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Renate-Berenike Schmidt, Uwe Sielert (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung

Rezensiert von Prof. Dr. Hilde von Balluseck, 28.12.2009

Cover Renate-Berenike Schmidt, Uwe Sielert (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung ISBN 978-3-7799-0791-6

Renate-Berenike Schmidt, Uwe Sielert (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Juventa Verlag (Weinheim ) 2008. 790 Seiten. ISBN 978-3-7799-0791-6. 69,00 EUR. CH: 115,00 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-0798-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Herausgeber/-in

Renate-Berenike Schmidt befasst sich seit Jahren mit sexualpädagogischen Themen und lehrt als Privatdozentin an den Universitäten Bremen und Freiburg.

Uwe Sielert ist Professor für Sozialpädagogik an der Universität in Kiel und Geschäftsführer der Gesellschaft für Sexualpädagogik. Er hat 2005 das Weg weisende Buch zur Einführung in die Sexualpädagogik veröffentlicht.

Anspruch und Anliegen

Der Anspruch der HerausgeberInnen ist es, den Stand des aktuellen sexualpädagogischen Diskurses wider zu geben wie auch die Sexualpädagogik neu zu bestimmen. In diesem Zusammenhang steht auch der Focus auf sexueller Bildung, die bisher in den Diskursen von frühpädagogischen Programmen und schulischen Curricula kaum eine Rolle spielt.

Das Buch bietet bei einigen Mängeln eine große Breite von Themen, Erkenntnissen, Vorstellungen und Wünschen zur Sexualpädagogik und zur Bedeutung von Sexualität für Bildungsdiskurse. Einige Artikel befassen sich auch grundlegend mit Sexualität als individuellem und gesellschaftlichem Essential. Wenngleich auf einige Aspekte nicht befriedigend eingegangen wird, ist es eine Stütze für alle, die sich in ihrer beruflichen Praxis oder auch privat mit dem Thema Sexualität stärker auseinandersetzen wollen.

Überblick

Das Buch enthält 66 Artikel von 56 AutorInnen. Die Beiträge sind unterteilt in 10 Themenbereiche:

  • Sexualpädagogik: Entwicklung, Theorie, Forschung
  • Sexuelle Bildung: Grundlagen
  • Moraldiskurse: Kirche, Religion und Spiritualität
  • Sexualitäten: Individuelle und gesellschaftliche Formierungen des Sexuellen
  • Sexuelle Genderbildung
  • Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung im Lebenslauf
  • Gefahren- und Schutzdiskurse
  • Sexualität und Sexuelle Bildung in Institutionen
  • Didaktik, Methodik, Medien und Materialien
  • Professionalisierung: Gegenwärtiges und Zukünftiges.

Die quantitativen Angaben zu Artikeln und AutorInnen sowie die Aufzählung der Bereiche machen deutlich, dass das Buch einen außerordentlich hohen Anspruch hat. Vielen, auch unterschiedlichen Stimmen zu allen Themen der Sexualpädagogik und sexuellen Bildung soll Gehör verschafft werden. Der Preis ist jedoch, dass in Anbetracht der Vielzahl der AutorInnen, Positionen und deren Belegen die Leserin sich über die Themen letztlich nur informieren kann, wenn sie eine Vielzahl von Artikeln liest, in denen jedoch nicht auf die anderen, die vielleicht ein verwandtes Thema behandeln, verwiesen wird. Außerdem differieren offensichtlich die Adressaten/-innen (Wissenschaft, Praxis der Pädagogik und Bildung, Institutionen von Kindergarten bis Hochschule etc.). So bewegen sich die Beiträge in einem Spektrum von philosophischen Reflexionen, humanwissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Anleitungen. Wer sich also zu praktischen Ratschlägen eine übergreifende sozialwissenschaftliche Analyse wünscht, wird manchmal enttäuscht - manche Beiträge sind relativ trivial und auch schon an anderer Stelle zu finden. Umgekehrt werden manche PraktikerInnen bei äußerst voraussetzungsvollen Beiträgen etwas ratlos sein, weil die Verbindung zu ihrem Alltag fehlt. Dabei sei betont, dass die Trennlinie zwischen den VerfasserInnen von „voraussetzungsvollen“ und „beratenden“ Artikeln nicht unbedingt entsprechend dem Status in der akademischen Hierarchie verläuft. Es gibt durchaus Artikel von PraktikerInnen, die ihr Thema umfassend und tief greifend behandeln.

Besser wäre gewesen, ExpertInnen größere Arbeiten zu verschiedenen Themen schreiben zu lassen – viele der AutorInnen hätten sich aufgrund ihrer Kompetenzen dazu verstehen können. Stattdessen kommen viele zu Worte, deren Beiträge wenig durchdacht sind. Und überdies widersprechen sich die Aussagen einiger AutorInnen, was natürlich nur die Leserin registrieren kann, die sich das ganze Buch zur Brust nimmt.

Problematisch erscheint es, wenn Erkenntnisse oder Ratschläge präsentiert werden, deren empirische Basis nicht überprüft werden kann, weil sie nicht erwähnt wird. Es ist hochriskant, weit reichende Folgerungen aus einer quantitativ oberflächlich angelegten oder eine qualitativen Untersuchung mit winzigen Fallzahlen zu ziehen. Von daher dürfte in einigen Fällen Vorsicht angebracht sein.

Vorgehen bei dieser Rezension

Die folgende Rezension betrachtet alle Bereiche des Buches außer dem letzten (Professionalisierung) und geht auf nahezu alle Beiträge in einer anderen Gliederung ein.

Geschichte, Definition, Inhalte

Nach einer überbordenden Begeisterung für Sexualität und sexuelle Entwicklung in einzelnen Schichten bzw. Milieus in den 70er Jahren haben (sozial-) pädagogische Lehrbücher und Ratgeber das Thema immer stärker ausgeblendet. Schmidt und Sielert sehen denn auch in ihrer Einführung einen großen „Nachholbedarf bei der Integration des Themas Sexualität in die Sozialisationsforschung und alle Unterdisziplinen der Pädagogik“.

In den grundlegenden Anfangsartikeln von Koch und Sielert werden das Ob und das Wie der wissenschaftlichen und öffentlichen Beschäftigung mit Sexualität thematisiert. Auch in anderen Beiträgen (u.a. Helfferich zur Jugendsexualität, Winter zur Jugendhilfe) wird deutlich, wie der Tenor der Sexualerziehung und -pädagogik von anderen Entwicklungen bestimmt wird. So durch die sexuelle Libertinage der Studierendenbewegung, die Gefahrendiskurse infolge der Frauenbewegung, die Gewalt gegen Frauen und Kinder erstmals öffentlich machte, und infolge von Aids. Festgeschrieben wurde Sexualpädagogik erst 1992 mit dem so genannten „Schwangeren- und Familienhilfegesetz“.

Der Begriff „Sexuelle Bildung“ ist noch nicht sehr gebräuchlich, ihm sind zwei Artikel (Kluge und Vaitl) gewidmet. Vaitl beansprucht die Einführung dieses Begriffs, der ihm zufolge auf einem Gestaltwandel der Sexualpädagogik (S. 125) basiert. Er assoziiert auch mit sexueller Bildung Schlüsselqualifikationen, Lernumgebungen und Rollenverständnis. Der Bildungsbegriff verführt ihn dann dazu, die Frage nach der Begabtenförderung im Hinblick auf sexuelle Bildung zu stellen (S. 132). Die Leserin weiß nicht so recht, ob sie dankbar oder bedauernd die Tatsache hinnehmen soll, dass dieses Thema nicht weiter ausgeführt wird.

Beim „Input aus anderen Kulturen“, die Vaitl für wichtig hält, um Angebote sexueller Bildung zu machen, stockt der Rezensentin allerdings der Atem: Außer Tantra fällt dem Autor nichts ein. Die Herausforderungen anderer Kulturen sind aber wohl anders gelagert. Ob wir mit Tantra die Jugendlichen islamischen Glaubens erreichen können, darf wohl bezweifelt werden.

Norbert Kluge zeichnet ein recht simples Bild von Sexualität („Der Mensch – ein sexuelles Wesen von Anfang an“) und sexueller Bildung (Sexuelle Bildung – Erziehungswissenschaftliche Grundlegung). Im Hinblick auf die sexuelle Entwicklung des Menschen beschränkt er sich im Wesentlichen auf die Biologie, die Unbewusstheit der ersten Lebensmonate kommt nicht vor, kann also auch nicht in ihren Auswirkungen auf die (sexuelle) Entwicklung reflektiert werden. Sexuelle Bildung ist für ihn ein Begriff, der weiter gefasst ist als Sexualerziehung, der aber auch die Eigenaktivität von Menschen stärker betont. Dass diese „Selbstformung“ stark abhängig ist von Schicht, Ethnizität, Gesundheit/Behinderung und Geschlecht wird nicht erwähnt. Auch die psychische Komponente von Sehnsüchten, Wünschen und Versagungen kommt nicht vor.

Religionen, Ideologien und Normierungen

Unter „Moraldiskurse“ erscheinen Artikel zu Religionen und Spiritualität. Zu diesem Themenbereich können auch der erste Artikel von Bartholomäus und die Beiträge von Mahnke/Sielert und Timmermanns gezählt werden. Die Beiträge haben gemeinsam, dass sie eher von einer ideologisch-ethisch-religiösen Richtung aus auf Sexualität und sexuelle Bildung schauen. Bedauerlich ist die Tatsache, dass die Sichtweise der katholischen und evangelischen Religion von zwei Anhängern dieser Glaubensrichtung präsentiert wird, ähnlich auch die (angeblich) spirituelle Sicht von vermutlich einem Vertreter dieser Richtung, während die islamische Sicht von einer Islamwissenschaftlerin präsentiert wird, die vermutlich nicht dem islamischen Glauben anhängt. Durch diesen Lapsus haben die Herausgeberin und der Herausgeber die Chance verringert, in einen wirklichen Dialog mit dem Islam zu treten.

Der Artikel zur Fruchtbarkeit als einem Merkmal von Sexualität bei Wolfgang Bartholomäi ist getragen von Ehrfurcht gegenüber der generativen Funktion von Sexualität. Neben einem kurzen Blick auf die neuen Techniken der Reproduktionsmedizin dominiert hier ein religös getragener Sprachduktus, der sämtliche Problematiken der Fruchtbarkeit und des Gebärens (durch die Frau) überspielt. Würde ein alien diesen Artikel lesen (und die Sprache verstehen), so müsste er den Eindruck gewinnen, dass Eltern auf dieser Erde ohne Weiteres in der Lage sind, Kinder zu wollen, zu gebären, zu erziehen und als Familie zusammen zu bleiben. Das mag der Fall sein – ist aber nicht die Regel, und dies aus den verschiedensten Gründen. Etwas stärker an der Realität gemeiner Menschen orientiert ist der Beitrag von Mahnke und Sielert, der die Möglichkeit des Scheiterns in Beziehungen thematisiert. Dass Beziehungen nach wie vor auch an dem Geschlechterverhältnis als solchem scheitern können, kommt jedoch auch hier nicht vor.

In den Beiträgen von Keil und Bartholomäus werden evangelische und katholische Sexualethik behandelt. Bei den Ausführungen aus katholischer Sicht ist dem Autor wichtig, dass auch Katholiken lustvolle Sexualität ohne Fortpflanzungsabsicht leben können, homosexuelle Beziehungen sollten lebbar sein, auch ohne Segen der Kirche. Aber weiter kann der Autor sich nicht aus dem Fenster lehnen: die besonders für Frauen, aber auch für das Geschlechterverhältnis essentiellen Themen Verhütung und Abtreibung fehlen.

Wenn schon die religiöse Sicht einige Leerstellen enthält, so verhält es sich mit der Sicht „Spiritualität und erotische Lebenskunst“ nicht anders. Den christlichen Religionen wird ein positiver Bezug zu sexuellem Erleben als Lebensenergie abgesprochen, stattdessen werden chinesischer Taoismus und indischer Tantrismus als spirituelle Wissenssysteme angeführt. Der im Folgenden an Wilhelm Schmids freudvoller Philosophie orientierte Blick auf die Möglichkeiten einer „spirituell vertiefte(n) sexuelle(n) Bildung und Sexualpädagogik“ blendet – wie auch Schmid selbst - in faszinierender Weise die gesellschaftlichen Verhältnisse aus, die die Möglichkeit der Entscheidungen für oder gegen sexuelle und andere Entwicklungen bestimmen und je nach sozialer Lage und Biographie die Optionen der Individuen erweitern oder drastisch einschränken.

Der Artikel von Tworuschka zum Islam ist kenntnisreich, aber gerade hier besteht ein enormer Informationsbedarf, der durch den kurzen Artikel in keiner Weise abgedeckt wird.

Timmermanns‘ Artikel zur Sexuellen Orientierung mag als Einführung für komplette Laien der Sexualpädagogik sinnvoll sein, um ein positives Verhältnis zur Homosexualität zu entwickeln. Aber die Harmlosigkeit, in der hier neue Tendenzen zur Homophobie unter den Tisch gekehrt werden, ist problematisch: Niemand weiß, wie jungen Nazis oder Muslimen begegnet werden kann, die zur Zeit bei uns – ganz abgesehen von anderen Ländern - Revivals der Schwulenfeindlichkeit inszenieren. Dazu hätte man sich von dem Autor Anregungen gewünscht.

Auch Rüdiger Lautmann verzichtet in seinem sonst gehaltvollen Beitrag darauf, sich zu den neuesten Tendenzen im Hinblick auf Schwulenfeindlichkeit zu äußern.

Ähnlich abstinent ist auch der Artikel von Lucyna Wronska und Daniel Kunz zur interkulturellen Sexualpädagogik. Die Menschenrechte werden darin als übergreifendes Prinzip formuliert, an denen sich auch die interkulturelle Sexualpädagogik zu orientieren habe. Wie jedoch junge und ältere Menschen erreicht werden, die in dazu gegensätzlichen Vorstellungen befangen sind, das wird nicht einmal zum Thema gemacht.

Ralf Sprecht schreibt zur Sexualität und Behinderung und formuliert das Recht behinderter Menschen auf Sexualität. Auch kontrovers diskutierte Themen werden von ihm erwähnt, wie der Kinderwunsch von behinderten Erwachsenen, die Begleitung behinderter Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder, die Sexualassistenz bis hin zur Organisation von Prostitution. Der Autor vermittelt den Eindruck, dass Menschen mit Behinderungen jede Unterstützung ihrer sexuellen Bedürfnisse durch Professionelle, finanziert durch den Sozialstaat, erhalten sollten. Diese Auffassung mag behindertenfreundlich klingen. Tatsächlich unterstellt sie, dass der Sozialstaat für die Befriedigung aller Bedürfnisse verantwortlich sei. Abgesehen von der Frage der Finanzierbarkeit stellt sich hier eine ganz andere Frage: Was ist mit Menschen, die aufgrund ihrer psychischen Deformierung z.B. nach Vernachlässigung, sexualisierter Gewalt, Traumatisierungen anderer Art nicht in der Lage sind, ihre sexuellen Bedürfnisse zu leben? Sollten auch sie in den Genuss derartiger sozialstaatlicher Leistungen kommen? Wo ist das Ende dieser Forderungskette? Diese Fragen sind vom Autor nicht zu Ende gedacht.

Das Thema Gewalt wird in zwei Artikeln behandelt. Birgit Menzel beschreibt, wie die Normierungen der sexuellen Gewalt von Mittelschichtsnormierungen beeinflusst sind und weist auf gegenläufige Tendenzen im Strafrecht hin, das sowohl Entmoralisierungen wie auch (neue)Moralisierungen hervorgebracht hat. Hertha Richter-Appelt legt einen kurzen und gehaltvollen Artikel zu sexuellem Missbrauch im Kindesalter vor, der die diskursiven Veränderungen unter die Lupe nimmt und auf Leerstellen im Diskurs hinweist, z.B. den Missbrauch unter Geschwistern. Sie weist auch darauf hin, dass die isolierte Konzentration auf den sexuellen Missbrauch den Blick auf die anderen Ursachen und Formen von Traumatisierungen trübt, auch jene, die im Gefolge eines Missbrauchsverdachts entstehen.

Das Gender-Thema

In einem Bereich wird Gender explizit thematisiert: „Sexuelle ‚Genderbildung‘“. Hier werden sexualpädagogische Mädchenarbeit (Bültmann), sexualpädagogische Jungenarbeit (Munding), Sexualität in der Männerbildung (Lenz) und in der Bildungsarbeit mit Frauen (Voigt-Kehlenbeck) dargestellt. Alle Artikel geben historische Abrisse über die Entwicklung des jeweiligen pädagogischen Arbeitsfeldes und stellen dar, wie die Angebote heute beschaffen sind. Die Artikel sind eine gute Einführung für diejenigen, die sich neu mit dem Thema beschäftigen. Wer dies nicht zum ersten Mal tut, entdeckt aber einige Fragen, die nicht gestellt und daber auch nicht beantwortet werden:

  • Gabriele Bültmann geht von der Benachteiligung von Frauen aus – ohne die Benachteiligung von Jungen zu benennen. Der Begriff Mädchenarbeit erscheint zu beschränkt auf die Kinder –und Jugendhilfe, Mädchenarbeit in der Schule bleibt außen vor. Was Milieu, Schicht oder auch – je nach begrifflicher Orientierung – „Klasse“ in der Arbeit mit Mädchen bedeuten, bleibt unerwähnt.
  • Reinhold Munding bezieht die Jungenarbeit in der Schule mit ein. Aber auch hier ist Schicht kein Thema, und die Frage, wie die mit Recht vom Autor konstatierte Verunsicherung der Männlichkeit (vgl. dazu auch Stecklina) sich bei Jungen mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund auf sexuelles Verhalten/Motivationen auswirkt, wird nicht gestellt.
  • Hans-Joachim Lenz beschreibt die Angebotsstruktur für Männerarbeit, aber auch hier bleibt die Schichtzugehörigkeit als Kriterium unerwähnt. Immerhin benennt der Autor die (auch sexuelle) Gewalt gegen Jungen und Männer und kritisiert einige Angebote als überaus traditionell. Leider werden diese wichtigen Aspekte nur in einem Satz erwähnt und nicht ausgeführt.
  • Einen guten historischen Abriss der Bildungsarbeit mit Frauen im Gefolge der Frauenbewegung und über das Einsickern der Diskurse in die Praxis bietet der Artikel von Corinna Voigt-Kehlenbeck. Die Negierung von sozialer Ungleichheit ist aber auch in diesem Artikel festzustellen. Darüber hinaus mangelt es an einem Hinweis auf die Bildungsarbeit mit Migrantinnen. So bleibt die Intersektionalität außen vor.

Der ganze Bereich hat allerdings noch einen ganz anderen Mangel: Geschlechtlichkeit ist biologisch klar definiert und die Idee von einer sozialen Konstruktion in der Abtrennung der Mädchen- von der Jungen-, und der Männer- von der Frauenbildung nicht zu entdecken. Wenn schon Intersektionalität als die Überschneidung unterschiedlicher Arten von Heterogenität nicht thematisiert wird, so hätte man doch erwarten können, dass die Konstruktion von Geschlecht auch in der Bildungsarbeit mit jungen und erwachsenen Menschen reflektiert wird. Intersektionalität wird erst zum Thema in dem treffsicheren Artikel von Elisabeth Tuider (Diversität von Begehren, sexuellen Lebensstilen und Lebensformen). Diversity kann laut Tuider den Blick auf Machtverhältnisse und Diskriminierungen schärfen, was auch das Ziel der emanzipatorischen Sexualpädagogik sei.

Ein Artikel, in dem es explizit um Mädchen und junge Frauen geht (Renate-Berenike Schmidt: S. 385-414) befindet sich im Bereich „Sexualpädagogik und sexuelle Bildung im Lebenslauf“. Schmidt konstatiert durchaus Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Jugendlichen im Sexualverhalten und bei den Einstellungen, die Unterschiede werden jedoch durch andere strukturelle Merkmale gebrochen (S. 387). Wesentliches Ergebnis ist die relative Bandbreite, mit der junge Frauen über ihr sexuelles Leben entscheiden. Ihre Einstellungs- und Handlungspraxen unterscheiden sich aber nicht wesentlich von denen junger Männer – so Schmidt. Und der Schicht- bzw. Klassenaspekt spielt dabei keine besondere Rolle. Um diese Aussage glauben zu können, bräuchte die Rezensentin Methodik und Fragestellungen der zugrunde liegenden empirischen Untersuchungen. Dagegen spricht z.B. die Reflexion von Barbara Sichtermann 1998. Denn die Angebote der Medien, die ganz offensichtlich auf verschiedene Schichten zielen, sprechen eine andere Sprache.

Schmidt ist eine der wenigen AutorInnen, die das sexuelle Verhalten in einen soziologischen Kontext stellen und auch andere Kriterien als Geschlecht mit in die Analyse einbeziehen. Obgleich der Artikel vom weiblichen Geschlecht handelt, wird der Blick auch auf die Männer gerichtet und die Konstruktion von Geschlechtlichkeit in der „reduktionistischen binären Kodierung menschlichen Denkens, Fühlens und Handelns“ (S. 397) deutlich gemacht.

Sexualität der Lebensalter

Inwieweit und in welchen Facetten Sexualität gelebt werden kann, unterscheidet sich nach Lebensalter, Institution, persönlichen Lebensumständen und biografischen Besonderheiten. Die narzisstische Phase des Säuglings mündet üblicherweise in Neugier und Erkundungsverhalten schon beim Kleinkind. Wanzeck-Sielert (Sexualität im Kindesalter: S. 363-370) bezieht sich beim Thema auf Freud und Erikson, vernachlässigt aber die neuere Psychoanalyse (Quindeau 2008). Während dieser Artikel also etwas konventionell bleibt und nicht auf dem neuesten Stand ist, ist der Artikel der gleichen Autorin zum Thema Sexualerziehung im Kindergarten (S. 535-545) eine wirkliche Hilfe für ErzieherInnen: Selbstreflexion, Reflexion im Team, Zusammenarbeit mit Eltern und ein gemeinsames Konzept wären in den Kindertageseinrichtungen zu diesem Thema in der Tat sehr zu wünschen. Allerdings fehlen Hinweise auf Forschungslücken, die es gerade in diesem Bereich in großer Vielfalt gibt.

Auch Petra Milhoffer (über Sexualpädagogik in der Grundschule) und Renate Berenike-Schmidt (über Sexualerziehung in der Sekundarstufe I) geben realistische, reflektierte Hinweise für den Umgang mit Sexualpädagogik. Lehrkräfte haben für Mädchen und noch mehr für Jungen eine wichtige Funktion bei der Aufklärung (Martin: S. 646). Um Jungen und Mädchen eigene Erfahrungen ihrer Körperlichkeit zu ermöglichen, rät Beate Martin (Körper- und Sexualaufklärung: S. 639-652) zu getrennt geschlechtlichem Sportunterricht mit Beginn der Pubertät (649).

Bei Jugendlichen haben sich in den letzten Jahrzehnten das Verhalten und die Einstellungen stark gewandelt (Helfferich, Neubauer). Im Verhalten hat das Wissen um und die Anwendung von Verhütung zugenommen, in den Einstellungen „Liebe“ und „Treue“ als Voraussetzungen für eine (hetero-) sexuelle Beziehung an Bedeutung gewonnen. Die Sexualmoral ist seit der Studentenbewegung eher konservativer geworden. Mütter sind wichtiger für Gespräche über Sexualität als Väter, im Jugendalter werden die gleichaltrigen gleichgeschlechtlichen FreundInnen auch wichtig (Neubauer: S. 378, Schuhrke: S. 530, Martin: S. 647). Das Verdienst von Helfferichs Artikel über empirische Forschung zur Sexualität Jugendlicher ist der Hinweis auf die Herausforderungen für „migrationssensible sexualpädagogische Forschung“ (S. 64).

Die sexuelle Entwicklung von Jugendlichen in der Familie ist das Thema von Bettina Schuhrke. Die von ihr zitierten Untersuchungen belegen, dass das Gespräch über Sexualität zwischen Vätern und Söhnen oft problematisch ist. Nicht überzeugend ist ihre Zitation US-amerikanischer Untersuchungen, nach denen Jugendliche aus „intakten“ Familien (Alleinerziehende werden wieder als defizitär dargestellt) später den ersten Geschlechtsverkehr haben. Eine Übertragung US-amerikanischer Untersuchungen auf Deutschland erscheint außerdem fragwürdig.

Mädchen sind zwar initiativer geworden, haben aber weniger Masturbationserfahrungen als Jungen und erleben den ersten Geschlechtsverkehr als weniger lustvoll als Jungen. Jungen wiederum stehen eher unter dem Druck des Gelingens und haben häufiger als Mädchen niemanden, mit dem sie über sexuelle Fragen sprechen können (Brückner: S. 231 f.).

Auch in den Beiträgen von Stecklina (Klosprüche, „sexuelle Verwahrlosung“ und Gnielka (Teenagerschwangerschaften) werden die unterschiedlichen Probleme und Bewältigungsformen von Jungen und Mädchen deutlich. Dabei werden auch Mythen angegriffen, wie der, dass Mädchen in gute Freundschaftsbeziehungen integriert sind – was nämlich nicht hindert, dass Mädchen an der Herstellung von Hierarchien beteiligt sind (Stecklina: S. 444). Gnielka weist darauf hin, dass Teenagerschwangerschaften nicht nur ein Mädchenproblem seien. Dass sie überhaupt als Problem dargestellt werden, stellt Gnielka überzeugend in einen soziologischen Kontext.

Für das Erwachsenenalter bietet Kurt Starke viele Aussagen, allerdings ohne Angabe von Quellen zu empirischen Untersuchungen. Das ist ärgerlich, denn die Leserin wüsste schon gerne, worauf sich der Autor stützt bei Aussagen z.B. zu den verschiedenen Funktionen von Sexualität (S. 402 f), zum (hetero-)sexuellen Erleben und Praktiken, zur Häufigkeit des Koitus und vieles andere.

Kirsten von Sydow weist auf den „double standard of aging“ für Männer und Frauen hin. Ihre Problemlösung zeugt allerdings von Hilflosigkeit. Frauen sollen auf einen Bewusstseinswandel hinwirken und sich mit kosmetischen Hilfen jugendlich halten. Abgesehen davon, dass Männer sich dadurch nicht zu einer anderen Einstellung gegenüber Jugend (und ihren eigenen Ängsten vor der Vergänglichkeit) bewegen lassen, wird hier auch vergessen, dass es wiederum junge Frauen sind, die sich gerne mit älteren Männern paaren. Ob es nun der Ödipus-Komplex ist, ob der soziale Status eines älteren Mannes oder persönliche Unsicherheit – Fakt ist, dass, genauso wie alte Männer jungen Konkurrenz machen, jüngere Frauen ihre gute Wettbewerbssituation häufig zu nutzen wissen. Alternde und alte Männer allein könnten den double standard of aging nicht ohne sie durchsetzen.

Orte des Begehrens

Eines der Verdienste dieses Buches ist der Blick auf Orte, an denen sich sexuelles Begehren entwickelt, deren sexualisierende Funktion jedoch nicht thematisiert wird, weil sie der Funktion jener Orte zu widersprechen scheint. Das erste Beispiel ist der Artikel von Schmidt/Schetsche über Intime Kommunikation in der Schule. Hier werden auch Gender-Aspekte deutlich: Der Austausch über sexuelle Erfahrungnen und Einstellungen ist in der Schule geschlechtstypisch organisiert, und die „Risiken der Anbahnung eines intimen Austauschs“ werden den Jungen aufgebürdet (S. 569). Schon hier neigen die Mädchen eher älteren Jungen zu, so dass die Gleichaltrigen keine guten Chancen haben (S. 571), was auch mit der späteren Reifung von Jungen zu tun haben kann.

Der zweite originelle Artikel ist Sielerts Artikel über Sportverbände. Auch dies ist ein Ratgeber für die Praxis, in dem unterschiedliche Bedarfe von Jungen und Mädchen und das Geschlechterverhältnis zwischen Übungsleitern und Kindern angesprochen werden. Weitere Orte, die unter diesem Aspekt beleuchtet werden, sind Volkshochschulen, Justizvollzugsanstalten und der Berufsalltag. Besonders aussagekräftig ist hier der Artikel von Nicola Döring. Sie weist auf die Folgen der erzwungenen sexuellen Enthaltsamkeit, auch in Form von Vergewaltigungen (männlicher) Häftlinge hin, auf die Probleme bei der Resozialisierung, und schlicht auch auf das Leid, das Familien geschieht, deren männliche Bezugsperson im Knast sitzt. Ihre Folgerung, sexuelle Kontakte in Justizvollzugsanstalten zu fördern, könne die Rückfallquoten senken, klingt durchaus plausibel.

Die Betonung sexueller Bedürfnisse in Alten- und Pflegeheimen wiederum (Grund: S. 427-434) mündet eher in einer Unterstützung des Pflegepersonals, das neben den üblichen Alltagsbelastungen durch Personalmangel und seelische Überforderung angesichts des Siechens und Sterbens nun auch noch die sexuellen Bedürfnisse der BewohnerInnen im Auge haben soll.

Der neu geschaffene Begriff „Solosexualität“ versucht, die Masturbation aus der Schmuddelecke herauszuholen. Zwar wird Selbstbefriedigung nicht mehr als gesundheitsschädlich angesehen und hat nicht mehr die negativen Konnotationen wie im 19. Jahrhundert. Aber Maika Böhm geht in ihrem Beitrag (S. 309-317) noch ein Stück weiter und fordert, dass Solosexualität als Liebesbeziehung mit sich selbst nicht mehr als „Ersatzsexualität“ gesehen wird, sondern als eine Form von sexueller Betätigung, die das ganze Leben lang, auch in partnerschaftlichen Phasen, anhalten kann. Sie weist auf die Vernachlässigung des Themas in der Mädchenarbeit ebenso hin wie auf Forschungslücken, gerade auch im Hinblick auf eine gender-kritische Einordnung der Solosexualität.

Drei Beiträge befassen sich mit den neuen Methoden sexueller Motivation und Befriedigung, die der Cyberspace bietet. Nicola Döring (Sexuelles Begehren im Cyberspace: S. 271-279) bringt Details zur Häufigkeit und zu den Formen sexueller Aktivitäten im und über das Internet. Kurt Möller integriert das Thema Cyberspace in seinen Beitrag zu Sexmarkt und Sexkonsum (S. 465-473) und thematisiert Sex als Ware: in der Pornographie, im Internet, in der Prostitution, in Sex-Shops und stellt auch die entsprechenden Debatten kurz und treffend dar. Darüber hinaus gibt er der Sexualpädagogik auch Ratschläge (S. 471).

Die Ordnung des Begehrens

Wie Begehren entsteht und welche Grundlagen den Prozess des Begehrens formen beschreibt Margit Brückner (Körperliche Lust, erotisches Wünschen, psychosoziale Einpassung), die sich auf neuere psychoanalytische Konzepte (Kernberg, Quindeau) stützt. Neben den schon erwähnten Aussagen zur Entwicklung sexuellen Verhaltens ist ihre Reflexion der Widersprüchlichkeit von Macht und Ohnmacht in Beziehungen eine kleine Hilfe beim Versuch, die Irrungen und Wirrungen von Liebesverhältnissen besser zu verstehen. Auch die häufiger werdende Trennung von Begehren und Erotik von Reproduktion und Liebesbeziehungen wird thematisiert. Und ganz im Gegensatz zu Starke konstatiert sie nach G. Schmidt „ein eher karges Sexualleben zwischen Männern und Frauen“ (235). Das sind nun allerdings Aussagen, die in anderen Beiträgen aufgenommen und diskutiert werden müssten. Die „Rituale des Begehrens“ jedoch, die Michael Schetsche als „spezifische Form der Zivilisierung des Sexus“ beschreibt, entbehren leider jeden Hinweises auf geschlechtsspezifische Eigenheiten. Damit entgeht Schetsche auch der Blick auf hegemoniale Männlichkeiten (vgl. Brückner), die sich ja gerade in, insbesondere früheren, Ritualen deutlich zeigen.

Rahmen und Methoden

Über die Methoden wurde schon in einigen Artikeln gesprochen, Hier seien zunächst die Rahmenbedingungen erwähnt, die Sexualpädagogik in der Jugendhilfe und im Recht vorfindet. Die Jugendhilfe nutzt ihre Möglichkeiten zur sexuellen Bildung heute unzureichend, so die Kritik von Reinhard Winter (Sexualpädagogik in der Jugendhilfe). Zu diesem Mangel kommt ihre relative Ohmacht: Das Recht hat die Jugendhilfe – im Gegensatz zur Schule – nicht auf ihrer Seite (Friedrich Barabas: Jugendrecht und Sexualerziehung). Die Teilnahmeberechtigung auch der Jugendlichen hängt von der Zustimmung der Eltern ab. Damit bleiben die Möglichkeiten der Jugendhilfe beschränkt. Diese beiden Artikel sind hochrelevant und man kann nur hoffen, dass die beiden Autoren ihre Erkenntnisse an anderer Stelle ausführlicher darstellen.

Wie die Sexualpädagogik allgemein aussehen sollte beschreiben Renate Freund, Milan Nespor und Stefan Timmermanns. Während Freund im Allgemeinen stecken bleibt, werden Nespor und Timmermanns auch konkret. Ein Glück, dass wenigstens Nespor die Problematik des Sprechens über Sexualität thematisiert und Möglichkeiten dafür aufzeigt – ich habe dies an keiner anderen Stelle des Buches gefunden. Die besten theoretischen Erkenntnisse nutzen aber wenig in der Pädagogik, wenn sexuelle Bedürfnisse, Tatbestände, Handlungsmöglichkeiten nicht beim Namen genannt werden. Timmermanns stellt fundierte Forderungen an Materialien für die Sexualpädagogik. Dazu hat er selbst mit Elisabeth Tuider ein hervorragendes Methodenbuch herausgegeben (s.u.). Einige Artikel beschreiben dann noch konkrete Methoden, die in der Sexualpädagogik genutzt werden können.

Was fehlt

Bei vier Themen bleibt das dicke Buch dünn:

  1. Unbewusste Motivationen und Einschätzungen
  2. Die Beziehung von „Ersatzbefriedigungen“ zur sexuellen Körperlichkeit
  3. Die Vernachlässigung von alternativen Lebens- und Familienformen
  4. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Vorstellungen von Körperlichkeit, Geschlecht und Sexualität

Die Bedeutung des Unbewussten. Pädagogik und Bildungseuphorie haben gemeinsam, dass sie am Ich ansetzen und seine Möglichkeiten quasi als unbegrenzt unterstellen. Dabei entsteht ein Menschenbild, das die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein insbesondere des Säuglings ebenso eskamotiert wie die Verletzlichkeit menschlicher Körper und ihre Endlichkeit. Ilka Quindeau – leider fehlt ein Beitrag von ihr in diesem Band – hat in ihrem großartigen Buch die Charakterisierung des Säuglings in der Entwicklungspsychologie als „Stellenbeschreibung für Führungskräfte“ persifliert (Quindeau 2008: 31). Außer dem Beitrag von Margrit Brückner bleibt die Psychoanalyse, die sich mit dieser in der ökonomisierten, scheinhaft rationalen Welt unerwünschten Hilflosigkeit des Individuums befasst, in den anderen Beiträgen außen vor. Das Bewusstsein der eigenen Körperlichkeit, die Beziehungsfähigkeit bis hin zur Liebe, sind jedoch ganz entscheidend von den frühen Erfahrungen geprägt.

Kompensationen sexueller Lust. Das Buch ist getragen von dem Wunsch, dass alle Menschen in den Genuss sexuellen Erlebens und der damit verbundenen Freuden kommen. Das ist ein Fortschritt gegenüber einer lustfeindlichen Kultur, die nicht nur in Deutschland jahrzehntelang regierte. Aber das Festhalten an dem Ideal einer heterosexuellen Beziehung mit regelmäßigem Koitus, wie sie in vielen Artikeln deutlich wird, geht an den vielfältigen Möglichkeiten des Selbst, sich als Ganzheit zu erfahren, vorbei. Freud z.B. hat die Kultur als Kompensation sexueller Versagungen dargestellt. Das würde bedeuten, dass Kreative in Kunst, Wissenschaft und Religion auf sexuelle Betätigung verzichten müssten, um kreativ zu bleiben – was nachweislich Unsinn ist. Es bleibt aber die Frage, inwieweit Kreativität für diejenigen, die zeitweise, längerfristig oder dauerhaft aufgrund welcher Faktoren auch immer auf direkte sexuelle, genitale Befriedigung verzichten müssen (z.B. Behinderung) oder wollen (z.B. Zölibat), eine andere Form von Befriedigung ermöglicht, die den Verzicht auf genitale Sexualität ertragen hilft bzw. ihn nicht so erleben lässt.
Eine weitere Dimension der Erfahrung des Selbst sind intensiv gelebte Körperlichkeit über sportliche Betätigung, Erfahrungen in der Natur. Alle diese Erfahrungen können körperliche, seelische und geistige Lust generieren. Ähnlich intensive platonische Beziehungen und Meditation. Einen Berg unter Aktivierung sämtlicher Kräfte zu besteigen und die Natur als Partnerin zu erleben, eine musikalische Betätigung, in der das Eindringen in die Welt der Klänge körperliche wie seelische Empfindungen hervorruft, eine neue Erkenntnis, eine spirituelle Einsicht – alle diese Erlebnisse können Lust erzeugen. Die Frage ist, wie sie sich von der auf genitale Sexualität bezogene Lust unterscheidet und überhaupt: Wie sich die Lüste untereinander unterscheiden. Welche Auswirkungen haben sie auf die persönliche Entwicklung und die Handlungsoptionen?
Margrit Brückner weist darauf hin, dass das Begehren für viele Menschen „weniger zentral (ist) als das Bedürfnis nach Geborgenheit und Sicherheit“ (S. 236). Und dann noch ihr Hinweis, dass gelingendes sexuelles Begehren auch heißt, „sich mit den lebensgeschichtlich bedingten Grenzen auszusöhnen“ (a.a.O.). Auf dem Hintergrund dieser Aussagen müssten einige Artikel modifiziert oder gar neu geschrieben werden.

Die Vernachlässigung neuer Lebens- und Familienformen. Die Konzentration des Buches liegt auf dem heterosexuellen Paar ohne materielle Sorgen. Mit wenigen Ausnahmen werden schwule Lebensgemeinschaften nur gestreift, wenn sie denn überhaupt als Möglichkeit erwähnt werden. Sexualität entfaltet sich also in der Geschlechtsdyade – aber wie würde die Sexualität aussehen, wenn man die Homo- und Bisexualität gleich von vorne herein mit bedenken würde? Zunächst müssten die Samples der Untersuchungen andere sein. Darüber hinaus müsste aber das Denkgebäude, in das Daten eingebaut werden, sich ändern, in Richtung einer Einbeziehung verschiedener Möglichkeiten von Befriedigung und deren Bedeutung für sexuelles Erleben und andere Handlungsoptionen.
Diese Konzentration auf die heterosexuelle Paarbeziehung schließt auch das Leben von allein erziehenden Müttern und Vätern aus. Wie gehen sie mit dem – möglicherweise vorübergehenden, aber häufig auch Jahre dauernden – Verzicht auf Sexualität um? Und, noch viel wichtiger: Wie wirkt sich dieser Verzicht in ihren Beziehungen zu den Kindern aus? Muss Leben ohne Sexualität immer als ausschließlich defizitär definiert werden?

Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Vorstellungen. Über die Sexualität migrantischer Erwachsener erfährt die Leserin in diesem Buch sehr wenig. Das ist sehr bedauerlich, ebenso wie die fehlende Repräsentanz migrantischer Autoren/-innen. Überdies fehlt eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Vorstellungen zur Geschlechterdemokratie, zu Homosexualität und sexuellen Lebens- und Praxisformen. Menschen in anderen Kulturen (wohlgemerkt: es geht nicht nur um migrantische), für die die Idee der Vielfalt eine Bedrohung darstellt, sind wohl kaum allein mit guten Worten zu überzeugen, dass es vielleicht auch anders geht, dass diversity bereichernd und Demokratie lebbar ist.

Fazit

Für Lehrende und Studierende in Pädagogik und Psychologie ist das Buch ein Muss, weil es einen großen Teil der pädagogischen und bildungstheoretischen Themen zur Sexualität zumeist entsprechend dem aktuellen Stand spiegelt. Von Lehrkräften ist darüber hinaus zu fordern, dass sie auch anderweitig sich Wissen verschaffen und einen Standpunkt zu den verschiedenen Fragen von Sexualität, Sexualpädagogik und sexueller Bildung erarbeitet haben. Nur dann können sie Studierende bei der Erarbeitung des Für und Wider einzelner Artikel kompetent beraten und sie bei der Rezeption und Interpretation begleiten.

Zitierte Literatur

Quindeau, Ilka (2008): Verführung und Begehren. Die psychoanalytische Sexualtheorie nach Freud. Stuttgart: Klett-Cotta

Sichtermann, Barbara (1998): Sex im Fernsehen oder Die Leichtigkeit, mit der über Sexualität gesprochen wird. In: Schmidt, Gunter/Strauß, Bernhard (Hrsg.): Sexualität und Spätmoderne. Über den kulturellen Wandel der Sexualität. Stuttgart: Ferdinand Enke, S. 39-54

Timmermanns, Stefan/Tuider, Elisabeth (Hrsg., 2008): Sexualpädagogik der Vielfalt. Weinheim: Juventa

Rezension von
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de

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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 28.12.2009 zu: Renate-Berenike Schmidt, Uwe Sielert (Hrsg.): Handbuch Sexualpädagogik und sexuelle Bildung. Juventa Verlag (Weinheim ) 2008. ISBN 978-3-7799-0791-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6709.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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