Barbara Rendtorff, Annedore Prengel (Hrsg.): Kinder und ihr Geschlecht
Rezensiert von Prof. Dr. Andrea Platte, 23.02.2009
Barbara Rendtorff, Annedore Prengel (Hrsg.): Kinder und ihr Geschlecht.
Verlag Barbara Budrich GmbH
(Opladen, Berlin, Toronto) 2008.
229 Seiten.
ISBN 978-3-86649-181-6.
D: 24,90 EUR,
A: 25,60 EUR,
CH: 44,00 sFr.
Reihe: Jahrbuch der Frauen- und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft - Folge 4.
Thema und Entstehungshintergrund
Das vierte Jahrbuch der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft vereint 17 Beiträge zum Schwerpunktthema „Kindheit und Geschlecht“, darunter Berichte aus laufenden Forschungsprojekten und Rezensionen. Die seit 2005 erscheinenden Jahrbücher verstehen sich als Dokumentation und als Teil eines Forums für wissenschaftliche Diskurse mit dem Ziel, „neue Erkenntnisse und Befunde zugänglich [zu] machen, Kritiken und Anregungen [zu] formulieren und so in der Erziehungswissenschaft der Perspektive der Geschlechterforschung Gewicht zu verleihen“ (Rendtorff/ Prengel 2008, S. 224). Die vorangegangenen Bände behandelten die Schwerpunktthemen „Geschlechterforschung in der Kritik“ (1/2005), „Geschlechtertypisierungen im Kontext von Familie und Schule“ (2/2006) und „Ökonomie der Geschlechter (3/2007).
Aufbau
Im Anschluss an die Einführung der Herausgeberinnen – in der ein umfassender Überblick zum Diskurs im deutsch- und englischsprachigen Raum gegeben wird – und einen Gastbeitrag (Rivers, Caryl/ Barnett, Rose: The different myth: We shouldn‘ t believe the increasingla popular claims that boys and girls think differently, learn differently and need to be treated differently) sind die Beiträge der deutschsprachigen Autorinnen und Autoren (abweichend von der bisher üblichen Form des Jahrbuchs, vgl. Prengel/ Rendtorff, S.20) in vier Kapitel aufgeteilt.
Das erste Kapitel unter dem Titel „Beiträge“ beinhaltet zwei sozialwissenschaftliche:
- Andresen, Sabine: „Kinder und soziale Ungleichheit“ und
- Kuhn, Hans Peter: Geschlechterverhältnisse in der Schule: Sind die Jungen jetzt benachteiligt?“)
und zwei sexualwissenschaftliche Studien
- (Schmauch, Ulrike: Gleichgeschlechtliche Orientierung von Mädchen und Jungen – Eine Herausforderung an die Pädagogik“ und
- Zeiske, Anja/ Klein, Alexandra/ Oswald, Hans: Die Lust beim ersten Mal: Jugendliche und die Bewertung ihres ersten Geschlechtsverkehrs.
Im zweiten Kapitel „Aus der Forschung“ werden drei Forschungsberichte zusammen gefasst:
- Hellmich, Frank/ Jahnke-Klein, Sylvia: Selbstbezogene Kognitionen von Mädchen und Jungen im Mathematikunterricht der Grundschule;
- Michalek, Ruth/ Fuhr, Thomas: Hegemonialität und Akzeptanz von Abweichung in Jungengruppen. Empirische Studie zum Umgang mit Opposition;
- Mücke, Stephan/ Schründer-Lenzen, Agi: zur Parallelität der Schulleistungsentwicklung von Jungen und Mädchen im Verlauf der Grundschule.
Das dritte Kapitel „Work in Progress“ stellt Zwischenberichte aus noch unabgeschlossenen Studien vor:
- Rabl, Christine/ Sattler, Elisabeth: Anderssein – Anderswerden. Zur Revision der Relationierung von Kindheit und Geschlecht aus differenztheoretischer Sicht;
- Wopfner, Gabriele: Zeichnungen als Schlüssel zu kindlichen Vorstellungen von Geschlechterbeziehungen;
- Wiesemann, Jutta: Schulischer Erfolg ist weiblich. Welche schulische Praxis verbirgt sich hinter den Zahlen der Schulstatistik?;
- Kasüschke, Dagmar: Geschlechtsbezogene Wissenskonzepte von Kindern unter sechs Jahren – ein Problemaufriss.
Der für das Jahrbuch übliche Rezensionsteil enthält drei Besprechungen aktueller deutschsprachiger Publikationen und eine Rezension zu einer englischsprachigen Veröffentlichung.
Diskussion
Die Bedeutung theoretisch fundierter Reflexion für den Diskurs zu Kindheit und Geschlecht wird sowohl in den Beiträgen, als auch in der Einführung der Herausgeberinnen deutlich – diese zeigen sie exemplarisch auf an der Thematik der „scheinbar gegenüber den Mädchen bestehenden Leistungsschwäche von Jungen in der Schule“ (Rendtorff/ Prengel 2008, S.13). Dass gerade die Gegenüberstellung der schulischen Leistungen von Jungen und Mädchen ein aktuell viel diskutiertes Thema mit unterschiedlichen Interpretationszugängen darstellt, zeigen u. a. die Beiträge von Kuhn, von Hellmich/ Jahnke-Klein und von Mücke/ Schründer-Lenzen.
Einblick in einzelne Beiträge
- Sabine Andresen belegt auf der Basis der Sozialisationstheorie Urie Bronfenbrenners mit Teilergebnissen von zwei aktuellen Studien der Kindheitsforschung – beide sehen Kinder als Expert/innen ihrer Erfahrungswelt – das „Ineinandergreifen von klassen- und gesellschaftsspezifisch bedingter Ungleichheit vom frühen Kindesalter an“ (S.47). Dabei geht sie von zwei Thesen aus: Zum einen sollte die Kindheitsforschung das Zusammenspiel von Klasse und Geschlecht stärker in den Blick nehmen, um das Hervorbringen sozialer Ungleichheit zu erklären. Zum anderen kann gerade die Orientierung der Kindheitsforschung an den Kindern als Akteur/innen und Expert/innen dieses Ineinandergreifen aufdecken.
- Hans Peter Kuhn stellt die Frage der Geschlechterverhältnisse aus der zunehmend eingenommenen Perspektive der Benachteiligung von Jungen. Ausgehend von der Einschätzung, dass die Gemeinsamkeit der Geschlechter im Bereich Schule und Bildung gegenüber den Unterschieden deutlich überwiegt, untersucht er aus Sicht der Forschung in einer Bestandsaufnahme von empirisch qualitativen Studien die vier häufig genannten Erklärungsansätze für die Benachteiligung von Jungen im Bildungssystem. Dabei stellt er die niedrigere Bildungsbeteiligung (1) als größten erkennbaren Nachteil heraus (und erkennt hier eine Parallele zur Benachteiligung von Kindern aus niedrigeren sozialen Schichten). Die feminine schulische Subkultur (2) sieht er als Erklärungsfaktor empirisch nicht belegt, ebenso fehlen Studien über den Einfluss struktureller Faktoren (3). Der Erklärungsansatz, dass die Jungensozialisation zu deutlich weniger schuladaptiven Einstellungen und Verhaltensweisen und damit zu weniger positiver Verknüpfung von Schule und Freizeit führe (4), lässt als Lösungsansatz ein „größeres Angebot an strukturierten Freizeitaktivitäten für Jungen“ (Kuhn 2008, S.68) assoziieren.
- Mit der Behandlung der gleichgeschlechtlichen Orientierung von Mädchen und Jungen spricht der Beitrag von Ulrike Schmauch eine „Herausforderung an die Pädagogik“ an, die bisher noch wenig Berücksichtigung fand. Die Autorin fragt danach, wie pädagogische Fachkräfte Jugendliche, die sich homosexuell entwickeln, unterstützen können. Sie empfiehlt, das Thema in Konzeption und Leitbild sozialer und pädagogischer Einrichtungen einzubetten als einen Qualitätsstandard dafür, dass „Liebes- und Lebensweisen Vielfalt zulassen“ (Schmauch 2008, S.87).
- Vor dem Hintergrund der in internationalen Vergleichsstudien festgestellten geschlechtsspezifischen Differenzen von Schulleistungen im Sekundarbereich fragt die von Stephan Mücke und Agi Schründer/ Lenzen vorgestellte Berliner Längsschnittstudie zur Lesekompetenzentwicklung von Grundschulkindern (BeLesen) nach dem Ausmaß und der Entwicklung dieser geschlechtsspezifischen Leistungsunterschiede in den ersten vier Schuljahren. Obwohl auch hier insgesamt die Leistungsentwicklung bei Mädchen etwas günstiger verläuft als bei Jungen „…erstaunt insgesamt die Geringfügigkeit der schulleistungsbezogenen Differenzen“ (Mücke/ Schründer-Lenzen 2008, S.142). Interessant ist auch in diesem Beitrag die Bezugnahme zur „vielfach risikobelasteten Lernsituation der Kinder mit Migrationshintergrund“, die als dominantes Thema für die hier betroffenen Lehrkräfte formuliert wird und damit das Zusammenspiel mehrere Heterogenitätsdimensionen (vgl. das Ineinandergreifen von Klasse und Geschlecht im Beitrag von Sabine Andresen).
- Die „Revision“ der Begriffe von Kindheit und Geschlecht im nachfolgenden Artikel von Christine Rabl und Elisabeth Sattler schließt sich insofern an, als auch hier die Differenzkategorie „Geschlecht“ in Beziehung zu einer weiteren gesetzt wird: Die „besondere Verwobenheit“ (Rabl/ Sattler 2008, 149) von Lebensalter und Geschlecht ist Ausgangspunkt für die Frage nach dem Anderssein und Anderswerden. Sie weist vor allem auch auf die Perspektivität hin, die alle Untersuchungen prägt und die zumeist vom Blickwinkel des „Erwachsenen“ in Richtung des Forschungsgegenstandes „Kind/Kindheit“ gerichtet ist.
- Gabriele Wopfner wertet in ihrem Dissertationsprojekt mit der dokumentarischen Methode der Bildinterpretation Zeichnungen von Kindern der 6. Klasse aus verschiedensten Einzugsgebieten österreichischer Schulen aus. Die vorläufige Auswertung veranlasst zu der Hypothese, „…dass sie (die Kinder, A.P.) sowohl Geschlechtsidentität (gender identity) als auch Geschlechtsvielfalt (gender multiplicity) brauchen, um sich als Person erleben zu können“ (Wopfner 2008, 175). Auch diese Studie blickt auf der Suche nach Hinweisen auf eine Auseinandersetzung mit der Geschlechtsidentität auf „alters- und/oder geschlechtstypische Differenzen“ (ebd.).
Fazit
Durch die Unterschiedlichkeit der Beiträge liefert der Band einen facettenreichen Einblick in den Diskurs um Kindheit und Geschlecht, der seinem Anliegen des wissenschaftlichen Austausches u. a. durch die Vorstellung von Zwischenergebnissen, die auf ihre Weiterführung neugierig machen, gerecht wird. Dabei scheinen die Beiträge durch die Berücksichtigung von Vielfalt in Bezug auf Lebenswelten (Rabl/ Sattler 2008, S.150) und Entwicklungsprozesse, die über die Frage der Unterschiedlichkeit der Geschlechter hinausgeht, verbunden zu sein. Auch die in der Einleitung herausgestellte Bedeutung der Kindheitsforschung zur Gewinnung neuer Erkenntnisse (Prengel/ Rendtorff 2008, S. 19) wird in mehreren Artikeln formuliert.
Lesenswert ist der Band im Sinne des angestrebten Forums für Kolleg/innen, die am Diskurs beteiligt sind, mit ähnlichen Schwerpunkten forschen und Fragen der Geschlechterentwicklung in Forschung und Lehre verfolgen. Interessant sind einzelne Beiträge darüber hinaus für die Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Bildungsprozessen im Rahmen des Umgangs mit Heterogenität in erziehungswissenschaftlichen Studiengängen: Die Bewusstwerdung über Erkenntnisse zur Geschlechtsidentität als einer Heterogenitätsdimension ist für den erziehungswissenschaftlichen Diskurs ebenso notwendig wie für den Wert schätzenden Umgang mit Individualität, Gemeinsamkeit und Verschiedenheit in der pädagogischen Praxis.
Auffällig ist die Tatsache, dass trotz des Titels „Kinder und ihr Geschlecht“, der nicht ein Geschlecht fokussiert (im Unterschied etwa zum Begriff der „Frauen- und Geschlechterforschung“), unter den 25 Autor/innen lediglich fünf Männer vertreten sind.
Rezension von
Prof. Dr. Andrea Platte
Professorin für Bildungdidaktik an der TH Köln
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