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Waldemar Vogelgesang: Jugendliche Aussiedler

Cover Waldemar Vogelgesang: Jugendliche Aussiedler. Zwischen Entwurzelung, Ausgrenzung und Integration. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 232 Seiten. ISBN 978-3-7799-1787-8. 21,00 EUR, CH: 41,50 sFr.

Reihe: Juventa Materialien.
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Thema

Für die Integration junger Spätaussiedler erweisen sich Sprache, Eingliederung in Schule, Ausbildung und Beruf, aber auch die Akzeptanz von Einheimischen als wesentliche Merkmale. Die Eingliederung ist in vielen Fällen mit Problemsituationen verbunden, wobei unzureichende Sprachkenntnisse der Migranten eine führende Rolle spielen. Das Bild junger Spätaussiedler in den Medien und in der öffentlichen Diskussion in Deutschland ist in vielen Fällen eher negativ und klischeehaft: Bestandteil der öffentlichen Diskussion sind in den letzten Jahren zunehmend Berichte, wonach jugendliche Aussiedler sich zu Banden zusammenschließen, bei denen der Konsum von Drogen und Alkohol sowie Gewalt an der Tagesordnung sind.

Allgemeine Charakterisierung

Waldemar Vogelgesang zeigt in seinem Buch typische Integrationsbarrieren junger Spätaussiedler auf und evaluiert sozialpolitische und jugendpädagogische Integrationsmaßnahmen. Dabei stehen sowohl schulische als auch außerschulische Hilfen im Mittelpunkt. Der Autor stellt in seinem Buch die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Jugendliche Aussiedler – zwischen ethnischer Diaspora und neuer Heimat“ dar. Diese Projekt steht im Kontext der Frage nach Möglichkeiten und Grenzen, mit denen die russlanddeutschen Jugendlichen sich bezüglich ihrer individuellen Biografiegestaltung in Deutschland konfrontiert sehen (vgl.S.14) Laut Vogelgesang sind junge Aussiedler „einem erhöhten Risiko ausgesetzt, den Anschluss an eine adäquate schulische und berufliche Ausbildung zu verpassen…“ (S.14)

Die Ausgangslage beschreibt Vogelgesang folgendermaßen: Aussiedler aus den ehemaligen Sowjetstaaten stellen die zweitgrößte Migrantengruppe in Deutschland, von denen insbesondere Kinder und Jugendliche von Mehrfachbenachteiligungen, Negativetikettierungen und sozialen Ausgrenzungserfahrungen geprägt sind. Immer mehr Aussiedlerkinder reisen rein russischsprachig in Deutschland ein. Die Folge ist eine Form von Sprach- und Kulturschock, durch die sie in die Rolle einer ,mitgenommenen Generation“ gedrängt werden, einer Minderheit wider Willen mit einer oft erzwungenen kulturellen Entwurzelung. Wie gehen junge Aussiedler damit um? Die Langzeitstudie untersucht die Herkunftskultur und die spezifischen Lebenslagen junger (Spät-)Aussiedler sowie ihre Integrations- und Desintegrationserfahrungen in der neuen Heimat (vgl. Text auf der letzten Umschlagseite).

Autor

Waldemar Vogelgesang ist wissenschaftlicher Angestellter im Fach Soziologie an der Universität Trier. Er ist Mitbegründer der interdisziplinären Forschungsgruppe „Jugend- und Medienkultur“, die seit 1995 empirisch im Bereich Jugend, Medien- und Kulturforschung arbeitet. Die Arbeitsschwerpunkte des Autors sind Jugend-, Medien- und Bildungssoziologie sowie Kultur- und Migrationsforschung.

Aufbau …

Die vorliegende Studie greift zentrale Aspekte auf, die für eine qualifizierte Betrachtung

der Situation von jungen Aussiedlern von Bedeutung sind. Das Buch gliedert sich in die folgenden Abschnitte:

  1. „Ziele und Fragestellung“
  2. „Theoretischer Bezugsrahmen und methodisches Vorgehen“;
  3. „Deutsche Migranten in Russland: früher und heute“;
  4. „Rückwanderung nach Deutschland“;
  5. „Die „mitgenommene Generation“: Sprach- und Bildungsdefizite“;
  6. „Ausbildung und Beruf“;
  7. „Religion als Integrations- und Desintegrationsfaktor“;
  8. „Delinquentes Verhalten und patriarchalische Wertbindung“
  9. „Formen sozialer Schließung und räumlicher Segregation“;
  10. „Aufprall zweier Welten“.

… und Inhalt

Im ersten Teil der Arbeit („Ziele und Fragestellung“) werden Zielsetzungen und Fragen des Forschungsprojektes „Jugendliche Aussiedler – zwischen ethnischer Diaspora und neuer Heimat“ detailliert und forschungstheoretisch erörtert. Zu Beginn des Kapitels stellt Vogelsang seine Vorgängerstudie dar, die zeigt, „dass sich die Befürworter und die Gegner von Ausländern unter den befragten Jugendlichen in etwa die Waage halten“ (S.14). Der Autor geht ausführlich auf die soziale und gesellschaftspolitische Aktualität des Forschungsprojektes „Jugendliche Aussiedler – zwischen ethnischer Diaspora und neuer Heimat“ ein. Die Unterschiede zwischen der Migrantengruppe der Spätaussiedler und anderen Minderheiten werden aufgelistet.

Im zweiten Teil („Theoretischer Bezugsrahmen und methodisches Vorgehen“) stellt der Autor migrationssoziologische Konzepte und methodisches Vorgehen vor. Im Einzelnen wird es dabei auf den handlungstheoretischen Migrationsansatz von Hartmut Esser, auf die „Race-Relations-Cycle“-Theorie von Robert E. Park und auf die Typen ethnischer Identifikation nach Maria Savoskul eingegangen. Der Forschungsstand wird aufgearbeitet und die Schlüssel-Literatur wird dargelegt.

Im dritten Teil („Deutsche Migranten in Russland: früher und heute“) wird der gesamte Kontext dargestellt, der zum Verständnis der jugendlichen Aussiedler von Interesse ist. Dabei wird die Geschichte der Russlanddeutschen in den vergangenen 250 Jahren nur skizziert. Viel wichtiger scheint dem Autor die aktuelle Situation der Russlanddeutschen in den Herkunftsländern. Der Autor liefert einen Einblick in die Geschichte der Russlanddeutschen in den vergangenen 250 Jahren – von der Ansiedlung der Deutschen im Russischen Zarenreich bis zur Einreise in die Bundesrepublik. Er informiert über die Gründe des Exodus der russlanddeutschen Ethnie und über die Anfänge russlanddeutscher Migration in die Bundesrepublik.

Was mir bereits zu Beginn des Kapitels aufgefallen ist, ist der Titel des ersten Unterkapitels „Die wechselvolle Geschichte der Deutschrussen (A.d.V.)“ Warum eigentlich „Deutschrussen“ und nicht „Russlanddeutsche“? Laut Wikipedia werden als Deutschrussen umgangssprachlich russischsprachige Bevölkerungsgruppen in Deutschland bezeichnet. Der Begriff Russlanddeutsche ist dagegen ein Sammelbegriff für die deutsche Minderheit in der ehemaligen Sowjetunion (vgl. www.de.wikipedia.org). Im vorliegenden Buch geht es um Spätaussiedler, deren Geschichte in den Herkunftsländern in diesem Kapitel dargestellt wird, der Begriff Deutschrussen scheint im wissenschaftlichen Sinne weniger passend zu sein (im russischsprachigen Raum der Nachfolgestaaten der UdSSR ist dieser Begriff unbekannt). Schließlich gibt es genug begriffliche Unklarheiten bzw. wechselnde Bezeichnungen in den Medien und in der öffentlichen Diskussion in Deutschland, wo diese Migrantengruppe als Deutschrussen, Russlanddeutsche, Aussiedler, Spätaussiedler, Deutsche aus Russland, Russen aus Deutschland, Russen aus Russland, die Deutsche geworden sind, etc. bezeichnet wird.

Der Gegenstand des vierten Teils („Rückwanderung nach Deutschland“) ist die rechtliche und statistische Situation der Aussiedler, die aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR zugewandert sind. Es wird dabei auf die rechtlichen Grundlagen der Einreise in die Bundesrepublik eingegangen. Anschließend werden die aussiedlerrelevanten Bevölkerungsdaten und –statistiken dargestellt.

Im fünften Teil der Arbeit („Die „mitgenommene Generation“: Sprach- und Bildungsdefizite“) wird der Lebensbereich Schule und Bildung näher betrachtet, Lern- und Sprachdefizite, die sich sowohl auf die schulische Laufbahn als auch auf die berufliche Ausbildung jugendlicher Aussiedler benachteiligend wirken, werden erörtert. Vogelgesang beschäftigt sich in diesem Kapitel mit den Ursachen für den schulischen Misserfolg, wobei die mitunter gravierenden Sprachschwierigkeiten eine sehr wichtige Rolle spielen.

Ferner zeigt der Autor am Beispiel des Eifel-Gymnasiums in Nienburg, „wie Sprach- und Bildungsförderung für junge Zuwanderer aus den unterschiedlichen Republiken der ehemaligen Sowjetunion konzeptionalisiert und realisiert werden kann“ (S.77).

Im sechsten Teil („Ausbildung und Beruf“) werden Ausbildung und der Einstieg ins Berufsleben als wichtige Phasen für alle Heranwachsenden dargestellt. In Bezug auf Migrantenjugendliche merkt Vogelgesang an, dass der Übergang von der Schule in die Ausbildung vor dem Hintergrund der Bildungsbenachteiligung geschieht. Das betrifft auch jugendliche Aussiedler als Migranten. Der Verfasser geht auf Chancenungleichheit auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ein. Er merkt an, dass er „das Ausmaß beruflicher Prekarität bei den jungen Russlanddeutschen“, auf das er im Rahmen der Studie gestoßen ist, nicht erwartet hat (vgl.S.115). Der Autor sieht den Hauptgrund für die Benachteiligungen der Aussiedlerjugendlichen in der Arbeitswelt in ihren mangelhaften Deutschkenntnissen (vgl.S116), wobei der Sprachkompetenz auch im Ausbildungs- und Berufssektor eine Schlüsselfunktion zukommt. In diesem Kapitel werden zwei Maßnahmen als Fallbeispiele dargestellt, die im schulischen Bereich sowie in der beruflichen Ausbildung die Integration der jugendlichen Aussiedler unterstützen.

Im siebten Teil („Religion als Intergations- und Desintegrationsfaktor“) geht der Autor zunächst auf die konfessionelle Zusammensetzung der Spätaussiedler ein. Ferner wird eine protestantische Gemeinde in Bitburg dargestellt, „die seit Beginn der 1990er Jahre einen großen Zustrom von vornehmlich Russlanddeutschen zu verzeichnen hat“ (S.124).

In diesem Kapitel nimmt Vogelsang Bezug auf die religiöse Gruppe der jüdischen Kontingentflüchtlinge, ein Vergleich von judisch-russischen Jugendlichen mit russisch-deutschen Jugendlichen bezüglich deren Identitätsvorstellung wird vorgenommen.

Im achten Teil („Delinquentes Verhalten und patriarchalische Wertbindung“) beschäftigt sich Vogelgesang zunächst mit der Darstellung jugendlicher Aussiedler in den Medien, die vielfach das Bild von gewalttätigen und agressiven jugendlichen Aussiedlern produzieren. Die empirischen daten lassen dagegen keine großen Abweichungen bezüglich des Delinquenzniveaus zwischen russlanddeutschen und einheimischen Jugendlichen erkennen, wobei eine starke Differenz bezüglich der Deliktformen und insbesondere der Massivität und Brutalität körperlicher Gewalthandlungen besteht (vgl.S.159). Ferner stellt der Autor die Justizvollzugsanstalt Wittich dar, die die Projektgruppe besucht hat, um Näheres über die hier inhaftierten jungen Russlanddeutschen in Erfahrung zu bringen.

Im neunten Teil („Formen sozialer Schließung und räumlicher Segregation“) werden Strategien der Selbstethnisierung im Blick auf vier Alltagskontexte – Familie, Cliquen, Beruf, Wohnen – erörtert. Der Autor liefert einen interessanten Einblick in die Formen der Abschottung und des Rückzugs der Aussiedler, die anhand der Interviewpassagen veranschaulicht werden. Vogelgesang geht auf die Rolle der Familie und der Gleichaltrigengruppen, segregierte Wohnformen ein, untersucht und stellt diasporische Online-Netzwerke dar.

Im zehnten Teil („Aufprall zweier Welten“) werden die Ergednisse der Studie nochmals zusammenfassend dargestellt. Der Autor stellt zu Beginn des Kapitels die Vorstellungen der ausreisewilligen Russlanddeutschen im Vorfeld ihrer Rückwanderung nach Deutschland und vergleicht diese mit der Lebenswirklichkeit in Deutschland. Die Unterschiede zwischen Erwartungen und Erfahrungen werden sichtbar gemacht, sie „können tief greifende Verunsicherungen und desintegrative Formen der Selbstethnisierung nach sich ziehen“ (S.203). Ferner geht es um wichtige Migrationsmotive der Russlanddeutschen, sich als Deutsche unter Deutschen zu fühlen, und um den Wunsch, die Familie wieder um sich zu haben. Vogelgesang untersucht in diesem Kapitel, ob der Wunsch der Russlanddeutschen nach einem besseren Leben sich in Deutschland erfüllt hat.

Abschließend fasst der Verfasser seine mehrjährigen Forschungserfahrungen und –ergebnisse in den unterschiedlichen Lebenswelten der Russlanddeutschen zusammen und stellt seine Überlegungen für ein haupt- und ehrenamtliches Engagement in der Integrationsarbeit dar.

Zielgruppe

In meiner Lesart ist dieses Buch besonders empfehlenswert für VertreterInnen der Integrationsarbeit und diejenigen, die es werden wollen, für die sich neue, wertvolle Einblicke und Erkenntnisse bieten. Darüber hinaus kann das Werk LehrerInnen und Fachkräfte der Jugendhilfe zahlreiche Anregungen für ihre praktische Arbeit finden.

Fazit

Neuerscheinungen über die Integration jugendlicher Spätaussiedler sind keine Seltenheit, was die Aktualität des Themas beweist. Das Buch von Waldemar Vogelgesang zeichnet sich nicht nur durch den aktuellen thematischen Bezug aus, sondern auch durch einen Beitrag zur Schließung bestehender Forschungslücken. Der Aufbau des Fachbuches ist gut gegliedert und es lässt sich durch die verständliche Sprache leicht lesen.


Rezensentin
Dr. Olga Frik
Finanzuniversität Omsk, Russische Föderation. Ehemalige Lehrbeauftragte und Gastwissenschaftlerin an der Leibniz-Universität Hannover
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Zitiervorschlag
Olga Frik. Rezension vom 04.05.2009 zu: Waldemar Vogelgesang: Jugendliche Aussiedler. Zwischen Entwurzelung, Ausgrenzung und Integration. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-1787-8. Reihe: Juventa Materialien. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6719.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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