Olaf Schnur (Hrsg.): Quartiersforschung. Zwischen Theorie und Praxis
Rezensiert von Prof. Alex Willener, 20.05.2009
Olaf Schnur (Hrsg.): Quartiersforschung. Zwischen Theorie und Praxis.
VS Verlag für Sozialwissenschaften
(Wiesbaden) 2008.
354 Seiten.
ISBN 978-3-531-16098-6.
39,90 EUR.
Reihe: VS Research - Quartiersforschung.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-19962-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Thema
Wohnviertel, Stadtquartiere, Kieze: In der Wissenschaft und in der Praxis gibt es inzwischen vielfältige Diskurse über den lokalen Nahraum. Ebenso wichtig ist das Quartier als strategische Planungskategorie - es hat als Meso-Level zwischen Stadt- und Individualebene in den letzten Jahren geradezu Karriere gemacht Stadtentwicklungsprogramme und -prozesse konzentrieren sich mehr und mehr auf die Quartiersebene.
Mit dem Ziel, einen vertieften Dialog anzustossen, zeigen die AutorInnen dieses ersten Bandes der Reihe „Quartiersforschung“ aus der Perspektive verschiedener Fachrichtungen und der Praxis wichtige Themenfelder einer intensivierten Quartiersforschung auf.
Herausgeber
Olaf Schnur (Dr. rer nat., Dipl.-Geograph) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Stadt- und Sozialgeographie, Quartiersentwicklung in Grossstädten und soziale Stadtentwicklung.
Aufbau
Das Buch ist in vier Teile gegliedert:
- Überblick. Hier werden überblicksartig Konzepte, Definitionen und aktuelle Perspektiven dargelegt.
- Theoretische Perspektiven auf das Quartier. In diesem Teil wird ein fundierter Einblick in den theoretischen Diskurs um Quartiere bzw. Neighbourhoods aus disziplinär und national verschiedenen Blickwinkeln vermittelt.
- Prozesse, Steuerung und Governance im Quartierskontext. Der dritte Teil behandelt aktuelle Fragestellungen aus der Praxis der Quartiers-, Stadtentwicklung und -politik und befasst sich u.a. mit Quartiersbudgets, Integration im Quartier, Image von Quartieren und Stadtmarketing sowie lokaler Ökonomie.
- Quartiere im soziodemographischen Wandel. Hier werden Themen und Forschungsarbeiten rund um Wohnquartiere in Zeiten der Schrumpfung und der baulichen sowie demographischen Alterung vorgestellt.
Drei Beiträge als Beispiel
Im Folgenden werden drei der 16 Kapitel exemplarisch herausgegriffen und näher beleuchtet.
In Kapitel Quartiersforschung im Überblick: Konzepte, Definitionen und aktuelle PerspektivenOlaf Schnur acht verschiedene Zugänge zum Thema „Quartier“ genauer unter die Lupe, wobei erfreulicherweise auch insbesondere der angelsächsische Diskurs umfassend vertreten ist.
- Ausgehend von den wegweisenden Arbeiten der Chicagoer Schule umreisst der Autor zuerst die sozialökologischen Modellbildungen.
- Nicht weit entfernt von deren Prinzipien verortet Schnur die neoklassischen ökonomischen Ansätze.
- Er versammelt verschiedene Ansätze der Wohnforschung und Demographie unter dem Titel der demographischen Perspektive.
- 4. Ausgehend von den frühen prominenten Beispielen wie Middletown und Marienthal werden „Community-Studies“ als soziographisch-holistischer Ansatz vorgestellt.
- Im folgenden Abschnitt bündelt der Autor verschiedene Ansätze der Subkulturalität, der Lebenswelten und von Aktionsräumen zur „Nachbarschaft“ als Forschungsthema.
- Unter dem Stichwort der „Urban Governance“ wird die Frage aufgeworfen, wer mit welchen Mitteln die Macht in einer Stadt oder einem Quartier ausübt.
- Als weiteren Zugang bezeichnet Schnur die (Neo-)Marxistisch orientierten Theorieansätze, die sich wie etwa die „New Urban Sociology“ mit der Produktion und Regulation des Quartiers auseinandersetzen.
- Und schliesslich stellt er jene Ansätze, die auf die Bedeutung der Linguistik und Semiotik rekurrieren, unter den Begriff des Poststrukturalismus.
Unter dem Titel „Stadt der Quartiere? Das Place-Konzept und die Idee von urbanen Dörfern“ stellt Anne Vogelpohl einen zentralen sozialgeografischen Begriff vor und verknüpft diesen mit dem Begriff „Quartier“. „Place“ beinhaltet gemäss der Autorin ein ganzheitliches Verständnis von Raum, das es ermöglicht, Raum besser verstehen und verändern zu können. Dabei spielen emotionale, ästhetische und erfahrungsbezogene Aspekte eine wichtige Rolle im Umgang mit Orten. „Place“ wird im Wesentlichen durch drei Dimensionen strukturiert: Die symbolische, die soziale sowie die materielle bzw. physische. Die symbolische Repräsentation umfasst subjektive Bedeutungen wie auch gezielt artikulierte Repräsentationen, die sowohl auf individueller als auch auf sozialer Ebene wirksam werden. Analysefelder der sozialen Dimension sind Akteurskonstellationen und typische Interaktionsformen, die sich an bestimmten Orten konzentrieren. Materielle, standortgebundene Eigenschaften schliesslich prägen die physische Dimension von „Places“, die nicht nur Gebäude, Strassen oder Natur umfassen, sondern auch der Eigenschaften. Die Schnittstelle zwischen dem „Place“-Konzept und der Quartiersebene besteht in der Bindung zum engeren Wohnbereich, in der sich insbesondere die soziale und ideelle Praxis manifestiert. Als Beispiele der empirischen Praxis beleuchtet Vogelpohl einerseits die (insbesondere in Ansätzen des „New Urbanism“) populären Ansätze des „urbanen Dorfes“ sowie der „Stadt der Quartiere“. Mit der Idee von urbanen Dörfern werden dabei sowohl Räume der Sicherheit, Ordnung und Stabilität als auch Räume des Chaos, der Unsicherheit und Unübersichtlichkeit produziert. Eine „Stadt der Quartiere“ beinhaltet demgegenüber eine Vorstellung von urbanen Räumen, welche die Stärkung lokaler Einbindung und die soziale Vielfalt fördert sowie das Gefälle zwischen einzelnen Quartieren berücksichtigt.
Im Kontext des Programms „Soziale Stadt“ wird eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung der lokalen Ökonomie als bedeutungsvollem Handlungsziel und der zurückhaltenden Umsetzung von Massnahmen festgestellt. Vor diesem Hintergrund beleuchtet Gisela Prey neue Governance-Formen in der Quartiers-Ökonomie. Sie stellt den Ansatz der „Business Improvement Districts BID“ vor, der eine Plattform für neue Kooperationen zwischen öffentlichen, privaten und zivilgesellschaftlichen Akteuren bietet und somit Gewerbetreibenden in den Quartieren wie auch Immobilieninhabern und Bewohnern neue Chancen des lokal-ökonomischen Engagements ermöglicht. Ziel dieses - ursprünglich im angelsächsischen Sprachraum verbreiteten - Ansatzes ist die ökonomische Aufwertung und/oder Stärkung der urbanen Qualität. In Deutschland werden BID‘s (oder „ISG‘S - Immobilien- und Standortgemeinschaften“) bereits per Gesetz in den Stadtentwicklungsprozess eingebunden. Ein BID oder ISG zielt als lokalpolitisches Instrumentarium darauf ab, Interessengruppen im Sinne einer strategischen Allianz an der Quartiersentwicklungspolitik zu beteiligen. Die Idee besteht darin, durch Engagement von Grundeigentümern und Gewerbetreibenden sowie Unterstützung der Stadt den Standort nachhaltig zu stabilisieren, zu revitalisieren und aufzuwerten. Im Artikel wird das Beispiel des Quartiers Köln-Kalk beschrieben, wo rund 30 Unternehmer und Eigentümer einen Verein zur Bildung eines 2 Jahre dauerden ISG‘s gründeten. Ziel ist es, die Kalker Hauptstrasse durch verschiedene Massnahmen als Dienstleistungs- und Versorgungsort zu stärken, Existenzen zu sichern sowie Immobilienwerte zu stärken. In diesem Zusammenhang weist Prey auf Grenzen der Übertragbarkeit des Modells hin: Während in Nordamerika vor allem Sicherheit und Sauberkeit im Vordergrund stehen, geht es in Deutschland u.a. um Fragen des Branchenmixes, der Flächenentwicklung, des Images und der Netzwerkbildung.
Fazit
Dieses Werk bietet für Forschende wie für Praktiker/innen der Quartier- und Stadtentwicklung einen breiten Überblick über den Stand des wissenschaftlichen Diskurses sowie der aktuell eingesetzten Verfahren in der Stadtpolitik und Quartiersentwicklung. Als verdienstvoll muss erachtet werden, dass sich Herausgeberschaft bemühte, die übliche Trennung zwischen Wissenschaft und praktischer Anwendung zwischen zwei Buchdeckeln zu überwinden, was den theorieinteressierten Praktiker und die praxisnahe Wissenschaftlerin gleichermassen ansprechen wird. Besonders erfreulich ist überdies, dass in vielen Kapiteln auch der angelsächsische und in einem Fall sogar der französische Diskurs einbezogen und aufgearbeitet wird. Und nicht unerwähnt bleiben soll das kleine Highlight der „Cultural Studies“-Art von Olaf Schnur in seinem Überblickskapitel, wo er jeden theoretischen Zugang mit ein paar passenden Zeilen aus popkulturellen Songs einleitet.
Rezension von
Prof. Alex Willener
(MSc, Sozialwissenschaftler, Dipl. Sozialarbeiter, Dipl. Supervisor)
Dozent und Projektleiter im Kompetenzzentrum für Regional- und Stadtentwicklung an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
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