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August Flammer, Françoise D. Alsaker: Entwicklungspsychologie der Adoleszenz

Cover August Flammer, Françoise D. Alsaker: Entwicklungspsychologie der Adoleszenz. Die Erschließung innerer und äußerer Welten im Jugendalter. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2002. 414 Seiten. ISBN 978-3-456-83572-3. 34,95 EUR.
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Entstehungshintergrund

Prof. August Flammer und Prof. Françoise D. Alsaker forschen und lehren an der Universität Bern (Schweiz). Sie zählen zu den weltweit renommierten Vertretern der Jugendpsychologie. In den letzten Jahren haben sich beide besonders um eine transkulturelle empirische Psychologie der Adoleszenz verdient gemacht. Diese Richtung versucht "Jugend" im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext zu erforschen, indem die sozialpolitischen, ökonomischen und historischen Bedingungen berücksichtigt werden. Alsaker und Flammer koordinierten in den 1990er Jahren internationale Forschergruppen, die Adoleszente aus verschiedenen europäischen Ländern und aus den USA in diesem Dezennium untersuchten. Besonders beachtenswert ist, dass sie Kolleginnen und Kollegen aus Staaten des ehemaligen Ostblocks gewinnen konnten, welche die alltäglichen Lebensbedingungen von Jugendlichen in gravierenden sozialen Umbrüchen studieren konnten.

Diese transkulturelle und interdisziplinäre Betrachtungsweise geht in das vorliegende Lehrbuch mit ein. Die Autoren möchten den neuesten Stand der Entwicklungspsychologie der Adoleszenz vermitteln.

Inhalte und Aufbau

Das Buch ist in vier Hauptteile gegliedert:

Teil I "Annäherungen"

Im ersten Kapitel werden differenziert die Begriffe Adoleszenz, Jugend und Jugendlicher erörtert. Die Autoren geben eine Arbeitsdefinition vor, dass Adoleszenz mit der Pubertät beginnt und dann endet, wenn eine relativ autonome Lebenssituation erreicht worden ist. Interessant ist die historische Rekonstruktion der Adoleszenz zu lesen, da Flammer und Alsaker die verbreitete Auffassung von Jugend als relativ spätes soziokulturelles Produkt korrigieren, welche infolge von Ariès "Geschichte der Kindheit" kolportiert worden ist.

Die beiden Psychologen stellen kompetent soziologische Jugendtheorien (Kapitel 2) dar, und sie demonstrieren damit, dass Adoleszenz nur dann verstehbar wird, wenn man die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse berücksichtigt. In Kapitel 3 wird das Konzept der Entwicklungsaufgaben behandelt, ein Konstrukt, mit dem sich soziale, biologische und subjektive Faktoren der menschlichen Entwicklung in Beziehung setzen lassen.

Teil II "Zentrale Entwicklungsprozesse"

Neben den somatischen Faktoren der Pubertätsentwicklung werden die psychosozialen Aspekte nach dem neuesten Kenntnisstand beschrieben. Dabei zeigen Flammer & Alsaker, dass das gängige "Sturm-und-Drang"-Ideologem von Jugend wissenschaftlich nicht mehr haltbar ist.

In Kapitel 5 erläutern sie anhand empirischer Studien Autonomieentwicklung sowie Ablöseprozesse, die Jugendliche vollbringen. Es wird deutlich, wie stark die jeweiligen Bedingungen der Lebenswelt die Entwicklung Jugendlicher beeinflussen.

In einem weiteren Kapitel werden empirische Ergebnisse zur kognitiven Entwicklung in der Adoleszenz vorgestellt. Sie erweitern Piagets Konzept über jugendliche Kognitionsleistungen, welches besagt, dass diese prinzipiell "formal-operationale" Qualität erreichen können.

Teil III: "Lebenswelten"

In den Kapiteln 8-11 werden soziale Kontexte, in denen sich die Entwicklung Jugendlicher vollzieht, beleuchtet. Diese werden als ineinander verschachtelte Systeme aufgefaßt. Aus der Vielzahl der Kontexte greifen Flammer und Alsaker die Bereiche Familie, Gleichaltrige, Schule sowie Arbeit und Beruf als wesentlich heraus.

Teil IV "Problemverhalten"

In der Jugendarbeit tätige Leser werden ihr Wissen über "Problemverhalten" vertiefen. Die Autoren reflektieren den Begriff "Problemverhalten" in Beziehung zu Normen, Erwartungen u.ä.

In Kapitel 12 erörtern sie unter dem Oberbegriff "internalisierende Probleme" die Besonderheiten von Depression und Essstörungen im Jugendalter. Sie referieren entwicklungspsychologische Erklärungsansätze und empirische Befunde zur Genese dieser Verhaltensweisen. Sie kontrastieren zu internalisierendem Problemverhalten externalisierendes, wobei sie auf Drogenkonsum, aggressive und delinquente Verhaltensweisen näher eingehen. Das Schlußkapitel behandelt Suizid und Unfallverhalten.

Fazit

Flammer und Alsaker haben ein herausragendes Lehrbuch geschrieben. Studierende der Psychologie, Pädagogik und Sozialarbeit/Sozialpädagogik sollten dieses Werk unbedingt kennen lernen. Das Buch ist verständlich geschrieben. Daher kann es allen empfohlen werden, die beruflich und privat mit Jugendlichen arbeiten.

Ausdrücklich sei darauf hingewiesen, dass die Autoren nicht nur Definitionen, Theorien und Studienergebnisse vorbildlich vermitteln. Sie argumentieren nachvollziehbar und werten Wissen wissenschaftlich wohl begründet aus.


Rezension von
Prof. Dr. Hans-Peter Michels
Dipl.-Psychol.


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Zitiervorschlag
Hans-Peter Michels. Rezension vom 21.01.2003 zu: August Flammer, Françoise D. Alsaker: Entwicklungspsychologie der Adoleszenz. Die Erschließung innerer und äußerer Welten im Jugendalter. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2002. ISBN 978-3-456-83572-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/670.php, Datum des Zugriffs 30.11.2020.


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