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Paul Resetarics: Grundlagen pflegerischen Handelns

Cover Paul Resetarics: Grundlagen pflegerischen Handelns. Lehrbuch für die Ausbildung zum gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege und Studium. Maudrich Verlag (Wien, München, Bern) 2008. 216 Seiten. ISBN 978-3-85175-900-6. D: 24,20 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Thema

Das vorliegende Lehrbuch von Paul Resetarics richtet sich an Auszubildende des gehobenen Dienstes für Gesundheits- und Krankenpflege in Österreich und ist unter Berücksichtigung des österreichischen Curriculums verfasst worden. Die Inhalte beziehen sich auf Unterrichtseinheiten zu Unterrichtsfächern wie „Basisphilosophie der Pflege und Pflegeverständnis“, „Pflegemodelle und Pflegetheorien“, „Pflegeprozess“ und „Pflegeprinzipien und Handlungsschemata“.

Entstehungshintergrund

Der Autor ist diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger, akademischer Lehrer für Gesundheits- und Krankenpflege, hat ein Studium der Pflegewissenschaft absolviert, und ist in verschiedenen Lehrbereichen der Pflege in Österreich tätig. Zudem hat er als Autor im Bereich des wissenschaftlichen Arbeitens und in der Pflegeausbildung publiziert. Paul Resetarics ist Referent für Gesundheits- und Krankenpflegeberufe im Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend in Österreich.

Zielgruppen

Pflegeschüler und Studierende der Pflege bilden die in dieser Publikation explizit genannten Zielgruppen.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Lehrbuch gliedert sich in die folgenden Kapitel:

  1. Menschenbilder und Bilder vom Menschen
  2. Bedürfnisse und Motive
  3. Gesundheit und Krankheit
  4. Pflegeverständnis
  5. Konzept – Modell – Theorie
  6. Der Pflegeprozess
  7. Klassifikationssysteme
  8. Pflegeprinzipien und Handlungsschemata.

Außerdem findet sich am Ende des Buches ein Tabellen-, Abbildungs- und Literaturverzeichnis.

Die Kapitel wiederum werden durch Lernziele eingeleitet, die einen ersten Überblick über den Inhalt vermitteln. Im Text finden sich weitere Merksätze und Zusammenfassungen, sowie zahlreiche Abbildungen und Tabellen sowie vereinzelte Literaturhinweise.

Zum ersten Kapitel: Menschenbilder und Bilder vom Menschen

Das vorliegende Lehrbuch steigt mit einer Betrachtung grundlegender Begriffe des Pflegeberufs ein. Zunächst wird die Bedeutung von Menschenbildern als die einer Disziplin zugrunde liegende Sichtweise des Menschen geklärt. Diese bestimmen wiederum maßgeblich die Ausrichtung innerhalb dieser. Weiter wird auf Werte als bewusste oder unbewusste Orientierungsstandards Bezug genommen, die sowohl menschliches Handeln als auch die Entscheidungsfindung leiten und wiederum in moralische und nicht-moralische unterteilt werden. Zudem werden Bezüge zu persönlichen Wertesysteme als Werte-Rangordnungen hergestellt, die interindividuell verschieden sein können und über die Lebensgeschichte des Einzelnen hinweg dynamischen Veränderungen unterliegen. Diese Ausführungen bilden die Grundlage für das Verständnis von Pflegesituationen, in denen Menschen mit differierenden Wertesystemen aufeinander treffen können. Dann setzt sich der Autor mit Normen auseinander, die wiederum auf der Gesamtheit der Werte basieren und mit diesen das individuelle Menschenbild des Einzelnen bestimmen. Dem folgt eine kurze Auseinandersetzung über Sanktionen, die aus Normverletzungen resultieren können. Das Kapitel wird beschlossen durch eine kurze Gegenüberstellung unterschiedlicher gegensätzliche Menschenbilder, wie dem Kartesianischen Menschenbild, dessen Implikationen für das naturwissenschaftlich-mechanistische Menschenbild herausgearbeitet werden. Demgegenüber werden holistische und ganzheitliche Ansätzen und Auffassungen in ihren Grundzügen und wesentlichen Merkmalen skizziert.

Zum zweiten Kapitel: Bedürfnisse und Motive

Das zweite Kapitel ist der grundlegenden Einführung eines weiteren zentralen Grundbegriffs des Pflegeberufs gewidmet: den menschlichen Bedürfnissen als Grundlage von Motiven, deren Verständnis für menschliche Handlungen unerlässlich ist. Neben Maslows Bedürfnishierarchie werden die Begriffe Bedürfnis, Motivation und Motive sowie Motivbündel, extrinsische und intrinsische Motive und Motivationskonzepte geklärt. Beschlossen wird das Kapitel durch eine kurze Skizzierung unterschiedlicher Theorien und Ansätze wie dem Taylorismus, der Human-Relations-Bewegung und sozialpsychologischen Varianten.

Zum dritten Kapitel: Gesundheit und Krankheit

Das dritte Kapitel greift unterschiedliche Modelle zum Verständnis von Gesundheit und Krankheit auf. In diesem Zusammenhang wird zunächst auf das (bio)medizinische Krankheitsmodell eingegangen. Nachdem dessen Grenzen kritisch reflektiert worden sind, werden Grundzüge des psychosomatischen Erklärungsmodells erörtert. Dann wird auf das Stress-Coping-Krankheitsmodell, das Risikofaktoren-Modell, sozioökonomische Krankheitsmodelle und das multifaktorielle Erklärungsmodell Bezug genommen und wesentliche Vertreter dieser Theorierichtungen besprochen. Dies schließt ebenso die soziale Lerntheorie nach Bandura, wie das salutogenetische Modell von Antonovsky ein, bevor dann Gesundheits- und Krankheitsverhalten und deren Erklärungsansätze beleuchtet werden.

Zum vierten Kapitel Pflegeverständnis

Das Kapitel Pflegeverständnis führt über den Begriff der Selbstpflege und der informellen Pflege zum Gegenstand der formellen Pflege. Sehr ausführlich legt der Autor die Merkmale und die Bedeutung des jeweiligen Systems dar. Hinsichtlich der beruflichen Pflege werden wesentliche Fachkompetenzen und einschlägige gesetzliche, berufspolitische und ausbildungsbezogene Rahmenbedingungen der beruflichen Pflege in Österreich geklärt.

Zum fünften Kapitel Konzept – Modell – Theorie

Das Kapitel ist der Fundierung theoretischer Ansätze der Pflege gewidmet. Als Grundlage führt der Autor kurz in die Begriffe Konzept, Modell, Theorie, Pflegetheorie und konzeptuelle Modelle der Pflege ein. Hierbei und bei der Darstellung des Metaparadigmas der Pflege wird auf Fawcetts Werk Bezug genommen. Anschließend werden zentrale Pflegetheorien nach unterschiedlichen Gesichtspunkten geordnet und kurz skizziert. Den Abschluss des Kapitels bildet eine ausführliche Darstellung Grypdoncks Modell zur Pflege chronisch Kranker, welches den ansonsten zumeist angloamerikanischen klassischen pflegetheoretischen Ansätzen entgegengestellt wird.

Zum sechsten Kapitel Der Pflegeprozess

Ausgangspunkt der Darstellung des Pflegeprozesses bildet eine Betrachtung dessen theoretischer Grundlagen und historischer Hintergründe, bevor dann verschiedene Modelle des Pflegeprozesses und deren Ursprünge beleuchtet werden. Auch die Funktion, das Ziel und der Nutzen des Pflegeprozesses im Hinblick auf die patientenorientierte Gestaltung der Pflege sowohl als Problemlösungs- wie auch als Beziehungsprozess werden ausführlich erklärt. Hierbei wird auf mehr oder weniger rational problemlösende Ansätze eingegangen und deren unterschiedliche Zugänge dargelegt. Nach einer kurzen Bezugnahme auf den pflegetheoretischen Ansatz Ropers werden die einzelnen Phasen des Sechs-Schritt-Modells des Pflegeprozesses von Fiechter und Meiers besprochen. Im Rahmen der Informationssammlungen werden Informationsquellen und –typen, die im Pflegeprozess verarbeitet werden, dargelegt. Ausführlich werden Ressourcen und vom Autor so bezeichnete pflegerelevante Probleme (= Pflegeprobleme) als wesentlichste Informationen für die entsprechende zweite Phase des Pflegeprozesses besprochen. Sehr ausführlich wird auf wesentliche Informationsbedarfe des Patienten eingegangen, so dass dieses Lehrbuch konsequent eine alleinig an der fachlichen Pflege orientierte Darstellung zugunsten der Patientenperspektive verlässt. Im Unterschied zu anderen Lehrbüchern, wird zunächst der Ressourcenbegriff geklärt, bevor dann verschiedene Arten von Pflegeproblemen erläutert werden. Anschließend werden Inhalte und Arten von Pflegezielen dargelegt und Hinweise zur Formulierung gegeben. Hinsichtlich der Pflegemaßnahmen wird kurz auf die Bedeutung von Pflegestandards und Standardpflegeplänen verwiesen, dann auf die Durchführung der Pflege bezogene Aspekte und die Evaluation der Pflege beleuchtet. Das Kapitel wird mit einer kurzen Betrachtung der Voraussetzungen des Pflegeprozesses beschlossen.

Zum siebten Kapitel Klassifikationssysteme

Dieses Kapitel beinhaltet zunächst eine Einführung zu Arten, Entwicklungsstrategien, Generationen und Zielen von Klassifikationen, bevor der Fokus auf die geschichtlichen Hintergründe der Pflegediagnosen der nordamerikanischen Pflegediagnosenvereinigung NANDA gelegt wird, deren Funktion, Aufbau und Arten erörtert werden. Daran anschließend widmet sich der Autor der International Classification of Nursing Practice (ICNP), deren Hintergründe, Ziele und Aufbau besprochen und dann mit der NANDA-Klassifikation verglichen wird.

Zum achten Kapitel Pflegeprinzipien und Handlungsschemata

Das letzte dieses Lehrbuch beschließende Kapitel beinhaltet die Betrachtung der Bedeutung von Schemata und Handlungsschemata, der Begriffe Prinzip und Prinzipien und Implikationen dieser für die praktische Pflege.

Diskussion

Dieses Lehrbuch ist vom Aufbau gut gegliedert, indem zunächst grundlegende Begriffe und ihre Bedeutung für die Pflege erläutert werden und dann der Fokus über pflegetheoretische Ansätze zum Pflegeprozess bis hin zu Implikationen von Handlungsschemata und Prinzipien pflegerischer Praxis verschoben wird. Auch der Aufbau der einzelnen Kapitel in sich ist konsistent und an der Abfolge Lernziele, klar gegliederter Text mit hervorgehobenen Merkzeilen, ansprechenden Bildern und den Text gut ergänzenden Graphiken und Tabellen orientiert. Gut geeignet für die aktive Auseinandersetzung mit dem Lehrstoff sind die eingeflochtenen Übungen, die zu einer selbständigen Auseinandersetzung mit dem Thema anregen. Der Text ist zumeist verständlich verfasst, indem er grundlegend in den Pflegeberuf einführt. Daher kann dieses Lehrbuch auch ohne vorherige pflegefachliche Kenntnisse gut nachvollzogen werden. Insofern wird der Anspruch dieser Publikation als Grundlagenwerk für die Pflegeausbildung eingelöst. Eingeschränkt werden muss aber auch, dass es sich zum einen eher an Pflegeauszubildende in Österreich richtet. Zum anderen eignet es sich eher für die Pflegeausbildung als für ein Einführungswerk in das Pflegestudium, da der vermittelte Überblick über die einzelnen Themen mehr einer ersten Annäherung an die Materie entspricht, was insbesondere für ein Pflegestudium einer Vertiefung bedarf. Dies wird insbesondere an den Ausführungen zu den Pflegetheorien deutlich. Die Literaturverarbeitung ist ein Kritikpunkt, da die Literaturbezüge im Text nicht konsequent hergestellt werden, sich der Autor zuweilen auf Sekundärliteratur und vereinzelt auf „wikipedia“ und im Falle der NANDA-Pflegediagnosen nicht auf die neueste Ausgabe bezieht. Kleinere inhaltliche und begriffliche Unschärfen sind in dem Kapitel zu den Pflegetheorien über die Begriffe Induktion, Deduktion und konzeptuelle Modelle der Pflege auszumachen, auch wenn ansonsten ein guter fundierter Überblick über verschiedene Modelle des Pflegeprozesses, dessen einzelne Phasen dann anschaulich vertieft werden, gegeben wird. Unverständlich sind die immer wieder vorzufindenden Versuche von Autoren fest etablierte Begriffe wie Pflegeproblem umzuformulieren. Bedauerlicherweise wird der Pflegeprozess nicht noch konsequenter in Beziehung zu Pflegemodellen und –theorien gesetzt. Das Thema Klassifikation hingegen wird sehr anschaulich und treffend dargelegt und eignet sich in hervorragender Weise für eine erste Annährung. Was den Vergleich der ICNP und der NANDA anbetrifft, kann nicht allen Befunden gefolgt werden, da zu wenig auf die Konzeptstruktur und die Achsen der NANDA im Vergleich zur ICNP eingegangen wird und auch deren Grenzen nicht expliziert werden. Beispielsweise werden die jeweils unterschiedlichen Konstruktionsprinzipien beider Klassifikationen zu wenig in der Argumentation berücksichtigt. Dennoch ist die Abhandlung zu den Pflegeklassifikationen fundiert und zum Einstieg geeignet, auch wenn die Diskussion über die Nützlichkeit von Klassifikationssystemen hätte weiter ausgebaut werden können. Ausgespart wird leider die Darstellung des diagnostischen Prozesses im Zusammenhang mit der Pflegediagnostik. Unverständlich für ein Lehrbuch sind die Rechtschreibfehler, die sich durch das gesamte Buch hindurch ziehen.

Fazit

Insgesamt handelt es sich bei diesem Lehrbuch um einen guten Einstieg in wesentliche Grundbegriffe pflegerischen Handelns, der sich meiner Ansicht nach für die Pflegeausbildung explizit in Österreich eignet. Für Studierende der Pflege und der Pflegewissenschaft ist das Buch als erster Einstieg aufgrund der sehr verständlichen Erklärungen zu empfehlen, was jedoch einer weiteren Vertiefung durch Primärliteratur bedarf. Noch dazu muss sich dieses Lehrbuch mit anderen einschlägigen Lehrbüchern für die Pflegeausbildung messen lassen, die den hier angesprochenen Themen weitaus mehr Platz und somit Tiefe einräumen. Dennoch könnte es seinen Platz als interessantes, zumeist fundiertes und verständlich verfasstes Einstiegswerk für Auszubildende in der Pflege finden, die sich in die Diskussion wesentlicher Grundbegriffe des Pflegeberufs einfinden wollen.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Schilder
Professor für klinische Pflegewissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Michael Schilder. Rezension vom 23.10.2009 zu: Paul Resetarics: Grundlagen pflegerischen Handelns. Lehrbuch für die Ausbildung zum gehobenen Dienst für Gesundheits- und Krankenpflege und Studium. Maudrich Verlag (Wien, München, Bern) 2008. ISBN 978-3-85175-900-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6777.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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