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Andreas Eckert: Familie und Behinderung

Cover Andreas Eckert: Familie und Behinderung. Studien zur Lebenssituation von Familien mit einem behinderten Kind. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. 313 Seiten. ISBN 978-3-8300-3810-8. 68,00 EUR.

Schriftenreihe Heilpädagogik in Forschung und Praxis - Band 2.
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Thema

Das Buch befasst sich mit der Lebenssituation von Familien mit einem Kind mit Behinderung bzw. einer anderen Besonderheit wie etwa einer chronischen Erkrankung. Dazu werden ausführliche Betrachtungen zu den Ressourcen und Bedürfnissen des täglichen Lebens der Betroffenen angestellt, ergänzt durch einen Blick auf die spezifische Situation der Väter. Das Ganze mündet ein in eine theoretische wie empiriegestützte Darlegung und Erörterung der Bedeutung des Empowerment-Konzepts, und zwar fokussiert auf Möglichkeiten der internetgestützten Hilfe für diese Familien.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt 3 große Kapitel eingeteilt, die wiederum in mehrere Abschnitte gegliedert sind. Nach einer längeren theoretischen Einleitung folgt jeweils die Präsentation eigener empirischer Forschungsergebnisse zum behandelten Gegenstand.

Im 1. Teil geht es um Ressourcen und Bedürfnisse im familiären Leben mit einem behinderten Kind. Dabei werden neben den Besonderheiten vor allem Stresserleben und Bewältigungsprozesse beleuchtet, womit der Boden bereitet ist für die Diskussion der benötigten Ressourcen und zu berücksichtigenden Bedürfnisse der Eltern. Die gewonnenen Ergebnisse ihrer empirischen Befragung werden differenziert aufbereitet, am Ende komprimiert zusammengefasst und auf die sich ergebenden Fragen für Forschung und Praxis abgeklopft.

Im 2. Teil Zur Lebenssituation von Vätern behinderter Kinder wird zunächst deren Lebenssituation beschrieben, wobei die möglichen Belastungsfaktoren im Mittelpunkt stehen. Diese werden mit vorhandenen bzw. zu entwickelnden Ressourcen abgeglichen, was zur Formulierung von Ansprüchen an soziale Netzwerke führt. Auch hier werden die empirischen Befunden vorgetragen und kommentiert.

Im 3. Teil Empowerment von Familien mit behinderten Kindern im Internet wird eingangs die Situation dieser Familien skizziert, wobei wiederum Ressourcen und Bedürfnisse im Mittelpunkt des Interesses stehen. Es folgt eine Auseinandersetzung mit dem Begriff des Empowerments und seinen Implikationen zwischen Handlungs- und Haltungsabsichten. Schließlich wird das Internet als virtuelles Netzwerk skizziert, abgerundet durch die Darstellung seiner möglichen Unterstützungsfunktion und validiert durch eine qualitative Online-Inhaltsanalyse.

Diskussion

Eckert hat sehr viel empirisches Material gesammelt und ausgewertet, um seiner zunächst theoretisch aufbereiteten Fragestellung einer ressourcenorientierten heilpädagogischen Arbeit mit Familien mit einem behinderten Kind nachzugehen. Bemerkenswert ist dabei seine breit angelegte und fundiert vorgetragene Darlegung des fachinternen Theoriediskurses. Allerdings verwundert ein wenig, dass Autor/innen wie Gaedt, Hackenberg, Heinemann, Milani Comparetti, Neuhäuser, Niedecken oder Sinason, die zum nämlichen Thema viele wichtige und interessante Beiträge geliefert haben, gänzlich fehlen. Vielleicht mag dies daran liegen, dass sie in der Mehrheit psychodynamisch ausgerichtet sind, und der Autor, wie an der sehr verkürzten Beschäftigung mit den Erkenntnissen von Jonas ersichtlich, diesem Zugang eher misstraut. Auf diese Weise aber wird dem Erleben der Ambivalenz der Eltern ihrem Kind gegenüber, ihrer Enttäuschung, Wut und der Notwendigkeit des Trauerns kein Raum gegeben – und also bleibt offen, wie ein darauf abzielendes unterstützendes Angebot zur Bewältigung beschaffen sein müsste. Wenn etwa beinahe erstaunt konstatiert wird, dass die väterliche Expressivität – „Ich zeige meine Gefühle, wie sie sind“ – nicht zu einer Stressreduktion führt, dann mag dies ja daran liegen, dass eine eher mechanistisch begriffene Katharsis zu kurz greift, weil Stress als unbestimmte Größe erscheint, die nichts über die dahinter verborgene Qualität der beteiligten Affekte oder den Bedeutungsgehalt bedrohlicher Phantasien aussagt.

Vor allem wird dem Selbsterleben der Kinder keine Beachtung geschenkt, so dass auftretende Verhaltensstörungen zwar als Belastungsmoment der Eltern benannt werden, nicht aber als Ausdruck einer möglichen erschwerten innerfamiliären Interaktion aufscheinen. Insofern ein Eingehen auf diese dunkle Seite des Themas konsequent vermieden wird, ist es in sich stimmig, dass die gewonnenen Ergebnisse und daraus abgeleiteten Empfehlungen primär auf eine kognitive Unterstützung, Informationen zu erlangen, hinauslaufen. Ziel ist es, Kompetenzen zu entwickeln, den Alltag zu managen.

Fazit

Das Buch versammelt viele Facetten im Umgang einer Familie mit der Behinderung ihres Kindes, was den Fachvertreter/innen für ihre Arbeit vor Ort gute Dienste zu leisten vermag. Vor allem ist positiv anzumerken, dass den Vätern die ihnen gebührende Aufmerksamkeit zu teil wird. Dennoch bewegt sich die theoretische wie empirische Herangehensweise auf einer sehr bewusstseinsnahen Ebene und klammert weitergehende Aspekte aus. Dadurch werden die positiven Momente der Stressbewältigung herausgestellt, die „negative“ Dialektik mit dem persönlichen Drama wie der gesellschaftlichen Ausgrenzung bleibt aber unbearbeitet. So gesehen ist die Studie Anlass und Auftrag zu weiterer Forschung.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Gerspach
lehrte bis 2014 am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Schwerpunkte: Behinderten- und Heilpädagogik, Psychoanalyti­sche Pädagogik sowie die Arbeit mit so genannten verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen. Seit 2015 lehrt er als Seniorprofessor am Institut für Sonderpädagogik der Goethe-Universität Frankfurt.
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Zitiervorschlag
Manfred Gerspach. Rezension vom 27.10.2009 zu: Andreas Eckert: Familie und Behinderung. Studien zur Lebenssituation von Familien mit einem behinderten Kind. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. ISBN 978-3-8300-3810-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6795.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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