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Tatjana Freytag: Der unternommene Mensch

Cover Tatjana Freytag: Der unternommene Mensch. Eindimensionalitätsprozesse in der gegenwärtigen Gesellschaft. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2008. 208 Seiten. ISBN 978-3-938808-44-3. 24,90 EUR, CH: 47,50 sFr.
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Autorin und Buch

Tantjana Freytag, Jg. 1972, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Stiftung Universität Hildesheim. Mit der vorliegenden Arbeit wurde sie an der Leibniz Universität Hannover promoviert.

Die Aktualität Herbert Marcuses

Die Autorin schließt an Herbert Marcuse an, der den Begriff der „Eindimensionalität“ in seiner Schrift von 1964, „The One-Dimensional Man“, in den Mittelpunkt stellt. Als die deutsche Ausgabe 1967 bei Luchterhand erschien, wurde das Buch zu einer der „Bibeln“ der Studentenrevolte. Um Marcuse ist es still geworden. Die „hM“, die herrschende Meinung, hält ihn für überholt, veraltet. Nur vereinzelt lassen sich Gegenstimmen vernehmen: „Marcuses Theorie kommt mir vor wie ein Negativ, das der ‚Fortschritt‘ immer weiter entwickelt“, schrieb kürzlich Matthias Greffrath. Denk-, Rede und Gewerbefreiheit waren zu Beginn der Industriegesellschaft wesentlich kritische Ideen, heißt es im „Eindimensionalen Menschen“, und weiter: „Einmal institutionalisiert, teilen diese Rechte das Schicksal der Gesellschaft.“ Greffrath kommentiert sinngemäß: Die bürgerliche Redefreiheit schützt heute die multinationalen Bewusstseinsfabrikanten. Die Wissenschaftsfreiheit schützt heute die a-moralischen Genmanipulateure und Monsanto-Profiteure. Die Wirtschaftsfreiheit erlaubt heute die schamlose Privatisierung der Gewinne und die rücksichtslose Sozialisierung der Verluste. - Nein, Herbert Marcuse ist alles andere als verstaubt, die Verwandlung emanzipatorischer in repressive Freiheiten ist Agenda-Politik unserer Tage. Für die Besitzstandswahrer der bestehenden Ordnung gibt es also gute Gründe, Marcuse totzuschweigen.

Eindimensionalität und Eindimensionalisierung

Der Begriff der Eindimensionalität, wie er im Buch verwendet wird, steht in der Tradition der Kritischen Theorie Horkheimers und Adornos. Eine charakteristische Denkfigur der „Frankfurter Schule“ ist die „negative Dialektik“, die u. a. besagt, dass der faktisch vorfindbaren kapitalistischen Gesellschaft als bewegendes, über sie hinausweisendes Prinzip, eine Negation innewohnt, die, als „konkrete Utopie“, auf eine bessere, gerechte Gesellschaft gerichtet ist, die mit den vorhandenen materiellen Ressourcen zwar „objektiv-real möglich“, aber noch weit von ihrer Verwirklichung entfernt ist. Der Begriff der „Eindimensionalität“ und die Prozesse der „Eindimensionalisierung“ richten sich gegen die „negative Dialektik“ und deren konkret-utopisches Veränderungsdenken. „Eindimensional“ nennen wir die adorierende Bejahung vorgegebener Strukturen. Die Erfolge dieser Denkungsart sind heute unübersehbar. Über das faktisch Bestehende, über die kapitalistische Gesellschaftsformation hinauszudenken scheint nach dem Wegfall der Systemkonkurrenz durch Sozialismus / Kommunismus geradezu illegitim geworden zu sein. Eine Gesellschaft, die zu sich selbst keine Alternative mehr kennt und das nicht mit der Empfindung eines Defizites oder Verlustes verbindet, ist das Ideal der gesellschaftspolitischen Eindimensionalität. (vgl. S. 63)

Eindimensionalisierungsprozesse in der gegenwärtigen Gesellschaft

Das Buch beschreibt Prozesse der gegenwärtigen Eindimensionalisierung für die drei Ebenen des Politischen, des Sozialen und der Bildung. Stichworte dazu:

Die Eindimensionalisierung des Politischen besteht u. a. in seiner „Kulturalisierung“: Soziale und politische Konflikte werden, statt als Ausdruck von Klassenauseinandersetzungen, als „Kampf der Kulturen“ u. ä. interpretiert - und damit ideologisch überhöht und tendenziell entpolitisiert.

Die Eindimensionaliserung des Sozialen besteht im wesentlichen in der „Individualiserungshypothese“. Es gibt keine Klassen mehr, sondern nur noch monadisierende Individuen. Der „autonome“, „selbstverantwortliche“ und „eigeninitiative“ Einzelne wird landauf und landab beschworen. „Unterm Strich zähl ich!“ Überall wimmelt es von Ichlingen, bis hin zu einer Firma, die sich „teppICH-discount“ nennt. Für Tanja Freytag ist das eine groß angelegte semantische Verblendung, darauf angelegt, die lohnabhängig Beschäftigten über ihren eigentlichen Status hinwegzutäuschen und, einem Narkotikum gleich, sie nicht zu Bewusstsein kommen zu lassen. Zu einer erfolgreichen Gehirnwäsche gehört es, dass die Begriffe den Beherrschten schmecken müssen, nicht den Herrschenden. Unter dieser Prämisse darf nunmehr „Freiheit“ heißen, was vor kurzem noch „Repression“ genannt wurde. Auch die Entlassenen und Dauerarbeitslosen können sich durch das Vokabular geschmeichelt oder verhohnepiepelt fühlen, je nachdem: Die „Überhöhung des Individuums im Zeitalter des Spätkapitalismus“, schreibt Freytag, hängt auch mit „dem Überspielen der Nutzlosigkeitserfahrungen zusammen, die die noch nicht einmal zur Lohnarbeit gebrauchten, also überflüssigen Menschen alltäglich machen.“ (S. 120)

Die Eindimensionalisierung der Bildung besteht in ihrer Reduktion auf ökonomische Brauchbarkeit. Bildung hatte immer zwei Seiten, zum eine die der Anpassung und Nützlichkeit für die kapitalistische Verwertung, zum anderen die der Selbstentfaltung und Emanzipation von vorgegebenen Zwängen. Der spätestens seit „Bologna“ (1999) und „Pisa“ (2000) politisch forcierte Umbau der Bildungseinrichtungen besteht im Ausblenden der emanzipatorischen Dimension. Bei der reellen Subsumtion von Schulen und Hochschulen unter die Wirtschaftsinteressen - schließlich leben wir in einer kapitalistischen „Wissensgesellschaft“ - steht die „Beschäftigungsfähigkeit“ (Employability) der Absolventen im Zentrum des Output-Interesses. Schule und Hochschule, in ihrer ursprünglichen begrifflichen Bedeutung Orte der Muße, werden zu knowledge-factories für Funktionswissen; ihr persönlichkeitsbildender Ehrgeiz gilt dem unternehmerisch denkenden Selbstvermarkter, der unter den noblen Begriffen der „Selbstständigkeit und Souveränität“ die Fähigkeit zum Selbstvollzug heterogener Fremdinteressen erlernt: Im fortgeschrittenen Kapitalismus übernehmen die Beherrschten das Geschäft ihrer Beherrschung selbst.

Fazit

Das Buch ist ein fulminantes Dokument der „negativen Denkungsart“ (S. 40) in bester Frankfurter Tradition. Allein das ist im Zeitalter der betriebswirtschaftlich verordneten Verherrlichung des „positive thinking“ Provokation genug. Der überall hofierte „unternehmerisch denkende Mensch“, der „Lebensunternehmer“ steht am Ende nackt da: Er ist nichts weiter als eine unternommene Marionette des spätkapitalistischen Systems. – Oskar Negt, der die Dissertation betreut hat, meint im Vorwort, man könne das Buch als „Plädoyer für eine Renaissance der dialektischen Gesellschaftstheorie“ (S. 11) lesen. Dem Doktorvater ist zuzustimmen.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 15.10.2009 zu: Tatjana Freytag: Der unternommene Mensch. Eindimensionalitätsprozesse in der gegenwärtigen Gesellschaft. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2008. ISBN 978-3-938808-44-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6671.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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