Friederike Potreck-Rose, Gitta Jacob: Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen
Rezensiert von Dr. Kirsten Oleimeulen, 11.12.2009
Friederike Potreck-Rose, Gitta Jacob: Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen. Psychotherapeutische Interventionen zum Aufbau von Selbstwertgefühl. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 5., aktualisierte Auflage. 239 Seiten. ISBN 978-3-608-89016-7. 23,00 EUR.
Reihe: Leben lernen - 163.
„Sei nicht dein eigener Gegner, indem du schlecht über dich redest oder denkst. Sei dein bester Freund.“
Wenn wir ein gesundes Selbstwertgefühl besitzen, dann bedeutet dies, wir glauben, liebenswert und wertvoll zu sein - trotz der Schwächen und Fehler, die wir alle haben. Echter Selbstwert hängt nicht von den erbrachten Leistungen ab, auch nicht von der sozialen Stellung in einer Gruppe, oder was man "im Leben erreicht" hat.
Ein Erfolgstrainer begann sein Seminar damit, dass er einen 50 Euro-Schein hochhielt und die Teilnehmer fragte: "Wer möchte 50 Euro haben?". Fast alle Teilnehmer hoben die Hand. Er knüllte den Schein zu einer Kugel zusammen und fragte wieder: "Wer möchte immer noch die 50 Euro?" Und wieder meldeten sich fast alle. Nun ließ er den zusammengeknüllten Schein auf den Boden fallen und trat mit den Füßen ein paar Mal auf ihn. Er hob den schmutzigen und völlig zerknitterten Schein auf und fragte: "Und wer will jetzt immer noch die 50 Euro?" Und wieder meldeten sich fast alle Teilnehmer. Schließlich hatte der Schein ja seinen Wert behalten, auch wenn er vielleicht etwas unansehnlich geworden war.
Manchmal geht es
uns wie diesem 50 Euro-Schein. Wir werden fallengelassen, man will
uns herabsetzen oder erniedrigen oder durch den Schmutz ziehen. Und
manchmal machen wir Fehler, die uns zusetzen oder es sind Umstände,
die uns zusetzen und die wir nicht verhindern konnten. Was auch immer
jedoch geschieht, wir verlieren nie unseren Wert als Mensch.
So
lange wir uns selbst nicht fallen lassen, indem wir an unserem Wert
zweifeln, solange kann nichts und niemand uns etwas anhaben.
Autorinnen
Friederike Potreck-Rose studierte Psychologie und Philosophie an der Universität in Freiburg und Zürich. Nach ihrem Studium arbeitet sie an verschiedenen Kliniken und Universität. Sie promovierte und habilitierte dort. Seit 1998 arbeitet Frau Potreck-Rose in eigener Praxis. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Störungen des Selbstwertes, Essstörungen, Somatisierungsstörungen und Anpassungsstörungen bei chronischen körperlichen Erkrankungen.
Gitta Jacob studierte Psychologie und Sonderpädagogik an der Universität Würzburg und Freiburg. Seit ihrer Promotion und Approbation arbeitet sie in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg und ist Mitglied in verschiedenen Arbeitsgruppen.
Aufbau
Das Buch “Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen“ gliedert sich in eine Theorie- und einen Praxisteil.
Teil I: Theorie
1. Zum Stellenwert von Selbstwert, Selbstvertrauen und Selbstakzeptanz in der Psychotherapie. Ein Überblick über die wissenschaftliche und anwendungsorientierte Literatur zeigt, dass es praktisch keine Störung oder Problematik gibt, die nicht mit einem Mangel an Selbstwert oder Selbstvertrauens in Zusammenhang gebracht wird. Vergleicht man unterschiedliche Therapieschulen oder therapeutische Richtungen, so besteht zwar prinzipiell Übereinstimmung hinsichtlich der hohen Bedeutung von Selbstwert und Selbstvertrauen. Es zeigen sich jedoch große Unterschiede in der Terminologie, der theoretischen Einbettung und den therapeutischen Herangehensweisen.
2. Theoretische Grundlagen. Im Grund hat jeder Mensch eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung, um seinen Selbstwert zu stärken. Der Erfolg selbstwertdienlicher Bemühungen kann sehr unterschiedlich ausfallen. Das hängt davon ab, wie flexibel eine Person in der Wahl ihrer Selbstwert-Strategien ist und wie leicht es ihr fällt, jeweils passende Vorgehensweisen zu finden. Eine wichtige Größe für den Erfolg einer Selbstwert-Strategie ist deren soziale Akzeptanz bzw. das damit einhergehende Konfliktrisiko.
3. Die vier Säulen des Selbstwertes. In diesem Kapitel wird dargestellt, was aus psychotherapeutischer Sicht einen Menschen auszeichnet, dessen Selbstwert als gesund oder angemessen ausgeprägt betrachtet werden kann. Zur Veranschaulichung bedienen sich die Autorinnen einer Metapher, in der der Selbstwert als von vier Säulen getragen dargestellt wird. Er setzt sich aus den beiden intrapersonellen Dimensionen der Selbstakzeptanz und des Selbstvertrauens zusammen, sowie den interpersonellen Dimensionen der soziale Kompetenz und des sozialen Netzes.
Teil II: Praxis
4. Stufe der Selbstzuwendung: Sensibilisierung des Ichs. Achtsamkeit beschreibt eine Grundhaltung größtmöglicher positiv gefärbter Aufmerksamkeit au sich selbst in Bezug auf alle gegenwärtigen Erfahrungen, Erlebnisse und Körperempfindungen. Die Autorinnen bieten an dieser Stelle Achtsamkeitsübungen für den Körper, die Sinne, Gefühle und Bedürfnisse an.
4.2 Sich selbst liebevoll begegnen. In dieser Phase der Arbeit am Selbstwert geht es um den zweiten Schritt der Selbstzuwendung: von der Achtsamkeit zum liebevollen Umgang mit sich selbst. Zur Initialisierung dieses Prozesses arbeiten wir mit zwei zentralen Interventionen, der Wahl eines liebevollen Beobachters und Begleiters und der Identifikation des inneren Kritikers. Die Interventionen und Übungen beschäftigen sich mit Themen wie z.B. „sich loben und ermutigen“, „es sich leicht machen“ und den „überhöhten Ansprüchen an sich selbst“.
4.3 Für sich sorgen. Während beim „achtsam sein“ und „sich liebevoll begegnen“ die Grundhaltung, die eine Person zu sich hat und zu sich einnimmt im Mittelpunkt der Arbeit steht, geht es beim „für sich sorgen“ stärker um aktives handeln. Bevor jedoch einige Klienten/-innen damit beginnen können, muss evtl. Abschied davon genommen werden, auf andere zu warten, die Verantwortung und Fürsorge für den/die Klienten/-in aus Sicht des/der Klienten/-in übernehmen müssten.
5. Schritte zur Selbstakzeptanz: Differenzierung des Wertesystems. Wenn es um das Verständnis der Genese einer psychischen Störung geht oder um die Mechanismen, die sie im Leben aufrechterhalten, spielt in jedem Fall das von der Person erworbene Wert- und Normsystem eine zentrale Rolle. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei, in welcher Weise das aktuelle Leben des/der Patienten/-in beeinflusst und möglicherweise begrenzt ist. Die therapeutische Unterstützung dieser Veränderung vollzieht sich meist in den Schritten: Kennen lernen – Entrümpeln und Erneuern – Flexibilisieren. Die Autorinnen stellen für diese Schritte die Übungen „die 7 Lebensgebote“, „der Rollenkünstler“, „der Energiekreis“ sowie „die Energieampel“ vor.
6. Wege zum Selbstvertrauen: Selbstregulation und Selbstkontrolle. In diesem Kapitel geht es um die Veränderung von Verhaltensweisen, die für den Selbstwert schädlich sind, genauso wie um das Ablegen ungünstiger Gewohnheiten. Damit steht das Selbstvertrauen im Zentrum, also das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Leistungen. Zu dieser Säule des Selbstwertes gehört es, etwas gut zu können, etwas gut zu machen, auch etwas durchzuhalten und sich etwas abzuverlangen, was Anstrengung und Überwindung kostet.
7. Risiken selbstwertstärkender Interventionen. Neben den Chancen gilt es auch die Grenzen selbstwertstärkender Interventionen zu bedenken. Die Stärkung des Selbstwertes ist nicht immer uneingeschränkt sinnvoll. Ziel der therapeutischen Arbeit muss es letztlich sein, einen im Großen und Ganzen ausbalancierten Zustand zwischen der Achtsamkeit gegenüber anderen und der Fürsorge für sich selbst zu finden.
8. Interventionen zum Aufbau des Selbstwertgefühls im psychotherapeutischen Gesamtkonzept. Zum Abschluss wird noch auf Fragen der Interventionsplanung eingegangen.
Zielgruppe
Das Buch „Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen“ richtet sich an Psychotherapeuten/-innen aller Schulen. Es ist jedoch so klar und einfach geschrieben, dass es ebenfalls für Ausbildungskandidaten/-innen sowie für den interessierten Laien sehr nützlich sein kann.
Fazit
„Selbstzuwendung, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen“ ist ein kompakt und klar strukturiertes Buch, das den Gegenstandsbereich erschöpfend, aber für den Lesenden gut erfassbar darstellt. Den Autorinnen Friederike Potreck-Rose und Gitta Jacob gelingt es einen guten Bogen von verschiedenen theoretischen Konzepten, über den psychotherapeutischen Stellenwert bis hin zu konkreten praktischen Übungen zu schlagen. Inhaltlich wird der Weg von der Selbstzuwendung über die Selbstakzeptanz hin zum Selbstvertrauen empfohlen, der die Chance erhöht nachhaltig den Selbstwert von Klienten/-innen in einen lebensqualitätsfördernden Bereich zu bringen, um damit einen protektiven Faktor für die psychische Gesundheit von Menschen zu etablieren.
Rezension von
Dr. Kirsten Oleimeulen
Psychologin – Familienberaterin, akkreditierte Psychologin für Gesundheitspsychologie und Prävention (BDP), systemische Familientherapeutin und Supervisorin, online-Beraterin
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