Hannes Brandau, Wolfgang Kaschnitz: ADHS im Jugendalter
Rezensiert von Vicki Richter, 10.03.2010
Hannes Brandau, Wolfgang Kaschnitz: ADHS im Jugendalter. Grundlagen, Interventionen und Perspektiven für Pädagogik, Therapie und soziale Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 208 Seiten. ISBN 978-3-7799-2225-4. 18,00 EUR.CH: 40,60 sFr.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2915-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Thema
Wie der Titel schon verrät, geht es in dem vorliegenden Band um Grundlagen, Interventionen und Perspektiven zum Thema ADHS im Jugendalter. Das Buch richtet sich an Studierende und Praktiker in Pädagogik und Sozialer Arbeit.
Autoren
- Hannes Brandau ist Heilpädagoge und Psychotherapeut an der Psychosomatik der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz, Professor für Förderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Graz, Univ.-Doz. Für Sozialpädagogik an der KFU Graz.
- Wolfgang Kaschnitz ist Oberarzt und Leiter der Ambulanz für Psychosomatik an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz, Psychotherapeut.
Entstehungshintergrund
Jugendliche mit einem ADHS stellen für die pädagogische und soziale Arbeit eine besondere Herausforderung dar. Kaum ein anderes Phänomen im Kindes – und Jugendalter steht so im Spannungsfeld von Medizin, Psychologie, Sozialer Arbeit und Pädagogik. Wie kann man die subjektive Wirklichkeit dieser Jugendlichen verstehen? Welche Hilfen brauchen die Betroffenen und ihre Familien, damit sie ihr Leben in einer gelungenen sozialen, schulischen und beruflichen Integration meistern? Der Band informiert anschaulich über Symptome, Ursachen und neue wissenschaftliche Erklärungskonzepte vor dem Hintergrund der aktuellen neurobiologischen Forschungsbefunde. Dabei gehen die Autoren von einem subjektorientierten und systemisch-sozialpädagogischen Ansatz aus, für den eine ganzheitliche und ressourcenorientierte Förderung der Lebensbewältigung und Stärkung der Identität ins Zentrum rückt.
Aufbau
Der Band umfasst vier Teile .
Teil I: Grundlagen
(Seite 11 – 64)
1. Mozart, Edison und Hesse; auffällig, kreativ und „?“
2. Adoleszenz aus neurobiologischer Sicht
3. Klinische Definitionen von ADHS: Klassifikationsansätze, Prävalenz, Symptomkriterien
4. Medizinische Grundlagen von ADHS
5. Ätiologische Faktoren und Erklärungsmodelle, eine theoretische Vertiefung: Genetische Faktoren und Geschlecht, Modelle der Inhibitionskontrolle, ADHS; ein Zähmungsversuch des menschlichen Steinzeitjägers und Nomaden?
6. Komorbidität und relevante Begleitstörungen im Jugendalter: Störungen des Sozialverhaltens, Suchtverhalten, Affektive Störungen, Lernstörungen und kognitive Probleme, Tic-Störungen, Risikoverhalten
Teil II: Diagnostische Zugänge
(Seite 67 – 106)
7. Systemisch sozialpädagogische Aspekte von ADHS: die subjektorientierte Binnenperspektive: Das „Labeling“-Konzept, ADHS und Grunddimensionen der Lebensbewältigung, Identität und Selbstkonzept, Diagnose als Wirklichkeitskonstruktion, Psychosozial und sozialpädagogisch diagnostische Perspektiven
8. Das ganzheitlich-multiperspektivische Mosaik diagnostischen Verstehens: Medizinische Diagnose und Differentialdiagnose, Psychologisch-heilpädagogische Diagnose/Förderdiagnose, Psychosozial-systemische Diagnose, Sozialpädagogisch-subjektorientierte Diagnose, Fallstudie
Teil III: Praktische Möglichkeiten und Perspektiven der Hilfe
(Seite 109 – 179)
9. Prinzipien einer systemisch-lebensweltorientierten Förderung: Prävention, Jugendliche in ihrer Lebenswelt ganzheitlich wahrnehmen, Alltagsnähe und konkrete Hilfen zur Lebensbewältigung, Partnerschaftliche Kooperation mit den Elternn, Soziale Integration, Autonomie und „Eigensinn“, Empowerment, Netzwerkarbeit und Regionalisierung, Sozialräumliche Angebote und die Medienwelt, Förderung nach einem ganzheitlich-interdisziplinären Konzept
10. Therapeutische Möglichkeiten und pädagogische Hilfen für die Jugendlichen: Die medikamentöse Therapie, Verhaltenstherapeutische Interventionen und Psychoedukation, Lösungsorientiertes Coaching bei ADHS als Methode des „Empowerment“, Familien- und Elternorientierte Möglichkeiten, Spezielle Sozialpädagogische Maßnahmen, Gruppenorientierte Möglichkeiten, Spezifische Maßnahmen für Jugendliche mit ADHS in der Schule, Hilfen bei der berufliche Eingliederung und Jobcoaching
11. Hilfen für spezielle Probleme und Komorbidität: Impulsive Gewaltneigung und Delinquenz, Missbrauch von Suchtmitteln, Unfallrisiko, Suizidrisiko und depressive Stimmungen
12. Erfolgsgeschichten von Jugendlichen mit ADHS: Drei Kasuistiken
Teil IV: Die empirische Untersuchung
(Seite 183 – 187)
13. Zusammenfassung der Ergebnisse einer Untersuchung an männlichen Jugendlichen, die aufgrund einer ADHS-Problematik in der Universitätsklinik Graz behandelt wurden.
Abschließend: Literatur, Abbildungsverzeichnis, Tabellenverzeichnis
Diskussion
Über ADHS gibt es zahllose Publikationen, die sich aber häufig auf die vermeintlich größte Gruppe der Betroffenen beschränken, nämlich Kinder. Über betroffene Jugendliche erfährt man meist weniger und somit auch über die aufgrund der Besonderheiten dieses Lebensabschnittes zu beachtenden speziellen Bedingungen des ADHS beim Adoleszenten und die sich daraus ergebenden Konsequenzen für Therapie, Pädagogik und Sozialarbeit. Nach der Lektüre dieses mit seinen knapp 200 Seiten überschaubaren Buches hat der Leser einen guten Überblick über das Störungsbild mit all seinen Aspekten und Facetten. Auf der Basis einer breit angelegten Recherche erklären und veranschaulichen die Autoren ihre Konzepte und die von ihnen vertretene ganzheitliche und systemische Herangehensweise. Dabei bleibt es nicht bei theoretischen Überlegungen, sondern mündet in einer Vielzahl von praktischen und konkreten therapeutischen und pädagogischen Maßnahmen. Dieser Abschnitt stellt den umfangreichsten Teil des Buches dar.
Die einzelnen Unterthemen sind eher knapp, aber ausreichend ausführlich gefasst. Durch aussagekräftige Überschriften und eine sinnvolle Gliederung findet man rasch, was man sucht. Aufzählungen, Hervorhebung der wichtigsten Aspekte durch Rahmen und ergänzende Beispiele zum besseren Verstehen machen das ganze gut lesbar und verständlich. Das Buch wird mit drei anschaulichen Fallbeispielen abgerundet.
Zielgruppe und Fazit
Ein gut lesbares Buch, anhand dessen sich nicht nur die von den Autoren angesteuerte Zielgruppe – Praktiker und Studierende der Pädagogik und Sozialer Arbeit – sondern auch alle anderen Profis, die mit betroffenen Jugendlichen arbeiten, über die unterschiedlichen Aspekte des Störungsbildes und das von den Autoren vertretene ganzheitliche Behandlungs- und Förderkonzept informieren und konkrete Ideen für ihre Arbeit bekommen können.
Rezension von
Vicki Richter
Oberärztin
Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie
Psychiatrische Klinik Lüneburg gGmbH
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
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