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Nicole Knuth: Fremdplatzierungspolitiken

Nicole Knuth: Fremdplatzierungspolitiken. Das System der stationären Jugendhilfe im deutsch-englischen Vergleich. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-1790-8. 26,90 EUR, CH: 46,50 sFr.

Reihe: Juventa Materialien.
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Thema

Die Autorin vergleicht die stationären Jugendhilfesysteme in Deutschland und England. Dabei interessiert sie sich sowohl für die historischen und rechtlichen Entwicklungen, die normativen und fachlichen Diskurse, die politischen Strukturen, die fachlichen Konzepte, die Fallzahlentwicklungen sowie die Kosten und die Finanzierung der Erziehungshilfen. Auch wenn einer Fremdplatzierung in beiden Ländern jeweils Einzelfallentscheidungen der Fachkräfte in den zuständigen Behörden vorausgehen, so lassen sich dennoch explizite und implizite "Fremdplatzierungspolitiken" in beiden Ländern herausarbeiten, die den Rahmen des fachlichen Handelns bilden und dieses erheblich beeinflussen.

Hintergrund

Das System der stationären Erziehungshilfe steht seit jeher aus fachlichen und finanziellen Gründen im Fokus kritischer Diskussionen. Die Herkunft dieser Jugendhilfeleistungen aus dem System von Strafe und Zwangserziehung, die bis weit hinein ins 20 Jahrhundert besonders die Heimerziehung prägten, als auch die ungewollten negativen Begleiterscheinungen des Lebens in "totalen Systemen", die in psychologischen Studien immer wieder herausgestellt wurden, rechtfertigen kritische Diskurse.

Allerdings haben sich die stationären Erziehungshilfen in Einrichtungen in den letzten 40 Jahren in Deutschland erheblich verändert und verbessert. Aufgrund äußerer und innerer Differenzierung haben sie ihren Schrecken weitgehend verloren und sich sowohl als kurz- und mittelfristige Interventionen wie auch als alternative Lebensorte insgesamt bewährt. Auch das Pflegekinderwesen in Deutschland hat sich in den letzten Jahren sehr verändert und weiter ausdifferenziert. Um auch ältere und "schwierigere" Kinder und Jugendliche in Familien betreuen zu können, wurden in erheblichem Umfang neue Plätze in Profi-Pflegefamilien und anderen Familien geschaffen, die intensiv vorbereitet, geschult und begleitet werden. Diesem Ausbau steht allerdings ein Rückbau der klassischen Pflegefamilien entgegen, da aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen die klassische Familienkonstellation mit einer für Erziehung und Versorgung "freigestellten" Mutter immer weniger anzutreffen ist.

Vom Blick über die Grenzen erhofft man sich neue Impulse für die Weiterentwicklung des eigenen Systems. Der Vergleich hilft dabei, die eigenen Entwicklungen besser verstehen und einordnen zu können. Er schärft den Blick für die eigenen Stärken und Schwächen und interessiert sich besonders für die markanten Unterschiede.

Der Vergleich mit England bietet sich aus einer Reihe von Gründen an: England verfügt über ähnliche rechtliche Grundlagen und administrative Strukturen wie die deutsche Jugendhilfe. Es gibt ebenso wie in Deutschland ein ausgebautes System der Erziehungshilfe in Einrichtungen und Familien. Zugleich aber gibt es markante Unterschiede, die eine intensivere Untersuchung interessant machen. Hierzu gehört besonders die Dominanz des Pflegekinderwesens im Vergleich zur Fremdunterbringung in Einrichtungen. Erste Verwaltungsbezirke haben sogar entschieden, überhaupt keine stationären Unterbringungen in Einrichtungen mehr vorzunehmen und komplett auf Pflegefamilien zu setzen. Darüber hinaus fallen im Unterschied zu Deutschland besonders die wesentlich kürzeren Unterbringungszeiten in Einrichtungen und Pflegefamilien auf. Dahinter verbirgt sich eine komplett andere Fremdplatzierungspolitik, die nicht auf alternative Lebensorte und Verselbständigung setzt, sondern wesentlich stärker auf kurzfristige und kurzzeitige Krisenintervention und schnelle Rückführung in die Herkunftsfamilie.

Autorin

Dr. Nicole Knuth hat sich schon als Referentin der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen (IGfH) mit der Entwicklung der Erziehungshilfen in anderen europäischen Ländern beschäftigt. Sie kennt sie praxisbezogenen und wissenschaftlichen Diskurse und verfügte über die notwendigen Kontakte, um auch über Experteninterviews zu vertiefenden Erkenntnissen zu gelangen. Nach ihrer Tätigkeit in der IGfH war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Pädagogik der Frühen Kindheit an der Universität Dortmund tätig. Dort konnte sie besonders für ihre statistischen Analysen eng mit den ExpertInnen vom Forschungsverbund der Uni Dortmund und dem Deutschen Jugendinstitut zusammenarbeiten, was man dem Buch positiv anmerkt. Seit dem Jahr 2008 arbeitet Nicole Knuth als Geschäftsführerin des evangelischen Fachverbandes für Erziehungshilfen "ECKART".

Aufbau und Inhalt

Im zweiten Kapitel (nach einer kurzen Einführung) wird der Forschungsstand im Bereich der international vergleichenden Forschung zur Fremdunterbringung zusammengefasst. Hier begrenzt die Autorin die Überblicke nicht auf die beiden Länder Deutschland und England sondern erweitert die Darstellung auf weitere europäische Länder. Sie verdeutlicht, dass eine vergleichende Forschung kompliziert und nach wie vor wenig verbreitet ist, da sowohl die Praxisfelder Heim und Pflegefamilie als auch deren empirische Beobachtung und Erforschung sehr unterschiedlich entwickelt sind. Die Erziehungshilfelandschaft Großbritanniens bietet sich deshalb für einen genaueren Vergleich an, weil sowohl die Praxis und ihre Philosophie als auch die Empirie solche Vergleiche am ehesten zulassen.

Im dritten Kapitel wird die Anlage der Untersuchung entfaltet. Da es sich bei dem Buch um eine Dissertationsschrift handelt, ist dieses Kapitel sehr ausführlich geraten. Neben der Sekundäranalyse von bereits vorliegenden Statistiken wurden 11 umfassende Experteninterviews in Deutschland und England geführt. In der Auswertung dieser Interviews wurden die wichtigsten Einflussfaktoren auf die unterschiedlichen Fremdplatzierungspolitiken herausgearbeitet:

  • der Einfluss von historischen Entwicklungen
  • die rechtlichen Rahmenbedingungen
  • die vorhandenen Angebotsstrukturen und Konzeptionen
  • die Qualifizierung der Fachkräfte und Pflegeeltern als zentrale Einflüsse auf die Qualität der Angebote
  • der Einfluss von Forschungsergebnissen auf die Praxis der Hilfegewährung
  • die Auswirkungen der Kosten auf die Entscheidungen
  • das Verhältnis von ambulanten und stationären Hilfen sowie der Einfluss anderer Unterbringungen (Internat, Psychiatrie, Strafvollzug) auf die stationäre Jugendhilfe

In den beiden folgenden Kapiteln (4 und 5) werden die wichtigsten Merkmale der englischen und deutschen Praxis der Fremdunterbringung herausgearbeitet. Dabei gelingt es der Autorin selbst im Kapitel über die bundesdeutsche Perspektive die Entwicklung der Inanspruchnahme stationärer Erziehungshilfen und die aktuellen Diskurse über Ausbau und Umbau des Systems die anscheinend selbstverständlichen und uns täglich beschäftigenden Fragen so zu präsentieren, dass sie auch von ExpertInnen mit Gewinn gelesen werden können. Besonders der Schwerpunkt der Analyse statistischer Daten zu den Erziehungshilfen ist überzeugend gestaltet.

Im fünften Kapitel wird sehr ausführlich das englische System der stationären Jugendhilfe vorgestellt. Auch hier folgen den historischen, administrativen und rechtlichen Entwicklungen und Rahmenbedingungen besonders ausführliche Untersuchungen und Interpretationen der statistisch darstellbaren Entwicklungen. Hier werden Parallelen und Unterschiede in Heimerziehung und Pflegekinderwesen zwischen beiden Ländern besonders deutlich. Während die Pflegekinderbereiche beider Länder auf einem ähnlichen Entwicklungsstand erscheinen, wird besonders im Feld der englischen Heimerziehung ein fachlicher Entwicklungsrückstand offensichtlich. Dieser wird vor allem mit einem Qualifizierungsrückstand als auch mit anderen Trägerstrukturen begründet. Während in Deutschland im Zuge der Heimreform der 70er und 80er Jahre dramatische konzeptionelle Weiterentwicklungen stattfanden und mittlerweile ausschließlich gut ausgebildete Fachkräfte (z. nicht unerheblichen Teil mit Hochschulabschlüssen) beschäftigt werden, verfügen in Großbritannien lediglich 30% der Mitarbeitenden in Heimen über qualifizierte Fachabschlüsse.

Im sechsten Kapitel nimmt die Autorin systematische Vergleiche der deutschen und englischen Fremdplatzierungspolitiken vor. Dabei findet sie in den historischen und rechtlichen Entwicklungen beider Länder erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Beide Unterbringungsformen (Pflegefamilie und Heim) werden in beiden Ländern im Laufe der jüngeren Geschichte wechselnd bevorzugt, abgelehnt oder gleichberechtigt eingesetzt. Besonders in Zeiten, in denen – so wie aktuell in Großbritannien – Missstände in den Institutionen öffentlich diskutiert werden, werden Pflegefamilien bevorzugt eingesetzt. Dies gilt vor allem dann, wenn gleichzeitig auch der Blick auf die Kosten der beiden Systeme geschärft ist. Aktuell werden in Deutschland und England annähernd gleich viele Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien untergebracht, während die Zahlen der in Heimen lebenden Mädchen und Jungen in Deutschland um ein mehrfaches höher liegen. Besonders arbeitet die Autorin die unterschiedlichen Begründungen und Ziele für eine Unterbringung heraus, die mit erstaunlichen Unterschieden in der Dauer der Hilfegewährung korrespondieren. Während in England ca. 80% der Maßnahmen kürzer als ein Jahr dauern und mehrjährige Aufenthalte selbst in Pflegefamilien kaum vorkommen, überwiegen in Deutschland trotz des selben Trends nach wie vor die mittel- und langfristigen Unterbringungen. Mit dem Einsatz stationärer Hilfen als kurzfristiger und kurzzeitiger Krisenintervention ist in England offensichtlich die unerwünschte Nebenfolge häufiger Einrichtungs- und Familienwechsel verbunden. So nimmt die englische Jugendhilfe die sog. Jugendhilfekarrieren, bei denen die jungen Menschen im Laufe ihres Lebens in unterschiedlichen Familien und Einrichtungen leben, offensichtlich in Kauf, da es ihrem Hauptanliegen der befristeten Intervention und schnellen Rückführung in die Herkunftsfamilie nicht widerspricht.

Auf der Basis der statistischen Befunde gelingt es der Autorin, unterschiedliche normative Erwartungen an die Hilfen und verschiedene Toleranzschwellen bzgl. der Häufigkeit von Hilfeabbrüchen herauszuarbeiten bzw. begründet zu vermuten. Während die stationären Erziehungshilfen in Deutschland noch als eigenständige Sozialisationsinstanzen verstanden werden, hat sich die englische Jugendhilfe, auch aufgrund negativer Erfahrungen mit der Qualität der stationären Einrichtungen, von diesen Ansprüchen weitgehend verabschiedet.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich in erster Linie an interessierte WissenschaftlerInnen. Es ist aber aufgrund seiner guten Lesbarkeit besonders auch für VertreterInnen der Fachverbände und -Organisationen der Jugendhilfe, für Verantwortliche in den Kommunen und Landesbehörden sowie für interessierte Fachkräfte und Studierende empfehlenswert.

Diskussion

Das Buch wirkt vom Titel wie eine Dissertation zu einem speziellen Thema, die lediglich die kleine Wissenschaftlergemeinde anspricht, die sich international vergleichender Sozialarbeitsforschung widmen. Trotz des speziellen Themas und des klassisch wissenschaftlichen Aufbaus bietet sich dem allgemein am Thema "Erziehungshilfe" interessierten Leser mit der Lektüre dieses Buches die Chance, das eigene Jugendhilfesystem und die dort eingebauten Zwänge und Routinen besser zu verstehen.

Das statistische Material wird stets übersichtlich und verständlich präsentiert und durch eigene Auswertungen kommt die Autorin zu nachvollziehbaren Bewertungen und teils überraschenden Schlussfolgerungen. Auch wenn man weiß, dass durch das SGB VIII zwingend eine Einzelfallentscheidung über die richtige Hilfeleistung geboten ist, so lernt man beim Lesen dieser Arbeit, dass die Entscheidungen in Kontexten stehen, die fachliche Urteile und wirtschaftliche Rücksichtnahmen stärker prägen, als man denken würde.

Auch die fachliche Bilanz der Arbeit ist klar: Während die stationären Hilfen in Einrichtungen im internationalen Vergleich sehr gut aussehen, bedarf es im Pflegekinderbereich in Deutschland dringend einer weiteren Qualifizierung und konzeptioneller Differenzierung. Hier kann man direkt von der Praxis in Großbritannien lernen, wo auch ältere Jugendliche und spezielle "Fälle" in besonders qualifizierten Pflegefamilien betreut werden. Das Leben in einer Pflegefamilie wird dabei eher nicht auf Dauer verstanden und somit nicht normativ überansprüchlich beladen.

Fazit

Nicole Knuth hat ein gut lesbares wissenschaftliches Buch geschrieben, das den Zusammenhang von historischen, rechtlichen, administrativen, fachlichen und ökonomischen Entwicklungen und Argumenten hervorragend darstellt. Es wirft durch seinen internationalen Vergleich letztlich auch ein gutes Licht auf den deutschen korporatistischen Wohlfahrtsstaat, der mit seiner Besonderheit der "Freien Wohlfahrtspflege" ein höheres fachliches Niveau garantiert, als das englische Sozialsystem, in dem gerade die freien Verbände erhebliche Qualitäts- und Qualifizierungsrückstände aufweisen.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 29.01.2009 zu: Nicole Knuth: Fremdplatzierungspolitiken. Das System der stationären Jugendhilfe im deutsch-englischen Vergleich. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-1790-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6717.php, Datum des Zugriffs 19.06.2021.


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