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Jürgen Ertelt, Franz J. Röll (Hrsg.): Web 2

Cover Jürgen Ertelt, Franz J. Röll (Hrsg.): Web 2.0. Jugend online als pädagogische Herausforderung : Navigation durch die digitale Jugendkultur. kopaed verlagsgmbh (München) 2008. 280 Seiten. ISBN 978-3-86736-031-9. 18,80 EUR.
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Thema

Die Publikation ist eine Sammlung sehr unterschiedlicher Beiträge zum Thema. Sie enthält

  • Beiträge die in Teilbereiche des Web 2.0 wie z.B. Weblogs, Wikis, Soziale Communitys, Podcasts, Videoblogs oder virtuelle Gemeinschaften allgemein einführen,
  • Beiträge die eine konzeptionelle Einordnung von Möglichkeiten des Web 2.0 in diesen Bereichen für die Jugendbildung und Medienpädagogik entwerfen,
  • Beiträge die exemplarische Beispiele von Projekten der Jugendbildung und Medienpädagogik mit und im Web 2.0 darstellen,
  • Beiträge die eine Zukunftsvision der Entwicklung von Web 2.0 und entsprechender Jugendbildung und Medienpädagogik aufzeigen und
  • Beiträge die von alledem etwas enthalten.

Für den Schulen ans Netz e.V. – der die Herausgabe des Buches unterstützt hat – versammelt der Band „wichtige medienpädagogische Sichtweisen auf das neue Internet, bietet Ideen für die Praxis und sensibilisiert auch für die Gefahren“ (S. 8). Aus dieser Perspektive wendet sich die Publikation an PädagogInnen und MultiplikatorInnen innerhalb und außerhalb der Schule, die selber das Web 2.0 in ihrer Arbeit nutzen wollen oder hier ihre Kompetenz erweitern wollen.

Sicherlich geeignet ist sie in diesem Sinne auch für Studierende, die sich auf entsprechende pädagogische Arbeitsfelder vorbereiten.

Einige Beiträge enthalten auch weitergehende, für die wissenschaftliche Diskussion im jungen Forschungsfeld des Web 2.0 spannende Ansätze.

Herausgeber und AutorInnen

Die Herausgeber und die AutorInnen kommen sowohl aus Hochschulen als auch aus der pädagogischen Praxis.

Der Herausgeber Jürgen Ertelt ist Koordinator im Projekt Jugend Online beim IJAB und unter anderem für das Jugendportal netzcheckers.de verantwortlich. Der Herausgeber Prof. Dr. Franz Josef Röll lehrt an der Hochschule Darmstadt mit dem Schwerpunkt Neue Medien und Medienpädagogik.

Die weiteren AutorInnen arbeiten zu einem großen Teil praktisch in Projekten, die sie auch in ihren Beiträgen vorstellen. Einige sind auch an Hochschulen tätig.

Aufbau

Die Herausgeber haben den Band in vier Rubriken aufgeteilt:

  1. In der Rubrik Grundlegendes soll das Phänomen des Web 2.0 beschrieben und analysiert werden.
  2. In der Rubrik Beobachtungen sollen Problemfelder (Datenschutz und Gefahren) und Handlungsmuster (z.B. Freunde sammeln) beschrieben werden.
  3. In der Rubrik Modelle werden einige exemplarische Modelle vorgestellt.
  4. In der Rubrik Ausblick geht es um die erweiterte Nutzung von Bildmedien.

Praktisch haben die Beiträge allerdings nicht die Trennschärfe, die diese Gliederung vermuten lässt. Tatsächlich finden sich in den Beiträgen oft auch Aspekte anderer Rubriken und oft gibt es inhaltliche Wiederholungen. Die Herausgeber schreiben selbst in der Anleitung, dass sie davon ausgehen dass nicht alle LeserInnen alle Artikel lesen und es aus diesem Grunde bei den inhaltlichen Überschneidungen belassen haben. Diese Aussage kann allerdings durchaus auch soweit zugespitzt werden, dass es aus diesem Grunde auch nicht sinnvoll und empfehlenswert ist, das Buch von vorne bis hinten komplett zu lesen.

Das Buch sollte stattdessen tatsächlich als eine vielfältige Sammlung verstanden werden, in der man sich genau die Einführungen, Anregungen und Ideen heraussuchen kann, an denen man für seine praktische oder auch wissenschaftliche Arbeit interessiert ist. Diese aktive Auswahl unterstützt die Einleitung, in der die Inhalte aller Beiträge kurz angerissen werden und vielleicht auch die folgenden Hinweise zu den Inhalten der Publikation in dieser Rezension.

Inhalte

Da es nicht sinnvoll ist, hier alle 20 Einzelbeiträge ausführlich zu besprechen, beschränkt sich diese Rezension auf die kurze Besprechung einzelner Beiträge und zusammenfassende Hinweise auf die Weiteren.

Web 2.0 – was ist das eigentlich?

Einen Überblick über die schon traditionellen Web 2.0 Anwendungen Wikis, Weblogs, Soziale Communitys gibt Jörg Kantel. Die Grundlagen aufgrund einer neuen Form der Softwareentwicklung nach dem Open Source Gedanken erläutert Raphael Kurz und ein eher im Stil einer Kolumne formuliertes Plädoyer für einen grundlegenden Wandel der medienpädagogischen Arbeit mit Jugendlichen im Kontext des Web 2.0 formuliert Wolfgang Schindler. Diese Beiträge geben LeserInnen, die sich mit Web 2.0 noch gar nicht beschäftigt haben sicherlich einen guten Einstieg.

Konkreter wird es in den folgenden drei Beiträgen:

  • Jürgen Ertelt beschreibt in seinem Beitrag „Netzkultur 2.0 – Jugendliche im globalen Dorf“ die sozialen Netzwerke, die heute von Jugendlichen immer mehr im Web genutzt werden: StudiVZ, MySpace, FaceBook, etc. Er sieht hier eine neue Kommunikationskultur, in der die Unterscheidung zwischen „virtuellem“ und „realem“ Leben nicht mehr sinnvoll ist, da die virtuelle Kommunikation im Netz für die Jugendlichen ebenso real ist, wie außerhalb. Ertelt beschreibt aber auch die Gefahren der neuen Netzwerke, u.a. im Bezug auf den Schutz der Privatspähre, die den Jugendlichen nicht immer so bewusst sind und sieht hier neue Bezüge zwischen Medienpädagogik und Datenschutz.
  • Franz Josef Röll beschäftigt sich in seinem Beitrag „Lernbausteine für die Web 2.0 Generation“ mit den Konsequenzen dieser neuen Kommunikationskultur für das Lernen und Lehren. Dabei greift er die bisherigen Erkenntnisse der E-Learning-Forschung auf und entwickelt ein dementsprechendes konstruktivistisches Lehr-Lern-Verständnis. Da er für – durch aus sinnvolle – Makromodelle, die das gesamte Bildungssystem verändern, wenig Chancen sieht, plädiert er für Mikromodelle um den pädagogischen Alltag in kleinen Schritten zu reformieren und dabei die Möglichkeiten des Web 2.0 zu nutzen. Dazu erläutert er Modelle mit Wikis, Weblogs, Spielen und weiteren Web 2.0 Anwendungen und beschreibt exemplarische Beispiele.
  • Dies setzt sich auch in seinem folgenden Beitrag „Weblogs als Instrumente des Informations-, Beziehungs-, Identitäts- und Wissensmanagement“ noch einmal mit dem spezifischen Bezug auf Weblogs und ihren Möglichkeiten für die Bildungsarbeit fort. Denn Weblogs haben für ihn das Potential, Partzipation über das Web zu fördern, sind aber von einer „egalitären Kommunikation“ (S. 89) noch weit entfernt. Hier sieht er eine Aufgaben für die Bildungsarbeit und gibt Beispiele von Weblogs für Jugendliche.

Web 2.0 – was machen wir da eigentlich?

Unter der Rubrik Beobachtungen stellt Wolfgang Schindler zunächst die Frage, ob die neuen Überwachungsmaßnahmen im Netz nicht zu einer „Stasi 2.0“ führen, womit sich auch die Jugend- und Bildungsarbeit in diesem Bereich auseinandersetzen müsse. Der Problematik des Datenschutzes nähert sich anschließend die Juristin Anne Riechert über das Beispiel „MeinProf.de“, mit dem Ergebnis das hier teilweise widersprüchliche Rechte wie das des Schutzes persönlicher Daten und das Recht auf freie Meinungsäußerungen abgewogen werden müssen.

Im Beitrag „Von der Stärke schwacher Beziehungen - Kommunikationskultur und Gemeinschaftsbildung als Ausdruck von Identitätssuche“ nähert sich Franz Josef Röll dann nochmal analytisch den Handlungsmustern und untersucht die Kommunikation im Web 2.0 – insbesondere in sozialen Communitys – auf der Grundlage psychologischer und soziologischer Ansätze. Er beschreibt die auf neuen Kommunikationswegen aufbauenden neuen Möglichkeiten der Identitätskonstruktion. Insgesamt werden für ihn dabei vor allem schwache Beziehungen gefördert, die heute aber gerade im Berufsleben besonders wichtig sind. Diese „emotional schwachen Bindungen sind informationstheoretisch daher die starken Bindungen" (S. 135).

Web 2.0 – was kann man alles machen?

Schon in den Beiträgen der ersten beiden Rubriken werden viele exemplarische Projekte und entsprechende Internetadressen benannt, in denen die beschriebenen Web 2.0 Möglichkeiten genutzt werden. In der Rubrik Modelle und im ersten Beitrag der Rubrik Ausblick wird das Spektrum der Möglichkeiten mit vielen Beispielen, auch aus bisher nicht erwähnten Teilbereichen des Web 2.0, erweitert:

  • Weblogs: Sonja Reichmann und Volker Jörn Walpuski beschreiben Praxisbeispiele vom Jugendserver Niedersachen und zwei Weblogs aus internationalen Jugendbegegnungen. Verena Ketter beschreibt weitere Weblog-Projekte mit Kindern, in der Mädchenarbeit, in der Schule und einer Jugendbegegnung.
  • Wikis: Franz Josef Röll beschreibt zunächst Wikis nochmal grundlegend an exemplarischen Beispielen und geht dann auf die Nutzung eines Wikis in seinem Projekt zur Erstellung eines E-Learning Kurses zu "Konzepten in der Jugendarbeit" mit Studierenden über 6 Semester mit dem Mediawiki ein.
  • Podcasts: Christian Hermann beschreibt vor allem die Möglichkeiten, Podcasts in der pädagogischen Arbeit zu erstellen und verweist auf einzelne Projekt, u.a. auf der Plattform netzcheckers.de
  • Video: Daniel Poli weist auf die Möglichkeiten von Internetvideos mit Jugendlichen hin und beschreibt zwei bestehende Videoblog-Projekte im Netz. Kirsten Mascher beschäftigt sich mit Machinimas, d.h. Filmen die in virtuellen Welten z.B. von Online-Spielen „gedreht“ werden. Sehr ausführlich wird außerdem in der folgenden Rubrik Ausblick von Jörg Kantel die Konzeption eines lokalen Internet TV beschrieben. Ein Beitrag, der etwas aus dem Rahmen fällt, da, das Schwergewicht auf einer sehr genauen Erläuterung der technologischen Grundlagen liegt.
  • Mobile Geräte: Arnfried Böker beschreibt allgemeine Möglichkeiten, Vor- und Nachteile der pädagogischen Handynutzung im Kontext von Web2.0 und Daniel Seitz beschreibt das spezielle Feld des „Geocaching“, einer Art Schnitzeljagt mit GPS in der Natur, die über das Web initiiert und ausgewertet wird.

Web 3.0 – wo geht die Reise hin?

Die letzten beiden Beiträge geben einen Ausblick auf recht neue Möglichkeiten, die sich gerade erst entwickeln:

  • Martin Pinkerneil erörtert in seinem Beitrag „Mobil, online, verspielt“ wie Spiele und mobile Endgeräte die Kommunikation, gerade bei Jugendlichen, verändern. Dabei ändern sich auch die Inhalte und vor allem verändert sich die Kontrolle der EndnutzerInnen sowohl im Bezug auch die Technologie (Kontrollverlust duch Remote-Administration) als auch im Bezug auf die Inhalte (z.B Kanalisation der Neuigkeiten durch die in Konsolen bereits integrierten Portale). Hier sieht er in Zukunft neue Aufgaben sowohl für den Online-Journalismus als auch für die Medienpädagogik.
  • Michael Lange beschäftigt sich in seinem Beitrag „Das fliegende Klassenzimmer - Bildung in Second Life“ mit dieser virtuellen Welt, die sich für ihn gut als Experimentierfeld aus der Sicht der Bildungsarbeit eignet. Er beschreibt diese Welt, ihre Schnittstellen ins Web und ihre Angebote zur sozialen Vernetzung. In der Bildungsarbeit bieten sich hier für ihn eher Möglichkeiten für soziale Lernprozesse, z.B. beim Lernen mit TutorInnen, als zum Transfer von Faktenwissen. Gut eignet sie sich aber für Lerninhalte die sich besser dreidimensional darstellen lassen, z.B. aus der Geometrie oder Chemie. Der Beitrag enthält viele Bespiele möglicher Lernorte und beschreibt am Ende fünf konkret Projekte mit Jugendlichen in Second Life.

Diskussion

Die Publikation versammelt insgesamt sehr unterschiedliche Beiträge. Durch die bewusste Inkaufnahme vieler Überschneidungen eignet sie sich nicht so gut als umfassende Einführung, die man wie ein Lehrbuch von Anfang bis Ende lesen oder auch durcharbeiten kann.

Die Stärke des Sammelbandes liegt vor allem in den einzelnen Beiträgen, die nach einer klugen Auswahl sehr unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden. Wer vor allem eine Einführung in das Thema sucht, bekommt z.B. schon mit den ersten Beiträgen viel Einblick. Wer sich eher theoretisch mit den Veränderungen des Lehrens und Lernens, der Kommunikation und Identitätsbildung durch das Web 2.0 beschäftigen möchte, findet vor allem in den Beiträgen der beiden Herausgeber selbst hervorragende Anregungen.

Die beiden rechtlich/politischen Beiträge zu den Gefahren durch Überwachung und den Anforderungen an den Datenschutz sind in jedem Fall für all diejenigen wichtig, die im Web 2.0 praktisch agieren wollen. Und die Beiträge zu konkreten Modellen und Zukunftsoptionen schließlich, sind jeweils für sich interessant für die, die in den jeweils beschriebenen Feldern aktiv werden wollen. So lohnt es sich beispielsweise sicher auch allein die Beiträge zu lesen, die sich mit Video beschäftigen, wenn bereits ein gewisses Grundwissen zum Thema Web 2.0 da ist und Interesse besteht, im Bereich Video eigene Projekte zu starten.

Fazit

Insgesamt ist es auf jeden Fall sehr erfreulich, dass das Thema mit dem vorliegenden Band recht ausführlich aufgegriffen wurde und dabei alle wesentlichen Aspekte aufgegriffen werden. Das fehlte bisher in der medienpädagogischen Literatur.


Rezensent
Dipl.-Soz.Päd. Thomas Molck
Dozent für Neue Medien und Datenschutzbeauftragter der HS Düsseldorf
Homepage soz-kult.fh-duesseldorf.de/molck
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Zitiervorschlag
Thomas Molck. Rezension vom 04.05.2009 zu: Jürgen Ertelt, Franz J. Röll (Hrsg.): Web 2.0. Jugend online als pädagogische Herausforderung : Navigation durch die digitale Jugendkultur. kopaed verlagsgmbh (München) 2008. ISBN 978-3-86736-031-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6677.php, Datum des Zugriffs 22.07.2018.


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