 978-3-531-13829-9. 32,90 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Einführung in das Thema

Der Körper des Menschen war immer und in jeder Kultur spezifisches Ausdrucksfeld von Sozialität. Die andere Seite ist weniger offensichtlich: in jeder menschlichen Gesellschaft widerspiegeln sich in Brechungen die jeweiligen kulturellen Auffassungen des Körpers; darauf haben Mary Douglas und John O'Neill überzeugend aufmerksam gemacht. Dennoch sind Körper und Leiblichkeit für die Sozialwissenschaften keine einfachen Themen. Vermutlich ist es die elementare Verwobenheit in die Existenz, ihr einerseits oberflächenhafter, andererseits impliziter und versteckter Charakter, der Körper und Leib soziologisch schwer greifbar macht. Mit Ausnahme von Ansätzen bei Simmel hat auch die erste Generation der soziologischen Klassiker Körperphänomene nicht thematisiert. Erst seit dem dritten Jahrzehnt des 20sten Jahrhunderts nahm der Biologe, Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner ausgedehnte Untersuchungen von Leib und Körper vor, deren Niveau, man muss es beschämt zugeben, nach ihm und in der Gegenwart selten erreicht wurden.

So mag es schon verdienstvoll sein, wenn das Thema soziologisch überhaupt aufgegriffen wird. Was den hier vorliegenden Band besonders auszeichnet ist die Verbindung der Themen Körper und Biographie. Damit ist ein typisches Phänomen der gesellschaftlichen Moderne aufgegriffen: biographische Strukturierung als Reaktion auf die fortgesetzte gesellschaftliche Differenzierung und ihre Risiken. Das Ergebnis dieses seltenen Verknüpfungsversuches ist hervorragend, und das Buch schließt eine Lücke, indem es die soziologischen Bereiche von Körperforschung und Biographieforschung verbindet und beide anreichert. Der Text ist informativ und bildend. Er ist außerdem gut geschrieben, und die Autorin lässt den Leser in angemessenem Tempo nicht nur an ihren detaillierten Darstellungen, sondern auch an der Entwicklung ihrer kritischen Einwände teilhaben.

Entstehungshintergrund

Eine Untersuchung dieses Umfangs - und damit sind nicht nur die 500 Seiten gemeint, sondern die geistige Spannweite und der ausführliche empirische Teil des Werks - hat lange Wurzeln. Die Verfasserin nahm entsprechend mündlicher Auskunft 1996 einen ersten von mehreren Anläufen. Dabei sind eigener Hochleistungssport, ihr Sportstudium, aktiver Tanz und Tanzchoreographie noch nicht mitgerechnet. Auch wenn diese auto-biographische Seite von Körpererfahrung und -reflexion fachlich in der vorgelegten soziologischen Arbeit nicht auftauchen kann, ist das große Engagement und die Vielschichtigkeit der Studie sicherlich auf den hier vorliegenden Erfahrungshintergrund beziehbar. Theoretische Studien und eine empirisch qualitative Befragung wechseln sich ab. 2001 wird die Arbeit - Anke Abraham ist mittlerweile wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Bildungssoziologie der Universität Erfurt - in der vorliegenden Form an der Universität Dortmund (Erstgutachter Ronald Hitzler) als Habilitationsschrift angenommen.

Aufbau und Inhalte

Die Studie ist in einen theoretischen und einen empirischen Hauptteil gegliedert, die jeweils von der Gewichtigkeit und dem Grad der Ausarbeitung schon als eigene Monographien bestehen könnten. Die Darlegung und kritische Reflexion wissenssoziologischer Theorien zum Körper und die empirische Untersuchung körperbezogenen Alltagswissens werden methodologisch unter Rückgriff auf die hermeneutische Wissenssoziologie und die soziologische Biographieforschung verbunden.

Die Verfasserin eröffnet den Theorieteil mit einer knappen Sichtung von Ansätzen (initial die Darstellung und Kritik einiger Überlegungen von Anselm Strauss) und einer Vielzahl von Körperstudien in nichtsoziologischen Bereichen - vorwiegend im deutschen Sprachraum - und formuliert für die Soziologie eine deutliche Forschungslücke. (Der Rezensent stimmt hier voll zu, dennoch gibt es mittlerweile vor allem in Groß- Britannien ausgedehnte kultursoziologische Studien zum Körper, die m.E. insgesamt im deutschen Sprachraum noch nicht genügend zur Kenntnis genommen wurden.*) ) Von hier ausgehend spannt die Autorin einen Bogen von Alfred Schütz und Helmuth Plessner (1.2), zur neuen Wissenssoziologie (Berger/Luckmann) (1.3) und der soziologischen Biographieforschung (1.4, 1.5). Lehrreich und zum Weiterlesen der Originale anregend für die Nichtkundigen, in ihrer angemessenen und sicheren Kritik inspirierend für Kenner, versteht es die Verfasserin, die Ansätze, die sie im Interesse der Körperthematik entsprechend profiliert hat, plausibel zu integrieren und zur empirischen Untersuchung hinzuführen. Besonders spannend ist ihr Exkurs zum übersehenen Körper als Erkenntnisquelle (1.6). Die leiblich-affektive Wahrnehmung und textuelle Ausdrucksformen werden hier in Bezug gesetzt.

Im Empirieteil vergewissert sich die Verfasserin dann des methodologisch-methodischen Ansatzes der sozialwissenschaftlichen Hermeneutik, mit denen sie ihre Frage nach der "Präsenz des Körpers im Rahmen der biographischen Verankerung des subjektiven Körpererlebens" (S. 229) genauer verfolgen kann. Nach differenzierter Kritik und Würdigung der objektiven Hermeneutik werden die praktischen Schlussfolgerungen für die eigene Untersuchung gezogen (2.2). Anke Abraham entwickelt aus den Vorlagen der objektiven Hermeneutik und der soziologischen Biographieforschung ein eigenes Analysemodell, in dem sie Feinanalysen, Analysen biographischer Daten, Narrationsanalysen und thematische Fokussierungen (auf Bildung/Beruf, Beziehung, Körper und Gefühl) kombiniert. Achtzehn narrativ-biographische Interviews mit VertreterInnen der Jahrgänge 1905-1935 wurden geführt und analysiert. Für die Darstellung im Buch - es ist mit etwa 150 Seiten das längste Kapitel - werden zunächst fünf paradigmatische Fälle (zwei Männer, drei Frauen) ausführlich präsentiert und fallrekonstruktiv verdichtet. Jede Fallstudie eröffnet einen anderen Typus des Körpers als "Umschlagplatz des Lebens" (408). Der Körper erscheint in den Analysen vorwiegend als passives Tableau und Resonanzfläche des gelebten Lebens (414). Es geht um Formen wie die Bagatellisierung körperlicher Belastungen und Höchstleistungsforderungen an den Körper bis hin zu einem Herzleiden (Herr D), Erfahrung von körperlichen Handicaps (z.B. Krebserkrankung) als biographischer Herausforderung (Frau C), um den geschlechtlichen Körper als biographische Herausforderung, weil er nicht den Stereotypen von Mann oder Frau entspricht (Frau E und Herr H), um den Körper als Gefängnis und Umschlagplatz der Gefühle bis in psychosomatische Reaktionen. Dies sind spannende Miniaturen, die sowohl in der Einzeldarstellung wie in den theoretisch zugespitzten Zusammenfassungen überzeugen. "Nebenbei" zeigen sie auch methodisch sehr gut, wie das bekannte Darstellungsproblem ausführlicher hermeneutischer Analysen lösbar ist.

Im abschließenden Kapitel (2.4) wird die Ebene der Einzelfallrekonstruktionen verlassen. Es werden unter Rückgriff auf den Schützschen Theorierahmen alltagsweltliche Thematisierungsweisen des Körpers am eigenen weiteren Datenmaterial aufgezeigt. Von besonderem Interesse sind Thematisierungsschemata zu Körper und Sexualität wie der Abschnitt zum unterschiedlichen Thematisierungsvermögen des Körpers bei Männern und Frauen. Frauen leben stärker mit und in ihrem Körper als Männer und können dies auch besser kommunizieren (466).

Wie schon beim Theorieteil wird der Leser auch im Empirieteil mit einer Fülle typisierter Wirklichkeiten bekannt gemacht und zu reichhaltigen Reflexionen veranlasst.

Diskussion

Wo bleibt das Negative, Herr Rezensent? So könnte man in Umkehrung der alten Frage an Erich Kästner (nach dem vermissten Positiven) formulieren. Ich finde wenig zu kritisieren, wenn ich den weit gesteckten theoretischen und empirischen Rahmen würdige. Ungewöhnliche Gewichtungen bei der Behandlung des Leibes (G. Lindemannn fast auf Augenhöhe neben H. Plessner, S. 99f.; Referenzen auf den Phänomenologen H. Schmitz aber keine Kenntnisnahme von Bernhard Waldenfels) sind hinnehmbar; dass der Referent bei Materialgewinnung und im Analyseverfahren einiges anders machen würde, kann nicht angekreidet werden. Es zählen die hohe Orientierungskraft und Inspiration, die von der Studie ausgehen.

Alle, die sich aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive für den Körper interessieren, die die Erfahrung des Körpers als Signum des Lebens in unseren Gegenwartsgesellschaften ansehen, werden Anke Abrahams wichtiges Buch mit großem Gewinn zur Kenntnis nehmen.

Trotz der komplizierten theoretischen und methodischen Debatten, auf die sich die Verfasserin bezieht und die sie fortschreibt, ist die Argumentation stets klar und der Text immer sehr gut geschrieben. Anke Abraham führt die Leser hervorragend in die schwierige Materie ein, und sie vermittelt nicht nur eigene kritische Urteile, sondern lässt an deren Entstehung teilhaben.

Fazit

Ein wichtiges Buch, das für die soziologische Körperforschung, sowohl theoretisch wie in der empirischen Durchführung neue Standards setzt. Für die Biographieforschung sind die spezifischen Analyseverfahren und die Einbeziehung der Körperthematik von hohem Wert.

Eine wissenschaftliche Arbeit, der man eine breite Rezeption wünscht. Der Rezensent kann allen Interessenten ohne Einschränkung die Lektüre dieser Studie empfehlen.



*) Vgl. hierzu Wolfram Fischer (2003): Körper und Zwischenleiblichkeit als Quelle und Produkt von Sozialität. In: Zeitschrift für qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung (ZBBS) H.1/2003

Rezension von
Prof. Dr. Wolfram Fischer

Es gibt 3 Rezensionen von Wolfram Fischer.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245