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Natalie Eppler: Mythos Sucht (Heroinvergabe)

Cover Natalie Eppler: Mythos Sucht. Heroinvergabe - Chance oder Endstation. Tectum-Verlag (Marburg) 2008. 209 Seiten. ISBN 978-3-8288-9660-4. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema

Der Titel dieses Buches ist ein Augenfänger, weil er verspricht, unterschiedliche interessante Themen des Suchtbereichs zu verknüpfen. Das Interesse am Buch wird noch durch den Klappentext genährt, wo das dort aufgeführte Wort „Paradigmenwechsel“ auffällt und man ist gespannt, was damit wohl gemeint ist.

Aufbau

Das Buch hat folgende Hauptkapitel:

  • Einführung,
  • Begriffsbestimmungen,
  • Historischer Hintergrund,
  • Anthropologische Aspekte (hier werden kursiv Suchterklärungsmodelle vorgestellt),
  • Drogenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland,
  • Drogengebraucher in Deutschland,
  • Alternativen zur repressiven Drogenpolitik,
  • Selbstausstieg,
  • die Situation in der Schweiz,
  • das wissenschaftliche Modellprojekt zur staatlich kontrollierten Heroinabgabe in der Bundesrepublik Deutschland,
  • Empirie (Beschreibung der kleinen durchgeführte qualitativen Studie),
  • Darstellung der Ergebnisse,
  • kritische Auseinandersetzung mit der Heroinvergabe unter Einbeziehung der Interviews,
  • Schlussbetrachtung.

Entstehungshintergrund und Inhalte

Als Grundlage für das Buch soll eine Diplomarbeit im Bereich Pädagogik an einer Hochschule gedient haben und tatsächlich macht das Buch generell den Eindruck einer schlecht betreuten Diplomarbeit. Wie ich von meinen eigenen Betreuungen weiss, tendieren Diplomanden oft dazu, zu wenig über zu viel zu sagen und es macht immer wieder Mühe, zu vermitteln, dass mehr zu weniger sagen, den Aussagegehalt deutlich steigern würde. So werden im Buch in einer Abortivform geschichtliche Aspekte, Erklärungsmodelle zu Sucht, Drogenpolitik, das Thema Selbstausstieg und Synanon gestreift. Der aktuell wichtige Diskurs zwischen Sozialwissenschaften und Neurobiologie zu Entstehung von Sucht wurde schlicht ausgeblendet. Die Autorin behauptet, „eine ausführliche Literaturrecherche“ vorgenommen zu haben. Allerdings macht die zitierte Literatur den Eindruck, dass ihr nur Bücher einer mässig assortierten Institutsbibliothek in die Hand gerieten. So besteht die verwendete Literatur ausschliesslich aus deutschsprachigen Büchern und ein paar „technical reports“ mit den ihnen innewohnenden Problemen. Eine Publikation kann erst als wissenschaftlich akzeptiert gelten, wenn sie den Reviewprozess eines wissenschaftlichen Journals überstanden hat und diese Publikationen sind nun halt mal heute alle auf Englisch, der Lingua franca der Wissenschaft. Abgeschlossene Projekte zur Heroinvergabe, um die es im Buch ja schwergewichtig gehen soll, haben neben der Schweiz und Deutschland ja auch in Holland, Spanien und Kanada stattgefunden und die Resultate sind zum guten Teil schon publiziert, wurden aber nicht berücksichtigt. Bedenklich scheint auch, dass diverse Literaturzitate nicht aus den Originalarbeiten stammen, sondern aus der Sekundärliteratur. So findet z.B. Thomas Szasz, der „Godfather“ des von der Autorin mehrmals gelobten „Konstruktivistischen Ansatz“, nur in einer sekundären Quelle Erwähnung. Ich habe nicht alle Quellenangaben geprüft, habe aber Zweifel, ob alles korrekt ist. Ich bin im Text auf eine Aussage gestossen, die eigentlich nur von mir selber stammen konnte. Sie wird im Buch dem Herausgeber des betreffenden Buches, wo sich meine Aussage finden lässt, zugeschrieben, immerhin stimmt die Seitenzahl. Lobend zu erwähnen ist, dass sich die Autorin die Mühe gemacht hat, die polykopierten hunderten von Seiten der Projektbeschreibungen zur Heroinverschreibung aus der Schweiz und Deutschland zusammen zu fassen, wie auch die Geschichte der Betäubungsmittelgesetze der beiden Ländern. Dieser Teil ist recht gut gelungen.

Die Autorin erwähnt schon in der Einleitung ihres Buches, dass sie dem Überhang an quantitativer Forschung eine qualitative Forschung entgegenstellen will. Sie hat deshalb 6 Interviews mit Leuten geführt, die aus der Heroinszene ausgestiegen sind, um Schlüsse ziehen zu können, wie die Heroinvergabe verbessert werden müsste. Schon bei der Darstellung der Interviews, die leider etwas dünn geraten sind, kann die Autorin es nicht unterlassen, Kommentare und Spekulationen einfliessen zu lassen. Auch wird keine stringente Auswertungsstrategie ersichtlich. Das Buch endet mit einer Anhäufung von Behauptungen und Spekulationen, die zum Teil richtig sein mögen, zum Teil auch sicher falsch sind, ohne im vorangehenden Text eine wirkliche Evidenz dazu herausgearbeitet zu haben.

Fazit

So wird nichts von den Versprechen des Titels eingehalten. Und die berechtigte Hauptkritik an den beiden erwähnten Heroinvergabe-Projekten aus der Schweiz und Deutschland, dass sich in beiden Ländern Politik und Verwaltung auf unerhörte und noch nie dagewesene Weise in die Ausgestaltung eines wissenschaftlichen Versuchsplans eingemischt haben, scheint der Autorin letztlich entgangen zu sein.


Rezensent
Dr. med. Robert Hämmig
Psychiatrie & Psychotherapie FMH, Leitender Arzt Schwerpunkt Sucht, Universitätsklinik für Psychiatrie & Psychotherapie, Universitäre Psychiatrische Dienste Bern
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Zitiervorschlag
Robert Hämmig. Rezension vom 02.06.2009 zu: Natalie Eppler: Mythos Sucht. Heroinvergabe - Chance oder Endstation. Tectum-Verlag (Marburg) 2008. ISBN 978-3-8288-9660-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6732.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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