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Almut Zeeck: Essstörungen. Wissen, was stimmt

Cover Almut Zeeck: Essstörungen. Wissen, was stimmt. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. 128 Seiten. ISBN 978-3-451-05772-4. D: 7,95 EUR, A: 8,20 EUR, CH: 14,90 sFr.

Reihe: Herder-Spektrum - Band 5772.
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Autorin

Dr. med. habil. Almut Zeeck ist Fachärztin für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie. Sie leitet die Spezialambulanz Essstörungen an der Universitätsklinik Freiburg.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung betont die Autorin, dass es in diesem Buch um zentrale Fragen und Vorurteile zum Thema Essstörungen gehe. Das in der Herder-spektrum-Reihe „Wissen was stimmt erschienene Taschenbuch will – wie auf der Rückseite des Buches zu lesen ist – „die Antworten auf die wichtigsten Fragen“ zum Thema Essstörungen geben.

Das Hauptkapitel „Was sind Essstörungen?“ gliedert sich in Unterkapitel mit Titeln wie beispielsweise:

  • „Essstörungen sind ein Spleen junger Frauen“,
  • „Magersüchtige haben nie Hunger“,
  • „Bulimiker sind Magersüchtige ohne Disziplin“,
  • „Bulimiker sind verantwortungslos: Sie erbrechen Nahrung, während andere in der Welt hungern“,
  • „Essstörungen sind eine Mädchenkrankheit“,
  • „Essstörungen nehmen immer mehr zu“,
  • „Essstörungen sind eine Luxuskrankheit der reichen Industrieländer“.

Auf den Seiten 13 bis 27 findet sich eine gute Beschreibung der Krankheitsbilder Anorexia nervosa und Bulimia nervosa. Auf die Binge-Eating-Störung wird nur ganz kurz eingegangen. Das Kapitel zu so genannten „typischen Temperaments- und Charakterzügen“ von essgestörten Personen erscheint eher wenig differenziert, wenn auch bei Weitem nicht so stigmatisierend und unsensibel, wie in manch anderen Büchern zum Thema Essstörungen mit diesem Themenbereich umgegangen wird. Sehr wichtig und hilfreich ist der Hinweis, dass die Gefahr besteht, bei schweren Essstörungen zu häufig (ungerechtfertigter Weise) auch eine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren (S. 39).

Es folgt das Hauptkapitel „Ursachen von Essstörungen“, dessen Unterkapitel ebenfalls in Form von gängigen Vorurteilen bzw. Behauptungen zum Thema Essstörungen tituliert sind. Einige Vorurteile werden nur teilweise relativiert, manche Themen werden etwas zu wenig differenziert behandelt und die vielschichtigen Ursachen für Essstörungen werden lediglich unvollständig dargestellt.

Das letzte Hauptkapitel „Behandlung und Verlauf von Essstörungen“ enthält die Unterkapitel

  • „Magersüchtige müssen nur wollen, dann können sie auch wieder essen“,
  • „Essgestörte verleugnen ihre Erkrankung“,
  • „Es braucht eine strenge Kontrolle“,
  • „Es braucht vor allem Zuwendung und Liebe“,
  • „Es braucht nur den richtigen Therapeuten“,
  • „Es braucht Medikamente“,
  • „Nach dem Klinikaufenthalt wird alles wieder gut“,
  • „Essstörungen machen den Körper kaputt“ und
  • „Einmal magersüchtig, immer magersüchtig“.

Das Unterkapitel „Essstörungen machen den Körper kaputt“ beschreibt die gesundheitlichen Folgen von Magersucht und Bulimie sehr gut und prägnant. Bei der Darstellung von Therapieansätzen beschränkt sich die Autorin vorwiegend auf kognitiv-verhaltenstherapeutische und psychoanalytisch-psychodynamische Ansätze. Wichtig – vor allem für Betroffene und deren Angehörige – ist der Hinweis, dass an den der Essstörung zugrunde liegenden, tiefer gehenden Konflikten meistens erst dann effizient psychotherapeutisch gearbeitet werden kann, nachdem ein gesünderes Gewicht bzw. ein gesünderes Essverhalten wieder erreicht worden ist. Ebenso wichtig ist der Hinweis, dass sich an einen Klinikaufenthalt eine längere ambulante Therapie anschließen sollte und dass ein Klinikaufenthalt immer nur einen „ersten Einstieg in eine Veränderung“ darstellen kann (S. 109).

Im Anhang findet sich ein 1-seitiges Literaturverzeichnis mit insgesamt elf Zitationen.

Fazit

Im Klappentext steht, dass die Autorin in diesem Taschenbuch über Essstörungen „zeigt, was wirklich stimmt“. Das ist ein sehr hoher Anspruch, angesichts der Komplexität des Themas vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Essstörungen zu den in den letzten dreißig Jahren am meisten beforschten psychiatrischen Erkrankungsbildern zählen. Die wichtigsten medizinischen Fragen werden in diesem Buch gut beantwortet. Gesellschaftliche Ursachen für Essstörungen werden vorwiegend auf Basis des Themas „Schlankheitsideal“ am Rande abgehandelt. Dabei ist – spätestens seit den Arbeiten von Susie Orbach und Christina von Braun – bekannt, dass die gesellschaftlichen Ursachen wesentlich weit reichender und tiefer liegender sind. Ein umfassender, differenzierter, kritischer Blick auf Therapiemöglichkeiten fehlt. Dass die Autorin von Essstörungen Betroffene grundsätzlich wertschätzt, ist im Text spürbar. Das Literaturverzeichnis ist – mit ganzen elf Zitationen – für ein so komplexes Thema dürftig. Das sehr preisgünstige Buch gibt einen guten, wenn auch nicht sehr differenzierten, Überblick zum Thema Essstörungen und ist daher grundsätzlich empfehlenswert. Es erscheint jedoch ratsam, parallel dazu autobiographische Berichte von Betroffenen zu lesen oder Klassiker, wie beispielsweise „Der goldene Käfig – Das Rätsel der Magersucht“ von Hilde Bruch oder mit vielen Fallbeispielen ausgestattete Texte, wie z.B. das Buch „Wie lasse ich meine Bulimie verhungern“ von Margret Gröne.


Rezensentin
Prof. Dr.phil. Dr.rer.nat. Annemarie Rettenwander
Professorin für Psychologie – Organisationspsychologie, Kommunikationspsychologie und Psychologie der Essstörungen an der Hochschule Niederrhein/ Mönchengladbach
Homepage web.hs-niederrhein.de/oecotrophologie/ueber-den-fac ...


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Zitiervorschlag
Annemarie Rettenwander. Rezension vom 05.02.2009 zu: Almut Zeeck: Essstörungen. Wissen, was stimmt. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2008. ISBN 978-3-451-05772-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6734.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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