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Irmgard Jansen (Hrsg.): Social Work in European Comparison

Cover Irmgard Jansen (Hrsg.): Social Work in European Comparison. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. 124 Seiten. ISBN 978-3-8309-2016-8. 19,90 EUR.

Reihe: Forschung, Studium und Praxis - 13.
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Entstehungshintergrund und Zielsetzung

Der Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster hat 2007 ein Symposium mit europäischen Hochschulen aus Münster/ Deutschland, Belfast/ Nordirland, Elblag/ Polen, Bern/ Schweiz, Oslo/ Norwegen und St. Pölten/ Österreich durchgeführt unter dem Thema "Social Work in Europe". ". Das Ziel ist ein Einblick in unterschiedliche Entwicklungen der Sozialen Arbeit in verschiedeneThemen, wie Erziehung, Gesundheit, Soziale Dienste, Armut sowie Partizipation – jeweils unter Berücksichtigung der nationalen Entwicklungen.

11 Autorinnen und Autoren, davon fünf der gastgebenden Hochschule stellen in englischsprachigen Beiträgen unterschiedliche Ansätze und Handlungsfelder der Sozialen Arbeit vor, von der Ausbildung der Sozialen Arbeit über Themen aus dem Bereich Kinder, Jugend und Familie bis hin zu dem Gesundheitsbereich. Die Aufsätze haben zumeist zusammenfassenden Charakter auf der Grundlage größerer Veröffentlichungen.

Inhalt

Irmgard Jansen (Münster), "Introduction", begründet die Notwendigkeit einer vergleichenden Perspektive mit den Möglichkeiten der AbsolventInnen im Zeitalter von Bachelor und Master, sich in ganz Europa für eine Arbeit zu bewerben. Als europaweit gemeinsame Themen nennt sie Globalisierung, Erziehung, Integration und Soziale Partizipation, betont aber im übrigen die Differenz zwischen den Sichtweisen und Beiträgen aufgrund der unterschiedlichen Gesellschaften.

Margaritha Zander (Münster) nimmt im Beitrag "Childhood Poverty. Consequences for Social Work" die "neuen Formen der Armut" von Kindern, die im Gegensatz zur "alten Armut" wesentlich auch nichtmaterielle Ressourcen umfassen, in den Blick und fragt nach der Bedeutung und den Handlungsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit. Kinder gingen sehr unterschiedlich mit Armut um; sie stellt die das Kind belastenden und unterstützenden Faktoren gegenüber. Kinderarmut sei deshalb eine Aufgabe für die Soziale Arbeit auf der politischen ebenso wie auf der fachlichen Ebene. Sie knüpft an die Resilienzforschung an und sieht die Aufgaben der Sozialen Arbeit in der Stärkung der Resilienz: auf der Ebene direkt mit dem Kind, in der Beziehungsebene und auf der strukturellen Ebene bzw. im Stadtteil. Vgl. auch www.socialnet.de/rezensionen/5530.php und www.socialnet.de/rezensionen/3141.php.

Peter Pantucek (St.Pölten), "The University of Applied Sciences St.Pölten and the Identity of Social Work in Austria", geht in seinem Beitrag über die Hochschule St. Pölten und die Identität der Sozialen Arbeit in Österreich davon aus, dass Sozialarbeiter ihre eigene Profession in den 1980er Jahren wenig wert geschätzt haben, in denen therapeutische Ansätze hoch gehandelt wurden ebenso wie in den 1990er Jahren, in denen die Managementperspektive in den Vordergrund geriet. Er schlägt spezifische Instrumente der Sozialen Diagnose, die sich auf die Korrelation von Individuum und Gesellschaft beziehen (Netzwerkkarte, Social Inclusion Card) vor, die die Entwicklung eines eigenständigen Selbstverständnisses der Sozialen Arbeit fördern könnten. Vgl. auch www.socialnet.de/rezensionen/2718.php.

Joe Duffy (Belfast), "Citizen Involvement in Social Work Education in the Northern Ireland Context", fragt nach Möglichkeiten der Einbeziehung der Bürger in die Ausbildung der Sozialen Arbeit im nordirischen Kontext. Damit sind zugleich zwei Themen angesprochen,

  1. die allgemeine Anforderung, dass User und Caregivers an dem Prozess der Entwicklung der Studienpläne und ihrer Umsetzung beteiligt werden ebenso wie
  2. die spezifische Frage, was es bedeutet, Studierende in den Nordirland-Konflikt einzuführen.

Es werden Vorschläge gemacht, wie die Nutzer der Sozialen Arbeit, Lehrbeauftragte sowie Praxisanleiter ihre Erfahrung zu den Folgen des Nordirland-Konflikts so einbringen können, dass sie den Studierenden beim Verstehen des von den besonderen Bedingungen geprägten Alltags helfen können, um eine "nonsectarian" Perspektive zu vermitteln. Vgl. auch www.qub.ac.uk/schools/SchoolofSociologySocialPolicySocialWork/Staff/AcademicStaff/JoeDuffy/

Christian Vogel (Bern), strong>"Theoretical References or the International Comparison of Institutionalized Forms of School Social Work", thematisiert die "theoretischen Bezüge für den internationalen Vergleich institutionalisierter Formen der Schulsozialarbeit". Schulsozialarbeit gibt es danach in unterschiedlichen Stufen der Institutionalisierung in der ganzen industriellen Welt. Dabei zeigten sich aber unterschiedliche Formen in den verschiedenen Ländern. Man müsse die Institutionalisierung der Schulsozialarbeit im Kontext zur jeweiligen Gesellschaft sehen. "Mit anderen Worten: Schulsozialarbeit in der Gesellschaft A ist nicht vergleichbar mit der Schulsozialarbeit in der Gesellschaft B".
Im Zentrum des Aufsatzes steht eine strukturelle Analyse, die auf die Rolle der Schulsozialarbeit im Bezug auf die reproduktive Funktion der Schule einerseits abhebt, andererseits auf ihre Legitimationsfunktion. Schulsozialarbeit in der Schweiz sei eine Antwort auf ein Legitimationsdefizit der Schule, das mit einer Legitimationskrise des Staates verbunden sei. Schulsozialarbeit hätte dabei eine komplementäre Rolle gegenüber dem Unterricht. In der nachfolgenden Kommunikationsanalyse werden Gespräche u.a. zwischen Lehrern und Schulsozialarbeitern untersucht. Vogel kommt zu dem Ergebnis, dass Schulsozialarbeit, die institutionalisiert ist wegen des Legitimationsdefizits der Schule, die Akzeptanz letztlich reduziert, indem sie Kommunikation anreichert, denn so blieben bestimmte Angelegenheiten nicht latent und außerhalb von Kommunikation, sondern würden nun offen gelegt. Die Mikro-Ebene der alltäglichen Interaktion wird in Beziehung gebracht zur makrosoziologischen Ebene und damit würde die Grundlage für einen internationalen Vergleich geschaffen, der die Analyse von Interaktionen und/oder der strukturelle Formen umfassen könne. Ein internationaler Vergleich müsste die Logik und Beziehungen zwischen verschiedenen Typen der Integration untersuchen. Vgl. auch: www.socialnet.de/rezensionen/4144.php.

Harald Koht (Oslo), "Attitudes Concerning User Participation in Municipal Child Welfare Services", untersucht , wie Hochschulabsolventen zweier Studiengänge (Sozialarbeiter und Kinderwohlfahrtserzieher) Ansätze bezüglich der Nutzerpartizipation in städtischen Jugendwohlfahrtsdiensten einschätzen. Hierbei trete ein Spannungsverhältnis zwischen der Selbstbestimmung der Klienten einerseits und der professionellen Begründung von Intervention andererseits auf. Theoretisch würde die Partizipation hoch gehalten, praktisch aber bei dem eigenen Fall nach der Einschätzung der Betroffenen weitgehend vernachlässigt, so dass sie sich gegenüber den Sozialen Diensten als machtlos wahrnehmen. Befragt werden Absolventen der beiden Studiengänge kurz nach ihrem Studium nach ihrer Einstellung. Diese unterstützen die Nutzerpartizipation aufgrund ihrer demokratischen Ideale und weil Nutzer, die partizipieren, stärker verantwortlich werden. Gleichzeitig sind sie besorgt, dass die professionelle Autonomie in Konflikt zum Ideal der Nutzerpartizipation geraten kann. Untersucht werden solle künftig, welche Einstellung sie haben, wenn sie ganz in die alltägliche Praxis einbezogen sind.

Iwona Kijowska (Elblag), "Foster Family as a Form of Family Children Care", berichtet über Pflegefamilien als eine Form der familienbezogenen Kinderfürsorge. Dabei schildert sie die Geschichte des Pflegekinderwesens in Polen seit dem frühen 18. Jahrhundert. Sie stellt Ausbildungen für Pflegefamilien sowie die Charta der Rechte der Kinder in Pflegefamilien und der Pflegeeltern vor. Ihr Plädoyer für Pflegefamilien schließt mit einem Appell zu einer stärkeren Kooperation der Wissenschaftler, Psychologen, Pädagogen, Medien und sozialen Organisationen, die gegenwärtige Situation der Pflegefamilien in den Blick zu nehmen.

Irena Sorokosz (Elblag), "Social Workers at Schools, Defining Conditions for Effective Help in Solving Students Problems", untersucht Aufgaben und Funktionen der Berufsgruppen, die in Polen die Aufgabe von Sozialarbeitern an Schulen wahrnehmen. Sie thematisiert dabei das Verständnis von Sozialarbeit in der polnischen Tradition ebenso wie die Geschichte der Beratung in Polen. Im Mittelpunkt steht die Analyse der Situation von Schulpädagogen und Psychologisch-pädagogische Berater (Poradnic Psychologiczno-Pedagogiczne), von denen in Polen 577 in 21 speziellen Beratungsdiensten beschäftigt seien und die aus verschiedenen Ausbildungen kämen.

Neue Themen entstünden aufgrund des Anwachsens von Armut: die Pädagogen kümmern sich um Stipendien, Schulspeisungsprogramme, organisieren Ferien- und Freizeitmaßnahmen sowie materielle Hilfe. Deutlich gemacht wird die spannungsvolle Rollenvielfalt der Schulpädagogen als Tutor, Betreuer, Erzieher, Diagnostiker und Therapeut. Der Schulpädagoge dürfe seine Kompetenzen nicht überschreiten und müsse die Kompetenz der Lehrer und Eltern respektieren, vor allem aber solle er um der Schüler willen handeln. Schule sei nicht nur Ort zur Verbreitung von Wissen, sondern auch von Betreuung für alle Bedürfnisse der Schüler. Zur richtigen Zeit geleistete Hilfe könne einen gegenwärtigen Bedarf befriedigen und zugleich einer Vertiefung von Problemen vorbeugen.

Peter Hansbauer(Münster), "Giving the Client a Voice, Child and Parent Participation in Youth Work", setzt sich mit den Schwierigkeiten auseinander, die nach dem Selbstverständnis der Sozialen Arbeit und nach dem Gesetz erforderliche Partizipation von Eltern und Kindern im Bereich der Jugendhilfe in die Praxis umzusetzen. (Youth Work meint hier nicht Jugendarbeit.) Partizipation und Aushandlung erhöhe den Nutzen der Familienhilfe sowohl in Bezug auf die sozio-funktionalen Erfordernisse als auch in Bezug auf die individuelle Bereitschaft, soziale Unterstützung anzunehmen. Diese Partizipation dürfe nicht beschränkt sein auf rechtliche und prozedurale Faktoren, sondern erfordere einen reflexiven Sozialarbeiter mit einer spezifischen Haltung. Dieses setze eine partizipationszentrierte Organisationskultur voraus, so dass sich die Anstrengungen vorwiegend auf die Schaffung einer solchen konzentrieren müssten. Im Aufsatz werden Strategien diskutiert, diese Elemente der Organisationskultur zu beeinflussen. Vgl. auch www.fh-muenster.de/fb10/downloads/forschungsbericht_kriener.pdf und http://www.afet-ev.de/veroeffentlichungen/Dialog/2006/DE2_3_HP.pdf .

Bernhard Brugger und Leander Pflüger(Münster), "The Biopsychosocial Model for Health, Disorder, Disease, and Disability – Consequences for Social Work Theory and Practice" beziehen sich auf den Bereich der Klinischen Sozialarbeit und stellen das "biopsychosoziale Modell für Gesundheit, Störungen, Krankheit und Invalidität" vor, bei dem es um das Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren geht.
Die meisten Professionellen orientierten sich ebenso wie die Laien an dem biomedizinischen Modell; psychologische und soziale Faktoren würden dann als zwei-und drittrangige Aspekte angesehen. Diesem könne das biopsychosoziale Modell entgegenwirken. Die Entwicklung eines biopsychosozialen Modells würde die Sozialarbeit unterstützen, einen gleichen Status wie andere Professionen zu erlangen, wofür derzeit die besten Möglichkeiten bestünden aufgrund der Neustrukturierung der Hochschulabschlüsse und der Verbreitung der Clinical Social Work; zudem würden die modernen Gesundheitssysteme wahrscheinlich ohne Veränderung der Strukturen kollabieren und immer mehr Praktiker der traditionellen Medizin sähen die Grenzen des traditionellen biomedizinischen Modells.
Abschließend stellen die Autoren Fragen an das Publikum der Tagung, die zum Vergleich auffordern zur Rolle des biopsychosozialen Modell, zur Integration der Sozialen Arbeit in das Gesundheitssystem und zu den Abschlüssen der Absolventen.

Diskussion

Die einzelnen Beiträge sind in sich jeweils gut ausgearbeitet, stellen einen konzentrierten Einblick in Forschung und Praxis vor, der aufgrund der englischen Sprache auch international nutzbar ist, und sind zumeist durch Literaturhinweise gut verankert. Sie gehen allerdings mit Ausnahme des Beitrags von Vogel und knapper Fragestellungen von Brugger und Pflüger nicht explizit auf die europäische oder internationale Ebene ein.

Insgesamt hinterlässt der Band den Eindruck von vielfältiger Unvergleichlichkeit. Dies gilt aber nicht nur für die Beiträge der verschiedenen Länder, wie man aufgrund des Titels und der Einführung vermuten würde. Vielmehr haben z.B. auch die drei Beiträge der gastgebenden FH Münster keinen erkennbaren Bezug zueinander. Diese Vielfalt hat wesentlich mit den unterschiedlichen Perspektiven der Autorinnen und Autoren zu tun.

  • Zum einen weisen die im Autorenverzeichnis genannten Foci nur vereinzelt Überschneidungen auf (Ausnahme: User Participation – Duffy und Koht, Clinical Psychology – Brugger und Sorokocz).
  • Zum zweiten kommen sie aus unterschiedlichen Professionen und Disziplinen (Psychologie/-therapie, Sozialarbeit, Soziologie, Sonderpädagogik, Politikwissenschaft).
  • Zum dritten werden unterschiedliche Zielgruppen und Arbeitsfelder behandelt (Kinder, Ausbildung, Kinder, Familien, Schulen, Jugendhilfe, Gesundheit). Eine gemeinsame Fragestellung ist nicht erkennbar.

Für die Tagungsteilnehmer wird dieses eine interessante Tagung gewesen sein, die eine Vielfalt von Themen und Ansätzen vorgestellt hat. Mehr oder weniger enge Verbindungen und damit so etwas wie rote Fäden zwischen den Beiträgen entstehen bei einer thematisch offen gehaltenen Tagung häufig in den Diskussionen und informellen Gesprächen. "Zum Beispiel gab es spannende Beiträge zu der Frage, wie man Klienten der Sozialen Arbeit stärker in die Entwicklung von Dienstleistungen einbinden kann.", heißt es in einer Pressemitteilung der Fachhochschule Münster vom 17.April 2007 über diese Tagung. Dort wird auch auf Übereinstimmungen und Unterschiede hingewiesen: "'So gibt es zum Beispiel zwischen dem polnischen und dem deutschen Bildungssystem überraschende Ähnlichkeiten', berichtet Jansen. In beiden Ländern seien die Erwartungen an Schulsozialarbeit kaum einzulösen. 'Die Anforderungen an die Mitarbeiter sind oft immens, während die äußeren Bedingungen weitgehend gleich bleiben.' Skandinavische Länder trauten sich dagegen eher, auch grundsätzlich in das Bildungssystem einzugreifen." Die Leser des Buches allerdings profitieren nicht von dieser Diskussion.

In den Aufsätzen lassen sich durchaus Themen extrahieren, in denen sich ein diskursiver Vergleich lohnen würde:

  • Professionsverständnis: In mehreren Aufsätzen geht es um das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit (insb. Pantucek, Zander, Brugger/Pflüger, Koht, aber in Bezug auf die berufliche Zuordnung der Schulpädagogen auch Sorokosz): Was unterscheidet den Beruf von anderen – oft besser angesehenen und bewerteten – Berufen? Was ist das Proprium des Berufes? Wie ist professionelle Autonomie auch bei der Partizipation von Laien zu sichern? Welche Folgerungen hat dies für die Ausbildung?
  • Schulsozialarbeit: Die Aufsätze von Vogel und Sorokosz befassen sich mit Sozialarbeit an Schulen. Sie zeigen unterschiedliche berufliche Strukturen und Aufgaben auf, aber auch Überschneidungen bei den Rollen und Funktionen. Vogels Ansatz, in dem er den Einsatz von Schulsozialarbeit in Beziehung setzt zur Legitimationskrise der Schule als auch der Schweizer Gesellschaft, könnte als Fragestellung an die von Sorokosz dargestellte polnische Wirklichkeit genutzt werden. Für die europäische Ebene müsste man auch nach der Rolle der Europäischen Union fragen, mit der ja auch die Nicht-EU-Mitglieder Schweiz und Norwegen in vielfältiger Weise verbunden sind. In Deutschland jedenfalls kann man feststellen, dass der gegenwärtige teilweise rapide Ausbau von sozialpädagogischen Angeboten an Schulen eng mit der Ganztagsbetreuung an Schulen zusammen hängt und diese wiederum mit dem Ziel der EU, die Beschäftigungsquote der Frauen zu erhöhen. Welche Rolle spielt die EU-Politik in den anderen Ländern?
  • Partizipation: Koht und Hansbauer, in gewissem Maße auch Duffy, beschäftigt die Frage nach der realen Partizipation von Betroffenen an Entscheidungen und Prozessen der Jugendhilfe. Beide konstatieren in unterschiedlicher Weise Spannungsverhältnisse zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Hier könnte man in Anlehnung an Vogels Überlegungen die darin sich zeigende Struktur der Jugendhilfe in Beziehung setzen zu den jeweiligen Gesellschaftssystemen.
  • Kinderarmut ist ein Thema in den Aufsätzen von Sorokosz und Zander: Ist aber bei Zander die nicht so sichtbare "neue Armut" der Kinder in Deutschland im Blick, so bezieht sich Sorokosz auf die "neue Armut" in Polen, nämlich die sichtbar gewordene materielle Armut. Deutschland und Polen haben nach dem relativen Armutsbegriff der EU ähnliche Kinderarmutsquoten (D 10,2%, PL 12,7,%, http://www.unicef.de/fileadmin/content_media/presse/fotomaterial/Kinderarmut/Info_Kinderarmut.pdf ); dahinter aber stehen völlig ungleiche absolute Lebensverhältnisse: das polnische Durchschnittseinkommen, zu dem Armut in Relation gesetzt wird, beträgt – bei Berücksichtigung der unterschiedlichen Kaufkraft! - in Polen weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens in Deutschlands. Wenn Kinder in Polen "arm" sind, geht es ziemlich schnell um ihr Überleben. Dieses dürfte erhebliche Auswirkungen darauf haben, was "Resilienz" in Deutschland einerseits, in Polen andererseits bedeutet.

Fazit

Der Titel des englischsprachigen Buches "Social Work in European Comparison" muss eher als Aufforderung an den Leser verstanden werden denn als Aussage über den Inhalt des Buches. Die Dokumentation einer Tagung zur Sozialarbeit in Europa an der Fachhochschule Münster beinhaltet acht jeweils für sich sehr interessante zusammenfassende Aufsätze zu sehr unterschiedlichen Themenbereichen der Theorie und Praxis Sozialen Arbeit, die es wert sind diskutiert zu werden. Nur in wenigen Aufsätzen aber wird auf direkt auf die komparative Ebene abgehoben, ein Versuch eines transnationalen themenspezifischen Vergleichs wird nicht vorgestellt.

Ländervergleichende Forschung zur Sozialen Arbeit, die mehr ist als bloße Konstatierung von Ähnlichkeiten und Unterschieden, ist notwendig, weil die Entwicklung der Sozialen Arbeit vor Ort auf der rechtlichen, finanziellen und ideologischen Ebene immer stärker von internationalen Bedingungen geprägt wird. Angleichungsprozesse und Polarisierungen von gesellschaftlichen Entwicklungen, Denkmustern und Handlungsansätzen finden gleichzeitig statt. Von besonderer Bedeutung ist ein "europäischer Vergleich", der auch die sich in der Europäischen Union manifestierenden Annäherungstendenzen im Blick hat. Um solche Vergleiche anzustellen, bedarf es aber einer komparativen Fragestellung und eines Tertium Comparationis, eines Bezugspunktes des Vergleichs. Daran mangelt es in diesem Band.

Wohl aber bietet der Band Material für international vergleichende Forschung z.B. zur Ausbildung und dem Selbstverständnis der Sozialen Arbeit, zur Schulsozialarbeit, zur Lebenslage von Kindern und Jugendlichen und zur Partizipation der Bürger und der Betroffenen an der Ausbildung und Praxis der Sozialen Arbeit.


Rezensent
Prof. Michael Rothschuh
Professor an der HAWK-Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Lehrgebiete Sozialpolitik, Gemeinwesenarbeit. Pensioniert.
Homepage www.rothschuh.de
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Zitiervorschlag
Michael Rothschuh. Rezension vom 14.11.2008 zu: Irmgard Jansen (Hrsg.): Social Work in European Comparison. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. ISBN 978-3-8309-2016-8. Reihe: Forschung, Studium und Praxis - 13. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6663.php, Datum des Zugriffs 22.07.2019.


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