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Peter Stegmaier: Wissen, was Recht ist. Richterliche Rechtspraxis [...]

Cover Peter Stegmaier: Wissen, was Recht ist. Richterliche Rechtspraxis aus wissenssoziologisch-ethnografischer Sicht. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 433 Seiten. ISBN 978-3-531-16341-3. 49,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Soziologe Peter Stegmaier rekonstruiert in dieser Arbeit, die gleichzeitig seine Dissertation ist, das berufliche Handeln von Richtern. Dabei konzentriert er sich auf das fallbezogene normative richterliche Wissen. Viele rechtssoziologische Studien beobachten mündliche Verfahren oder analysieren schriftliche Urteilsbegründungen. Dagegen verfolgt der Autor die Grundannahme, dass in der Beobachtung der Fallarbeit am richterlichen Büroarbeitsplatz der Schlüssel zum Verständnis des besonderen Handlungstyps richterlicher Normarbeit und letztlich auch der Urteilsfindung zu suchen ist.

Stegmaier nahm als wissenschaftlicher Mitarbeiter an zwei DFG-Projekten teil, die Recht als soziale Praxis untersuchten. Diese Projekte sollten die juristische Methodenlehre, welche von abstrakten Idealbedingungen ausgeht, um die Perspektive des beruflichen Alltags mit seinen Problemen und den (manchmal unkonventionellen) Lösungsversuchen der Richterschaft ergänzen. Das Buch ist eine Teilstudie, die sich mit der wissenssoziologischen Relevanz der Untersuchung beschäftigt.

Aufbau …

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert.

  1. Im einleitenden Teil versucht Stegmaier, anhand der einschlägigen Literatur dem Verhältnis zwischen Wissen und Recht theoretisch auf die Spur zu kommen. Dabei verliert er die normative Praxis nie aus dem Blick, die Gegenstand der empirischen Untersuchung ist.
  2. In Kapitel zwei erfolgt der Einstieg in die ethnografische Beschreibung der Arbeitsabläufe: Der Autor folgt minutiös dem richterlichen Blick, stellt dessen Umgang mit der Fallakte und diversen Hilfsmitteln nach und arbeitet unterschiedlich intensive Bearbeitungshaltungen der Juristen heraus.
  3. Kapitel drei beschreibt die pragmatische Strukturierung von Rechtsfällen. Die auf induktivem Wege gebildeten Kategorien „Zergliedern“, „Verbinden“ und „Erfinden“ verdeutlichen, dass die normative Wissensarbeit komplexer ist als die juristische Methodenlehre vermuten lässt.
  4. Kapitel vier thematisiert die Interaktionen mit Kollegen anhand von Interviews und Schilderungen von Beratungssituationen.
  5. Das letzte Kapitel beleuchtet die Ergebnisse der Studie im Kontext wissenssoziologischer Theoriebildung als „kontinuierliche Institutionalisierung von Recht“.

… und Inhalte

Nicht das Normative, d.h. die Rechtsnorm, sondern das Kognitive ist Ausgangspunkt des Modells richterlicher Praxis in der Untersuchung. Stegmaiers Ansatz nimmt sich die Aktenarbeit vor. Dem liegt die begründete Vermutung zugrunde, dass sich der Richter als sinnhaft Handelnder in seiner Arbeit an Fallakten entlang orientiert und das Handeln selbst in Form von Aktenvermerken dokumentiert wird. Dabei aktiviert er sein Normierungs-Wissen, dessen Rekonstruktion und Typisierung das Ziel der Forschungsarbeit ist. Die zu diesem Zweck zu entwickelnden Kategorien sollen hinreichend abstrakt für den Anschluss an theoretische Grundbegriffe sein, aber so konkret, dass die soziale Realität der Praktiken noch zu erkennen ist.

Im ersten Kapitel stellt der Autor den Theorierahmen für die folgenden Ausführungen her. Er bezieht sich auf wissens- und rechtssoziologische Literatur von den Klassikern bis zur gegenwärtigen Debatte. Er geht auch auf Ergebnisse empirischer Forschung ein, indem er drei Referenzstudien von Hans-Georg Soeffner, Rüdiger Lautmann und Bruno Latour bespricht und die Begriffsmodelle vorstellt, welche Ergebnis des erwähnten DFG-Projekts waren. Das Kapitel schließt mit einer ausführlichen Vorstellung der Forschungsmethoden: Sowohl teilnehmende Beobachtung der Mikropraxis „Aktenbearbeitung“ als auch nicht standardisierte Interviews kamen zur Anwendung, um auf induktivem Wege idealtypische Kategorien zu ermitteln. Die Befunde wurden durch weitere Befragungen sowie (in ausgesuchten Einzelfällen) durch Beobachtung der Kommunikation in mündlichen Verhandlungen überprüft.

Das folgende Kapitel befasst sich ausführlich mit der Rekonstruktion richterlicher Fallbearbeitung. Der Autor benutzt dazu das heuristische Konzept des „Arbeitsbogens“ von Anselm Strauss. Er unterscheidet zwischen Interaktionen mit Menschen und der Arbeit mit Texten. Er filtert drei Haltungen heraus, die sich nach dem Aufmerksamkeitsgrad unterscheiden: minimalanalytisch, teilvertieft und gründlich. Die ethnografische Beschreibung folgt den Blickbewegungen des Richters „in Aktion“ und findet heraus, dass dieser die unterschiedlichsten Textgattungen als Hilfsmittel verwendet, dabei aber immer wieder zur Akte zurückkehrt.

Das dritte Kapitel geht der Frage nach, wie Richter ihre Fälle rekonstruieren und restrukturieren, so dass sie das normative Problem lösen können, das ihnen gestellt wird. Die Arbeitshaltung nennt Stegmaier „Anpassung“. Dahinter verbirgt sich die nicht selten recht innovative Tätigkeit, mit der Richter einen Fall nach juristischen und allgemeineren sozialen Kriterien umformen. Einzelne Operationen erhalten im ethnografischen Jargon treffende Bezeichnungen wie „Zergliedern“, „Verbinden“ oder „Erfinden“.

Die Richter selbst nennen ihre normative Strukturierungsleistung eine “Linie„: Damit ist ein erkennbares Konzept gemeint, das – von der juristischen Methodenlehre nicht vorgesehen – zwischen den in der Literatur zu findenden Rechtssätzen und der Arbeit am Einzelfall gelagert ist. Um eine „Linie“ zu bilden bzw. einzuhalten, stimmen sich Richter im Kollegenkreis ab. Um diese Interaktionen dreht sich das vierte Kapitel. Einzelne Episoden dieser Interaktionen werden durch Protokollausschnitte dokumentiert und den Typen „informieren“, koordinieren“ und „positionieren“ zugeordnet.

Das fünfte Kapitel führt die gesammelten Erkenntnisse aus den Feldbeobachtungen unter dem wissenssoziologischen Blickwinkel zusammen. Stegmaier ordnet seine Arbeit einer „Soziologie des Normativen“ zu. Das Wissen um den Fall ist der zentrale Orientierungspunkt sowohl der theoretischen als auch der alltagspragmatischen Dimension des Richterwissens. Die richterliche Praxis ist in ihrem Kern also nicht einfach Vollzug bestehender (Gesetzes-)Normen, sondern es gehe darum, „normative Deutungen zu leisten als konventionsgerechte, zugleich aber hinreichend kreative, dem konkreten Einzelfall gerecht werdende Auslegungen und Ausgestaltungen des bereits Normierten.“ (23) Diese Leistung ist zunächst eine persönliche; das Konstrukt der Linie als intermediäre Norm verweist aber auch auf die Bemühungen, in Interaktionen mit Kollegen eine zumindest regional gültige Normierung der Rechtsprechung zustande zu bringen.

Diskussion

Die Forschungsarbeit umfasst zwei Ebenen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns: Ein Schwerpunkt ist die Empirie, der andere die wissenssoziologische Reflexion. Insgesamt ist die Problemstellung nicht direkt anwendungsbezogen, sondern auf Fortschritte in der Theoriebildung ausgerichtet.

Der empirische Teil ist beispielhaft für gründliche und an wissenschaftlichen Gütekriterien ausgerichtete qualitative Forschung, die nicht auf einem oberflächlich deskriptiven Niveau verharrt. Vielmehr findet tatsächlich beim Lesen ein Prozess des Verstehens im hermeneutischen Sinne statt. Juristische Praxis wird anhand von Zitaten aus Interviews und Beobachtungsprotokollen dokumentiert und mündet in eine nachvollziehbare, mehrschichtige Kategorienbildung. Dank der Dokumentation lernt man den Richteralltag jenseits der kunstvoll formulierten – und bewusst Distanz zum Rechtslaien schaffenden – Juristensprache kennen.

Die Reflexionen zum Handlungstyp der Normierung gehen weit über den empirischen Rahmen richterlicher Berufspraxis hinaus. Einige Grundgedanken dürften auch für Leser jenseits des Umfeldes der Wissenssoziologie relevant sein: Das „offizielle“ Bild des unabhängigen, unparteiischen richterlichen Experten ähnelt immer noch der von Max Weber entworfenen Maschinen-Metapher für formalrationale Rechtsprechung. Darin fungiert der Richter als ein Automat, „in welchen oben die Akten nebst den Kosten hineingeworfen werden, damit er unten das Urteil nebst den mechanisch aus Paragraphen abgelesenen Gründen ausspeie“. [1] Nun weist Stegmaier akribisch nach, wie das pragmatische Alltagswissen in die vermeintliche Domäne juristischen Expertenwissens einbricht. Die strengen Regeln der juristischen Methodenlehre, die Logiken der Deduktion und Subsumtion, das Streben nach Eindeutigkeit werden zwar nicht in Frage gestellt, aber ohne das nicht-juristische Routinewissen und gelegentlicher kreativer Eigenleistungen gelänge es nicht, in der Berufspraxis die Brücke zur Realität des Falles zu schlagen. Einerseits mag der Ausgang eines Gerichtsverfahrens dadurch immer weniger voraussehbar erscheinen. Andererseits sollte man honorieren, dass die Weigerung, sich wie ein Automat zu verhalten, dem Bemühen geschuldet ist, dem Einzelfall möglichst gerecht zu werden.

Der Autor kennt und nennt die Grenzen seiner Beschreibungen: Durch den Fokus auf die Normierungsarbeit gerieten andere Wissensgebiete an den Rand, die auf die Urteilsfindung möglicherweise einen ebenso großen Einfluss ausüben. Als Beispiel sei die Sachverhaltsermittlung genannt, bei der Richter in vielen Fällen nur ihr Alltags- oder bestenfalls „Dilettantenwissen“ (Hans Albrecht Hesse) einbringen können und auf das Wissen von Sachverständigen angewiesen sind. Diese Problematik wird in einigen Interviewzitaten von den Informanten selbst angesprochen. Es ist plausibel, dass das Expertenwissen aus rechtsfremden Disziplinen für die Zwecke des Verfahrens nach den gleichen Mustern restrukturiert wird, wie sie Stegmaier vorgestellt hat. In den Zitaten wird deutlich, dass einige Sachverständige diese Muster kennen und die Formulierungen in ihren Gutachten auf juristische Bedürfnisse abstimmen. Derartige Wissens-Verschränkungen eröffnen Möglichkeiten zur strategischen Beeinflussung des Gerichts. Ein weiteres Beispiel sind die aus der regionalen Praxis heraus entwickelten intermediären Normen. Erfolgreiche Anwälte wissen schon längst von jenen „Linien“, die bestimmte Spruchkörper oder Einzelpersonen in ihrer Rechtsprechung verfolgen, und stellen ihre Strategien darauf ab. Die Strukturierung von Gerichtsverfahren in Interaktionen mit außergerichtlichen Akteuren nachzuzeichnen, wäre eine weitere wichtige Aufgabe für die empirische Rechtssoziologie. Die mikrosoziologisch fundierte und begriffssystematisch anschlussfähige Arbeit Stegmaiers bietet für diese Zwecke einen hervorragenden Ausgangspunkt.

Fazit

Die umfangreiche Arbeit zeichnet auf hohem theoretischen Niveau die Arbeitspraxis des richterlichen Berufsstandes nach, die bisher von soziologischen Untersuchungen nur selten derart intensiv durchdrungen werden konnte.

Das Projekt wurde unter dem Aspekt der Weiterentwicklung der juristischen Methodenlehre gefördert, das Buch vom Autor als ein Beitrag zur Wissenssoziologie gekennzeichnet. Aber auch für Vertreter von Berufsgruppen, die häufiger mit Gerichten zu tun haben, dürften die Ergebnisse der Studie interessant sein: Sie gewinnen Einblicke in die Problematisierungsweisen von Richtern (die sich freilich von der Sichtweise anderer Verfahrensbeteiligter unterscheiden), ihre Bearbeitungsroutinen und Lösungsstrategien. Am Ende kann weder die rationale Weber´sche Maschinen-Metapher aufrecht erhalten werden noch gibt es Anlass, dem Spruch Glauben zu schenken, vor Gericht sei man allein in Gottes Hand, d.h. der Willkür der Entscheidenden ausgeliefert.


[1] Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1922: 664.


Rezensent
Dipl.-Soz. Miguel Tamayo


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Zitiervorschlag
Miguel Tamayo. Rezension vom 03.03.2009 zu: Peter Stegmaier: Wissen, was Recht ist. Richterliche Rechtspraxis aus wissenssoziologisch-ethnografischer Sicht. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-16341-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6837.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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