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Wolfgang Prosinger: Sterbehilfe - Ein Mann plant seinen Tod

Cover Wolfgang Prosinger: Tanner geht. Sterbehilfe - Ein Mann plant seinen Tod. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2008. 176 Seiten. ISBN 978-3-10-059030-5. 16,90 EUR, CH: 30,60 sFr.
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Thema

Darf der Mensch Zeitpunkt und Art seines Todes selbst bestimmen? Diese Frage – eines der Kernprobleme der Philosophie – bewegt unsere Zeit in besonderem Maße, weil einerseits die Menschen immer älter und dabei nicht unbedingt gesünder werden, andererseits die Medizin immer mehr Macht über Ablauf und Zeitpunkt des Lebensendes gewonnen hat, sodass von "natürlichem Sterben" kaum noch gesprochen werden kann. Da diese Debatte tief in den ethischen Wertekanon jedes Einzelnen eingreift, ist es nicht verwunderlich, dass sie weniger mit sachlicher Vernunft denn mit den Instrumenten polarisierender Polemik und emotionalisierter Rechthaberei geführt wird. Der leidende Mensch, der – aus welchen Gründen auch immer – seinen vorzeitigen Tod begehrt, droht regelmäßig auf dieser Bühne der ethischen Kreuzritter und Überzeugungstäter in den Kulissen zu verschwinden.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor des vorliegenden Buches hat ihn dort wieder hervorgeholt. Der Journalist Wolfgang Prosinger suchte lange und fand schließlich einen Menschen, der einerseits entschlossen war, mit Hilfe der Schweizer Organisation "Dignitas" seinem Leben und quälenden Leiden ein Ende zu setzen, dem es andererseits "ein Anliegen war, Öffentlichkeitsarbeit für seine Sache zu machen". Prosinger hat den 51jährigen Schwerkranken in den letzten Wochen seines Lebens mehrfach besucht und stundenlange Gespräche geführt. Er hat auch mit dessen Freunden und anderen Nahestehenden gesprochen, mit Mitarbeitern von "Dignitas" ebenso wie mit solchen von Hospizeinrichtungen. Er wollte "das Unbegreifliche begreifen: Warum tut einer das? Was geht in den letzten Wochen seines Lebens in ihm vor? Wie lebt man dem Tod entgegen?"

Inhalt

Als beobachtender Begleiter – er selbst nennt sich stets "der Besucher" – erfährt er aus nächster Nähe alle Höhen und Tiefen eines Menschen, der den festen Entschluss zum Tod durch assistierten Suizid gefasst hat und dafür gute Gründe zu haben meint. Anfangs sind es die tödlichen Krankheiten (u. a. gleich mehrere Karzinome und AIDS) und die nicht hinreichend kontrollierbaren Schmerzen. Im Laufe der Gespräche kommt immer mehr das Scheitern persönlicher Beziehungen und des eigenen Lebensentwurfs hinzu. Schließlich entblättert sich das Substitut eines Lebens, aus dem nach der von schweren Traumatisierungen durchsetzten Kindheit von Anfang an – so scheint es – kein Entkommen gewesen war. (Vieles in der Lebensgeschichte erinnert an Fritz Zorn und dessen Schicksal.) Die ganze Tragik eines Menschen wird offenbar, der seinem körperlichen Verfall aufgrund seiner schwerstgestörten und behinderten Menschwerdung nichts mehr entgegenzusetzen hat und der jetzt jedenfalls im Sterben jene Hilfe sucht, die das Leben ihm so oft und so weitgehend versagt hat.

Es ist also keine einfache Geschichte, die uns Prosinger vor Augen führt, und dass er sie in all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit in dieser Form publiziert, ist dem Autor hoch anzurechnen. Zwischen Richtig und Falsch, zwischen Gut und Böse, zwischen Schwarz und Weiß belässt er die vielfältigen Grautöne, Schattierungen und Ungereimtheiten, wie sie dem wirklichen Leben nun einmal anhaften. Am Ende muss er offen konstatieren, dass trotz aller freimütigen Auskunftsbereitschaft sein Gesprächspartner "die allertiefsten Gründe" für seinen Entschluss nicht offenbart – falls er sie überhaupt gekannt habe.

Diskussion

Der Autor nimmt nicht Stellung, ob aus seiner Sicht Beihilfe zum Suizid nun statthaft sei oder nicht, er bringt allerdings Argumente – dafür und dagegen. Auch die Sterbehilfsorganisation "Dignitas" sieht er nicht nur aus einem Blickwinkel und ebenso "das Gegenmodel", Hospizbewegung und Palliativmedizin. Nur eines lässt Prosingers Bericht unzweifelhaft erkennen: Dass einem Menschen wie jenem, den er Tanner nennt, mit moralischem Abwägen nicht geholfen ist – der will nur noch Linderung seiner Leiden und schließlich Erlösung. Zu Recht heißt es am Ende des Kapitels, das die Organisation "Dignitas" beschreibt: "Es ist das Recht des Gesunden, empört zu sein und "Dignitas" würdevolles Handeln abzusprechen. Aber wer das tut, muss sich im Klaren sein, dass er von seiner Vorstellung von Würde spricht, von seiner eigenen. Und dass er mit dieser Vorstellung die Würde eines anderen antasten kann."

Der unprätentiöse Ton und das Bemühen um ehrliche, ungefärbte Wiedergabe des Beobachteten kennzeichnen den Stil des medienerfahrenen Autors. Über ein paar kleine Ungenauigkeiten in den zitierten Fakten möchte man da am liebsten hinwegsehen: die etwas idealisierend simplifizierte Beschreibung des Ablaufs eines assistierten Suizids (S. 34); die unvollständige Aufzählung der Länder mit gesetzlich geregelter Straffreiheit für assistierten Suizid (neben der Schweiz, Holland und Oregon gehören auch Luxemburg und Kolumbien dazu) (S. 27); die Zahl der Suizidtoten pro Jahr in Deutschland (nicht 11.000 sondern zuletzt 9.400) (S. 83). Ein bisschen verwundert die gekünstelt wirkende Aufregung des erfahrenen Journalisten über die Tatsache des Suizids: "Keiner schlägt Alarm, keiner nennt den Skandal einen Skandal". Auch Prosinger sollte wissen, dass der Suizid so alt wie die Menschheit ist und dass auch anhaltender Friede im Lande und gute Lebensbedingungen allein nicht in der Lage sind, ihn zu eliminieren. Weil Suizid – unter welchen Existenzbedingungen auch immer – stets eine menschliche Möglichkeit ist und bleiben wird. Das vorliegende Buch ist dafür nicht der schlechteste Beleg.

Schließlich drängt sich dem Leser – je weiter er in der Lektüre fortschreitet umso mehr – eine Frage auf: Welchen Einfluss hatten die Gespräche des Autors ihrerseits auf den im Buch geschilderten Ablauf des Geschehens? Stellt ihm der Patient Tanner zwischendurch nicht immer wieder einmal die makabre Frage: "Wie halten sie das aus?" Eine Frage, die der Autor regelmäßig umdreht in "Wie halten Sie das aus?" und damit die Gewissheit des unmittelbar bevorstehenden Todes meint. Erst ganz am Ende und in einer Nachbemerkung nach Abschluss der Erzählung spricht Prosinger über seine eigene Rolle in den Gesprächen. Obwohl er diesen Eindruck zu vermeiden sucht, wird deutlich, dass die Gespräche im Dienste der "Öffentlichkeitsarbeit" eben doch ein Ersatz für eine psychotherapeutische Klärung waren, deren der Patient Tanner am Ende seines Lebens bedurfte, eine Lebensbeichte und ein Prozess der Einsichtnahme in ihm bislang verborgen gebliebene Zusammenhänge: seine grenzenlose Gebundenheit an die Mutter; die Identifikation mit dem Aggressor seiner Kindheit, dem Vater; die alles überfärbende Sehnsucht nach Wiedergutmachung – und sei es in der erträumten Wiederbegegnung im Jenseits.

Dass der Autor – entgegen seinem ursprünglichen Anliegen – ebenso wie alle Freunde Tanners - diesen immer wieder einmal bedrängt hat, seinen Entschluss noch einmal zu überdenken und den bereits vereinbarten Sterbetermin in der Schweiz aufzuschieben, lässt  sich leicht nachvollziehen und wird man ihm nicht verdenken. Dass er hingegen, überraschend und unbeabsichtigt in der Rolle des Laien-Therapeuten, nicht den Versuch unternommen hat, die sich als so notwendig erweisende Lebensbeichte in eine professionelle Psychotherapie überzuleiten, hinterlässt ein leider nicht aufgelöstes Fragezeichen.

Fazit

Ungeachtet solcher Bedenken ist hier aus den sehr intensiven Gesprächen eines zum Tod Entschlossenen und eines um Auffindung der Wahrheit ehrlich bemühten Journalisten ein Dokument entstanden, das in der Ausgewogenheit seines ethischen Standpunkts, in der Balance zwischen nüchterner Beobachtung und warmherziger Anteilnahme, vor allem aber im bedingungslosen Interesse am Menschen und seinem Leid innerhalb der derzeit ausufernden Sterbehilfeliteratur seinsgleichen sucht.


Rezensent
Prof. Dr. med. Hans Wedler
Ehem. Ärztlicher Direktor Medizinische Klinik 2 - Klinik für Internistische Psychosomatik
Bürgerhospital Stuttgart
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Zitiervorschlag
Hans Wedler. Rezension vom 01.11.2008 zu: Wolfgang Prosinger: Tanner geht. Sterbehilfe - Ein Mann plant seinen Tod. S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-10-059030-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6753.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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