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Hubertus Becker: Ritual Knast

Cover Hubertus Becker: Ritual Knast. Die Niederlage des Gefängnisses. Forum Verlag Leipzig (Leipzig) 2008. 200 Seiten. ISBN 978-3-931801-65-6. 13,80 EUR, CH: 24,00 sFr.
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Thema

Analysen des Strafvollzugs sind, betrachtet man es unter dem Aspekt der theoretischen Auseinandersetzung, seit den 70er Jahren selten geworden. Vieles scheint von Autoren wie Foucault, Christie, Mathiessen, Steinert, Voß, Schumann, Feest u.a. bereits grundlegend gesagt. Geändert hat sich wenig. Die Fortentwicklung des Strafvollzugs ist eine Geschichte des Versagens - ob das der Abschreckung oder der Resozialisierung ist da fast belanglos.

Umso erfreulicher ist, dass Hubertus Becker diese Diskussion erneut aufgreift. Außergewöhnlich ist es, weil hier ein ehemaliger Gefangener versucht, Theorie und Praxis aufeinander zu beziehen. Um es deutlich zu sagen, dieses Buch ist keine übliche “oral history” über 20 Jahre Haft, sondern eine theoretische Untermauerung praktischer Erfahrungen. So etwas hat es meines Wissens in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Alleine deshalb verdient das Buch eine große Verbreitung und Beachtung.

Aufbau und Inhalt

Becker gliedert das Buch in 26 Kapitel und 6 Alltagssituation.

Zunächst führt er kurz in das Thema “soziale Konflikte” ein. Der Leser/die Leserin findet eine bemerkenswerte Tabellenübersicht über verschiedenste soziale Konfliktfelder, Ursachen, Formen und Lösungsmöglichkeiten von Konflikten. Das geschieht allerdings unvorbereitet und der Nichtinsider fragt sich möglicherweise, warum dies wichtig ist.

Danach beginnt der Hauptteil mit dem Kapitel “Die Zugangskontrolle”. Hier schildert Becker sehr anschaulich, wie Inhaftierte diesen Prozess erleben. Dies führt zu einem Exkurs über die Inhaftierung als solche, die Architektur und deren Bedeutung sowie über die Anstaltsleitung, die Becker als gefährlich und gefährdet sieht: Gefährlich für den Gefangenen durch die Machtausstattung, gefährdet durch den Gefangenen aufgrund der Hierarchie, in der auch der/die Anstaltsleiter/Anstaltsleiterin eingebettet ist.

Es folgen Blicke auf die die Struktur des Gefängnisses anhand der Verwaltung, der Fachdienste, der Wärter. Man spürt förmlich Foucault, ohne seine begrenzte Betrachtungsweise aus der Sicht des Anstaltstabes wieder zu finden. Vielmehr gelingt es Becker, die Grenzen rigider wissenschaftlicher Dogmen zu verlassen und die verschiedensten paradigmatischen Zugänge einfließen zu lassen. Hier liegt aber auch die Gefahr des Eklektizismus, dem Becker häufig erliegt. Es gelingt ihm nicht, paradigmatische Grundpositionen miteinander zu verknüpfen und so neue theoretische Blicke zu ermöglichen.

Auch im Kapitel zum “Strafvollzugsrecht” wird dies deutlich. Hier werden zwar verschiedenste Argumente zur Strafvollzugsreform der Länder mit Tatsachen untermauert (allerdings ohne Belege, was etwa für die Arbeit StudentInnen mit dem Buch sehr hinderlich ist), der theoretische Bezugsrahmen bleibt aber - außer dass es Strafvollzugkritik ist - unklar.

Das gilt auch für die weiteren Kapitel, besonders deutlich hervortretend im Kapitel „Die Funktionen”. Hier erwartet man, jedenfalls, wenn Foucault auch noch zitiert wird, eine theoretische Fundierung, was seit Michael Voss´ Buch auch geboten erscheint. Diese beschränkt sich allerdings auf wenige Verweise. Ob das eine Schwäche oder gerade die Stärke dieses Buches ist, mag der Leser entscheiden. Für den Soziologen ist es jedenfalls ein schwieriges Unterfangen.

Zielgruppe

Als Zielgruppe bieten sich alle am Strafvollzug Interessierten an. Insbesondere in der Praxis Tätige und StudentInnen sei dieses Buch empfohlen. Denn - bei aller Kritik - es bietet dem Leser/der Leserin - eine Vielfalt von Ein- und Aussichten, die die gängigen Bücher zum Strafvollzug nicht leisten können oder wollen.

Fazit

Der Autor hat unstreitig ein lesenswertes Buch zum Strafvollzug veröffentlicht, das hoffentlich wieder eine Diskussion belebt, die lange verebbt schien - die Kritik an einer nicht reformierbaren Institution, in der die Gefangenen ”… die Haft als sinnlose, vertane Zeit, als ein in ihr Leben hineingefressenes Loch” (empfinden). Ob mit Becker die Hoffnung auf einen “Wandel von Innen” bleibt, mag dahingestellt sein. Immerhin ist sein Buch ein Appell, sich auch von “Außen” mit diesem Thema wieder intensiv zu beschäftigen.


Rezensent
Prof. Dr. Helmut Janssen
M.A. (USA), FH Erfurt, FB Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Helmut Janssen. Rezension vom 10.08.2009 zu: Hubertus Becker: Ritual Knast. Die Niederlage des Gefängnisses. Forum Verlag Leipzig (Leipzig) 2008. ISBN 978-3-931801-65-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6772.php, Datum des Zugriffs 19.04.2019.


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