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Ewald Johannes Brunner (Hrsg.): Intergenerationelle Transferleistungen in Familien

Cover Ewald Johannes Brunner (Hrsg.): Intergenerationelle Transferleistungen in Familien. Garamond Verlag (Jena) 2008. 136 Seiten. ISBN 978-3-938203-69-9. 12,80 EUR.

Reihe: Aus dem Institut für Erziehungswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena - Nr. 6. Edition Paideia.
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Autor

Der Herausgeber (Jg. 1941) ist Emeritus des Lehrstuhls „Pädagogische Psychologie“ am Institut für Erziehungswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Thema: Kinder unterstützen ihre Eltern

Im Lebenslauf kann es zweimal vorkommen, dass Kinder ihre Eltern unterstützen. Einmal unterstützen Eltern der mittleren Generation ihre erwachsenen Kinder. Aber auch junge Erwachsene unterstützen ihre Eltern. Die Einstellungen, die zu Transfer- und Unterstützungsleistungen bestehen, stehen im Mittelpunkt einer explorativen Studie, die weitere Hypothesen generieren soll. Zugleich sollen Einstellungen der Angehörigen unterschiedlicher Generationen miteinander verglichen werden.

Inhalt

Der Herausgeber führte die Untersuchungen mit jeweils Anderen parallel zum einen in Jena, bzw. in Thüringen durch, zum anderen wurde mit dem gleichen Instrumentarium in ungarischen Familien untersucht. In dem Sammelband wurden beide Pilotstudien veröffentlicht.

In einem weiteren Beitrag stellt Heike M. Buhl die Frage nach den Gründen für die Unterstützung Betagter durch ihre Kinder. Ebenso fragt sie nach dem intergenerationellen Austausch zu dem Zeitpunkt, an dem beide Generationen noch gesund ihren Alltag gestalten.

Im vierten Beitrag lenkt Ulrich Otto den Blick auf die Folgen des demografischen Wandels und geht der Frage nach der zunehmenden Isolierung der Älteren nach. Dazu wird das Leben in unterschiedlichen Familienkonstellationen betrachtet.

Caroline Großer / Ewald Johannes Brunner / Christof Nachtigall fragen unter einem sozialpsychologischen Blickwinkel, „welche Familienbilder im Sinne von Einstellungen Familienangehörige unterschiedlicher Generationen zu Familienleistungen haben“. In der Untersuchung legten die Autoren den Focus auf die Einstellungen, die hinsichtlich familialer Leistungstransfers, die zwischen Eltern und Kindern, die sich im jungen Erwachsenenalter befinden, bestehen.
96 Fragebögen, die an potentielle Probanden in Thüringen und Sachsen ausgegeben wurden, bezogen sich auf die emotionale Unterstützung, die Elternverantwortung, die Ablösung und die Betreuung und Pflege alter Eltern. Für die Phase der Postadoleszenz zeigt sich bei Kindern und Eltern die emotionale Unterstützung als gewichtigster Faktor. Die subjektive Orientierung an der Ressource Familie wird als stark eingeschätzt.

Mária Nádasi / István Bábosik / Ewald Johannes Brunner / Helmut Stanche haben mit der gleichen Einstellungsskala eine ungarische Stichprobe vergleichbaren Zuschnitts durchgeführt. Dabei geht es den Autoren um die Pflege alter Eltern, die Familie als Ort der Rekreation, die elterliche Unterstützung und die Autonomie der Generationen. Bei der Budapester Stichprobe steht der Faktor „Pflege alter Eltern“ im Vordergrund. Die Autoren weisen auf einen spezifischen kulturellen Unterschied hin. „Die Pflege alter Eltern ist eingebettet in eine Kultur des ‚Zusammenhaltens in der Familie‘, die ihren Ausdruck auch im gemeinsamen Feiern in der Familie hat.“ Dies scheint in Ungarn noch eine Selbstverständlichkeit zu sein. Weiter wird im Vergleich auf Unterschiede bei den Ablösungsprozessen der Kinder von den Eltern in beiden Ländern hingewiesen. Abschließend wird vorsichtig auf mögliche gesellschaftliche Einflüsse hingewiesen, die sich aus den politischen Veränderungen nach 1989 in Deutschland und Ungarn ergeben.

Auch im Osten Deutschlands lebten die 124 Personen im frühen bis mittleren Erwachsenenalter, die von Heike M. Buhl schriftlich befragt wurden. Dabei zeigten sich für die geplante Pflege und die aktuelle Unterstützung nur geringe Geschlechts- und Altersunterschiede. Alle Unterstützungsformen ließen sich so erklären, dass diese dem entsprachen, was sie selbst früher erfahren hatten.

Wenn aber die Zahl der Kinder abnimmt oder die Kinder vor den Eltern versterben, dann liegt die Behauptung von der Auflösung der familialen Generationsverhältnisse nahe. Ulrich Otto geht allen Aspekten nach, die die Unterstützung Älterer betreffen. Die weit verbreitete These von den rückläufigen Hilfe- und Integrationspotentialen mit steigendem Alter ist angesichts aktueller Befunde nicht haltbar. Vielmehr gewinnt der Blick auf familial-externe Netzwerke Älterer an Bedeutung.

Diskussion

Dieser Sammelband mit einer Einstellungsuntersuchung zu intergenerationellen Transferleistungen im Zentrum befasst sich mit hochaktuellen Fragestellungen und räumt mit typologischen Bildern auf, die auf einem zu befragenden Familienbild beruhen. Dazu bekommt der Leser aus der Literatursichtung einen guten Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Es scheint die Zeit für notwendige Differenzierungen zu sein. Das Spannende dieses Sammelbandes findet durch ganze 19 Zeilen (S.76 f.) statt. Erst hier wird die Tatsache „vorsichtig“ reflektiert, dass der Kontext der deutschen Untersuchung ausschließlich die ostdeutschen Bundesländer sind. Spätestens in Ungarn war dann die sozialistische Sozialisation unübersehbar. Aber auch die deutschen Eltern weisen eine sozialistische Biografie auf. Die Kinder sind dann wahrscheinlich in der Nach-Wende-Zeit aufgewachsen. Wie die gesellschaftlichen Veränderungen sich auf die Familie auswirken, wird als ein Phänomen bezeichnet, welches mit Nachkriegsstudien als vergleichbar angesehen wird. Instabile gesellschaftliche Verhältnisse aktivieren Ressourcen in der Familie, die als verschüttet galten. Und was heißt das für Westdeutschland?

Fazit

Es lohnt dieses Buch über intergenerationelle Transferleistungen zu lesen: vielleicht um Interesse an einer Ergänzungsuntersuchung zu entwickeln.


Rezensent
Prof. em. Bernhard Meyer
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Zitiervorschlag
Bernhard Meyer. Rezension vom 08.09.2009 zu: Ewald Johannes Brunner (Hrsg.): Intergenerationelle Transferleistungen in Familien. Garamond Verlag (Jena) 2008. ISBN 978-3-938203-69-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6758.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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