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Thomas Meysen, Lydia Schönecker u.a.: Frühe Hilfen im Kinderschutz

Cover Thomas Meysen, Lydia Schönecker, Heinz Kindler: Frühe Hilfen im Kinderschutz. Rechtliche Rahmenbedingungen und Risikodiagnostik in der Kooperation von Gesundheits- und Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 262 Seiten. ISBN 978-3-7799-2260-5. 21,00 EUR.

Reihe: Studien und Praxishilfen zum Kinderschutz.
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Autoren

Dr. Thomas Meysen ist fachlicher Leiter des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) e.V., Lydia Schönecker ist dort Referentin für Kinder- und Jugendhilferecht, Dr. Heinz Kindler ist wissenschaftlicher Referent am Deutschen Jugendinstitut.

Thema

Frühen und rechtzeitigen Hilfen kommt im Kinderschutz eine zentrale Bedeutung zu. Säuglinge und Kleinkinder sind besonders verwundbar; frühe Kindheitserfahrungen beeinflussen die folgende körperliche und sozial-emotionale Entwicklung irreversibel. In diesem Alter sind sie auf umfassende Versorgung und Betreuung angewiesen. In dieser engen Verwobenheit von Entwicklung und Beziehungsabhängigkeit liegt aber auch die Chance einer frühen Förderung elterlicher Erziehungs- und Beziehungskompetenzen.

Aufbau und Inhalt

In der Einführung betonen Ute Ziegenhain und Jörg Fegert die Bedeutung früher und präventiver Hilfen im Kinderschutz. Sie benennen als Praxisprobleme den Bedarf an empirisch abgesicherten Screening- und Diagnoseverfahren sowie die Notwendigkeit der Verbesserung der Kooperation an der Schnittstelle Gesundheitshilfe und Jugendhilfe und verweisen auf das Modellprojekt „Guter Start ins Kinderleben“, das in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz und Thüringen an jeweils zwei Standorten durchgeführt wurde.

Im Folgenden erläutern Thomas Meysen und Lydia Schönecker den rechtlichen Rahmen der Kooperation im Kinderschutz. In einer gelingenden Kooperation sind der Fluss und der Austausch von Information von entscheidender Bedeutung. Diese Informationen unterliegen dem Datenschutz, der auch die Vertrauensbeziehung zwischen Helfenden und Hilfeempfängern schützt. Die Autoren stellen allgemeine Grundsätze dar und gehen dann auf Fragen der Informationsgewinnung und der Informationsweitergabe ein, wobei sie die Belange der Stellen und Berufsgruppen der Jugendhilfe und der Gesundheitshilfe getrennt besprechen.

Damit die Praxis gelingen kann, stellen die Autoren das Prinzip „Mitteilen statt melden“ heraus. Sie machen deutlich, dass mit der Informationsweitergabe nicht die Verantwortung abgegeben wird; die Verantwortung sollte gemeinsam mit dem Jugendamt weiter getragen werden. Nach Möglichkeit sollte bei den Sorgeberechtigten um die Inanspruchnahme der Hilfen geworben und dazu Brücken gebaut werden. Es gibt jedoch auch Grenzen der Freiwilligkeit, die ein sofortiges Tätigwerden erfordern.

In einem eigenen Kapitel wird über die Zuständigkeiten informiert, vor und nach der Geburt, Jugend- und Gesundheitshilfe bis hin zur Frühförderung. Enge Grenzen der Hilfen setzen die Finanzierungsmodalitäten, besonders Beratung und Kooperation wird durchweg zu wenig oder gar nicht honoriert. Als besonders schwierig erweist sich die Einbindung der Krankenkassen, deren Spitzenverbände zum Beispiel den Ruf nach Unterstützung durch Familienhebammen überhört oder geflissentlich übergangen haben.

Das Screening von Risikofaktoren kann das Hilfsangebot qualifizieren und die Hilfebeziehung stärken, dabei sind aber Datenschutzfragen von zentraler Bedeutung. So ist in Bayern zum Beispiel ein Screening ohne Einverständnis der Eltern nicht zulässig, da hier eine gesetzliche Verpflichtung zur Weitergabe von gewichtigen Anhaltspunkten zur Kindeswohlgefährdung unterhalb der Schwelle des rechtfertigenden Notstands den geschützten Raum der Vertrauensbeziehung verletzen würde.

Im Folgenden wird die Entwicklungen in der Gesetzgebung des Bundes und der Länder beleuchtet. Die Autoren kommen zu dem Resümee „Die Schnelligkeit, mit welcher gesetzliche Regelungen zum Kinderschutz in den letzten Jahren erarbeitet und verabschiedet wurden, steht in umgekehrt proportionalem Verhältnis zur Qualifizierung des Kinderschutzes, den sie erreichen“ (S. 156); bewährt habe sich jedoch der § 8a SGB VIII.

Im abschließenden Teil erarbeitet Heinz Kindler die fachlichen Grundlagen eines Risikoinventars. Er stellt die Logik der Forschung zu Risikofaktoren und Risikoeinschätzung dar, formuliert Qualitätskriterien für ein Risikoinventar, berichtet über zwei Literaturrecherchen zu Risikofaktoren für frühe Vernachlässigung bzw. Misshandlung und für frühe Erziehungsschwierigkeiten und Entwicklungsauffälligkeiten und analysiert international bereits vorliegende Risikoinventare im Bereich früher Hilfen.

Anwendbare Verfahren stellen immer einen Kompromiss zwischen akzeptablem Aufwand und aussagekräftigen Ergebnissen dar. Ausgehend von den vorgestellten Analysen wurde ein „Anhaltbogen“ als erster Baustein in einem Screening entwickelt; werden in diesem Auffälligkeiten registriert, wird ein vertiefendes Gespräch und eine genauere Risikoeinschätzung empfohlen. Der Anhaltbogen besteht nur aus fünf Punkten, im Screeningbogen werden diese Punkte differenzierter erfasst. Dieses Instrument wurde an einer Geburtshilfeklinik erfolgreich ausprobiert.

Zielgruppen

Alle Berufsgruppen, die mit (kleinen) Kindern arbeiten, im Gesundheits-, Erziehung-, Erziehungshilfe-, Jugendhilfe- und Behindertenbereich usw.

Fazit

Auch bei einem flächendeckenden Ausbau qualifizierter früher Hilfen wird es nicht gelingen, frühe Vernachlässigung und Missbrauch vollständig zu verhindern. Kenntnisse der rechtlichen Grundlagen bei allen Beteiligten eines Hilfeprozess sowie aussagekräftige Verfahren zur Risikoerkennung sind Grundvoraussetzungen für den langfristigen Aufbau eines zufrieden stellenden Hilfesystems. Familien, die betroffen sind, müssen zuverlässig erkennt werden, damit (präventive) Hilfen angeboten werden können. Um diesen Prozess zu intensivieren und zu befördern, kann dieses Buch einen Beitrag leisten.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 20.05.2009 zu: Thomas Meysen, Lydia Schönecker, Heinz Kindler: Frühe Hilfen im Kinderschutz. Rechtliche Rahmenbedingungen und Risikodiagnostik in der Kooperation von Gesundheits- und Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-2260-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6720.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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