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Harald Geißler (Hrsg.): E-Coaching

Cover Harald Geißler (Hrsg.): E-Coaching. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2008. 241 Seiten. ISBN 978-3-8340-0423-9. 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung - Band 55.
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Thema

„Das gecoachte Ich“ – so betitelte die Wochenzeitung Die Zeit im August 2008 ihr Dossier zu gesellschaftlichen Schwerpunktthemen. Tatsache ist: Immer mehr Menschen nehmen Beratung in Anspruch. Dies mag mit der steigenden – zumindest gefühlten – Komplexität der Lebenswelt zusammenhängen. Ob reiner Zeitgeist oder Ausdruck realer Veränderung: Der breite Trend zum Coaching im Beruflichen wie im Privaten ist in unserer Gesellschaft signifikant. 

Und warum sollte eine zeitgemäße Form der Beratung nicht auch moderne Kommunikationsmedien in Anspruch nehmen - sprich: Online-Kommunikation? Zumal das viel gepriesene „Web 2.0“ eine Fülle interaktiver Anwendungsmöglichkeiten zur Verfügung stellt. In der Tat wird diese Form der Beratung über das Medium Internet – das so genannte „E-Coaching“ – bereits erfolgreich praktiziert.

Der von Harald Geißler herausgegebene Aufsatzband befasst sich auf unterschiedlichen Ebenen mit der Verbindung von Beratung und Online-Interaktionsformen, insbesondere unter der Perspektive des E-Learning. Das vorliegende Buch strebt an, das Konzept und die vielfältige Praxis des E-Coaching theoriegeleitet darzustellen: Erschienen in einer Publikationsreihe zur Berufs- und Erwachsenenbildung, legt es dabei den Fokus auf Organisationsentwicklung, Fort- und Weiterbildung. 

Herausgeber

Harald Geißler ist Professor für Allgemeine Pädagogik unter besonderer Berücksichtigung der Berufs- und Betriebspädagogik an der Helmut-Schmidt-Universität /Universität der Bundeswehr Hamburg. Schwerpunktthemen seiner Arbeit sind Organisationsentwicklung, Weiterbildung und Beratung, hierbei insbesondere das Virtuelle Coaching.  

Neben dem Herausgeber haben 35 weitere Autorinnen und Autoren zum vorliegenden Band beigetragen. Dabei handelt es sich um Fachleute aus Hochschulen (insbesondere der Berufs- und Medienpädagogik) sowie aus Beratungsunternehmen und aus Institutionen der Fort- und Weiterbildung. Teilweise sind die Autoren als Coaches über das Internet-Portal www.virtuelles-coaching.com miteinander assoziiert.

Aufbau

Der Herausgeber fasst die 25 Beiträge des Bandes in drei Bereiche mit unterschiedlicher Reichweite und Ausrichtung zusammen:

Teil 1: E-Coaching – Grundlegung und Ausblick

Mit dem ersten Beitrag „E-Coaching - eine konzeptionelle Grundlegung“ bietet Harald Geißler eine systematische Orientierung, die auch als theoretische Grundlage für die folgenden Beiträge des Buches gelesen werden kann. Insbesondere die Verbindungen zum klassischen Coaching und zum E-Learning werden auf systematischer Ebene deutlich.

Anschließend gibt Fabienne Theis einen strukturierten Marktüberblick über E-Coaching-Angebote. Diese analysiert sie anhand der Kategorien: Medienangebot, Zielgruppen, Kosten und Setting.

Teil 2: E-Coaching im wissenschaftlichen Diskurs

„Virtuelles Coaching und Ermöglichungsdidaktik„: Unter dieser Perspektive schlägt Rolf Arnold eine Brücke vom E-Learning zum Coaching. Grundlegend stellt er die pauschale Notwendigkeit des personalen Kontaktes für Lernprozesse in Frage, wogegen er in konstruktivistischer Manier die Aneignungstätigkeit des Lerners betont. Das passgenaue Zusammenspiel von Lernprozessen und (E-)Coaching konkretisiert der Autor dann an den fünf Handlungsfeldern der Bildungsberatung, die sich im Kontext des lebenslangen Lernens zu einem Bildungs-Coaching entwickele. 

Entsprechend folgen die beiden anschließenden Beiträge der Autorenteams Trager/Wilbers und Ojstersek/Kerres der Verbindung von Virtuellem Coaching, d.h. der virtuell angeleiteten Selbstreflexion, und E-Learning. Explizit wird diese Verbindung von Online-Beratung und E-Learning noch mal an dem späteren Beitrag zur „Qualifizierung und Qualifikation von Teletutoren“ der Autoren Bieberle, Jechle und Markowski deutlich. Daneben zeigen Eric Lippmann und Gisela Ullmann-Jungfer, wie das klassische Coaching durch die Methoden des E-Mail-Coaching zwar nicht abgelöst, so doch sinnvoll erweitert werden kann. Der Beitrag wägt überdies die Vor- und Nachteile der E-Mail-Methode für den Beratungskontext ab und erläutert die erforderlichen Kompetenzen eines entsprechenden Coaches.

Zwei Beiträge richten den Fokus auf das Wissensmanagement: Einmal der Aufsatz von Gabriele Reinmann, die „E-Coaching und persönliches Wissensmanagement“ für die wachsende Gruppe der Wissensarbeiter als wichtigen Entwicklungs- und Unterstützungsfaktor erkennt. Wissensmanagement als Element im Berufungscoaching-Prozess steht dann für Alexander Kaiser im Vordergrund, wobei der Autor allerdings noch dringenden Entwicklungsbedarf für das E-Coaching-Methodenrepertoire sieht, um beim Klienten selbstreflexives Wissen (self-transcending knowledge) angesichts einer (beruflichen) Neuorientierung zu generieren.  

In den Bereich der Organisationsentwicklung fallen die zwei Beiträge von Sabine Seufert und Volker Naumann: Seufert, die sich unter dem Motto: „Lerntransfer optimieren!“ mit der Effizienzsteigerung betrieblicher Lernprozesse beschäftigt, weist insbesondere bei der Nachbereitung von Bildungsmaßnahmen ein ungenütztes Potenzial für das Coaching nach. Führungscoaching im Kontext eines „Management by Objectives“ ist das Thema Naumanns, der die führungsebenenmäßig kaskadierende Implementierung einer online gestützten Coaching-Methode favorisiert.

Teil 3: Praxisbeispiele, - berichte und -einschätzungen

Dass zeitgemäßes E-Coaching nicht nur den E-Mail-Austausch kennt, sondern auch auf virtualisierte Methoden des Präsenzcoaching zurückgreifen kann, veranschaulicht

Roman Pretot anhand des Unser-Interface-Desings der von ihm entwickelten Coaching-Plattform.

Für die online gestützte Form des Ziel- und Lebensplancoaching erläutern Melanie Herbst und Jörg Krauter die relevanten Lebensbereiche und die Methodenschritte. Über den Einsatz einer speziellen Internetanwendung zum Veränderungscoaching berichten Carolin Grünig und Jürgen Kaschube, wobei sie auch die Anforderungen an die Coaches und eine vorläufige Evaluation der Arbeit mit diesem Instrument bieten. 

Von ihren Erfahrungen mit einem virtuellen Coaching im Rahmen eines berufsbegleitenden Blended Learning Angebotes für Frauen berichten Andrea Juchem-Fiedler und Daniela Sauermann. Martina Kunzendorf und Bernd Ott stellen die Kompetenzdimensionen, das Konzept und die Werkzeuge des Virtuellen Qualifizierungscoach „VICO“ dar, der als Internetanwendung abrufbar und für die Personalentwicklung in Organisationen einsetzbar ist.

Resilienz, d.h. die Widerstandsfähigkeit gegen Stress, steht für Maren Helms Beitrag im Mittelpunkt des E-Coachings. Fallbasiert und kurzweilig führt Hartmut Rau in sein Konzept des Integrativen Management Coaching® ein. Integrativ deshalb, weil es Beratung, Training, Virtuelles Selbstcoaching und Moderation miteinander verbindet und so einen mehrfachen Nutzen für Klienten abwerfen kann.

In die Richtung der Integration mehrer Ansätze geht dann auch der Beitrag von Charlotte Heidsiek, in dem die Autorin fallbasiert darstellt, wie Virtuelles Selbstcoaching in der Weiterqualifizierung von Organisationsberater/innen eingesetzt wird. Mit dem „Virtuellen Selbstcoaching in der Einzel- und Paartherapie“ verlässt der Beitrag von Ursula Geissler-Hartmann den Bereich der Organisationsentwicklung: Hier illustriert die Autorin die Unterstützung eines „klassischen“ Beratungsprozesses durch das Virtuelle Selbstcoaching. 

Den Einsatz eines differenzierten E-Coaching-Konzeptes zur Verbesserung eines Fernstudiumangebotes beschreiben Kirsten Huter und Cordula Schurig in ihrem Praxisbeitrag. Anhand dreier Fallbeispiele veranschaulichen die Autorinnen, wie Probleme und Lernschwierigkeiten durch das E-Coaching aufgefangen werden können.

Dass sich E-Coaching auch in der Ausbildung von Coaches selbst eignet, beweisen Frank und Heidrun Strikker. Sie beziehen sich auf einen Coaching-Fernstudiumlehrgang an der Universität Bielefeld, der auch eine Blended-Learning-Phase umfasst, welche durch eine Virtuelle Coaching-Supervision ergänzt wird. Udo Kreggenfeld und Horst Reckert demonstrieren dann anhand eines Projektes, dass sich Transferleistungen von Fortbildungsveranstaltungen signifikant steigern lassen: „Die Transferquote verdreifachen“ erscheint den Autoren als realistisches Ziel.

„Kundendienst“ ist schließlich das Thema der letzten beiden Beiträge: Markus Lange beschreibt anhand von Praxisfällen, wie das Virtuelle Berater- und Salescoaching die Verhandlungskompetenzen von Finanzberatern steigert.

Den Abschluss macht wiederum ein Beitrag des Herausgebers, Harald Geissler, der sich der Implementierung eines virtuellen Coachingtools im Callcenter-Betrieb widmet. 

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Studierende und Lehrende an Hochschulen (vorzugsweise mit dem Schwerpunkt Berufspädagogik, Psychologie, Kommunikations- oder Medienwissenschaft), die eine aktuelle, systematische und theoretisch fundierte Darstellung des Themas benötigen. Coaches, Fortbildner/innen und Führungskräfte informiert das Buch über vielfältige Einsatzmöglichkeiten des E-Coaching in der der beruflichen Qualifikation, Fort- und Weiterbildung sowie der Organisationsentwicklung.

Diskussion

Insgesamt macht das Buch inhaltlich einen sehr strukturierten und aufgeräumten Eindruck. Positiv zu vermerken finde ich zunächst die Tatsache, dass die Artikel sich mitunter aufeinander beziehen und sich trotz der unterschiedlichen Autorschaften ein homogenes Bild ergibt. Ein Detail, das bei „Sammelbänden“ eher die Ausnahme bleibt. Aktualität strahlen die Beiträge nicht nur durch Bezug auf neuere und neueste Textquellen aus, sondern auch durch den Praxishintergrund der Autorinnen und Autoren, die vielfach ihre Erfahrungen als E-Coaches einbringen.

Wichtiger Bezugspunkt und Praxisfeld für das vorliegende Buch scheint das vom Herausgeber betriebene Coaching-Portal zu sein, an dem auch einige Autorinnen und Autoren mitwirken.

Angenehm ist, dass die Autorinnen und Autoren trotz des virtuellen Fokus das E-Coaching im Vergleich zur klassischen Präsenzberatung nicht verabsolutieren. Letztere wird nach wie vor ihren Platz haben, zumal ja viele der hier vorgestellten Methoden in der Face-to-face Beratung einsetzbar sind bzw. von hier stammen. Von seinem Selbstverständnis her zeigt sich das Buch aber grundsätzlich fortschrittsoptimistisch, was das E-Coaching anbelangt.

Eine kritische Frage wäre jedoch für mich, wie die Klient/innen auch später Kontrolle über ihre Daten behalten, die sie im vertraulichen E-Coachingprozess erzeugen (und die verteilt als E-Mails, Postings usw. auf fremden Servern schlummern). Zweitens ist eine mangelnde Vertrautheit mit Programmanwendungen und Informationstechnologie erfahrungsgemäß eine bedeutende Hemmschwelle in der Nutzung der Online-Angebote. Hier wäre zu erläutern – wie dies der Beitrag von Andrea Juchem-Fiedler und Daniela Sauermann anklingen lässt –, wie eine technische Qualifizierung bzw. Unterstützung zur Nutzung komplexerer Angebote sichergestellt werden kann. Ferner wäre eine eigenständige Darstellung des Zusammenhangs von restringierter Online-Kommunikation und dem kommunikativen Aspekt des Coachingprozesses eine sinnvolle Ergänzung der vorliegenden Aufsätze.

Was die Darstellung des Themas betrifft, so wird das E-Coaching eher aus einer konzeptionellen, wissenschaftlichen Perspektive betrachtet. Die Darstellung ist inhaltlich anspruchsvoll und verlangt ein Grundlagenwissen im Bereich Coaching. Des Weiteren sind Fachkenntnisse im Bereich IT und E-Learning hilfreich sowie der aktuellen virtuellen Coaching-Angebote, die im Buch Erwähnung finden.

Zusammengefasst werte ich das Buch als eine systematische Grundlegung des E-Coaching in Theorie und Praxis.

Der Vorteil der theoriebasierten Herangehensweise ist, dass sich systematischere Beziehungen zu verwandten Feldern erschließen, etwa die Verbindung des E-Coaching bzw. Virtuellen Coaching mit dem E-Learning oder Wissensmanagement. Angesichts virtueller Formen lebenslangen Lernens hat das E-Coaching durchaus eine Schlüsselposition inne. Mit dem vorliegenden Buch wird deutlich, dass diese Form der begleitenden Unterstützung im Web 2.0-Zeitalter durchaus eine ernstzunehmende Spielart der Online-Interaktionskultur darstellt und langfristig noch Potential in sich birgt.

Fazit

Zum E-Coaching im beruflichen Kontext sowie in der Organisationsentwicklung bietet das Buch eine ebenso aktuelle wie vielfältige Darstellung der Praxisfelder. Dazu liefert es gleichzeitig eine anspruchsvolle theoretische Grundlage, die eine systematische Einordnung der Thematik ermöglicht.


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 16.11.2008 zu: Harald Geißler (Hrsg.): E-Coaching. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2008. ISBN 978-3-8340-0423-9. Reihe: Grundlagen der Berufs- und Erwachsenenbildung - Band 55. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6817.php, Datum des Zugriffs 26.06.2017.


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