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Andreas Kossert: [...] Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945

Cover Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. Siedler Verlag (München) 2008. 430 Seiten. ISBN 978-3-88680-861-8. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 43,90 sFr.
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Die Unfähigkeit, nachzudenken und Empathie zu entwickeln

"Verdrängen" – die Metapher wird in der psychoanalytischen Definition als Abwehrmechanismus bezeichnet, der tabuisierte und für das Individuum oder eine Gemeinschaft gefährlich erscheinende Informationen aus dem Bewusstsein des Menschen ausklammert oder eben verdrängt. Nach Siegmund Freud werden solche verdrängten Inhalte gewissermaßen aus dem Ich und dem Selbst ausgesperrt. Bei solchen Momenten der Verdrängung handelt es sich meist um Inhalte, die bei Menschen Angst oder Schmerz verursachen können und nicht selten mit Höherwertigkeitsvorstellungen beantwortet werden. Als Mechanismus für "Verdrängung" wirkt deshalb nicht selten ein Erinnerungsverlust oder ein bewusstes Vergessen.

Autor und Thema

Natürlich fallen einem, wenn man an Verdrängungsaspekte in der jüngeren deutschen Geschichte denkt, zwei Ereignisse ein: Die jahrzehntelange Verdrängung und Tabuisierung der nationalsozialistischen Verbrechen während des zweiten Weltkriegs – und die Geschichte der Vertreibung der Deutschen nach 1945. Von letzterer ist hier die Rede. Rund 14 Millionen Menschen, Junge und Alte,  Besitzende und Arme, Schuldige und Unschuldige haben nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verloren und trafen auf eine neue „Heimat“. Die Sesshaften wollten aber von ihnen nichts wissen; sie empfanden für sie mehr Last als Aufnahmebereitschaft, mehr Abwehr denn Willkommenheit. Deshalb, so der am Deutschen Historischen Institut in Warschau tätige Historiker Andreas Kossert (geb. 1970), waren die Ankunftsorte der Aussiedler, der Vertriebenen, der Ostvertriebenen, Heimatvertriebenen, Ausgewiesenen, Heimatverwiesenen und Flüchtlinge, oder sogar der mit Schimpfwörtern, wie "Polacken", "dahergelaufenes Gesindel" und schlimmeren, rassistischen Bezeichnungen Belegten, für die "Umsiedler" und etwa ab 1950 mit der offiziellen (DDR)Bezeichnung "Neubürger", eine "kalte Heimat".

Inhalt

Damit ist die Richtung der Dokumentation angegeben. Denn der von den Eingesessenen jahrzehntelang gepflegte Mythos von einer problemlos geglückten Eingliederung der "Neubürger" in die ost- und westdeutschen Gesellschaften entpuppt sich, so der Autor in seinem ersten und auch seinem letzten Beitrag des Buches, als Frage: "Vertriebene als Opfer?". In die damalige sowjetisch besetzte Zone Deutschland, der späteren DDR, bis 1949 strömten rund ein Drittel der Flüchtlinge, in Mecklenburg war das in etwa die Hälfte der Einwohner; die übrigen verteilten sich auf die amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszonen in Westdeutschland, der späteren Bundesrepublik. In der SBZ waren, mit Rücksicht auf die Sowjetunion und die sozialistischen Bruderstaaten, Begriffe wie "Vertreibung", "Ausweisung" und "Flucht" verpönt, was sich in der gestelzten und gekünstelten Bezeichnung "Neubürger" ausdrückte. In der Bundesrepublik waren die aus dem Osten Angekommenen Fremde, denen mit Misstrauen und Gleichgültigkeit begegnet wurde. Bedenken des Schriftstellers Walter Dirks und des Politikwissenschaftlers Eugen Kogon 1947, dass die armen Opfer in Schlesien und Ostpreußen stellvertretend für die wahren Schuldigen litten, und es sei ein Zufall, dass "nicht wir es sind, du und ich, die stellvertretend leiden und sterben müssen", wurden von der Mehrheit der Einheimischen nicht geteilt. Vielmehr wurden die "Flüchtlinge" nicht selten als "Gewinner" des verlorenen Krieges betrachtet, weil sie vor allem schon frühzeitig damit begonnen haben, sich neues Eigentum zu schaffen. Aus dem deutsch-tschechischen Grenzgebiet ist dem Rezensenten präsent, dass die Alteingesessenen "d`Flichtling" als Häuslebauer neidisch betrachteten, während sie selbst behäbig und passiv in ihren angestammten Häusern und Wohnungen lebten.

Auch die historische und wissenschaftliche Aufarbeitung der Vertreibungs- und Fluchtgeschichte der Deutschen erfolgte spät bis gar nicht. 2007 mahnt der Journalist Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung an, dass die massenhaften Elementarerfahrungen von Obdachlosigkeit und Flucht in die sichtbare Oberfläche dieser Gesellschaft einbetoniert seien – und trotzdem heute kaum wahrgenommen würden. Die Unfähigkeit, sich empathisch zu erinnern, gehöre, so in einer anderen gesellschaftlichen Beobachtung, "zu den deutschen Verdrängungsleistungen nach 1945". Gleichzeitig wird der Erfolg einer gelungenen Integration, die sich sichtbar im westdeutschen "Wirtschaftswunder" ausdrückte, von der Mehrheitsgesellschaft beansprucht und von den Zugewanderten mit absoluter Anpassung, "Verleugnung ihres Schmerzes und kultureller Selbstaufgabe" bezahlt. Damit an der Stelle kein falscher Zungenschlag hinein kommt: Andreas Kossert ist mit seiner Bestandsaufnahme weit davon entfernt, auch nur ansatzweise so etwas wie revanchistische Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Ihm geht es um unser kollektives Gedächtnis, ohne das ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen, nicht existieren kann. Willy Brandt hat das im April 1969 so formuliert: "Ich möchte, dass die Pflege der ostdeutschen Kultur nicht eine Sache der Verbände und Landsmannschaften bleibt, sondern dass wir gemeinsam dafür sorgen, der ganzen Nation die kulturelle und geistige Substanz der Ostgebiete zu erhalten; nur so kann im Innern gewonnen werden, was draußen verloren ging". Es braucht in diesem Zusammenhang nicht als Beckmesserei verstanden werden, immerhin daran zu erinnern, dass die vielfältigen und jahrelangen Annäherungsversuche Initiativen der SPD und der sozial-liberalen Koalition, zu einer friedlichen Verständigung mit den östlichen Nachbarn zu kommen, etwa durch die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, von den C-Parteien heftig und demagogisch bekämpft wurden.

Aber zurück zum Buch: Eine Bestandsaufnahme über die Gebiete, in denen die Vertriebenen lebten und von denen sie kamen, vom heutigen Polen, Tschechiens, der Slowakei, Ungarns, der ehemaligen Sowjetunion und aus den Balkanstaaten, ergibt, dass es 18.267.000 Menschen waren. Wie sie dort hin kamen, nicht als Eroberer, sondern als von den damaligen Herrschern und Machthabenden ins Land geholte Siedler, ist für die geschichtliche Analyse wichtig. Der Prozess des eher Neben- als Miteinander-Lebens, der sich zwischen den Mehrheitsbevölkerungen und den Minderheiten entwickelte, begann freilich nicht erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs; bereits der von den Deutschen verlorene Erste Weltkrieg pflanzte mit den neuen Staatenbildungen und Nationalisierungstendenzen, aber auch der menschenverachtenden Aggression der Nationalsozialisten gegen alles Nicht-Arische den Pilz der Unfriedlichkeit in die Mehrheiten-Minderheiten-Problematik. In das kollektive Gedächtnis der Deutschen muss eingeschrieben bleiben, dass der "vom nationalsozialistischen Deutschland entfesselte Zweite Weltkrieg ( ) rund 60 Millionen Menschen – Soldaten und Zivilisten – das Leben gekostet (hat)"; darunter waren mehr als 25 Millionen Sowjetbürger, sechs Millionen Juden und Opfer aus Polen und den anderen Ostgebieten. Die Reaktion der Sieger gegen die Verlierer des Krieges, die Vertreibung, hat ebenfalls ihre Wurzel in den Vertreibungen, Zwangsdeportationen, Aus- und Umsiedlungsaktionen und Vernichtungen durch die Deutschen während des Zweiten Weltkriegs. Weil den Vertreibungen der Deutschen aus den Ostgebieten das Siegel der "Vergeltung" anhaftete, nimmt es nicht Wunder, dass die Formen der Vertreibung unmenschliche und rassistische Züge annahmen. Dies gilt es nicht zu entschuldigen oder moralisch aufzurechnen. Nicht nur der historischen Wahrheit Willen ist es deshalb notwendig, die Ursachen und Umstände der Vertreibung der Deutschen objektiv darzustellen. Die Grundlage dafür muss sein: "Vertreibungen sind immer Unrecht", egal, wann sie erfolgen, von wem sie veranlasst werden und welche Gründe dafür angeführt werden.

Selten ist bisher die konkrete Situation der Vertriebenen nach 1945 so eindringlich dargestellt worden, wie dies Kossert in seinem Text "Die Polacken kommen" (S. 43 – 86) tut. Da ist von langanhaltenden, über Generationen wirkenden Traumatisierungen der "Flüchtlinge" und ihrer Nachkommen die Rede; da wird der Schmerz des Verlusts der Heimat, der Existenz und der Zukunft handgreiflich, da werden die Erzählung über Elend, Hunger und Nissenhütten, über die heute in unseren Breiten unvorstellbare Not und unmenschlichen Lebensbedingungen schmerzhaft, da gerät die Schilderung über "deutschen Rassismus gegen deutsche Vertriebene" zur Anklageschrift: "Die Flüchtlinge taugen nix".

Das Flüchtlingsproblem in der Bundesrepublik belastete jahrelang auch die politische Neuwerdung und Umorientierung der Bevölkerung. Interessenvertretungen der Vertriebenen und Landsmannschaften (in dem 1957 gegründeten Dachverband, dem Bund der Vertriebenen, BdV,  haben sich, nach dem Stand von 2007, neunzehn Landsmannschaften, von den "Banater Schwaben" bis zur "Landsmannschaft Westpreußen" zusammen geschlossen), forderten zweierlei: Zum einen die Rückgabe der Vertreibungsgebiete und das Recht auf Rückkehr in deren Heimat; zum anderen aber auch die Gleichstellung der "Zwangsbürger" in den Ankunftsgebieten vor dem Gesetz, gerechte Lastenverteilung der Kriegsfolgen und wirtschaftliche Integration. Interessant, dass noch Anfang 1949 mehr als achtzig Prozent der vertriebenen Bevölkerung dafür plädierten, wieder in ihre ehemaligen Heimatgebiete zurückzukehren. Ab Sommer 1948 begann der Frankfurter Wirtschaftsrat, als Quasi-Parlament der Bi-Zone und Vorläufer des Deutschen Bundestages, damit, ein Lastenausgleichsgesetz vorzubereiten, das schließlich, nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland, am 1. September 1952 in Kraft trat. Bis Ende 2001 betrugen die Zahlungen insgesamt 145,3 Milliarden DM. Die für die einzelnen Berechtigten waren zwar die ausgezahlten Beträge kein Ersatz für ihr früheres Eigentum; aber sie waren vielfach Starthilfe für einen Neuanfang in der neuen Heimat. Die Zahlungen der vergleichsweise bescheidenen Summen bewirkten bei den Einheimischen allerdings auch Neid und Missgunst, die sich nicht selten in äußerst aggressiven und radikal-politischen Parolen nieder schlugen. Vertriebenensiedlungen entstanden, meist am Rande der städtischen Schmuddelgebiete; sogar eine eigene Gemeinde, wie etwa das nordrhein-westfälische Espelkamp auf dem Gelände der Munitionsanstalt der Wehrmacht. Heinz Rudolf Kunze, der in dieser Siedlung aufwuchs, besingt die Stadt mit seinem Lied: "Ich bin auch ein Vertriebener". Mit dem Refrain – "Ich bin auch ein Vertriebener, nirgendwo Gebliebener" und seiner Konsequenz auf die Frage nach seiner Heimat: "Zuhause ist, wo man mich hört". In der am 5. August 1950 in Stuttgart verabschiedeten "Charta der deutschen Heimatvertriebenen" heißt es u. a.: "Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung". Zukunftsweisend ist dort auch der Satz zu finden: "Die Völker müssen anerkennen, dass das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen wie aller Flüchtlinge ein Weltproblem ist, dessen Lösung höchste sittliche Verantwortung und Verpflichtung zu gewaltiger Leistung fordert".

Ein bisher in der deutschen Geschichtsschreibung weitgehend unbearbeitetes Kapitel stellt auch die Frage nach den Bedingungen der Eingliederung der rund vier Millionen Vertriebenen dar, die sich in der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR nieder gelassen hatten. Die verharmlosende Bezeichnung der Vertriebenen als "Umsiedler" trug keinesfalls dazu bei, dass deren Integration in die Mehrheitsgesellschaft einen humaneren Verlauf angenommen hätte als die vergleichsweise ähnlichen Verhältnisse in Westdeutschland; vielmehr wird darauf hingewiesen, "dass Vertriebene in der SBZ und in der DDR besonderen Bedrückungen ausgesetzt waren: Sie befanden sich im Herrschaftsgebiet der Besatzungsmacht, die Hauptinitiator der Vertreibung war". Den "Umsiedlern" war es aus ideologischen Gründen nicht erlaubt, über ihre ehemalige Heimat zu sprechen oder zu schreiben. Dieses krampfhafte und verkrampfte Verhältnis der DDR-Machthaber zu den berechtigten Fragen der Vertriebenen nach ihrer Herkunft löste sich erst nach 1989: "Erst nach vierzig Jahren totalem Schweigen durften Sudetendeutsche, Ostpreußen, Schlesier und Pommern auch in Thüringen, Sachsen und Mecklenburg über ihr Heimweh sprechen".

Die Ankunft der Vertriebenen in ihren neuen Lebens- und Wohngebieten in Westdeutschland hat auch "das konfessionelle Antlitz Deutschlands ( ) wie seit Reformation und Dreißigjährigem Krieg nicht mehr" verändert. Die Caritasverbände der westdeutschen Diözesen der katholischen Kirche und das Hilfswerk der Evangelischen Kirche begannen schon 1945 damit, Suchdienste und Heimatortskarteien anzulegen; der Zuzug von konfessionell Andersgläubigen in den vorher homogenen christlichen Kirchengemeinden führte zu Fremdheitskonflikten, aber auch zu positiven Entwicklungen: alte Traditionen veränderten sich und neue fanden Eingang in das Gemeindeleben. Einzelne Beispiele von "Bekehrungsversuchen", mehr oder weniger zwangsweisem Konfessionswechsel, Verhinderungen von "Mischehen", muten heute eher kurios an; doch es waren Wirklichkeiten bei der Suche nach "Heimat für Heimatlose", wie in dem 1948/49 verfassten "Lied der Flüchtlinge" heißt. Es wäre zu wünschen, wenn die beiden christlichen Kirchen, die evangelische und die katholische Glaubensgemeinschaft, wie auch die in den Beispielen genannten Kirchgemeinden, diese von Kossert ausgegrabenen Situationen von verhinderter, behinderter und gelungener Eingliederung der Vertriebenen in ihrer Geschichtsschreibung erinnern würden.

Wenn über Heimatsuche im Zusammenhang mit Vertreibung und Eingliederung von Flüchtlingen im Nachkriegsdeutschland nachgedacht wird, darf die Frage nicht fehlen, wie sich Flucht, Vertreibung und Vertriebene in der deutschen Literatur und in den Medien wieder finden. Den erfolgreichsten Kinofilm der 50er Jahre, den Heimatfilm "Grün ist die Heide", mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack, haben rund 19 Millionen Zuschauer gesehen und über den "beschönigenden Integrationskitsch" geweint. Die dabei verbreiteten Stereotypen, dass die Heimatvertriebenen in der neuen Heimat stets ihr Schicksal klaglos annähmen, einen unermüdlichen Aufbauwillen an den Tag legten und sich engagiert um Integration bemühten, trafen ja auch direkt auf die Erwartungshaltung der Einheimischen und Sesshaften: "Weder Einheimische noch Vertriebene wollten Filme sehen, in denen ihnen ein Spiegel vorgehalten wurde", je realitätsferner und märchenhafter die Bilder und Texte erschienen, desto bereitwilliger wurden sie aufgenommen. Günter Grass hat die schizophrene Stimmung in den 50er und 60er Jahren in seinem Gedicht „Kleckerburg“ (1967), aus dem Zyklus „Zorn Ärger Wut“ so beschrieben: Wie macht die Ostsee? – Blubb, pifff, pschsch... Auf deutsch, auf polnisch: blubb, pifff, pschsch... Doch als ich auf dem volksfestmüden... von Sonderbussen, Bundesbahn... gespeisten Flüchtlingstreffen in Hannover... die Funktionäre fragte, hatten sie... vergessen, wie die Ostsee macht, ... und ließen den Atlantik röhren; ... ich blieb beharrlich: Blubb, pifff, pschsch... Da schrien alle: Schlagt ihn tot! ... Er hat auf Menschenrecht und Renten, ... auf Lastenausgleich, Vaterstadt... verzichtet, hört den Zungenschlag:... Das ist die Ostsee nicht, das ist Verrat.... Befragt ihn peinlich, holt den Stockturm her, ... streckt, rädert, blendet, brecht und glüht,... packt dem Gedächtnis Schrauben an.... Wir wollen wissen, wo und wann.

Bei der Frage nach dem kulturellen Erbe der Vertriebenen stockt der Apologet. Was kann eine Forderung nach einer Erinnerung an Kulturen, Sitten und Gebräuche der Vertriebenen aus dem Sudentenland, aus Schlesien, Ostpreußen, den Karpaten oder aus dem Banat denn heute mehr bewirken als nostalgisches, krampfhaftes Festhalten an etwas, was es nicht mehr gibt?  So würde Andreas Kossert nicht fragen. Vielmehr zeigt er auf, dass Erinnerung und Bewahrung von kulturellen Existenzen, vom Brauchtum bis zu den Delikatessen und Spezialitäten einer Landschaft, nicht vergangenheitsorientiert sein muss, sondern auch in die Gegenwart und Zukunft eines immer mehr zusammenwachsenden Europas und (hoffentlich) Einer Welt weisen. Bei allem Bemühen, Licht in die Vergessenheit der deutschen Vertreibungsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg zu bringen, scheinen die Historiker auf wackeligem Boden zu stehen: Bei einer 2003 durchgeführten repräsentativen Umfrage, was die Deutschen über Flucht und Vertreibung wüssten, kam zutage, dass von den „Einheimischen“ nur etwa 10 Prozent ungefähr die Zahl der Vertriebenen nennen konnte, dabei gestaffelt nach den Alterskohorten von 4 (bei den 16-bis 29jährigen) bis 17 Prozent bei den Vertriebenen selbst. Deshalb sei es wichtig, "dass (sich) alle Deutschen ... die Erinnerung an das reiche kulturelle Erbe des historischen deutschen Ostens bewahren, wenn unser kollektives Gedächtnis nicht verkümmern soll", so der Autor. Sehr deutlich besteht er bei dieser Aussage darauf, dass diese Form des Erinnerns weder als Nostalgie noch als Revanchismus verstanden werden darf. Gelingt dieser Akt des Erinnerns dann sogar in Gemeinschaft mit den heute in der ehemaligen Heimat der deutschen Flüchtlinge lebenden Menschen, etwa in der Form von Gemeinde- und Städtepartnerschaften oder bei gemeinsamen Projekten des Wiederaufbaus und der Neugestaltung von Lebensbedingungen, dann wäre tatsächlich so etwas erreicht, was einzuordnen ist in die globale Erinnerungskultur, wie sie zum Beispiel von der UNESCO mit dem Projekt der Weltkulturerbestätten initiiert wird. Die Diskussion darüber, ob die vertriebenen Deutschen nach 1945 mehr Opfer waren, oder doch zu den Tätern zählten, also selbst an der Vertreibung schuld seien, wirkt grotesk und ahistorisch. In der Slowakei und in Ungarn haben slowakische und ungarische Politiker damit begonnen, die Vertriebenen und ihre Familien um Verzeihung "für das ihnen widerfahrene Unrecht und die Ungerechtigkeit" zu bitten. Der an der  Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) Osteuropäische Geschichte lehrende Historiker Karl Schlögel stellt 2006 fest: "Die 'Normalgesellschaft' schuldet den Heimatvertriebenen ... etwas. Sie schuldet denen, die mit Heimatverlust bezahlt haben, wenigstens die Pflege ihrer Erinnerung, die Arbeit am kulturellen erbe und Gedächtnis"; dieser Anforderung sei bisher kaum nachgegangen worden zu sein – sie steht uns allen bevor!

Fazit

Der 1970 im niedersächsischen Hannoversch Münden geborene Historiker Andreas Kossert, mit „Vertriebenenwurzeln“, hat eine objektive Bestandsaufnahme einer Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945 vorgelegt, nach seinen richtungsweisenden und verständigungsstiftenden Büchern  "Ostpreußen – Geschichte und Mythos" (2005), "Masuren – Ostpreussens vergessener Süden" (2007), und zusammen mit Bernhard Struck: "Grenzregionen – Ein europäischer Vergleich vom 18. bis 20. Jahrhundert" (2007). Der Titel "Kalte Heimat" ist Synonym und Abstrakt zugleich. Es ist der gelungene Versuch, die Deutschen an ihre wichtige Aufgabe zu erinnern, ihr kollektives Gedächtnis in Gang zu bringen und sich aufzumachen auf die Suche nach der Eingangspforte für eine humane(re) Welt. Wer sie finden will, muss um sich schauen und dabei den Menschen suchen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.09.2008 zu: Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. Siedler Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-88680-861-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6654.php, Datum des Zugriffs 25.06.2019.


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