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Johannes Lohner: Suizidversuche und selbstschädigendes Verhalten im Justizvollzug

Cover Johannes Lohner: Suizidversuche und selbstschädigendes Verhalten im Justizvollzug. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. 370 Seiten. ISBN 978-3-8300-3670-8. 78,00 EUR.

Schriftenreihe Criminologia - Band 3.
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„Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“ („Der Panther“ von Rainer Maria Rilke)

Thema

Im November 2007 waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland 75.153 Menschen inhaftiert. Im Verlauf desselben Jahres sind 71 Gefangene durch Suizid verstorben. War der Tod die nicht beabsichtigte Folge autodestruktiven Verhaltens oder das Ergebnis ernsthafter Tötungs-Absichten? Eine Frage, mit der sich im Vollzug Tätige nicht selten beschäftigen müssen, da sie in Fällen von Suizid oder schwerwiegenden Suizidversuchen Rechenschaft ablegen müssen. Johannes Lohner widmet sich mit seiner Untersuchung der Ernsthaftigkeit suizidaler Absichten und Handlungen von Gefangenen einem Thema, das nicht nur für die Arbeit von Justizvollzugsbediensteten, sondern auch für die Allgemeinheit von hoher Relevanz ist.

Autor

Dr. Johannes Lohner hat seinen Forschungsschwerpunkt schon frühzeitig auf Suizidologie im Gefängnis gelegt. Bereits 2001, noch während des Studiums, hat er an Konzepten zum Umgang mit suizidgefährdeten Gefangenen mitgearbeitet und ein Screeninginstrument zur frühzeitigen Erkennung potentiell suizidaler Gefangener entwickelt. Seit Januar 2007 arbeitet er als Diplompsychologe im Vollzug.

Fragestellung und Untersuchungsansatz

Ausgehend von zwei unterschiedlichen Ansätzen in der Literatur, in der autodestruktive Reaktionen (AR) a) entweder als Kontinuum mit fließenden Übergängen von selbstschädigendem Verhalten zum Suizidversuch oder b) als distinkte Phänomene i. S. von selbstschädigendem Verhalten ohne und mit suizidaler Absicht (Suizidversuch) aufgefasst werden, stützt Lohner seine Untersuchung auf eine Art Synthese aus a) und b). Ein Denkmodell, das sich sowohl an klinischen Bildern selbstschädigenden Verhaltens als auch an deren ambivalenten Motiven orientiert. Lohner untersucht im Gefängnis zwei zentrale Fragestellungen:

  • Frage 1 zu selbstschädigendem Verhalten und Suizidversuchen als distinkten Phänomenen: „Lassen sich Gefangene mit autodestruktiven Reaktionen und gering ausgeprägter Suizidabsicht von solchen mit jeweils hohen Werten differenzieren und unterscheiden sie sich in ihrem klinischen Bild und der Art ihrer autodestruktiven Reaktion?“ (S. 64)
  • Frage 2 zu Risikofaktoren für autodestruktive Reaktionen: „Unterscheiden sich die Gefangenen mit autodestruktiven Reaktionen von einer Kontrollgruppe und lassen sich Risikofaktoren finden, die geeignet erscheinen, die Risikopopulation zu identifizieren?“ (S. 67)

Zur Beantwortung der Frage 1 hat Lohner innerhalb der Gefangenengruppe mit autodestruktiven Reaktionen (n=70) Vergleiche bezüglich verschiedener Merkmale angestellt und zur Beantwortung der Frage 2 diese Gruppe mit einer Kontrollgruppe (n=70) verglichen. Die Kontrollgruppe entsprach bezüglich der Haftform und Haftdauer der Gefangenengruppe mit autodestruktiven Reaktionen.

Im Rahmen der Studie wurde eine Testbatterie angewendet, die sich bereits bei zahlreichen ähnlichen Fragestellungen bewährt hatte (u.a. Beck-Skalen) und um Fragebögen ergänzt, welche die Mängel bisheriger Studien zum Thema auszugleichen vermochten[1].
Die angewendeten inferenzstatistischen Verfahren mit dem Ziel, eine möglichst aussagekräftige Prognose zu erhalten, sind anerkannt, wie bspw. die Receiver-Operating-Characteristic (ROC-Analyse) im Rahmen der Rückfallprognose. Gleiches gilt für das Programm AnswerTree, das vorwiegend bei Fragestellungen aus dem betriebswirtschaftlichen Bereich Anwendung findet und hier eingesetzt wurde, um eine sequentielle Analyse der Risikofaktoren im Sinne eines Entscheidungsbaumes zu ermöglichen.

Zunächst wurden verschiedenen Ernsthaftigkeitsgraden der autodestruktiven Reaktionen psychologisch-psychiatrische, forensische und demografische Variablen gegenübergestellt. In einem zweiten Schritt wurde die Gruppe mit autodestruktiven Reaktionen auf das Vorhandensein von aus der Literatur bekannten Risikofaktoren hin überprüft. Lohner weist insbesondere auf zwei Aspekte hin: zum einen auf die durch die Gegebenheiten eingeschränkte Wahl der Methoden für ernsthafte Schädigungen sowie die hohe Gefährlichkeit und Ernsthaftigkeit von Hängversuchen. Auch wenn ganz allgemein von der gewählten Methode auf das zugrunde liegende Motiv geschlossen werden könne, warnt er vor zu rigider Schlussfolgerung, zumal die tatsächlich einer entsprechenden Handlung zugrunde liegende Motivation nur mit hohem Aufwand zu erfassen sei

Befunde und Schlussfolgerungen

In der Gefangenengruppe mit selbstschädigendem Verhalten wurden signifikant mehr impulsive Akte und Analgesie während des Akts gefunden, von daher hält Lohner es für gerechtfertigt, selbstschädigendes Verhalten und Suizidversuche als distinkte Entitäten zu betrachten. Gefangene des Typs „selbstschädigenden Verhaltens“ zeigten eine Reihe von Auffälligkeiten im Haftverlauf und boten eher das Bild eines Psychopathen im Sinne der PCL-R, während Gefangene mit Suizidversuchen eher älter und wenig auffällig waren und unter Kognitionen depressiven und hoffnungslosen Inhalts litten. Lohner warnt jedoch davor, durch Dichotomisierungen von beispielsweise ernsthaft versus nicht-ernsthaft, die Gruppe der Nicht-ernsthaften zu vernachlässigen, weil jeder autodestruktive Akt einen Zusammenbruch der Bewältigungsressourcen darstelle und in jedem Fall eine Krise anzeige.

Beim Vergleich der Gruppe der Gefangenen mit autodestruktiven Reaktionen mit der Kontrollgruppe konnte gezeigt werden, dass frühere selbstschädigende Aktionen der beste Prädiktor für spätere autodestruktive Reaktionen war. Von daher ist es wichtig, über die Befragung der Gefangenen, das Aktenstudium und die ärztliche Untersuchung Hinweise auf die Existenz früherer autodestruktiver Reaktionen zu erhalten. Dagegen konnten Nachahmungseffekte durch autodestruktive Reaktionen anderer Gefangener im Umfeld nicht beobachtet werden. Auch haben sich weder die Anzahl von Vorinhaftierungen oder die zu erwartende Haftzeit, noch ein Gewalt- oder Sexualdelikt als Risikofaktor für autodestruktive Reaktionen dargestellt. Allein Auffälligkeiten im Haftverlauf – über die Anzahl der Meldungen definiert ­- und (selbstberichtete) Bedrohungen durch Mitgefangene konnten für die Gruppe der Gefangenen mit autodestruktiven Reaktionen häufiger festgestellt werden als für die Kontrollgruppe.

Zusammenfassend stellt Lohner fest, dass es keine dichotomen Gruppen „Risiko“ vs. „kein Risiko“ gibt und das Risiko für autodestruktive Reaktionen als dynamisch anzusehen ist. In Anwendung der CHAID-Analyse (Verfahren zur Risikoklassifikation) ist es ihm gelungen, die Kombination „autodestruktive Reaktionen in der Vorgeschichte, Disziplinarverstöße während der Haft und ausgeprägte aktuelle Hoffnungslosigkeit“ als Risikokombination für das Auftreten autodestruktiven Verhaltens zu identifizieren. Personen mit dieser Merkmalsausprägung bedürften besonderer Aufmerksamkeit und Zuwendung, weil bei ihnen eher mit autodestruktiven Reaktionen gerechnet werden könne.

Zielgruppe

Das Buch kann als „Pflichtlektüre“ allen Personen empfohlen werden, die in der Aus- und Weiterbildung von Vollzugsbediensteten tätig sind. Generell ist es interessant für alle im Justizvollzug Tätigen und eine große Hilfestellung für den Umgang mit verhaltensauffälligen (und oft schwierigen) Gefangenen. Aber auch Angehörige anderer Einrichtungen, insbesondere solcher, deren Bewohner in beträchtlichem Maß fremd bestimmt sind, können von den Ergebnissen der vorliegenden Studie profitieren.

Fazit

Das Gefängnis ist eine Einrichtung, die Außenstehenden in der Regel keine tiefen Einblicke gewährt. Dementsprechend ist die Vorstellung vom Gefängnisalltag geprägt durch sensationell aufgemachte Berichte in den Medien, die dann besondere Beachtung finden, wenn Gewalt bei Vorfällen hinter den Mauern eine Rolle gespielt hat. Umso wichtiger sind Studien (und ihre Veröffentlichung), die einen Einblick in die Problematik der Bewältigung vom Haftalltag geben und dazu beitragen können, Beweggründe selbstschädigenden Verhaltens zu erkennen. Dabei hat sich Lohner auch nicht von dem „relativ schleppendem Verlauf der Datenerhebung“ (S. 219) abhalten lassen, die immer schwierig ist, wenn der Untersucher auf die Zuarbeit Dritter angewiesen sein muss.

Lohner hat neben einem hohen Anspruch an die methodische Qualität seiner Studie den Gefangenen nicht aus dem Blick verloren und lässt erkennen, dass die besonderen Bedingungen in einem Gefängnis auch besondere Formen der Bewältigung von Lebensereignissen hervorbringen können. Leser, die an der Darstellung der Ergebnisse anhand der statistischen Verfahren nicht sonderlich interessiert sind, können diese Ausführungen unbeschadet überschlagen, da Lohner die Ergebnisse seiner Studie auch sprachlich so gut aufbereitet hat, dass sie ohne umfangreiche statistische Kenntnisse gut zu verstehen sind.


[1] Vgl. Lohner, J., Pragst, F. & Konrad, N. (2008). Deutsche Adaption der Lethality of Suicide Attempt Rating Scale-II. Rechtsmedizin 18 (2), 85-105


Rezension von
Dr. Katharina Bennefeld-Kersten
Leiterin des Kriminologischen Dienstes, der Führungsakademie und des Gesundheitszentrums im Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzuges. Leiterin der Arbeitsgruppe „Suizid im Gefängnis“ des Nationalen Suizidpräventionsprogramms


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Zitiervorschlag
Katharina Bennefeld-Kersten. Rezension vom 27.04.2009 zu: Johannes Lohner: Suizidversuche und selbstschädigendes Verhalten im Justizvollzug. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. ISBN 978-3-8300-3670-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6770.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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