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Pascal Bastian, Annerieke Diepholz u.a. (Hrsg.): Frühe Hilfen für Familien und soziale Frühwarnsysteme

Cover Pascal Bastian, Annerieke Diepholz, Eva Lindner (Hrsg.): Frühe Hilfen für Familien und soziale Frühwarnsysteme. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. 232 Seiten. ISBN 978-3-8309-2014-4. 22,90 EUR.

Reihe: Soziale Praxis.
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Thema

Das Buch „Frühe Hilfen für Familien und soziale Frühwarnsysteme“ widmet sich einem wichtigen Thema, das durch die medienwirksame Berichterstattung tragischer Todesfälle kleiner Kinder an Brisanz und Aktualität in letzter Zeit zugenommen hat. Innerhalb der professionellen Diskussion werden Möglichkeiten und Grenzen früher Erfassung von Kindesvernachlässigung und Misshandlung und deren Hilfemaßnahmen vermehrt diskutiert und bearbeitet. Interdisziplinäre Zusammenarbeit, Vernetzung und Kooperation der Hilfesysteme prägen diesen Diskurs. Bund und Länder fordern und fördern eine Vielzahl an unterschiedlichen Programmen, Projekten und Initiativen zur Verbesserung des Kinderschutzes.

Die vorliegende Publikation knüpft als Sammelband an diese aktuelle Diskussion an und behandelt dieses Thema in einem theoretischen Teil und einem Praxisteil. Der Sammelband soll den Leser/innen sowohl theoretische Grundlagen früher Hilfen und auch Möglichkeiten der praktischen Umsetzung vermitteln.

Aufbau und Inhalt

Im theoretischen Teil beschreiben die Autorinnen Wille und Ravens-Sieber die gesundheitliche Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland und stellen die neue Morbidität im Kindes- und Jugendalter dar. Anhand der BELLA-Studie (Erfassung von Risiko und Ressourcen) werden die Auswirkungen des familiären Kontextes und der sozialen Lage auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen erörtert und im Zusammenhang mit Prävention und Gesundheitsförderung diskutiert. Die Stärkung der wirksamen Ressourcen sollte gemäß dem salutogenetischen Ansatz Ziel von Prävention und Intervention sein und die Bedeutung der Familie berücksichtigen. Die Autorinnen sehen als besondere Herausforderung der Interventionsstrategien die Zunahme chronisch gesundheitlicher Beeinträchtigungen und psychischer Störungen bei jungen Menschen.

Hensen und Rietmann bearbeiten in ihrem Fachbeitrag fachliche und interdisziplinäre Grundlagen Sozialer Frühwarnsysteme im Zusammenhang mit Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung. Sie gehen der Frage nach, unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen sich die Implementierung derartiger Netzwerke vollziehen kann. Das Einbeziehen der organisationstheoretischen Perspektive verdeutlicht die Notwendigkeit der multiprofessionellen und interinstitutionellen Kooperation für gelingende Hilfen. Netzwerkpartner/innen benötigen eine gemeinsame fachliche Sprache und sollten sich daher auf eine handlungsleitende fachliche Theorie verständigen. Dies könnte ihrer Meinung nach die Bindungstheorie leisten, deren interdisziplinären Aspekte zwischen Medizin, Pädagogik und Psychologie dargestellt werden. Den Autoren zufolge bestehe noch ein Entwicklungsbedarf auf der Ebene der instrumentellen Erfassung von Risiken.

Tschöpe-Schäfer befasst sich in ihrem Artikel mit Unterstützungsangeboten zur Stärkung der elterlichen Erziehungsverantwortung und untersucht Konzepte der Elternbildung. Anhand einiger Elternkurse diskutiert die Autorin die Voraussetzung und Aufgaben solcher Angebote auch in Bezug ihrer Zielprogrammatik und strukturellen Bedingungen. Wenn die Aufgaben des Mutter-Vaterseins gesellschaftlich als „Berufe“ gewürdigt und bezahlt würden und dafür auch Aus- und Weiterbildung in Anspruch genommen werden kann, könnte das sowohl entwicklungsfördernde Auswirkungen für Kinder und auch für die Stabilisierung des Familiensystem haben. Die Autorin argumentiert, dass Eltern zur Stärkung ihrer Erziehungsverantwortung, neben guten Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Anerkennung ihrer Arbeit auch Austausch und ein gut funktionierendes Netzwerk sowie Begleitung durch Maßnahmen der Elternbildung benötigen. Elternbildung erweist sich als notwendige, durch viele Evaluationen belegte hervorragende Präventionsmaßnahme. Es sollte daher darauf geachtet werden, wie bereits vorhandene und pädagogisch wertvolle Unterstützungen nicht nur interessierten sondern auch bildungsfernen Eltern nahe gebracht werden kann.

Im abschließenden Artikel des theoretischen Teils des Sammelbandes wird von Bastian u.a. der Ansatz einer quasi-experimentellen Wirkungsanalyse erörtert, anhand dessen das Team die Effekte früher Hilfsangebote auf die elterliche Erziehungskompetenz untersucht.

Im Praxisteil stellen die Autorinnen Sann und Schäfer die Arbeit und Aufgabe des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen dar und geben damit auch einen Überblick über vorhandene Modellprojekte und deren Ansätze und Zielsetzungen.

Im Praxisteil werden insgesamt sieben Praxisberichte dargestellt. In den konkreten Projektbeschreibungen werden verschiedene Ansätze zur Gestaltung von Kooperationen, zum Aufbau früher Hilfsangebote und zur Durchführung spezieller niederschwelliger Hilfen behandelt. Interessierte erhalten dadurch wertvolle Hinweise und Anregungen für den Aufbau eines eigenen sozialen Frühwarnsystems.

Diskussion und Fazit

Die einzelnen Beiträge des Sammelbandes behandeln im Theorieteil wesentliche theoretische Grundlagen und Forschungsbemühungen zum Themenbereich.

Der Sammelband liefert eine Reihe von interessanten Anregungen für die weitere Diskussion Früher Hilfesysteme. Wer an bewährten Konzepten und Projekten interessiert ist, der bekommt hier Informationen, einen Überblick und konkrete und brauchbare Anregungen für den Aufbau eigener Frühwarnsysteme. Insgesamt bestätigen sowohl die theoretischen Beiträge als auch die Praxisberichte die Forderung und Notwendigkeit von Prävention, der frühen Erfassung von Kindesvernachlässigung und Misshandlung sowie die Einleitung früher Hilfemaßnahmen und nicht zuletzt auch die Dringlichkeit einer gut funktionierenden, interdisziplinären Kooperation. Obwohl es kein Universalkonzept zur interdisziplinären Netzwerkgestaltung gibt, mit dem künftig Gefährdungen für die kindliche Entwicklung gänzlich vermieden werden könnten, so wäre schon viel getan, wenn sie sich verringern ließen.

Die vorliegende Publikation leistet daher einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung des Kinderschutzes und zum Aufbau von Frühwarnsystemen, die bei den weiteren Überlegungen in Fachpraxis und Politik unbedingt beachtet werden sollten. Ein bilanzierender Ausblick wäre noch gut gewesen.


Rezension von
Prof. Dr. Irene Hiebinger
Professorin an der FH OÖ, Fakultät für Medizintechnik und Angewandte Sozialwissenschaften, Studiengang Sozialarbeit Linz
Sozialarbeiterin, Psychologin und Psychotherapeutin, Mediatorin, Supervisorin
Schwerpunkte in der Lehre und Forschung: Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit, Familiensozialarbeit, Soziale Kompetenzen, Gewaltprävention
20 Jahre Berufserfahrung als Psychologin und Psychotherapeutin am Institut für Familien- und Jugendberatung der Stadt Linz sowie als freiberufliche Trainerin im Weiterbildungsbereich
Homepage www.fh-linz.at
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Zitiervorschlag
Irene Hiebinger. Rezension vom 04.07.2009 zu: Pascal Bastian, Annerieke Diepholz, Eva Lindner (Hrsg.): Frühe Hilfen für Familien und soziale Frühwarnsysteme. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. ISBN 978-3-8309-2014-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6805.php, Datum des Zugriffs 14.04.2021.


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