Georg Weißeno, Klaus P. Hufer et al. (Hrsg.): Wörterbuch politische Bildung
Rezensiert von Gerd Schneider, 24.08.2009
Georg Weißeno, Klaus P. Hufer, Hans W. Kuhn, Peter Massing, Dagmar Richter (Hrsg.): Wörterbuch politische Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2008. 406 Seiten. ISBN 978-3-89974-248-0. 19,80 EUR.
Entstehungshintergrund
Das vorliegende Wörterbuch löst das dreibändige „Lexikon politische Bildung“ des Wochenschau Verlages aus dem Jahre 1999 ab, das mehrere Auflagen erlebte. Wie die Herausgeber im Vorwort erklären, war die Absicht, die Aspekte der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung sowie der Politikdidaktik unter 52 Stichpunkten so weit wie möglich zusammenzuführen. Dabei sollte eine künstliche Trennung vermieden werden und auch dem Praktiker eine wirkliche Hilfe bei seiner politischen Bildungsarbeit an die Hand gegeben werden.
Herausgeber/Innen – Autoren/Innen
Herausgeber (alphabetische Reihenfolge) des „Wörterbuchs Politische Bildung“:
- Dr. Klaus-Peter Hufer, Kreisvolkshochschule Viersen und Universität Duisburg-Essen,
- Prof. Hans-Werner Kuhn, Pädagogische Hochschule Freiburg,
- Prof. Werner Massing, Freie Universität Berlin;
- Prof. Dagmar Richter, Technische Universität Braunschweig;
- Prof. Georg Weißeno, Pädagogische Hochschule Karlsruhe.
Autoren (alphabetische Reihenfolge) weiterer Beiträge neben denen der genannten Herausgeber: Prof. Gotthard Breit, Universität Magdeburg;
- Dr. Paul Ciupke, Bildungswerk der Humanistischen Union Essen;
- Prof. Joachim Detjen, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt;
- Prof. Peter Faulstich, Universität Hamburg;
- Prof. Veronika Fischer, Fachhochschule Düsseldorf;
- Prof. Benno Hafenegger, Universität Marburg;
- Dr. Christa Henze, Universität Duisburg-Essen;
- Prof. Ingo Juchler, Pädagogische Hochschule Weingarten;
- Dr. Jens Korfkamp, Volkshochschule Zweckverband Rheinberg, Lehrbeauftragter an der Universität Köln;
- Dr. Norbert Reichling, Bildungswerk der Humanistischen Union Essen;
- Prof. Carla Schelle, Universität Mainz;
- Prof. Achim Schröder, Fachhochschule Darmstadt;
- Dr. Ulrich Steuten, Volkshochschule Moers, Lehrbeauftragter an der Universität Duisburg-Essen.
Themenübersicht
Wir haben die Autoren der 52 Beiträge aufgezählt, um auf das breit gefächerte Spektrum, die multiperspektivische Erschließungsweise der verschiedensten Aspekte in der politischen Bildungsarbeit hinzuweisen, die das Buch darstellen will. Die alphabetisch geordneten Titel reichen – es kann an dieser Stelle nur beispielhaft weniges herausgegriffen werden - von den Stichworten
- A wie „Arbeitstechniken“ (Massing),
- B wie „Bildung, interkulturelle“ (Fischer) und „Bildungsstandards“ (Weißeno), über
- G wie „Gesellschaftsanalyse“ (Hufer),
- L wie „Lehrerbildung“ (Kuhn),
- M wie „Massenmedien“ (Richter), bis zu
- O wie „Orientierungen“ (Henze),
- P wie „Planung Erwachsenenbildung“ (Hufer), „Prinzipien Erwachsenen- und Jugendbildung“ (Hafenegger),
- U wie „Unterrichtsplanung“ (Breit),
- Z wie „Ziele“ (Detjen) und „Zugangsweise“ (Richter).
Jedem Beitrag ist ein ausführliches Literaturverzeichnis angehängt. Ein Sachregister am Schluss des Bandes mit rund 450 Verweisstichwörtern soll das einfache Nachschlagen aller für die politische Bildung relevanten Begriffe ermöglichen.
Arbeitstechniken und Orientierungen
Sehen wir uns exemplarisch drei Beiträge etwas genauer an.
Die „Arbeitstechniken“
bieten sich an, da es sich hierbei nicht nur um die Darstellung von
Methoden und Arbeitsweisen - man kann sich auch als „Werkzeuge“
bezeichnen -, die Schüler und Schülerinnen und andere, auch
außerschulischen Teilnehmern und Teilnehmerinnen an der
politischen Bildung an die Hand gegeben werden können. Im
Wesentlichen können die Techniken, die Autor Massing
hier darstellt und systematisiert, auch bei Lernschwierigkeiten in
anderen Fächern eine Hilfe sein. Wie umgehen mit Materialfülle,
Recherchieren, Bibliographieren, Informationen verarbeiten,
Protokollieren, Texte zusammenfassen und bearbeiten? Das sind einige
der Anforderungen, mit denen die Lehrenden in Schule und Hochschule
vor allem im sehr textorientierten Politikunterricht konfrontiert
sind.
Der Autor geht auf die
unterschiedlichen Ansätze – ohne Bewertungen zu treffen -,
der Stoffvermittlung in der Politikdidaktik ein. Er plädiert
dafür, dass bei Entscheidungen für bestimmte
Arbeitstechniken zuvor immer gefragt werden müsse, was sie
letztlich für den Unterricht leisten und welche Fähigkeiten
der Lernenden sie ausbilden und aktivieren können. Das ist eine
Binsenweisheit und gilt für alle Fächer. Aber man kann es
nicht oft genug betonen.
Im Aufsatz „Lehrerbildung“
(Kuhn) werden die
unterschiedlichen Phasen dargestellt, die sie in den vergangen
Jahrhunderten durchlaufen hat und ihre Entstehung aus den
unterschiedlichen Traditionen von Handwerk und humanistischer
Bildung. Gerade in diesen Tagen erleben wir die bundesweiten Proteste
gegen das Bildungssystem nach der Umstellung auf die BA und MA
(Bachelor- und Master-)Studiengänge im Sinne des
“Bologna-Prozesses“. Dieser sieht die Anpassung der
Hochschulsysteme in 27 europäischen Ländern bis zum Jahre
2010 vor. Für beide Phasen des Prozesses existieren
unterschiedliche Modelle. Der Autor stellt die aktuelle Kritik an der
Lehrerbildung dar und geht auf die wenig integrierten Bestandteile
von Fachwissenschaften, Fachdidaktik und Erziehungswissenschaften
ein. Ein wichtiger Punkt dabei ist insbesondere der ungeklärte
Theorie-Praxisbezug in der Ausbildung und eine daraus sich
möglicherweise ergebende fehlende Kompetenz der Lehrenden. Als
Konsequenz aus dieser Kritik wurden von den zuständigen
Ministerien Evaluationen der Lehrerbildung angestrebt.
Kuhn
betont, dass die Ausbildung von Politiklehrerinnen und –lehrern
vor diesem bildungspolitischen Hintergrund („Bologna-Prozess“
und die Kritik daran) gesehen werden müsse und das Profil des
Faches nicht ganz geklärt sei. Um bestehende Defizite in der
Lehrerbildung zu schließen und „forschendes Lernen“
als Haltung bei Lehrerinnen und Lehrern zu fördern, benötigten
sie erweiterte Kompetenzen, die eigene Praxisforschung möglich
machten. Dazu wurden in den letzen Jahren verschiedene Vorschläge
gemacht. Der Autor geht auf einige ein. Eines der Hauptziele ist auch
hier in der politikdidaktischen Ausbildung: das fachliche Wissen
unterrichtspraktisch umsetzen zu können.
In ihrem Beitrag „Orientierungen“ stellt Christa Henze fest, dass didaktische Orientierungen in der politischen Erwachsenenbildung einen geringeren Stellenwert haben als in der politischen Bildungsarbeit, die an den allgemeinbildenden Schulen geleistet wird. Nach Meinung der Autorin liegt dies vor allem daran, dass sich eine einheitliche Konzeption in der politischen Erwachsenenbildung nicht durchsetzen lässt. Nicht zuletzt deshalb, weil es zunehmend durch nicht-pädagogische Faktoren bestimmt werde. Henze verweist in ihrem Beitrag auf das von Rolf Schmiederer entwickelte Konzept des schülerorientierten Unterrichts aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, das sich als Abkehr von der „Lehrerzentrierung“ versteht. Zitat Schmiederer: „An die Stelle fremdbestimmter Konditionen tritt ein weitgehend selbstbestimmtes und selbstverantwortliches Lernen durch forschende (fragende) Eigeninitiative und Eigenaktivität“. In ihrem Aufsatz legt die Autorin die verschiedenen Ansätze in der fachdidaktischen Theoriediskussion dar, in der Schülerorientierung seit vielen Jahren gewürdigt wird. Letztlich geht es in der Schule und auch in der Erwachsenenbildung um die alte pädagogische Forderung, die Lernenden „dort abzuholen, wo sie stehen“. Damit sei, wie es in dem Beitrag heißt, die „konkrete Lebenssituation der Lernenden wie auch ihr Alltagsbewusstsein gemeint. Dieses Alltagsbewusstsein wird durch den Wissensvorrat gekennzeichnet, über den die Individuen tatsächlich verfügen und mit dem sie auch umgehen.“
Fazit
An diesem letzten Zitat (Autorin Henze zitiert hier wiederum aus einem anderen Fachaufsatz - Pandel, 1999) wird deutlich, dass dieses „Wörterbuch Politische Bildung“ im stabilen Hardcoverformat sich vorwiegend an ein reines Fachpublikum richtet. In seiner Fülle von Zitaten, Querverweisen, und Fachbegriffen ist es für den Experten, der mit dem wissenschaftlichen Diskurs befasst ist. Für den mit der Materie Politische Bildung und Didaktik nur wenig vertrauten Leser ist das Werk nur schwer zu verstehen, denn es wird durchgehend auf jede Anschaulichkeit, auf praktische Beispiele aus dem Lehralltag verzichtet. Hochschullehrer, Studierenden im fortgeschrittenen Semester werden das Buch zur Hand nehmen für die Ausarbeitung wissenschaftlicher Arbeit. Ob es für den Praktiker in der täglichen politischen Bildungsarbeit, für die interessierte Öffentlichkeit in Politik und Verwaltung eine wirkliche Hilfe sein kann, wie im Pressetext behauptet wird, muss bezweifelt werden. Dazu ist diese Publikation zu theoretisch. Wieso „Wörterbuch“? müsste man fragen. Das Buch stellt in Wahrheit eine Sammlung von Beiträgen und Aufsätzen dar, die man, insofern trifft die Beschreibung des Vorwortes hier zu, als wissenschaftliches Nachschlagewerk gelten lassen kann, das „Theorien, Methoden, Begriffe und aktuelle Debatte der Disziplin Politische Bildung im Schul- und Erwachsenenbereich beinhaltet“.
Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor
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