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Andreas Mehringer: Eine kleine Heilpädagogik

Cover Andreas Mehringer: Eine kleine Heilpädagogik. Vom Umgang mit "schwierigen" Kindern. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 12., unveränderte Auflage. 98 Seiten. ISBN 978-3-497-01958-8. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 18,00 sFr.

Reihe: Kinder sind Kinder - 12.
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Thema

Mehringers „Eine kleine Heilpädagogik“ ist mittlerweise in der 12. Auflage erschienen und wird schon vom Verlag aus als „Klassiker“ bezeichnet. Das Buch konzentriert sich auf den Umgang mit „schwierigen“ Kindern, wie der Untertitel betont, also auf den Personenkreis, der sonst auch als „verhaltensgestört“, „verhaltensauffällig“, „Kinder in Notsituationen“, „seelisch behinderte Kinder“, „Jugendliche unter gefährdenden Einflüssen“ benannt wird.

„Große“ und „kleine“ Heilpädagogik

Mehringer bezieht sich in seiner Heilpädagogik zunächst auf Hanselmanns Entwicklungsbegriff, nach dem sich Heilpädagogik den Kindern zuwende, „deren Entwicklung dauernd durch individuelle und soziale Faktoren gestört ist“, wobei Mehringer die „individuellen Faktoren“ auf „organische Defekte“ bezieht und demgegenüber die „sozialen Faktoren“ auf „Kinder, die besonders schwierig sind“, als den Kindern, auf die sich diese Arbeit konzentriert.

Der Titel „Kleine Heilpädagogik“ bezieht sich nicht auf den Umfang des knapp 100 S. starken Buches, sondern programmatisch auf den Unterschied einer „großen“ und einer „kleinen“ Heilpädagogik. „Große Heilpädagogik“ ist für ihn diejenige, die von Fachleuten durchgeführt wird, von Jugendpsychiatern, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und in Spezialeinrichtungen verortet ist. Die „kleine“ Heilpädagogik ist demgegenüber gekennzeichnet dadurch, dass sie von „Laien“ (also nicht psychiatrisch oder psychologisch voll ausgebildeten Professionellen) geleistet wird, dass sie geringere Kosten verursacht, dass sie nicht spezieller Organisationen bedarf, sondern dass sie von Menschen durchgeführt wird, „die sie [die Kinder, BK] annehmen und mögen, und einen Lebensraum eben mit dieser Luft, mit dieser Atmosphäre des Akzeptiertwerdens. …Die Therapiestunde ist zu Ende, was ist hernach, in den anderen Stunden des Tages?“ (S.15).

Zielgruppe

Daraus ergibt sich auch der Adressatenkreis seiner „kleinen“ Heilpädagogik: angesprochen werden können Studierende an Fachschulen und Fachhochschulen, an denen Heilpädagogik als eigenständiger Studiengang oder als Schwerpunkt in einem sozialpädagogischen Studiengang vorgestellt wird. Zum zweiten aber auch Personen, die ohne sonderpädagogische Professionalität mit „schwierigen“ Kindern arbeiten, also Erzieher, Sozialpädaogogen, Lehrer an allgemeinen Schulen, aber auch Pflegeeltern usw., also für Personen im Bereich Erziehungshilfe. Implizit könnte man eine „kleine Heilpädagogik“ als eine Substantiierung von Integrationspädagogik in einem Teilbereich ansehen.

Mehringer weist auf die Diskrepanz zwischen den Vorgaben der „großen“ Heilpädagogik, den Gutachten und Empfehlungen und den Schwierigkeiten des pädagogischen Alltags hin, „leichter gesagt als gelebt“. „Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es notwendig ist, die Praktiker auf diese Sachverhalte hinzuweisen, um dazu beizutragen, dass sie selbstbewusster werden und mehr Mut gewinnen.“ (S.21)

Aufbau

Seine Heilpädagogik gliedert er in sieben Teile, aus denen er sieben pädagogische Regeln ableitet.

  1. Das Wahrnehmen des Kindes. Dazu gehört für ihn auch das „Nachbergen“ z.B. in der Form der „zusätzlichen Menge von affektiver Zuwendung“ (Redl/Wineman).
  2. Das Ausverwahrlosen-Lassen, also das Akzeptieren des Kindes mit seinen „Verwahrlosungssymptomen“. Damit meint er keine grenzenlose laissez-faire-Erziehung, sondern „eine bestimmte Zeit wirklich durchzuhalten“,in dem man das Kind am Symptom festhalten lässt, bis das Kind „auch mein Nein einmal als Geborgenheit, als Sicherheit“ (35) empfindet.
  3. Die Sorge für das Angenommenwerden des Kindes in seiner Gruppe und seiner weiteren Umgebung. Auch in diesem Punkt zeigt sich die lange Erfahrung des Autors, wenn er nicht einer naiven Gruppenorientierung das Wort redet, sondern darauf verweist, dass „Kinder … im Umgang miteinander hart, ja grausam sein (können), sozial beeinträchtigte besonders.“ (37) Deshalb muss ein Heimleiter „die Aufnahme neuer schwieriger Kinder aus eigener Verantwortung ablehnen können.“ (37) Auch hierin erweise n sich die Vorstellungen des Autors durchaus als modern im Sinne von robust gegenüber den inhaltlichen und finanziellen Anforderungen von Kostenträgern. Das Ziel der Gruppenbildung besteht für ihn darin, „Bundesgenossen“ zu finden, wobei die „Kräfte der Gruppe für den Einzelnen immer wieder (zu) mobilisieren“ (40) sind. Aus seinen Vorstellungen von Kindergruppen und seinen Erfahrungen ergeben sich für ihn auch spezifische Anforderungen für die Schule als einer „Gefahrenstelle von besonderem Gewicht.“ (40), wofür die heutige Schule das durchaus thematisiert, z.B. unter dem Stichwort mobbing, ohne dass man jedoch diese Gefahrenstelle als beseitigt ansehen kann.
  4. Die Berücksichtigung der Lebensperspektive des Kindes. Schon der Untertitel „Woher das Kind kommt und wohin es gehen kann“ kennzeichnet die Perspektive dieses Teils. Hier wird die Spannung zwischen leiblichen Eltern und den Alternativen diskutiert, wobei er die Bedeutung der leiblichen Eltern weder naiv erhöht noch ausklammert, sondern differenziert Position bezieht.
  5. Die Förderung des Einsatzes musisch-künstlerischen Mittel. Mehringer führt viele Facetten solcher Aktivitäten aus und selbst wenn er nicht deren Notwendigkeit durchargumentiert, zeigt er mittelbar auf, dass eine pädagogische Welt, die aus welchen Gründen auch immer dieser Bereiche beraubt ist, viel weniger zu einer positiven Entwicklung beitragen kann.
  6. Die Einbeziehung des religiösen Aspekts. Oder als Sentenz: „Keine Heilpädagogik ohne religiöse Bindung.“ Dieser Teil seiner kleinen Heilpädagogik scheint oberflächlich als völlig unzeitgemäß. Religion kann bei ihm kirchliche Bindung heißen, kann aber auch sich beziehen auf „Ur-Vertrauen“ im Sinne Erikson, also sehr allgemein verstanden werden, auch im Sinne der ursprünglichen Wortbedeutung von religio. Die Gefahr der „kirchlich-religiös orientierten Heilpädagogik“, wie sie heute am „Runden Tisch zur Aufarbeitung der Heimerziehung“ diskutiert wird, sieht er durchaus: „Man hat einen strengen Gott als Hilfsmittel für einen lediglich Gehorsam heischenden und Angst machenden Umgang mit diesen Kindern missbraucht.“ (60) Ohne seine Vorstellung von Religion weiter auszuführen mag vielleicht auf einen Punkt verwiesen sein, der mir sehr gefallen hat: „Unzeitgemäß aktiv sollten alle Erzieher … sein in einem Punkt: der Organisation von Stille.“ (64).
  7. Die Frage nach dem Erzieher selbst. Von Selbstkontrolle und Selbsterhaltung ist hier die Rede. „Es gibt nicht nur und ausschließlich die Ansprüche des Kindes.“ (72). Dazu gehört klassischerweise die Bearbeitung von Übertragung und Gegenübertragung. Wenn man das akzeptiert wird das Aushandeln der Pädagogik, des Alltags der Erzieher, des Dienstplanes usw. wesentlich komplizierter als wenn alle sich auf das Dogma der „Ansprüche des Kindes“ reduzieren, denn dann muss man die eigene Kraft mit den anderen Bedingungen argumentativ abgleichen. Bei Mehringer findet sich ansatzweise noch eine zweite Dimension, für die er offen ist, weil er selbst als Heimleiter auch gefordert war, nämlich die Rückbezüglichkeit seiner eigenen Theorien. Kritik muss immer auch die Möglichkeit der Kritik der eigenen Überzeugungen beinhalten. Diese Art von Selbstkritik findet sich bei den klassischen Heilpädagogen fast nicht. Deren einmal gefundene Wahrheit gilt und wird so fortgeschrieben, bis hin zu Paul Moor, bei dem zwar der Psychologe vor Ort in Frage gestellt wird, aber nicht der auf dem Lehrstuhl in Zürich.

Abgerundet wird die Arbeit durch Überlegungen zur Kooperation unter Pädagogen und durch Überlegungen zum Verhältnis gesellschaftlicher Entwicklung und dem Auftreten von Verhaltensstörungen. Ein Nachwort von Roland Merten (Jena) würdigt die Arbeit und den Autor.

Diskussion

Mehringers kleine Heilpädagogik zeichnet sich aus durch jeweils gut ausgearbeitete Aspekte des pädagogischen Arbeitens mit Kindern, deren Persönlichkeitsentwicklung zusätzlichen Aufwand erforderlich macht. Sich der Regeln auch im Alltag und nicht nur in der Ausbildung immer zu vergegenwärtigen, mag sicherlich hilfreich sein und auch im Sinne langfristiger Erfolge Bestand haben. Seine Perspektive ist durchaus auch nicht unterlegen dem in der Forensik sich aktuell zunehmend durchsetzendem Konzept von „Psychopathy“, sondern relativiert dieses.

Viele Vorstellungen verknüpft der Autor jedoch mit moralischen Vorschriften im Stil: "Der Pädagoge muß ..." oder mit dem Hinweis auf Autoritäten aus der Geschichte der Pädagogik, insbesondere Pestalozzi und Korczak. Die Gefahr eines solchen Musters besteht darin, dass die von ihm geforderten "Schritte des Mitgehens" zu Lippenbekenntnissen verkommen können. Bücher haben ihr eigenes Schicksal unabhängig von den Intentionen des Autors. Jeder Erzieher kann mit den Vorstellungen und Argumentationen Mehringers auch eine schlechte Pädagogik abpuffern. Gerade die bei Pestalozzi und Korczak vorhandene Vorstellung von "dem Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist" kann dazu führen, sich in der pädagogischen Provinz einzumauern, dazu führen, die Zwänge eines Dienstplanes nicht mehr abzugleichen mit den Notwendigkeiten der Bereitstellung einer strukturierenden pädagogischen Welt für Kinder oder sogar zu einer Ideologie der "Wahrheit des Kindes" gegenüber einer nur als ungerecht gedachten Welt. Dann kann auch eine "kleine" Heilpädagogik zu einem Machtinstrument werden in der Auseinandersetzung unter Kollegen – So könnte man Mehringer auch gründlich missverstehen.

Fazit

Mehringers Heilpädagogik gehört zu einer Art von Texten, die sie in der heutigen Heilpädagogik eher selten zu finden sind, unprätentiös in der Sprache, klar in den Vorstellungen, erfahrungsnah und mit einer Vielzahl von kleinen Beobachtungen, die einem im pädagogischen Alltag auf den unterschiedlichsten Ebenen hilfreich sein können.


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Klingmüller
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Zitiervorschlag
Bernhard Klingmüller. Rezension vom 16.04.2009 zu: Andreas Mehringer: Eine kleine Heilpädagogik. Vom Umgang mit "schwierigen" Kindern. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 12., unveränderte Auflage. ISBN 978-3-497-01958-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6775.php, Datum des Zugriffs 10.04.2021.


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