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Hans Göppinger, Michael Bock (Hrsg.): Kriminologie

Cover Hans Göppinger, Michael Bock (Hrsg.): Kriminologie. Verlag C.H. Beck (München) 2008. 6., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. 781 Seiten. ISBN 978-3-406-55509-1. 98,00 EUR, CH: 134,00 sFr.
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Thema und Aufbau

Die Kriminologie lebt vom Verbrechen. Als Wissenschaft entfaltet sie sich in einem miteinander verbundenen doppelten Spannungsfeld: Einerseits als "Strafrechtliche Hilfswissenschaft" gegenüber einer theoretisch orientierten Wissenschaft, die das Gesamtphänomen des Verbrechens zu erklären versucht. Eine Hilfswissenschaft, die im Rahmen des Kriminaljustiz-Systems sich sowohl ihren Gegenstand, die strafrechtlich definierte Kriminalität vorgeben lässt, wie auch dessen Vertretern die "erfahrungswissenschaftlichen" Grundlagen im Kampf gegen das Verbrechen liefern will: "Die Angewandte Kriminologie stellt dem Strafjuristen (und nicht nur ihm) ein Erfahrungswissen über den Täter in seinen sozialen Bezügen zur Verfügung, das ihm ermöglicht, aufgrund eigener Sachkunde die Forderungen dieser Gesetzesbestimmungen zu erfüllen"(S.45). Als theoretische Wissenschaft untersucht sie dagegen nicht nur diese Art der Kriminalität sowie deren Ursachen und gesellschaftliche Funktionen, sondern zugleich auch die damit interagierende Rolle des Kriminaljustiz-Systems von der Polizei bis hinauf in die Entstehung der einschlägigen Gesetze.

Der zweite Spannungsbogen ergibt sich aus dem Bemühen um eine eigenständige wissenschaftliche Position in einem Feld, das heute ganz überwiegend von den etablierten Wissenschaften der Medizin/Psychiatrie, der Psychologie, der Strafrechtswissenschaft oder der Soziologie besetzt wird - was sehr deutlich sowohl an der professionellen Herkunft der Kriminologen wie auch an der Verankerung ihrer Lehrstühle in den universitären Fakultäten abzulesen ist.

Das hier besprochene Lehrbuch, dessen erste Auflage 1971 erschien (s. Besprechung im Kriminologischen Journal 1972; 145ff), und das seit der 5. Auflage von M. Bock herausgegeben wird, könnte man dementsprechend sehr dezidiert als Theorie-kritische, Täter-orientierte "Hilfswissenschaft" einordnen, die vornehmlich auf einer (vom Psychiater Göppinger eingeleiteten) psychopathologischen Basis den "Täter in seinen sozialen Bezügen" hinsichtlich seiner künftigen Gefährdung und Gefährlichkeit diagnostizieren und prognostizieren will.

Dieses eher praktisch denn theoretisch ausgerichtete Anliegen verfolgt das umfangreiche und mit zahlreichen Literaturhinweisen versehene Lehrbuch in drei recht unterschiedlich ausgearbeiteten Hauptteilen. Zunächst informiert es - dem geläufigen Lehrbuch-Aufbau folgend - über Geschichte, Methoden, Theorien und die diversen Erscheinungsformen der Kriminalität sowie über die relevanten medizinisch-psychiatrischen Befunde. Sodann erfasst es im letzten Drittel unter dem Titel "Der Täter in der Strafrechtspflege"  - wie in einem Kommentar  deutlich juristisch und kriminal-statistisch geprägt - den Gang durch das strafrechtliche Verfahren vom Vorverfahren über die Hauptverhandlung und die dabei möglichen Sanktionen bis hin zur Entlassung aus dem Strafvollzug. Seinen inhaltlich das ganze Lehrbuch durchziehenden Schwerpunkt findet man schließlich unter dem Titel "Angewandte Kriminologie" in der ausführlichen Darstellung der "Methode der idealtypisch vergleichenden Einzelfallanalyse (MIVEA)", die seit Göppingers "Angewandter Kriminologie" (1985, s. Besprechung im Kriminologischen Journal  1988;63ff) das Markenzeichen dieser Kriminologie bildet.

Inhalt

  • Wie sehr dieses praktische Anliegen das Lehrbuch prägt, zeigt sich zunächst historisch in der Ablehnung "positivistischer", nomothetischer Ansätze (50), die hypothetisch und Theorie-geleitet im "postulativen Vorgriff" den Gegenstand ihren Vorurteilen entsprechend vorweg definierten (16,59), was sich insbesondere in einem soziologischem Ansatz äußere, in dem sich das "amerikanische Sendungsbewusstsein" nach 1945  konkretisiert habe (27). Stattdessen läge es doch näher, auf eine "werturteilsfreie" multifaktorielle empirische Forschung zurückzugreifen, deren wesentliche Befunde - familiärer Hintergrund, sozial niedrige Schicht, Defizite im Leistungsbereich und ein Übermaß an Freizeit -  "trotz unterschiedlicher Anlage (…) frappierend gut  übereinstimmten"(26).
  • Methodisch bevorzugt Bock am Einzelfall orientierte qualitative Ansätze gegenüber quantitativ massenstatistischen Methoden. Ansätze, die er allerdings weithin auf die üblichen diagnostischen Täter-bezogenen Techniken  der Aktenanalyse, Text-bezogener Inhaltsanalysen, im Lehrbuch nicht näher erklärbarer "Exploration" (71) sowie diverse Interview-Techniken  und psychologische Tests beschränkt, die dann durch  "Benutzung amtlicher Datensammlungen" und  einschlägige "Beobachtungen im Rahmen der Exploration" (72) ergänzt werden. Das weite eigenständige Feld qualitativer ethnologischer Methoden mitsamt ihren Problemen im wieder neu erwachten Feld einer "cultural criminology" wird, unbegriffen, beiläufig von seinen "Gefahren" her erwähnt (73).
  • Entsprechend der ursprünglichen psychopathologischen Ausrichtung dieses Lehrbuchs folgen sodann - noch vor der Darstellung der einzelnen kriminologischen Theorien - die "medizinisch-psychiatrischen Befunde und Zusammenhänge" (Kröber, Wendt). Die Autoren warnen vor voreilig gezogenen direkten kriminogenen Ableitungen: "In diesem Zusammenhang sei noch einmal ausdrücklich darauf verwiesen, dass die kriminologische Relevanz dieser Auffälligkeiten nicht so sehr in der (…) ausgeprägten Form liegt, als vielmehr in der als normalpsychologisch einzustufenden Verdünnung. Praktisch finden sich bei fast jeder (also auch der nichtkriminellen) Persönlichkeit einzelne solcher  Züge" (108). Dies gilt insbesondere auch für die kriminologische Bedeutung psychischer Auffälligkeiten, so sehr dabei auch wieder die alten Kurt-Schneider-Psychopathie-Typen in den rezenten Manualen der DSM IV, ICD 10, APA 2002  noch immer ihre Rolle spielen (111ff).
  • Auch bei der Darstellung kriminologischer Theorien folgt Bock weithin dem üblichen  (Prüfungs-relevanten) aufzählenden Nebeneinander mit jeweils kurzen "kritischen Stellungnahmen", bei denen er zunächst und in  berechtigter Weise allgemein deren Wechselwirkung mit den üblichen Alltagstheorien betont (120), um sie allenfalls als "Orientierungshilfe" zu akzeptieren, zumal sie zumeist unzulässig generalisierten und häufig kaum überprüfbar seien. In diesem Zusammenhang werden auch Etikettierungsansätze angesprochen, die freilich im deutschen "labeling approach fehlrezipiert" worden seien (161), während "Macht- und statusbezogene Konzepte"  à la "Kriminalität der Mächtigen"  insgesamt eher überbewertet würden (168). Auch die kurz erwähnten "Opferorientierten Konzepte" (6 Seiten) hätten heute "ihre wichtigsten Bezüge zu den Themen der Kriminologie verloren", da sie - entgegen ihrer ursprünglichen Intention - nichts mehr zur Erforschung des Täters in seinen sozialen Bezügen beitrügen (180). Erfolgversprechender seien dagegen solche "integrierende Theorien" (Münster), die, wie Braithwaite  oder Hess/Scheerer mehrere Ansätze vereinten, oder die nach dem Modell von Sampson/Laub "entwicklungskriminologisch" Kohorten längerfristig verfolgten, um  "in Abkehr von der klassischen Fragestellung nach dem Unterschied zwischen Täter und Nicht-Täter (…) die Stabilität und Veränderung  von delinquenten Verhalten im Lebenslauf der Individuen" zu analysieren (196).
  • Unter dem breiten Titel "Erscheinungsformen der Kriminalität" werden sodann auf 200 Seiten zunächst Möglichkeiten und Probleme der Dunkelfeldforschung und der diversen offiziellen Statistiken  diskutiert (Münster), um anschließend - wiederum im Lehrbuch-Format - Fragen der Jugend- und Alterskriminalität  sowie der Kriminalität von Zuwanderern und Frauen abzuhandeln (Maschke). Die Wirtschaftskriminalität und die organisierte Kriminalität (Schneider),  sowie die Drogen/Alkohol-, Gewalt- und Sexual-Kriminalität  (Brettel) ergänzen mit dem dazugehörigen statistischem Zahlenmaterial und einschlägigen Erklärungsversuchen mitsamt den dazu passenden "Bekämpfungs-Strategien" das Bild, das meist weniger dramatisch ausfällt, als im Common sense üblicherweise angenommen: "Die neueren großen Schülerbefragungen lassen ziemlich einhellig seit Ende der 1990er Jahre deutlich rückläufige Tendenzen in fast allen Deliktsbereichen, insbesondere auch bei den selbst berichteten Gewaltdelikten erkennen" (388); bzw.: "Noch größere Schwierigkeiten als bei der quantitativen Entwicklung bestehen bei der Beurteilung qualitativer Veränderungen von Gewaltkriminalität" (484); weshalb auch  im Bereich der Sexualdelikte ein in der Statistik beobachtbarer Anstieg wohl eher auf eine "verstärkte Aufhellung des Dunkelfeldes" zurückzuführen sei: "Es spricht nämlich einiges dafür, dass es - trotz einer nach wie vor großen Zahl von nicht erfassten Sexualdelikten - wie bei der Gewaltkriminalität und aus größtenteils den gleichen Gründen zu einer Verschiebung von Delikten aus dem Dunkel- in das Hellfeld kam" (512).
  • Insgesamt fällt angesichts der breiten Darstellung insbesondere zur klassischen Gewalt- und Sexual-Kriminalität auf, dass die rezenteren Formen der  Umwelt-, Internet- oder der terroristischen und staatlichen Gewalt-Kriminalität völlig ausgeklammert wurden, während das heute stärker analysierte komplementäre Feld der Kriminalitätsfurcht allenfalls nur beiläufig erwähnt wird (s. S. 558, §30,29). Auch fehlt erstaunlicher Weise jeder Hinweis auf die tragende institutionelle Struktur dieser kriminologischen Wissenschaft, wie einschlägige Zeitschriften, Institute, Einordnung der Lehre, nationale und internationale Organisationen sowie Kongresse
  • Der dritte Hauptteil zum "Täter in der Kriminalrechtspflege" (Schneider) beginnt mit einer begründeten Kritik der gegenwärtigen  Entwicklung: "Lassen sich die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch eine Perspektivenverschiebung "vom bösen Täter zum kranken System" kennzeichnen, ist das moderne Sicherheitsstrafrecht wiederum am Leitbild der "Bekämpfung" des "bösen Täters" orientiert, der auf effiziente Weise eliminiert werden soll" (546). Nach einer knappen Darstellung der Dunkelfeldforschung sowie der aktuellen Sanktions- und Instanzen-Forschung (insgesamt 10 Seiten!) erhält der Leser - kommentarmäßig   und gelegentlich allzu Detail-verliebt und argumentativ mit unterschiedlichen Prozentsätzen überfordert - einen insgesamt guten Einblick in das Wirken des Kriminaljustiz-Systems. Dabei wird freilich auf der einen Seite die Arbeit der vorgelagerten Polizei, und, was fast noch schwerer wiegt, auf der anderen Seite die "politische" Seite der Kriminalpolitik - Genese der relevanten Gesetze, Funktion und Wirken des kriminalpolitischen Diskurses, Bedeutung des "publizistisch-politischen Verstärkerkreises" - außer Acht gelassen, obwohl sich die kriminologische Forschung  der letzten Jahrzehnte gerade auf diesem Felde besonders entwickelt hat.

Das MIVEA-Programm

Im Zentrum des Lehrbuches steht -  nahezu unverändert seit 1985 - das MIVEA-Programm. Eine allgemein verständliche Technik zur Diagnose und Gefährlichkeits-Prognose, die in gleicher Weise in der Jugendhilfe, von der Polizei und Strafrechtspflege bis hin in den Bereich der Wirtschaft (speziell der "Eheanbahnung, Versicherung und Banken" s. www.personales-risiko.de) einzusetzen wäre.

Ihre "erfahrungswissenschaftliche" Grundlage  findet MIVEA in der "Tübinger Jungtäter-Untersuchung", in der Göppinger in den 60er Jahren" jeweils 200 männliche Häftlinge (mit mindestens 6 Monaten Haft) und 200 zufällig ausgelesene Vergleichsprobanden aus dem schwäbischen Raum ausführlich  miteinander verglichen hat (212). Die Ergebnisse wurden - den jüngeren gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen angepasst -  in "idealtypischer" Gegenüberstellung in mehreren Dimensionen (die weithin den oben erwähnten multifaktoriellen Ergebnissen entsprechen)  derart herausgearbeitet, dass heute ein Gutachter den zu Begutachtenden individuell diesen Dimensionen jeweils mehr oder weniger zuordnen kann, um abschließend zu diagnostizieren, ob er dem Typus einer "kontinuierlichen Hinentwicklung zur Kriminalität mit frühem oder spätem  Beginn" zuzuordnen sei, oder ob seine Kriminalität in den Rahmen  einer pubertären "Persönlichkeitsreifung", einer "sonstigen sozialen Unauffälligkeit" oder als "krimineller Übersprung" zu beurteilen sei, und inwieweit hieraus eine kriminelle Gefährdung schon früh erkannt werden könnte (zu den Einzelheiten vgl. neben dem Lehrbuch einsichtig verkürzt  www.mivea.de und dort insbesondere das instruktive Fallbeispiel unter http://www.mivea.de/set-kommuni.htm sowie die generelle Kritik von Schneider in Monatsschrift für Kriminologie 91;3. 2008:227-234).

Will man die Art dieser Prognose, die Brettel deutlich von den zu Recht negativ bewerteten, statistischen Prognosemethoden unterscheidet (226ff), bewerten, dann muss man zunächst den Thesen von Bock  zustimmen. Dass nämlich  einerseits die übliche kriminologische Theorie  den praktischen Anforderungen, die auf solche Prognosen angewiesen ist, keineswegs gerecht werden kann, und dass andererseits - sofern man diese Anforderung ernst nimmt und nicht nur als legitimierendes Außenkriterium ("wir haben ja die Gefährlichkeit expertenhaft überprüft und uns solcherart abgesichert") wertet -  hierfür ein relativ einfaches Instrument mit qualitativ abwägenden Momenten notwendig sei, ohne dafür jeweils auf eine psychiatrische oder psychologische Expertise zurückgreifen zu müssen (249). Positiv in dieser Hinsicht ist wohl auch, dass dieses MIVEA-Instrument sich im Wesentlichen auf diejenigen plausiblen Bereiche stützt, die sowohl der Common-sense als krimino-relevant ansieht, und die man heute wie vor 50 Jahren noch immer bei den Strafgefangenen wiederfindet: Fehlende soziale Bindungen, Schulden, mangelhafte Ausbildung und "Sucht"-Belastung etc. Positiv ist schließlich auch, dass MIVEA ein relativ geordnetes und mehrdimensionales Schema für die Erhebung und Ausgestaltung des schriftlichen Gutachtens anbietet, das man sogar mit Computer-gestützter Hilfe bearbeiten können soll (www.mivea-digital.de), und das neben der üblichen monotonen längsschnitthaften  Anamnese auch die ein- oder zweimalige Querschnitt-Analyse vor der Tat bzw. der Begutachtung als zusätzliche Kontrolle verlangt.

Doch sprechen vier  gewichtige Argumente gegen diese scheinbar so einleuchtende Prognose-Methode: (1) Zunächst fixiert MIVEA den Blick auf eben dieses Common-sense-Stereotyp des Verbrechers, sofern und soweit es vorwiegend für die traditionelle Eigentums- und Vermögens-Kriminalität gilt; Formen der heute dominierenden Gewaltkriminalität  wie der "normalen"  oder "mächtigen" Kriminalität mit ihren "kriminellen Übersprüngen"  bzw. "sozial unauffälligen Verläufen" lassen sich dagegen weniger gut in solche Schemata einfügen (257).  (2) In dem Moment, in dem man ein solches Instrumentarium im Rahmen der "Früherkennung krimineller Gefährdung" (336ff) oder gar im Rahmen des wirtschaftlichen  "personalen Risikomanagements" einsetzt, werden unweigerlich die Risiken einer durch Kriminalitäts-Erwartung eingefärbten Stigmatisierung wachsen. (3) Vor allem aber unterliegt eine solche Prognose  dem "Statik-Problem" aller Prognosen, die ihre Befunde aus der Vergangenheit beziehen, ohne die Möglichkeiten und Notwendigkeiten  künftiger Hilfestellungen (die sich nicht nur aus dem "Wollen des Täters" ergeben) in diese Prognose einzubeziehen. Solange eine solche an sich wünschenswerte "Interventions-Prognose" (317f),  die "von außen" solche Ressourcen realiter bereitstellen müsste, sich als unerfüllbar erweist, wird auch MIVEA weiterhin unsere traditionellen Stereotype bestätigen. Dies liegt (4) um so näher, weil der Common-sense Charakter der MIVEA-Kriterien wie deren verwissenschaftliche Sprache und die immer wieder propagandistisch betonte "erfahrungswissenschaftliche" Basis dazu verführen, die eigenen Vorurteile und Stereotypien gegenüber solch "Rückfall-gefährdeten Tätern"  nunmehr als objektive, werturteilsfreie  und wissenschaftlich abgesicherte Befunde zu präsentieren.

Insgesamt fällt deshalb auf, dass diese Methode - soweit der Rezensent dies übersieht - in den letzten 20 Jahren niemals evaluiert wurde, obwohl dies "erfahrungswissenschaftlich" nicht nur nahe gelegen hätte, sondern überaus einfach im Vergleich zu anderen "Prognosen" durchzuführen wäre. Ein Tatbestand, der sich vielleicht dadurch erklärt, dass diese Möglichkeit  einer Evaluation (nach der man im Stichwortverzeichnis vergeblich sucht) auf dem Hintergrund einer solchen erfahrungswissenschaftlich abgesicherten  Überzeugung gar nicht erst in den Sinn gerät.

Fazit

Alles in Allem bietet dieses Lehrbuch einen guten Einblick in eine traditionell  ausgerichtete Täter-Kriminologie. In den berichtenden Teilen findet man mehr oder weniger ausführlich die üblichen Felder, die auch in den anderen Lehrbüchern behandelt werden. Der strafrechtliche  "Kommentar-Teil"  böte, wenn er denn etwas konziser gefasst wäre, sowohl dem Nicht-Juristen wie auch dem angehenden Juristen, der in diesen Fragen normaler Weise kaum Informationen erhält, einen guten Überblick. Wer schließlich glaubt, die hohen Kosten des für diese MIVEA-Technik zweifelsohne notwendigen Zertifizierungs-Kurses (500,-- EU pro Informationsshop; 1.500 EU pro Gutachten – http://www.mivea.de/set-angebote.htm) vermeiden zu können, um den "Täter in seinen sozialen Bezügen" richtig zu diagnostizieren und zu prognostizieren, der greife frohgemut zu dieser insofern doch recht preiswerten drei Pfund  schweren Kriminologie.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension wurde am 12.10.2008 veröffentlicht. Am 17.10.2008 wurde der folgende Kommentar von Herrn Jürgen Oetting ergänzt:

Sehr geehrter Herr Quensel, gerade habe im Ihre socialnet-Rezension des Göppinger-Kriminologie-Buches gelesen. Dazu eine kleine Richtigstellung. Im Fazit schreiben Sie: "Wer schließlich glaubt, die hohen Kosten des für diese MIVEA-Technik zweifelsohne notwendigen Zertifizierungs-Kurses (500,-- EU pro Informationsshop; 1.500 EU pro Gutachten – www.mivea.de/set-angebote.htm) vermeiden zu können, (...)"

Tatsächlich kostet ein dreimal zweitägiger Kurs (mit Hausarbeits-Gutachten dazwischen) insgesamt 390 Euro (und dabei gibt es noch das Bock-Lehrbuch von 2007 dazu). Und die Bearbeitung eines der sieben notwendigen Zertifizierungs-Gutachten durch Bock kostet pro Gutachten 150 Euro. Der Preis von 1.500 Euro pro Gutachten, den sie nennen, ist der Preis für ein von Bock erstelltes forensisches MIVEA-Gutachten (und so eines kann auch teurer werden).

Nach der Fehlinformation noch zu einem unpassenden Ratschlag, auch aus dem Fazit. Der oben zitierte Satz geht weiter: "(...), um den "Täter in seinen sozialen Bezügen" richtig zu diagnostizieren und zu prognostizieren, der greife frohgemut zu dieser insofern doch recht preiswerten drei Pfund schweren Kriminologie. Preisgünstiger und inhaltlich angebrachter wäre es, zum Bock-Lehrbuch von 2007 zu greifen. Das kostet erstens nicht einmal ein Drittel dessen, was man für den Göppinger ausgeben musss, ist zweitens handlicher und drittens viel deutlicher (und ausführlicher) auf die MIVEA-Praxis bezogen. - Der autodidaktischen Aneignung der MIVEA gegenüber stehe ich aber skeptisch gegenüber, insbesondere die Funktion von Idealtypen wird leicht mißverstanden und dann als Etikettierungsinstrument in die Praxis geschleppt.


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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 12.10.2008 zu: Hans Göppinger, Michael Bock (Hrsg.): Kriminologie. Verlag C.H. Beck (München) 2008. 6., vollständig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-406-55509-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6653.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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