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Patrick Schoden (Hrsg.): Sexuelle Gewalt gegen Kinder

Cover Patrick Schoden (Hrsg.): Sexuelle Gewalt gegen Kinder. Information und Prävention. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2008. 135 Seiten. ISBN 978-3-8258-1270-6. 14,90 EUR, CH: 23,90 sFr.

Reihe: Geschlecht - Gewalt - Gesellschaft - Band 1.
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Entstehungshintergrund

Die Publikation steht in Zusammenhang mit einem Internetportal (www.schulische-praevention.de) zur Prävention von sexueller Gewalt gegen Kinder, das an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster als Forschungsprojekt angesiedelt ist. Das Kinderschutzportal richtet sich an pädagogische Fachkräfte, die mit Schülerinnen und Schülern insbesondere im Primarstufenalter arbeiten. Vorträge, welche die Mitarbeitenden des wissenschaftlichen Beirats zur Betreuung des Kinderschutzportals gehalten haben, wurden in dieser Publikation gebündelt und um einige Abhandlungen zu grundlegenden Aspekten des Themas ergänzt. Die Zusammenstellung der Einzelbeiträge ist darauf gerichtet, Erwachsenen eine ermutigende Einführung in das Problemfeld „Sexuelle Gewalt gegen Kinder“ zu geben und ihr Engagement für den Schutz und die Stärkung von Mädchen und Jungen zu fördern.

Aufbau

Der Herausgeber Patrick Schoden gibt in seiner „Einleitung“ einen kurzen und prägnanten Einblick in die Inhalte der nachfolgenden Beiträge, die den Kategorien „Grundlagen“ und „Schwerpunkte“ zugeordnet sind.

Grundlagen

Ulrike Itze eröffnet die erste Kategorie und formuliert als „allgemeinpädagogische Zielsetzung an Kindergärten und Grundschulen: Kinder stärken und ermutigen“. Sie begründet diesen Anspruch anschaulich mit dem Nachweis, dass Kinder sowohl individuelle Sorgen und Nöte, als auch wahrgenommene gesamtgesellschaftliche Problemlagen in Kindergarten und Schule mitbringen und folglich in diesen Sozialisationsinstanzen auch gezielte Unterstützung insbesondere bei der emotionalen Verarbeitung ihrer Erfahrungen und Wahrnehmungen benötigen. Im anschließenden Beitrag von Herbert Ulonska mit dem Titel „Einführung: Sexuelle Gewalt gegen Kinder“ werden kurz und knapp Zahlen, Fakten, Daten zum Thema vorgestellt und bekannte Formen der Prävention (primär, sekundär, tertiär) definiert. Ludger Kotthoff befasst sich mit dem „Erkennen des sexuellen Missbrauchs: Verstehen der Psychosomatik“. Er reißt zunächst die Schutzfunktion der Eltern für die kindliche Entwicklung an, erläutert anschließend anschaulich den Begriff der Traumatisierung und benennt im Weiteren verschiedene Bewältigungsversuche von Kindern, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, nicht ohne abschließend darauf hinzuweisen, dass eine gesicherte Diagnose nur von ausgewiesenen Experten und Expertinnen erfolgen kann. „Entwicklung und aktuelle Ansätze der Präventionsarbeit sowie praktische Möglichkeiten des Einsatzes von Medien und Materialien zur Prävention“ präsentiert Marlene Kruck-Homann. Letzteres veranschaulicht sie exemplarisch an einem ausgewählten Kinderbuch. Die Wichtigkeit, das betroffene Kind mit seinen Bedürfnissen und seinem spezifischen Hilfebedarf ins Zentrum jeden Handelns zu stellen, hebt Sabine Schumacher unter der Überschrift „rechtliche Aspekte: Verdacht eines sexuellen Missbrauchs – Anzeigepflicht? – Strafanzeige – Strafverfahren“ hervor und entkräftet die weit verbreitete Sorge, bei Kenntnis einer sexualisierten Gewalttat gegen Kinder Anzeige erstatten zu müssen. Die erste Kategorie schließt ab mit zwei Texten, die sich auf die Arbeit mit den Eltern beziehen. Monika Friedrich fokussiert das Aufgabenfeld „Mütter stärken und ermutigen“. Sie geht zunächst auf die spezifischen Herausforderungen in der Präventionsarbeit sowohl mit Müttern, als auch mit Lehrkräften ein, um im Anschluss zu erläutern, wie diesen in beiden Fällen erfolgreich begegnet werden kann. Patrick Schoden nimmt das Thema „Väter stärken und ermutigen“ in den Blick und skizziert diesbezügliche besondere Herausforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten.

Schwerpunkte

Den Aufschlag zum zweiten Buchteil macht Herbert Ulonska mit dem „Inzest“. An eine Herleitung des Begriffs schließt eine Auseinandersetzung mit Familienstrukturen, Profilen von Tätern in der Familie, Auswirkungen auf die Betroffenen und Möglichkeiten der Intervention und Prävention an. Dabei macht der Autor deutlich, dass im gegenwärtigen Verständnis der Begriff des Inzests nicht mehr allein für sexualisierte Gewalt unter Blutsverwandten reserviert ist, sondern für sexualisierte Gewalt mit sämtlichen Personen, die im Familienverband leben, Anwendung findet, sprich auch für sexualisierte Gewalt durch neue Partner/innen eines Elternteils oder Stiefgeschwister. Ausführlicher geht derselbe Autor auf die „Täterprofile“ bei inner- und außerfamiliärer sexualisierter Gewalt gegen Kinder noch einmal in der nachfolgenden Abhandlung ein und unterscheidet hier fixierte, regressive und soziopathische Pädosexuelle. Ludger Kotthoff erläutert anschließend Bedeutung und Verlauf der „Sexualität und Zärtlichkeit in der Entwicklung des Kindes“ im Rahmen einer gewaltfreien Sozialisation und in Abgrenzung davon in Fällen, bei denen sexualisierte Gewalt stattfindet. Einmal mehr weist er abschließend auf die Schwierigkeit hin, anhand von Verhaltensmustern oder Auffälligkeiten in der Selbstdarstellung von Kindern eine eindeutige Diagnose zu fällen. Den Fokus auf „Frauen, Mädchen und Mütter als Sexualtäterinnen“ richtet im Anschluss Monika Friedrich. Sie geht der Frage nach den Hintergründen für die lang anhaltende Tabuisierung weiblicher Täterschaft nach und skizziert die wenigen Befunde über die Typologie von Täterinnen (Liebhaberin, vorbelastete Täterin, Mittäterin), die bislang vorliegen. Petra Risau stellt unter dem Titel „Im Schutz der Anonymität – Online-Beratung für Betroffene sexualisierter Gewalt“ eine Form der Hilfestellung für Opfer vor, die sich als sinnvolle Ergänzung zu herkömmlicher Beratung und Therapie inzwischen etabliert hat. Neben anderen positiven Aspekten ist hier hervor zu heben, dass dieses Angebot insbesondere auch von Betroffenen genutzt wird, die sich noch in der akuten Gewaltsituation befinden und aus bekannten Gründen den Schritt aus der Anonymität noch scheuen. Den Abschluss der Gesamtpublikation bildet eine Abhandlung über „Kinder- und Jugendliteratur im Kontext der Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt“ von Marlene Kruck-Homann. Nach einem Abriss der Geschichte sexualisierter Gewalt in der Literatur formuliert sie Stärken und Schwächen von Kinder- und Jugendbüchern zum Thema sexualisierte Gewalt und benennt Fragenkomplexe für die Auswahl geeigneter Literatur.

Diskussion

Das Buch hält vom ersten bis zum letzten Beitrag, was es auf dem Klappentext verspricht. Es hat einen einführenden Charakter in das Problemfeld „Sexuelle Gewalt gegen Kinder“ und gibt Fachkräften, die sich erstmals mit dem Thema auseinandersetzen wollen, einen guten und fundierten Überblick über die verschiedenen Facetten der Gesamtproblematik. Besonders positiv hervorzuheben ist die Kürze der einzelnen Beiträge, die allerdings nicht auf Kosten des Inhalts geht, sondern vielmehr eine sehr gelungene Reduktion auf die jeweils wesentlichen Aspekte des jeweiligen Unterthemas repräsentiert.

Fazit

Das Buch ist sehr empfehlenswert für Fachkräfte aller Arbeitsfelder (auch z. B. für Fachkräfte der Gesundheitshilfe), in denen Kinder und Jugendliche die Zielgruppen sind und das Thema sexualisierte Gewalt nicht Bestandteil des Regelspektrums der Arbeit ist. Darüber hinaus können auch Fachkräfte, die sich in der Vergangenheit immer mal wieder mit der Thematik befasst haben, in Teilbereichen ihr Wissen mit dieser Veröffentlichung vertiefen, weil es sich auch durch die Integration sehr aktueller Erkenntnisse aus Wissenschaft und Praxis auszeichnet.


Rezension von
Dr. Claudia Bundschuh
Hochschule Niederrhein Fachbereich Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Claudia Bundschuh. Rezension vom 26.08.2009 zu: Patrick Schoden (Hrsg.): Sexuelle Gewalt gegen Kinder. Information und Prävention. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2008. ISBN 978-3-8258-1270-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6769.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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