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Günter Grass, Daniela Dahn u.a. (Hrsg.): In einem reichen Land [...]

Cover Günter Grass, Daniela Dahn, Johano Strasser (Hrsg.): In einem reichen Land: Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Steidl (Göttingen) 2002. 640 Seiten. ISBN 978-3-88243-841-3. 34,00 EUR.

Auch lieferbar als Taschenbuch: dtv (München) 2004. - 639 S. (dtv Band 34131)ISBN 3-423-34131-9. EUR 16.50, sfr 28.30.
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Hintergrund

"Das Elend der Welt", herausgegeben von Bourdieu und anderen (Konstanz 1977), ist das erklärte Vorbild der vorliegenden Veröffentlichung, die sich freilich in Methode und Anspruch von jener unterscheidet. Der Stil der Beiträge ist meist journalistisch, reportierend, porträtierend, gelegentlich essayistisch und polemisch. Es geht weniger um wissenschaftliche Erhebung als um eine literarische Aufarbeitung von Lebenslagen und Lebensläufen, die, getreu dem Vers der Dreigroschenoper, aus der öffentlichen Sichtbarkeit von Information und Unterhaltung in der Regel ferngehalten werden. Dass man die im Dunkeln sehe, ist das Ziel des deutschen Bandes wie des französischen. Die Absicht ist beide Male auch eine politische und kulturelle: eingeklagt wird die soziale Verantwortung, die der Staat, die Politik, aber auch der Einzelne für diejenigen trägt, die unter der Last der Verhältnisse zusammenbrechen oder zusammen zu brechen drohen, die sich verbiegen müssen oder für ihre Abweichungen gestraft werden. - Das Buch ist dem Andenken von Pierre Bourdieu gewidmet.

Aufbau und Inhalt

Der Band vereinigt 46 Autoren, etwa ein Drittel davon mit DDR-Vergangenheit, deren 55 Beiträge auf fünf Hauptstücke verteilt sind. Jeden Teil beschließt ein Fotoessay. Im ersten Teil - "Wirtschaft total liberal" - geht es um die Arbeitswelt: Teilzeitarbeit bei Frauen und Büroarbeit, Selbständigkeit und gescheiterte Existenzgründung im Osten nach 1990, Mobbing im Betrieb, aber auch um einen Kampf städtischer Busfahrer gegen die Privatisierung des öffentlichen Nahverkehrs und um Alternativen wie die Sozialistische Sebsthilfe Mühlheim. Der zweite Teil - "Der Preis der Anpassung" - enthält einige Essays zur Institutionenkritik - Hochschule, Fernsehen, Zeitungen, Parlament - unter dem Aspekt der Durchsetzung von Routine und Konformismus. Es sind, wie man vermuten darf, vor allem die Autoren selbst, die daran leiden. Weitere Aufsätze befassen sich mit dem Gesundheitssystem, u.a. mit dem Alltag in einer allgemeinmedizinischen Praxis in Köln. Der dritte Teil - "Die Familie als kleinster Markt" - beginnt mit der Erziehung unter den Prinzipien von Selektion, Leistung, Hierarchie und Egosimus und endet mit einem Essay über die Barbarisierung des Alters im Zeichen von Konsum und Infantilisierung; er enthält Aufsätze über Hauptschüler, Behinderte, Alleinerziehende, Straßenkinder und begütertes Frauenleben zwischen 40 und 50. Im vierten Teil geht es um "Leben auf der Kippe": aus der Sicht eines Gerichtsvollziehers und von Sozialamtsmitarbeitern, mit Blick auf Suppenküche, Obdachlosenheim und einen Hallenser Neubaustadtteil, enthaltend aber auch 2 Aufsätze über Leute aus der rechtsradikalen Szene. Der fünfte Teil - "Alles, was Recht ist" - beschäftigt sich mit der Tradition, Freiheit zugunsten von Sicherheit auszuhöhlen, mit den Strukturmängeln deutscher Justiz, Abschiebehaft und verschärftem Strafvollzug, mit der Integration von türkischen und russlanddeutschen Jugendlichen, mit der Kriminalisierung von Widerstand und den Protesten beim G8 Gipfel in Genua.

Beurteilung

Es gibt keinen Beitrag, dessen Lektüre nicht empfehlenswert wäre. Deshalb mag die Kritik, dass die Zuteilung zu den fünf Hauptstücken mitunter etwas beliebig wirkt, nebensächlich sein. Die in der Einleitung bedauerte Tatsache, dass einige wichtige Bereiche gesellschaftlichen Leidens, wie Alkoholismus und Prostitution, nicht behandelt worden sind, darf nicht so schwer wiegen, denn eine panoramatische Vollständigkeit kann man von einem solchen Unternehmen nicht erwarten. Es ist bei den meisten Beiträgen nicht das Typische, das bewegt, sondern das Individuelle, dessen Darstellung gleichwohl, sei es in den Beiträgen oder in deren Zusammenhang, mit gesellschaftskritischer Reflexion verbunden ist. Sich "auch den Motiven und Zweifeln, dem Stress und den Zwängen von Großaktionären, Bankiers und Topmanagern zuzuwenden", hätte nicht nur, wie in der Einleitung erwähnt, den Umfang, sondern auch eine sinnvolle Konzeption gesprengt. Leid verbindet oder sollte es doch tun, aber es kommt auch darauf an, woran man leidet und da könnten antagonistische Interessen zum Vorschein kommen. Die Erkenntnis gemeinsamer Interessen aber verbindet dauerhafter und wirkungsvoller als die bloße Tatsache, dass man leidet. Ohne sozialpolitische Perspektive und theoretische Bezugspunkte verläuft sich der Leid-Journalismus in der Befriedigung von Neugier, Voyeurismus und Selbstbestätigung der isolierten und zuinnerst verunsicherten Individuen einer hochkomplexen Gesellschaft, die man sich nur noch in pseudokonkreter Psychologisierung glaubt nahe bringen zu können.

Die Hervorhebung einzelner Beiträge zeigt bei einem Buch wie diesem keine Rangfolge der Qualität oder Wichtigkeit an, sondern das, womit der Rezensent sich persönlich beschäftigt und was ihn anzieht. Mit diesem Vorbehalt möchte ich einige Beiträge besonders empfehlen: aus dem ersten Teil die essayistische Einführung von Johano Strasser ("Schöne neue Arbeitswelt"); aus dem zweiten Marianne Gronemeyers "ÕUnbewohnbar wie der MondÕ Über die Selbstverwüstung der Hochschulen"; aus dem dritten Teil "Restmenschen in der Restschule. Hauptschüler ohne Chance" von Marina Bohlmann-Modersohn und "ÕEisig weht mir der Wind über das Gesicht.Õ Straßenkinder in Deutschland" von Regina Scheer; aus dem vierten Teil "ÕJeder Tag ist wie die Büchse der PandoraÕ Die Leute vom Sozialamt" von Ada Brandes sowie Wolfgang Herzbergs "ÕDer Westen hat uns den Tod gebracht.Õ Lebenserfahrungen des Ehepaars Abraham aus einem Obdachlosenheim in Schwedt an der Oder"; aus dem fünften Teil schließlich "Leben im Transit. Abschiebehaft am Frankfurter Flughafen" von Christian Gottschalk sowie Götz Eisenberg, "Das Monströse als Ernstfall der Humanität. Entwicklungen im Strafvollzug aus der Sicht eines ehemaligen Gefängnispfarrers".

Adressaten und Fazit

Die Veröffentlichung eignet sich für alle, die in der Sozialen Arbeit tätig sind oder sich auf eine solche Tätigkeit im Studium vorbereiten. Und nicht nur für sie.


Rezensent
Prof.em. Dr. Hans-Ernst Schiller
Vormals Professor für Sozialphilosophie und -ethik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.philosophie-schiller.de
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Zitiervorschlag
Hans-Ernst Schiller. Rezension vom 24.06.2003 zu: Günter Grass, Daniela Dahn, Johano Strasser (Hrsg.): In einem reichen Land: Zeugnisse alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Steidl (Göttingen) 2002. ISBN 978-3-88243-841-3. Auch lieferbar als Taschenbuch: dtv (München) 2004. - 639 S. (dtv Band 34131)ISBN 3-423-34131-9. EUR 16.50, sfr 28.30. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/674.php, Datum des Zugriffs 18.01.2019.


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