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Matthias Richter, Klaus Hurrelmann u.a. (Hrsg.): Gesundheit, Ungleichheit und jugendliche Lebenswelten

Cover Matthias Richter, Klaus Hurrelmann, Andreas C. Klocke, Wolfgang Melzer, Ulrike Ravens-Sieberer (Hrsg.): Gesundheit, Ungleichheit und jugendliche Lebenswelten. Ergebnisse der zweiten internationalen Vergleichsstudie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 275 Seiten. ISBN 978-3-7799-1971-1. 24,00 EUR, CH: 41,40 sFr.

Reihe: Gesundheitsforschung.
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Herausgeber

  • Dr. Matthias Richter ist wissenschaftlicher Assistent an der Fakultät für Gesundheits-wissenschaften der Universität Bielefeld
  • Klaus Hurrelmann ist Professor an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld
  • Andreas Klocke ist Professor am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit und geschäftsführender Direktor des Forschungszentrums Demografischer Wandel an der FH Frankfurt am Main
  • Wolfgang Melzer ist Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaften an der Technischen Universität Dresden
  • Ulrike Ravens-Sieberer ist Professorin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld

Thema

Kaum eine Lebensphase ist so stark von unterschiedlichen Einflüssen aus sozialen Kontexten gekennzeichnet wie die Adoleszenz. Sozial ungleiche Lebensbedingungen im Verbund mit Determinanten verschiedener Lebenswelten wie zum Beispiel Schule, Elternhaus und Peer Groups wirken wechselseitig auf die Heranwachsenden ein. Dies hat auch einen großen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten und die gesundheitliche Situation der Jugendlichen. Auf Grund der in Deutschland bisher unterentwickelten Forschung über jugendliche Lebenswelten und Gesundheit ist dieser Publikation eine hohe Relevanz zuzumessen.

Aufbau

Der Sammelband umfasst 275 Seiten und enthält insgesamt elf Beiträge. Er enthält die folgenden drei Unterkapitel:

  1. Gesundheitliche Ungleichheiten im Kindes- und Jugendalter
  2. Jugendliche Lebenswelten und ihre Bedeutung für die gesundheitliche Ungleichheit
  3. Konsequenzen für die Praxis und Forschung

Einführungskapitel

Im Einführungskapitel mit dem Titel Soziale Determinanten der Gesundheit im Spannungsfeld zwischen Ungleichheit und jugendlichen Lebenswelten verweist Matthias Richter zunächst zurecht darauf, dass im politischen Diskurs über Gesundheit derzeit das Hauptaugenmerk vornehmlich auf die Bereitstellung und Finanzierung medizinischer Versorgungsleistungen gelegt wird, weil genau dort das große Geld hingeht. Statt von Gesundheitssystem oder Krankenversorgung zu sprechen, nehmen Marktideologen lieber den Ausdruck Gesundheitsmarkt oder Gesundheitswirtschaft in den Mund. Es hat somit den Anschein, dass Gesundheit mittlerweile zur Ware verkommen ist, mit der sich möglicherweise noch mehr verdienen lässt als mit Krankheit, weil der überwiegende Anteil der Bevölkerung eher gesund als krank ist. Aber es ist bei weitem keine neue - allerdings allgemein  wenig akzeptierte - Erkenntnis, dass Fortschritte in der Gesundheitsversorgung in den letzten 150 Jahren durch die (klinische) Medizin nur wenig zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage der Bevölkerung beigetragen haben.

Der Autor gibt in dem Einleitungskapitel einen komprimierten und kompetenten Einblick in die aktuelle sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise von Gesundheit und verweist darauf, dass hierbei für das Jugendalter das Konzept der sozialen Determinanten der Gesundheit einer weiteren Ausdifferenzierung bedarf. Er benennt hier expliziert die "Lebenswelten" Familie, Schule und Gleichaltrigengruppe (peer groups).

Das Einführungskapitel wird komplettiert durch eine zusammenfassende  Darstellung der Ziele und Methodik des deutschen Teils des WHO-Jugendgesundheitssurveys "Health Behaviour in School-aged Children (HBSC)", der in den Jahren 2005/06 durchgeführt wurde.

Themenbereich: Gesundheitliche Ungleichheiten im Kindes- und Jugendalter

Im Beitrag von Ulrike Ravens-Sieberer & Michael Erhardt geht es um Die Beziehung zwischen sozialer Ungleichheit und Gesundheit im Kindes- und Jugendalter. Darin werden neben theoretischen Reflexionen zu der Thematik umfangreiche Ergebnisse der HBSC-Studie  vorgestellt.

Jennifer Nickel, Ulrike Ravens-Sieberer, Matthias Richter und Wolfgang Settertobulte beschäftigen sich mit dem Thema Gesundheitsrelevantes Verhalten und soziale Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen. Von besonderem Interesse ist dabei unter anderem der empirische Befund, dass im Zeitraum 2002 bis 2006 der  Konsum von Tabak, Alkohol und Cannabis unter Jugendlichen in Deutschland eindeutig abgenommen hat. Dieser gesundheitlich positive Trend wird in den deutschen Massenmedien allerdings kaum aufgegriffen, und auch die Autoren des Beitrages liefern keinerlei Erklärungen, worauf  dieser Trend zurück zu führen sein könnte.

Der nächste Beitrag von Cornelia Hähne & Kerstin Dümmler trägt den Titel Einflüsse von Geschlecht und sozialer Ungleichheit auf die Wahrnehmung und den Umgang mit dem Körper im Jugendalter.  Er beginnt mit der lapidaren Satz: "Viele deutsche Kinder und Jugendliche sind zu dick und bewegen sich zu wenig". Diese einleitende nicht neue Erkenntnisse weckt kaum das Bedürfnis des Lesers zum weiter lesen. Dennoch gelingt es den Autorinnen im Folgenden, eine differenzierte Analyse der komplexen Materie zu liefern. Besonders hervorgehoben werden in dem Beitrag  die folgende zwei "Risikogruppen": (1) Übergewichtige Kinder und Jugendliche, die stark von der sozialen Herkunft geprägt sind und (2) Jugendliche, die zwar objektiv Normalgewicht haben, sich aber dennoch als zu dick empfinden. In diesem Zusammenhang wird zu Recht darauf verwiesen, dass die "Gesprächsqualität zwischen Jugendlichen und ihren Eltern" eine bisher unterschätze Bedeutung besitzt.

Mit dem Thema Mobbing und Gewalt in der Schule im Kontext der sozialen Ungleichheit setzt sich der Beitrag von Wolfgang Melzer, Ludwig Bilt & Kerstin Dümmler  auseinander. Ein wichtiger Befund dieses Beitrages ist, dass die soziale Lage für Mobbing in der Schule, basierend auf den Resultaten der HBSC-Studie, kaum bedeutsam ist. 

Vor dem Hintergrund, dass unter den in Deutschland lebenden Personen mittlerweile nahezu jeder Dritte im Alter unter 25 Jahren einen Migrationshintergrund aufweist, ist es sehr zu begrüßen, dass sich zumindestens ein  Beitrag (Michael Erhardt, Lina Schenk & Ulrike Ravens-Sieberer) mit der Thematik Migration und gesundheitliche Ungleichheit im Kindes- und Jugendalter auseinandersetzt. Die differenziert und kompetent dargestellten empirischen Resultate in diesem Kapitel enthalten durchaus überraschende Ergebnisse. So ist die Prävalenz einiger Erkrankungen wie beispielsweise akute Bronchitis, Mittelohrentzündungen und Magen-Darm-Infekte bei Migrantenkindern niedriger als bei deutschen Kindern und Jugendlichen. Den Autoren ist zuzustimmen, dass die Forderung nach weiterer, tiefer gehender Forschung manchen Leser zwar ermüden mag, hinsichtlich des hier behandelten Themenbereichs ist diese Forderung aber sehr berechtigt.

Themenbereich: Jugendliche Lebenswelten und ihre Bedeutung für gesundheitliche Ungleichheit

In ihrem Beitrag mit dem Titel Schule, psychische Gesundheit und soziale Ungleichheit geben Ludwig Bilz & Wolfgang Melzer einen guten Einblick in die komplexen Zusammenhänge zwischen der Lebenswelt Schule und der personalen Entwicklung von Schülerinnen und Schülern. Ein wichtiges Resultat ihrer Analysen ist der Tatbestand, dass mit zunehmender Verweildauer die Situation in der Schule eher negativ eingeschätzt wird. Besorgniserregend ist die festgestellte weite Verbreitung von psychosomatischen Beschwerden. Dies gilt insbesondere für Mädchen in den Klassen 7 und 9. Die Analysen der Autoren machen deutlich, dass in Deutschland nicht nur das Bildungsniveau sozial ungleich verteilt ist. Auch bei der Gesundheit offenbaren sich ausgeprägte soziale Disparitäten.

Der Beitrag von Michael Erfurt & Ulrike Ravens-Sieberer trägt den Titel Die Rolle struktureller Aspekte von Familie, innerfamiliärer Kommunikation und Unterstützung für die Gesundheit im Kindes- und Jugendalter. Die empirischen Resultate ihrer Analysen zeigen deutliche Assoziationen zwischen der Familienkonstellation und den verwendeten gesundheitlichen Merkmalen, Risikoverhaltensweisen und gesundheitsrelevantem Verhalten. Im Vergleich mit der traditionellen Kleinfamilie sind eine neu-zusammengesetzte Kleinfamilie und eine alleinerziehende Mutter- oder Vaterschaft mit einem höheren Risiko für eine niedrigere Gesundheitseinschätzung sowie einer unterdurchschnittlichen mentalen Gesundheit assoziiert.

Wolfgang Settertobulte beschäftigt sich mit dem wichtigen Thema Der Einfluss der Gleichaltrigen auf das Risikoverhalten im Kontext gesundheitlicher Ungleichheit. Er verdeutlicht zunächst kompetent die große Bedeutung von peer-groups für die vielfältigen Einstellungen und Lebensweisen von Jugendlichen. In den empirischen Analysen wird der Fragestellung nachgegangen, in welchem Ausmaß und auf welche Art und Weise peer-groups in der Pubertätsphase einen Einfluss auf gesundheitsrelevante Verhaltensweisen ausüben. Berücksichtigt wird des Weiteren die wichtige intervenierende Variable der familialen sozialen Lage.

Andreas Klocke und Gero Lipsmeier verfolgen das ambitionierte Ziel, mittels einer Mehrebenenanalyse Soziale Determinanten der Gesundheit im Kindes- und Jugendalter zu identifizieren. Wie so oft in Deutschland, war es aus Datenschutzgründen leider nicht möglich, die Daten der HBSC-Studie mit wichtigen Makrodaten zu verknüpfen. Dennoch gelang es den Autoren, Variablen für die Mikro, Meso- und Makroebene zu verwenden. Durch die methodisch sehr komplexen Analysen konnten soziale Determinanten der Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen für die Mikro- und Mesoebene identifiziert werden. Für die Makroebene (Bundesland) war dies dagegen nicht der Fall. Für die Mikroebene wurden die Merkmale Gespräche mit der Mutter, Familienform, Arbeitslosigkeit der Eltern, Wohlstand und Nationalität als soziale Determinanten der Gesundheit herausgefunden. Eine erhebliche Varianzaufklärung kommt aber auch der Mesoebene zu. Hier spielen die Merkmale Wohnumfeld, Schultyp und insbesondere die Schulatmosphäre eine wichtige Rolle. Der Beitrag zeigt deutlich, dass die Institution Schule eigenständig einen großen Einfluss auf die gesundheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ausübt. Diese Ressource gilt es daher für zukünftige gesundheitsfördernde Maßnahmen von Heranwachsenden besser zu erschließen.

In dem von Veronika Ottava & Matthias Richter verfassten Resümee des Sammelbandes wird einleitend zurecht darauf verwiesen, dass den aktuellen gesundheitsbezogenen Herausforderungen allein mit individuellen medizinischen und verhaltensbezogen Maßnahmen nicht adäquat begegnet werden kann. Der Mainstream der deutschen Gesundheitswissenschaften hat den Fokus bisher auf das Individuum gelegt. Erst in jüngerer Zeit findet hier eine Umorientierung statt. Es ist vielfach belegt, dass Personen aus der Mittel- und Oberschicht für verhaltensbezogen Maßnahmen besser ansprechbar sind und mehr davon profitieren. Dies trägt dazu bei, dass durch derartige Maßnahmen soziale Ungleichheiten der Gesundheit eher forciert als abgebaut werden. Dies konnte durch den Beitrag von Ludwig Bilz & Wolfgang Melzer für das Setting Schule nachgewiesen werden. Während in vielen europäischen Ländern Konzepte der sozialen Determinanten der Gesundheit fester Bestandteil der Gesundheits- und Sozialpolitik sind, steht man hier in Deutschland noch am Anfang.       

Zielgruppen

Sozialwissenschaftler, Gesundheitswissenschaftler, Epidemiologen, Gesundheits- und Sozialpolitiker, Sozialpädagogen, Mediziner und alle Personen, die sich mit der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen professionell oder ehrenamtlich beschäftigen

Fazit

Der Sammelband ist hervorragend dazu geeignet, sich einen umfassenden und aktuellen Überblick zu der Thematik jugendliche Lebenswelten und Gesundheit aus der Public Health Perspektive zu verschaffen. Eine Stärke des Sammelbandes ist die Themenfülle und die gelungene Verknüpfung von Theorie und Empirie. Es wäre daher sehr zu wünschen, dass das Buch einen breiten Leserkreis findet. Die Publikation hätte meiner Meinung nach noch etwas gewinnen können, wenn die Herausgeber in einem weiteren Kapitel die Daten des WHO-Gesundheitssurveys "Health Behaviour in School-aged Children (HBSC) genutzt hätten, um international vergleichend zu analysieren, welche Stärken und Schwächen hinsichtlich der gesundheitlichen Lage von Jugendlichen in Deutschland zu verzeichnen sind.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Helmert
Sozialepidemiologe


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Zitiervorschlag
Uwe Helmert. Rezension vom 06.11.2008 zu: Matthias Richter, Klaus Hurrelmann, Andreas C. Klocke, Wolfgang Melzer, Ulrike Ravens-Sieberer (Hrsg.): Gesundheit, Ungleichheit und jugendliche Lebenswelten. Ergebnisse der zweiten internationalen Vergleichsstudie im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-1971-1. Reihe: Gesundheitsforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6682.php, Datum des Zugriffs 18.06.2019.


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