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Wolfgang Mutzeck, Jörg Schlee (Hrsg.): Kollegiale Unterstützungssysteme für Lehrer

Cover Wolfgang Mutzeck, Jörg Schlee (Hrsg.): Kollegiale Unterstützungssysteme für Lehrer. Gemeinsam den Schulalltag bewältigen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2008. 181 Seiten. ISBN 978-3-17-020022-7. 23,00 EUR, CH: 40,30 sFr.
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Thema

Kollegiale Unterstützung als Grundlage schulischer Entwicklungsprozesse

Schulentwicklung bewegt Pädagoginnen und Pädagogen landauf, landab: Schulprogrammarbeit und Profile auf der einen, Evaluation, Schulinspektion und Vergleichsarbeiten auf der anderen Seite sind nur einige der neuen Anforderungen, die an Schule gestellt werden. Und mittendrin: die Lehrerinnen und Lehrer.

Unter den vielen Bausteinen gelingender Schulentwicklung sind sie wohl der entscheidendste. Denn es ist eine Binsenweisheit, dass eine nachhaltige Veränderung nur eintreten wird, wenn möglichst viele engagiert daran mitarbeiten.

Dieses Engagement für schulische Veränderungsprozesse zu bewahren sowie kollegiale Unterstützung und Kommunikation zu fördern, ist das Anliegen des Buches von Mutzeck und Schlee. Es lässt sich durchaus als ein Beitrag zur Qualitätsentwicklung "von innen heraus" lesen: Insofern es in 14 unabhängigen Beiträgen den Kolleg/innen vor Ort eine praxiserprobte Hilfestellung an die Hand geben will, sich kollegiale Netzwerke und Beratungsgruppen für den pädagogischen Alltag selbst zu organisieren.      

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Wolfgang Mutzeck ist Professor für Verhaltensgestörten- und Lernbehindertenpädagogik an der Universität Leipzig. Er besitzt als Autor, Dozent und Fortbildner langjährige praktische und wissenschaftliche Erfahrung in der kooperativen Beratung. Jörg Schlee ist emeritierter Professor für Sonderpädagogik an der Universität Oldenburg. Wie sein Mitherausgeber hat Schlee jahrelange praktische und wissenschaftliche Erfahrung in der beruflichen Beratung. Er hat das Modell der kollegialen Beratung und Supervision entwickelt.

Die übrigen 13 Autorinnen und Autoren sind ebenfalls Fachleute, die im Bereich Beratung für pädagogische Berufsfelder langjährige praktische Erfahrungen aufweisen können.   

Aufbau und Inhalt

"Warum kollegiale Unterstützung?" fragt Jörg Schlee in seinem  "Plädoyer für eine  andere Schulkultur". Ausgehend von Zielunschärfen der Schulentwicklungsdiskussion zeigt er Fehlentwicklungen der aktuellen Trends auf. Seiner Meinung nach sei aber eine nachhaltige Veränderung von Schule zu einem „Haus des Lernens“ nur von innen heraus möglich, nämlich durch kollegialen Austausch und gegenseitige Unterstützung.

Quasi als Rahmen der unterschiedlichen Methoden des Buches erläutert Schlee dann "Regeln und Prinzipien für kollegiale Unterstützungsgruppen". Dabei geht es um ganz praktische Fragen wie Gruppengröße, Rahmenbedingungen oder Aufgabenverteilung.

Den Einstieg in die eigentlichen Methoden machen Eva-Maria Schmidt und Diethelm Wahl mit der "Kommunikativen Praxisbewältigung in Gruppen (KOPING)", einem mehrphasigen Beratungsmodell, wechselnd in Kleingruppen und Zweierteams. Hierbei handelt es sich um ein sehr detailliertes und zeitintensives Verfahren, welches aber auch ohne spezielle Ausbildung umsetzbar ist.

Wolfgang Mutzeck bietet dann eine anschauliche Darstellung der "Kollegialen Supervision", die er als Möglichkeit zur beruflichen Unterstützung, Weiterentwicklung und Qualitätssicherung sieht. Nachdem er in die konstruktivistischen Grundlagen eingeführt hat, stellt er den Ablauf dar und verweist zur Vertiefung dann auf seine umfangreichere Veröffentlichung zum Thema. Ebenso empfiehlt er, übergangsweise einen externen Supervisor einzusetzen.

Eher aus dem "Total Quality Management" in Unternehmen bekannt sind die "Qualitätszirkel als kollegiales Unterstützungssystem in Schulen", die Heike Schnoor vorstellt. Diese Zirkel sind feste Arbeitsgruppen, die sich mit der Problemlösung befassen. Im Gegensatz zur Supervision beispielsweise  besitzt dieser Ansatz eine linearere Sicht auf die Zusammenhänge, im Sinne eines Managementzyklus' etwa. Er führt im Idealfall aber auch schnell zu konkreten Ergebnissen. 

Mit "Das Reflektierende Team als Methode der kollegialen Fallbesprechung" greifen Ralf Connemann und Doris Geiselbrecht ein systemisches Beratungskonzept auf, bei dem die Kolleg/innen das Anliegen vor Augen des/der Ratsuchenden diskutieren – mit durchaus inspirierenden Ergebnissen meiner Erfahrung nach. Der Leitfaden mit den Standard-Coachingfragen erleichtert die Gesprächsführung  und ergänzt die praxisnahe Darstellung für die eigene Umsetzung. 

David Ebert und Bernd Sieland erläutern in ihrem Beitrag über die "Korrektive Selbststeuerung" ihr Konzept der Kooperativen Entwicklungsberatung zur Stärkung der Selbststeuerung (KESS).  Dabei handelt es sich um ein an der Universität Lüneburg entwickeltes und erprobtes vierstufiges Lernarrangement, welches eine Seminarphase, selbstgesteuerte Lernphasen mit dem persönlichen Entwicklungsplan, eine professionelle (örtliche) Lerngemeinschaft sowie eine virtuelle Lerngemeinschaft umfasst.

Mit der "Selbsthilfe und Klärungen durch kollegiale Beratung und Supervision" (KoBeSu) gibt Jörg Schlee einen handlichen Abriss seines Beratungskonzeptes. Der Ansatz der „KoBeSu“ basiert auf der systemischen Annahme der "Subjektiven Theorien", die als Ausgangspunkt menschlicher Handlungen angesehen werden. In dem anspruchsvollen und fest strukturierten Beratungsprozess werden diese Theorien zum Thema gemacht.

Virtuelle professionelle Lerngruppen in einem speziellen Onlineforum stellen Bernhard Sieland und Thorsten Tarnowski in ihrem Beitrag: "Wenn manche Lehrkräfte wüssten, was andere wissen …" dar. Sie beziehen sich damit auf ein Element des KESS-Ansatzes (s.o.), das aber auch als eigenständige, niederschwellige Form der Beratung zum Einsatz kommen kann. Das Forum versammelt idealerweise das Wissen von Lehrkräften in verschiedenen Phasen ihres Berufslebens, von der Ausbildung bis zum aktiven Ruhestand, und ist eine Mischung aus kollegialem Netzwerk und E-Coaching.

Bei der "Selbst- und Beziehungsklärung" geht es Reinhold Miller dann um die Analyse und Optimierung der verbalen Interaktion, die er an einem Beispiel erläutert. In einer Art Choreografie wird ein ausgewählter Konflikt nach einem bestimmten Muster coram publico nachgestellt, wobei innere Monologe deutlich gemacht werden.

Ein Verfechter der "Videointeraktionsbegleitung in der Schule" ist Harald Gronewold, der diese Methode zur positiven Stärkung des Selbstbewusstseins einsetzt. Wesentliche Impulse bei der Nutzung dieser Methode illustriert er an einem Beispiel.

"Neuen Elan durch die Rekonstruktion Subjektiver Theorien" sieht Jörg Schlee mit dem Strukturlegeverfahren entstehen. Diese Methode visualisiert Gedanken und Zusammenhänge und hilft beim Austausch in der Beratungssituation. 

Aus der Sicht der Schulbehörde berichtet Gerhard Sennlaub über ein Projekt zur  "Anonymen kollegialen Unterstützung innerhalb der Schulorganisation". Sein Beitrag zeigt, dass gelingende Beratung gelegentlich auch organisatorische Strukturen benötigt, deren Schaffung die Aufgabe der Schuladministration ist.

Mit dem Konzept der "Belastungsreduktion durch das Selbstanwendungsprinzip" transferieren Jörg Schlee und Rüdiger Urbanek aus der Erwachsenenbildung wesentliche Prinzipien zur Gestaltung von Schulunterricht. Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass Schüler nicht anders unterrichtet werden wollen, als Lehrkräfte dies von gelungenen Fortbildungen erwarten.

"Zugunsten von Transfer": Beratung im Sinne von Praxistransfervorbereitung bereits in die Schlussphase von Fortbildungsveranstaltungen zu integrieren ist die Idee von Jörg Knoll. Statt ritualisierter Feedback-Routinen wirbt der Autor dafür, den Lerninhalt bereits im Seminar für die spätere praktische Anwendung zu aktivieren.

Zielgruppe

Wie der Titel besagt, ist das Buch für Lehrkräfte geschrieben, und ich würde es ausnahmslos für Lehrkräfte, Referendar/innen und Seminarleiter/innen sämtlicher Schularten empfehlen. Eher noch scheint dieser Zielgruppenbereich zu eng gesteckt: In seiner Vielfalt und Übertragbarkeit der Konzepte ist das Buch meiner Meinung nach für alle professionellen Pädagog/innen geeignet, die sich für kollegiale Unterstützung interessieren, z.B. in Kindertagesstätten, sozialen Einrichtungen usw.

Diskussion

Das Buch räumt auf mit dem Vorurteil, dass Beratung und Unterstützung im pädagogischen Alltag allein aus der Hand externer "Fachleute" zu erwarten sei. Beratung kann zwar von professioneller Seite erfolgen und sollte es in bestimmten Fällen auch, aber sie ist auch unter Kollegen gut möglich. Insgesamt macht das Buch Mut, aus der "Expertenfalle" zu kommen und selbst tätig zu werden. Weiß man doch: Eine Reise beginnt mit dem ersten Schritt.

"Reiselustig" macht bereits die Vielfalt des Buches: Die Ansätze und Konzepte reichen von systemisch bis eher linear-zielorientiert, sind für Kollegien, Ausbildungsgruppen, Fortbildungsseminare oder virtuelle Gruppen geeignet. Ebenso positiv zu vermerken ist der Aufbau des Buches: Der gut strukturierte Text plus zahlreiche Stichwörter am Seitenrand sowie aussagekräftige Schaubilder machen es zu einem übersichtlichen Arbeitsbuch, dem allenfalls vielleicht nur noch ein Stichwortindex gefehlt hätte.

Ob das Ziel der Herausgeber erreicht wird, dass die Leser/innen die einzelnen Methoden des Buches selbst umsetzen können?  Meiner Meinung nach muss dies durch ein klares "Jein" beantwortet werden: Die Beiträge sind teilweise so praxisorientiert, dass man Lust kriegt, sie direkt umzusetzen - andere Ansätze werden zwar praxisnah, aber eher in ihren Strukturen dargestellt oder es wird auf Vertiefung an anderer Stelle verwiesen. Unterschiedlich sind auch die Anforderungen: So sind manche Ansätze durchaus für Lehrkräfte mit wenig Hintergrundwissen (z.B. einer Fortbildung im Bereich Beratungsgrundlagen) gangbar, für die anderen Methoden sind zumindest anfangs externe Berater/innen empfohlen. Gerade wenn es um die Gesprächsführung geht, kommt es aber immer auf das Geschick des/der Kolleg/in im Bereich Coaching an.

Dies alles soll die Absicht des Buches als Hilfe zur Selbsthilfe nicht infrage stellen. In jedem Fall empfehle ich aber eine gute Einarbeitung, reflektierte Auswahl der Methode und deren Vertiefung anhand umfangreicherer Darstellungen, die zu einigen Modellen ja vorliegen.

Keineswegs sollte man die Anregungen der Autoren zur kollegialen Beratung unter dem Aspekt "Kostenneutralität" lesen. Sie sollten ebenfalls nicht dazu dienen, pädagogische Arbeit unter wachsendem Kostendruck effizienter zu gestalten. Diesen Verdacht zu wecken ist den Autoren auch keineswegs vorzuwerfen. Die Überlegung führt aber zum Ausgangspunkt des Buches zurück: Dass Schulentwicklung "von innen" eben nur eine Seite der Medaille ist. Die andere Seite ist die Administrative, die ebenso mitzuwirken hat (s. den Beitrag von Sennlaub). Beratung und Unterstützung können nur dort fruchtbar wirken, wo es geeignete Rahmenbedingungen gibt und genügend Handlungsspielraum.

Eingedenk dieser grundlegenden Problematik haben die Autoren ein hoch interessantes, sehr praxisnahes und vielfältiges Buch geschrieben, dem ich viele Leserinnen und Leser mit Neugierde und Pioniergeist wünsche!

Fazit

Das vorliegende Buch gibt einen vielfältigen und sehr praxisnahen Überblick über Grundlagen und Anwendungsmöglichkeiten der kollegialen Beratung. Darüber hinaus sind viele der anschaulich dargestellten Methoden mit wenigen Vorkenntnissen zum selber Anwenden im pädagogischen Alltag geeignet.   


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 05.11.2008 zu: Wolfgang Mutzeck, Jörg Schlee (Hrsg.): Kollegiale Unterstützungssysteme für Lehrer. Gemeinsam den Schulalltag bewältigen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-020022-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6779.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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