socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Paul Collier: Die unterste Milliarde (die ärmsten Länder)

Cover Paul Collier: Die unterste Milliarde. Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann. Verlag C.H. Beck (München) 2008. 255 Seiten. ISBN 978-3-406-57223-4. 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.

Originaltitel: The bottom billion.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die "unterste Milliarde" (the Bottom Billion) im Titel steht für die 85 ärmsten Länder der Welt, die sich in einem desolaten Zustand befinden und von der derzeitigen Globalisierung nicht oder kaum profitieren; diese Länder vereinen in sich etwa eine Milliarde Menschen. Paul Collier analysiert, welches die Ursachen für die konstante Armut dieser Länder sind. Dazu bezieht er Erkenntnisse unterschiedlichen Studien, um ein differenziertes Repertoire an Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut dieser Länder zu entfalten und manche gängige Herangehensweise dezidiert zurückzuweisen.

Autor

Paul Collier ist der frühere Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank und heute Professor für Ökonomie und Direktor des Centre for the Study of African Economies in Oxford. Sein Forschungsschwerpunkt sind die wirtschaftlichen Zusammenhänge auf dem afrikanischen Kontinent.

Aufbau

Collier gliedert sein Buch grob in zwei Teile, einen ersten, der verschiedene Fallen für die ärmsten Länder herausarbeitet und einen lösungsorientierten, zweiten Teil, der gängige und innovative Instrumente auf ihre Brauchbarkeit hinsichtlich der von ihm entworfenen Problemanalyse wirft.

1. Ursachenanalyse

Collier konzentriert sich in seiner Analyse auf die ärmsten Länder (Stand der Datenerhebung: 2006). Das sind nach Colliers Definition 85, überwiegend afrikanische, kleine Länder, deren Bevölkerung er für das Jahr 2008 auf eine Milliarde schätzt (S. 21-22). Die "mittleren vier Milliarden" kennzeichnen dagegen steigende Wachstumsraten als Folge einer besseren Einbindung in die Weltwirtschaft. Als Ursache für die Armut und die stagnierende Entwicklung der ärmsten Länder identifizieren er und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter in verschiedenen empirischen Untersuchungen vier "Fallen", mit deren Hilfe er Ländergruppen zu Kategorien zusammenfasst; die Bezeichnung als "Fallen" findet sich zum Beispiel auch bei Jeffrey D. Sachs" "Das Ende der Armut" (vgl. dazu Rezension 1 und Rezension 2), identifiziert damit jedoch teilweise andere Ursachen für die Armut; eine Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen erfolgt nicht. Collier arbeitet vier Hauptursachen für die Armut dieser 85 Länder heraus:

  1. Erstens die Konfliktfalle. Sie besagt, dass vor allem Länder mit einer Geschichte von Bürgerkriegen und Putschen sich kostspielige Konfliktaustragungen "leisten" würden, vor allem, weil beide Konfliktarten den Ansatz zur Wiederholung in sich trügen. Als Ursachen, die die Wahrscheinlichkeit solcher Konflikte erhöhen, identifiziert Collier keineswegs Ungerechtigkeit (als Pendant zu den propagandierten Ziele von Rebellengruppen) noch schnell vergebene Etiketten wie "ethnischer Konflikt", sondern ein niedriges Pro-Kopf-Einkommen, geringes Wirtschaftswachstum, die Abhängigkeit von Rohstoffexporten (vgl. das Beispiel der sog. "Blutdiamanten" in der Republik Kongo) und eine Geografie, die Rebellengruppen gute Rückzugsmöglichkeiten – etwa im Gebirge – bietet. Angesichts dieser Ursachen, verpufften Anstrengungen für solide demokratische Strukturen, zielführender wäre eine Hilfe von außen, die das Wirtschaftswachstum fördert.
  2. Die zweiten Falle ist die Ressourcenfalle. Sie ist eine in der Wissenschaft bekannte Ursache für Stagnation. Der leicht zugängliche Reichtum an Ressourcen und Devisen würde selten von Regierungen genutzt, um in eine dauerhafte wirtschaftliche Entwicklung zu investieren. Der hohe Devisenzufluss verursacht die sog. "Holländische Krankheit", das heißt die inländische Währung gewinnt an Wert und verringert künstlich die Wettbewerbsfähigkeit anderer Exportgüter. Zusätzlich stellt Collier in seinen empirischen Untersuchungen fest, dass rohstoffreiche Länder resistenter gegen politisch-demokratischen Druck seien, u.a. weil sie die Wähler durch eine "Politik der Patronage" "bestechen" könnten. Darum spiele Pressefreiheit als wichtiger Kontrollmechanismus hoch zu bewertende Rolle.
  3. In die dritte Falle gerieten Länder ohne Zugang zum Meer, die zugleich von schlechten Nachbarn umgeben seien. Ihre Armutsfalle schließt sich, weil ihre Wirtschaftsentwicklung durch überdurchschnittlich hohe Transportkosten behindert würde – Nachbarländer hätten kein Interesse, einem Binnenland einen guten Transportweg zum Meer zu verschaffen, und in einem Umfeld von kriegführenden Nachbarn sind die Exportmöglichkeiten noch weiter behindert. Diese Zustände der Nachbarn schränke die Exportwirtschaft eines Binnenstaates ohne Eigenverschulden in empfindlicher Weise ein; eine Ausnahme bilden Binnenstaaten mit besonders wertvollen Rohstoffen wie Erdöl, für die sich stets Transportwege finanzieren lassen. Neun Strategien zählt Collier für die betroffenen Länder auf, um dieser Falle zu entgehen.
  4. Die vierte Falle ist schlechte Regierungsführung in einem kleinen Land. Colliers Einschätzung nach werden Instrumente einer guten Regierungsführung und Wirtschaftspolitik überschätzt: "Beide helfen einem Land, seine Chancen zu nutzen, aber sie können keine Chancen schaffen, wo es keine gibt" (S. 89). Reformen scheiterten oft am Mangel an integren Personen mit dem nötigen Know-how. Diese Länder bedürften eines Umschwungs in der Bevölkerung, der erleichtert würde durch eine große Bevölkerung, einen hohen Bildungsgrad und einen überwundenen Bürgerkrieg; Demokratie und politische Grundrechte spielten dagegen keine entscheidende Rolle. Ein überwundener Bürgerkrieg kann Reformmaßnahmen unterstützen, wenn ein Neuanfang gewagt würde und überkommene Interessensstrukturen zerstört worden wären. So wenig wahrscheinlich ein solcher Umschwung sei, so sehr böten sich in seinen einzelnen Phasen besonders günstige Zeitpunkte an, um Hilfe von außen zur Unterstützung des Reformprozesses zu leisten.

2. Lösungsansätze

Collier belegt zunächst einsichtig, dass die Länder der untersten Milliarde im Gegensatz zu Schwellenländern kaum von der Globalisierung profitierten. Dann wendet er sich den Instrumenten zu, die ihre Entwicklung unterstützen können. Hilfreich ist Collier für die Diskussion um die Entwicklungszusammenarbeit, weil er nach seinen Studien Defizite bei der bisherigen Vergabe benennen kann und konstruktive Verbesserungen anmahnt. Damit schlägt er sich auf keine der gegensätzlichen Positionen, die aus grundsätzlichen Überlegungen ganz auf Entwicklungshilfe verzichten wollen, und die nach beständiger Erhöhung rufen, ohne ihre Effizienz zu prüfen. Die ohne Auflagen vergebene Budgethilfe wurde nicht gut verwendet, dagegen haben Projekte und der Einbezug von Nichtregierungsorganisationen und Konditionalitäten die Wirksamkeit der Entwicklungshilfe erhöht. Deutlich widerlegt er die implizite These, dass mehr Geld mehr hilft. Ein nüchterner Beitrag zur Einschätzung der Wirkung der Entwicklungshilfe der letzten 30 Jahre lautet, dass sie etwa 1 Prozent zum Wirtschaftswachstum der untersten Milliarde beigetragen hat, was Collier trotz der vermeintlichen Geringfügigkeit als wesentlichen und wichtigen Beitrag einstuft. Ein Dilemma für die Vergabepraxis stelle sich dann, wenn in Ländern der mittleren vier Milliarden Entwicklungshilfe gut angelegt ist, weil dort weniger Korruption herrscht, gleichwohl die unterste Milliarde viel stärker auf Formen der Unterstützung angewiesen ist; eine Entwicklungshilfe, die dort am meisten hilft, wo die Wirkung am effizientesten ist, aber dafür gleichwohl die bedürftigsten Länder vernachlässigt, stellt sich nicht den gegebenen Herausforderungen, nämlich dass sich Bedürftigkeit und Wirksamkeit in der Realität nicht so einfach decken. Als Messinstrument führt er die "Armutseffizienz" ein, also die Wirksamkeit, mit der tatsächlich Armut bekämpft wird. Anschließend führt Collier differenziert aus, wie sich die Instrumente Entwicklungshilfe, militärische Intervention, Internationale Gesetze/Chartas und Handelspolitik auf die vier benannten Fallen auswirken und wie sie angepasst werden müssen, um jeweils in den oben skizzierten Problemkonstellationen wirksam Armut zu bekämpfen.

Im Kapitel "Eine Agenda zum Handeln" fasst Collier diese Ergebnisse zusammen und benennt die Akteure, die zum Handeln aufgerufen sind, von der öffentlichen Meinung über Entwicklungsbehörden bis zu Regierungen in Industrie- und Entwicklungsländern.

Zielgruppen

Zielgruppen sind in erster Linie Wissenschaftler und Praktiker, die mit Entwicklungspolitik befasst sind. Gleichzeitig bietet das Buch viele Anregungen auch für Nichtregierungsorganisation sowohl karitativer wie politischer Prägung.

Diskussion

Einige zum Teil deutlich Kritikpunkte seien aufgeführt, auch wenn sie niemanden von der Lektüre abschrecken sollen:

  • Völlig unakzeptabel ist es, die 85 gemeinten und statistisch bestimmten Länder nicht in einer Liste bei ihrem Namen zu benennen. Der Verweis auf eine mögliche Stigmatisierung ist scheinheilig, da in zahlreichen Beispielen eine Vielzahl dieser Länder sehr wohl, wenn auch nicht in voller Zahl genannt werden. Eine Überprüfung der angelegten Kriterien und länderspezifische Analysen zur Überprüfung dieser Festlegungen sind damit erheblich eingeschränkt.
  • Die Lesbarkeit wird vor allem durch den lockeren Stil befördert und durch die zahlreichen illustrierenden Beispiele anschaulich; beides ist der Vermittlung förderlich. Durch solche angenehmen Stilmittel wird jedoch an einigen wenigen Abschnitten mangelnde Substanz zugedeckt. Eine Kritik an den Folgen der weltwirtschaftlich ungerecht ausgestalteten Weltwirtschaftsordnung, die diese in konkreten monetären Verlusten für Entwicklungsländer bemisst, weist Collier rhetorisch geschickt ab, indem er eine unzulängliche Quelle anschaulich zerpflückt. Er lenkt mit diesem Trick davon ab, dass es völlig selbstverständlich ist, die Folgen von Regeln der Weltwirtschaft in Heller und Pfennig auszurechnen. Bei jedem Wirtschaftsstreit zwischen den USA und der EU wird genau berechnet, wieviel Mindereinnahmen ein nicht-tarifliches Handelshemmnis und die verhängten Sanktionen verursachen. An dieser Stelle argumentiert Collier weit unter seinem sonstigen Niveau.
  • Der positive Beleg für eine erfolgreiche militärische Operation (eine britische Intervention in Sierra Leone, wogegen der Irakkrieg als Negativexempel abgelehnt wird) ist – obwohl korrekt – doch nur ein einzelnes Beispiel für ein neues Paradigma, bei dem erst bewiesen werden muss, das begrenzte militärische Eingriffe in weiteren Fällen tatsächlich den gewünschten erfolg erzielen.
  • Manche Thesen müssen sich erst noch in ihrer Validität der wissenschaftlichen Diskussion stellen.

Fazit

Es mangelt dem Buch nicht an neuen Ansätzen und wissenschaftlichen Provokationen. Das verschafft dem Leser, der Leserin eine ungemein anregende Lektüre, die (überwiegend) konstruktive und differenzierte Argumentation gibt auch Kennern der wissenschaftlichen Diskussion einige Thesen mit, die persönlich verdaut und wissenschaftlich erst mit gängigen Theorien vermittelt werden müssen. Diese Provokationen sind im allerbesten Sinn bedenkenswert: Die Frage nach der Konzentration auf die ärmsten Länder, die womögliche Unausweichlichkeit einer militärischen Intervention, die Kenntnis um kontraintuitive Wirkweisen, die Dilemmata politischen Handelns in einer mit anderen Politikfeldern unkoordinierten Entwicklungszusammenarbeit, das Ernstnehmen der Eigenverantwortung der Entwicklungsländer und der eigenen Verantwortung für Internationale Chartas und Steuerparadiese für Diktatoren usw. Wegen vieler wirklich origineller Einsichten und Beiträge zur aktuellen Diskussion umd ie Entwicklungszusammenarbeit ist dieses Buch unbedingt zu empfehlen, aber es sollte nicht das einzige Buch zum Thema sein; ich empfehle als komplementäre Ergänzung Joseph Stiglitz' "Chancen der Globalisierung", nicht weil er die gegenteiligen Thesen verträte, sondern weil er die wirtschaftlichen Aspekte zutreffender und besser herausarbeitet und dadurch eine Schwäche Colliers ausgleicht.


Rezensent
Dr. Andreas Fisch
Referent für Wirtschaftsethik am Sozialinstitut Kommende Dortmund
Dissertation über "Menschen in aufenthaltsrechtlicher Illegalität. Reformvorschläge und Folgenabwägungen aus sozialethischer Sicht" (Berlin, 2008)
Homepage www.kommende-dortmund.de
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Andreas Fisch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Andreas Fisch. Rezension vom 23.11.2008 zu: Paul Collier: Die unterste Milliarde. Warum die ärmsten Länder scheitern und was man dagegen tun kann. Verlag C.H. Beck (München) 2008. ISBN 978-3-406-57223-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6660.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Mitglied der Geschäftsführung (w/m/d), Tübingen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung