socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Tina Malti, Sonja Perren (Hrsg.): Soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen

Cover Tina Malti, Sonja Perren (Hrsg.): Soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen. Entwicklungsprozesse und Förderungsmöglichkeiten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. 280 Seiten. ISBN 978-3-17-019847-0. 34,00 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-025713-9 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autorin

Dr. Tina Malti ist Oberassistentin am Jacobs Center for Productive Youth Development der Universität Zürich. Prof. Dr. Sonja Perren ist Assistenzprofessorin für Jugendforschung der Universität Zürich.

Entstehungshintergrund

Die mit der Globalisierung einhergehenden sozialen und ökonomischen Veränderungen bedingen auch für Heranwachsende erhöhte Erwartungen an deren individuelle Ressourcen und Leistungen, um typische Entwicklungsaufgaben wie den Übergang von der Schule in den Beruf erfolgreich zu bewältigen. Vor dem Hintergrund des nach wie vor hohen Anteils an psychischen und gesundheitlichen Problemen bei Kindern und Jugendlichen und der Erwartung, dass die psychischen Anpassungsschwierigkeiten unter Heranwachsenden angesichts zunehmender relativer Armut und bestehender Bildungsrestriktionen in den nächsten Jahren noch steigen werden, verfolgen Malti und Perren in ihrem Sammelband zwei zentrale Forschungsfragen:

  1. Wie entwickeln sich soziale Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen?
  2. Wie können soziale Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen angemessen gefördert werden?

Aufbau

Ausgehend von den beiden Zielsetzungen, einerseits Entwicklungsprozesse und- bedingungen sozialer Kompetenzen in der Kindheit und Adoleszenz zu analysieren und darauf aufbauend wirksame Strategien zur Förderung spezifischer Teilkomponenten sozialer Kompetenz auf verschiedenen Entwicklungsstufen herauszuarbeiten, gliedert sich das Buch in zwei Segmente: Im ersten Teil werden aktuelle Forschungsarbeiten zur Beantwortung der ersten Forschungsfrage vorgestellt. Im zweiten Teil des Buches werden, orientiert an der zweiten Zielsetzung, evaluierte Interventionsansätze zur Förderung sozialer Kompetenzen vorgestellt, die Malti und Perren abschließend auf der Basis einer integrativen entwicklungspsychologischen Perspektive zusammenfassend diskutieren.

Inhalte

Im ersten Teil des Buches werden in sieben Kapiteln die Entwicklungsbedingungen verschiedener Aspekte sozialer Kompetenz in unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsstufen analysiert. Zunächst untersuchen dabei Simoni, Herren, Kappeler und Licht wie sich soziales Interesse und Spiel, prosoziales Verhalten und Konfliktmotive als Teilkomponenten sozialer Kompetenz bei Kindern im ersten und zweiten Lebensjahr entwickeln. Die beiden folgenden Kapitel von Kienbaum sowie von Malti, Bayard und Buchmann thematisieren beide die Entwicklung des kindlichen Mitgefühls. Während Kienbaum Wechselwirkungen zwischen dem Erziehungsverhalten der Mütter und Erzieherinnen und dem Entwicklungsstand des kindlichen Mitgefühls im Kindergartenalter untersucht, um kompetenzförderliche Sozialisationsbedingungen in der Mutter-Kind-Dyade herauszuarbeiten, geht es in dem nachfolgenden Beitrag von Malti et al. um die Frage, wie soziales Verstehen, Mitgefühl und prosoziales Verhalten als Teilkomponenten sozialer Kompetenz in der mittleren Kindheit zueinander in Beziehung stehen. Anhand dieser Studie wird aufgezeigt, dass bereits in der Kindheit Vorläufer einer an anderen orientierten Handlungskompetenz vorhanden, zugleich aber auch hedonistische Eigeninteressen in den Argumenten der Kinder noch relativ stark vertreten sind. Aus den Untersuchungsbefunden ziehen die Autoren im Hinblick auf pädagogische Interventionen den Schluss, dass eine integrative Förderung sozial-emotionaler Fertigkeiten und sozial-kognitiver Kompetenzen besonders wichtig ist, um die Entwicklung prosozialer Handlungsdispositionen bei Kindern im Kindergartenalter zu unterstützen. Die beiden nachfolgenden Beiträge beschäftigen sich mit sozialen Kompetenzen und ihrem Zusammenhang mit der Qualität von sozialen Beziehungen. Baumgartner und Alsaker gehen dabei der Frage nach, über welche Kompetenzen Kinder verfügen, die als Opfer und/oder Täter in Mobbingsituationen involviert sind. Perren, Groeben , Stadelmann und von Klitzing analysieren neben Zusammenhängen, die zwischen sozialen Kompetenzen und der Qualität von Gleichaltrigenbeziehungen bestehen, auch den Einfluss sozialer Kompetenzen auf das emotionale Wohlbefinden. Insgesamt werden hierbei Erkenntnisse darüber erzielt, wie sich unterschiedliche Kompetenzniveaus auf die individuelle und soziale Anpassung auswirken. In dem Beitrag von Keller und Becker steht der handlungstheoretische Ansatz im Mittelpunkt, der kognitive, emotionale und Handlungsaspekte als Teilkomponenten sozialer Kompetenz integriert und der anhand von längs- und querschnittlichen Daten interkulturell wie auch im Rahmen entscheidungstheoretischer Experimente näher veranschaulicht wird. Im letzten Beitrag des ersten Teils nehmen Ittel, Raufelder und Savilla soziale Kompetenzen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und deren Identitätsentwicklung in den Blick. Die dabei erzielten Ergebnisse zur sozialen Integration zeigen, dass die Jugendlichen relativ wenige Strategien entwickeln, um der mangelhaften Integration in deutsche Netzwerke entgegen zu wirken. Soziale Kompetenzen werden demnach vorwiegend auf der mikro-prozessualen Ebene (Familie, Herkunftskultur) entwickelt, nicht aber auf der Makro-Ebene im soziokulturellen Rahmen.

Im zweiten Teil des Buches, der sich evaluierten Interventionen zur Förderung sozialer Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen widmet, werden verschiedene Interventionsprogramme in ihrer theoretischen Einbettung und Konzeptionalisierung vorgestellt und Ergebnisse ihrer Wirksamkeit präsentiert. Im Beitrag von Scheidhauer, Bondü und Mayer wird die Wirksamkeit des Präventionsprogrammes Papilio in Kindergartengruppen untersucht. Im Mittelpunkt des Programmes steht die Reduzierung von Verhaltensproblemen und die Verbesserung der Beziehungen von Kindern untereinander. Bei dem von Jausch und Beelmann präsentierten sozial-kognitiven Problemlösetraining IKPL steht ebenso wie bei dem von Schick und Cierpka vorgestellten Förderprogramm Faustlos die Förderung verschiedener Aspekte sozialer Informationsverarbeitung im Fokus. Während IPKL für Kinder im Kindergartenalter entwickelt wurde, ist Faustlos für verschiedene Alterstufen von Kindergarten- bis Jugendalter konzipiert. Der Fragestellung, inwieweit mit entsprechender Prävention nicht nur soziale Kompetenzen, sondern auch das Gesundheitsverhalten verbessert werden kann, gehen Schmid und Koautoren mit der Evaluation des Förderprogrammes ESSKI nach. Hierbei handelt es sich um ein Mehrebenenprogramm für Kinder im Grundschulalter, welches Eltern und Lehrpersonen explizit mit einbezieht. Ein weiteres Präventionsprogramm, welches verschiedene Systemebenen berücksichtigt, wird von Strohmeier, Atria und Spiel vorgestellt. Das Programm verfolgt das Ziel, Mobbing unter Kindern und Jugendlichen wirksam zu reduzieren. Der Beitrag von Gutzwiller-Helfenfinger geht der Fragestellung nach, inwieweit Rollenspieltraining bei Jugendlichen dazu beiträgt, die soziale Perspektivenübernahmefähigkeit zu erhöhen und antisoziales Verhalten zu reduzieren. Während die zuvor dargestellten Interventionsprogramme alle einem eher primärpräventiven Ansatz entsprechen, steht bei dem von Bach, Kratzer und Ulich vorgestellten Programm die Förderung konstruktiver Konfliktlösefähigkeiten bei bereits delinquent gewordenen Jugendlichen im Mittelpunkt. In einem abschließenden Kapitel leiten Malti und Perren nach zusammenfassender Diskussion aller Beiträge ein Drei-Ebenen-Modell der sozialen Kompetenz ab, in dem intrapsychische Prozesse (Kognition, Emotion, Motivation), verhaltensnahe Kompetenzen (selbst- und fremdbezogen) und die Auswirkungen von (mangelnden) sozialen Kompetenzen auf die psychosoziale Anpassung mit einander in Beziehung gesetzt werden. Vor dem Hintergrund der vorgestellten Forschungsergebnisse postulieren Malti und Perren schlussendlich zentrale Themen, die in zukünftigen Forschungsarbeiten tiefergehend berücksichtigt werden sollten: Neben der Entwicklungs- und Prozessperspektive sollte demnach auch der systematische Einbezug der moralischen Dimension und die Integration von Wohlbefinden und Gesundheit im Sinne internaler Anpassung weiter erforscht werden.

Diskussion

Malti und Perren haben mit dem vorgelegten Sammelband eine umfassende wissenschaftliche Abhandlung zur Entwicklung und Förderung sozialer Kompetenzen bei Kindern und Jugendlichen vorgelegt: Mit der Analyse der Entwicklung sozialer Kompetenzen in den verschiedenen Stadien des Aufwachsens tragen die Studien zu einem differenzierten Verständnis über interindividuelle Unterschiede in der sozialen Kompetenzentwicklung und Adaptivität bei. Gerade die im ersten Teil behandelten Entwicklungsprozesse innerhalb der frühesten Kindheit fördern dabei interessante Ergebnisse zu Tage: Da die Entwicklung früher sozialer Kompetenzen bislang kaum untersucht wurde, helfen die Autoren mit ihren Ergebnissen einige Forschungslücken zu schließen. Beispielsweise erwerben Kinder bereits in den ersten eineinhalb Lebensjahren eine Vielfalt prosozialen Verhaltens und nutzen ihre sich entwickelnden kognitiven und emotionalen Fähigkeiten im Kontakt mit anderen Kindern. Gängige Interpretationen kleinkindlichen Verhaltens, so zum Beispiel zur Konfliktentwicklung und –bewältigung, erfordern angesichts der Analyse entwicklungsadäquater Motive eine Neubewertung. Die im zweiten Teil des Buches vorgestellten Interventionsprogramme folgen ausnahmslos dem wissenschaftlich-experimentellen Ansatz und bieten mit ihrer Vielfalt einen breiten Einblick in das Spektrum von Fördermöglichkeiten in verschiedenen Altersstufen. Die Anwendungsfelder der dargelegten Programme orientieren sich dabei überwiegend an aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen. So präsentieren beispielsweise Strohmeier, Atria und Spiel mit WISK, einem ganzheitlichen Schulprogramm zur Förderung sozialer Kompetenz und Prävention aggressiven Verhaltens, einen wertvollen Beitrag angesichts der zunehmenden Gewalt an Schulen und der latenten Gefahr von Amokläufen. Insgesamt gesehen bieten vor allem die vorgestellten Mehrebenenprogramme vielversprechende Ansätze zur nachhaltigen Intervention, wenn auch bei diesen bislang nur kurz- oder mittelfristige Effekte überprüft wurden. Die von Malti und Perren im Schlusskapitel geführte kritische Diskussion der vorgestellten Programme hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und der noch zu klärenden Forschungsfragen rundet die wissenschaftliche Güte des hier vorgelegten Buches ab.

Fazit

Die von den Autorinnen angestrebten Zielsetzungen werden mit dem vorgelegten Sammelband umfassend erreicht. Mit der Kombination von theoretischen Erkenntnissen und vielfältigen Praxisbefunden bietet dieses Buch sowohl Forschenden, Lehrenden und Studierenden als auch den in der erzieherischen und therapeutischen Praxis Tätigen wissenschaftlich fundierte Befunde zu Entwicklungsprozessen und -bedingungen sozialer Kompetenzen in Kindheit und Adoleszenz ebenso wie Perspektiven zur Implementierung passender Interventionsansätze, auf denen theoretisch und praktisch weiter aufgebaut werden kann.


Rezension von
Dr. Margot Klinkner
Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen - ZFH
Autorin sowie Dozentin im Themenbereich Selbst- und Sozialkompetenz, Lehrbeauftragte für Kommunikation
Homepage www.zfh.de
E-Mail Mailformular


Alle 6 Rezensionen von Margot Klinkner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Margot Klinkner. Rezension vom 15.10.2009 zu: Tina Malti, Sonja Perren (Hrsg.): Soziale Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen. Entwicklungsprozesse und Förderungsmöglichkeiten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-019847-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6766.php, Datum des Zugriffs 23.10.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht