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Wolfgang Hörner, Barbara Drinck u.a.: Bildung, Erziehung, Sozialisation

Wolfgang Hörner, Barbara Drinck, Solvejg Jobst: Bildung, Erziehung, Sozialisation. Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 221 Seiten. ISBN 978-3-86649-968-3. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 31,00 sFr.

Reihe: UTB M (Medium-Format).

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8252-3089-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Das Buch soll in die Begriffe Bildung, Erziehung und Sozialisation einführen, indem es – diese Begriffe betreffend – ein zentrales Grundwissen der Erziehungswissenschaft darstellt.

AutorInnen

Im Buch fehlen Angaben zu den AutorInnen. Googeln erbringt: Alle drei sind an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig tätig – Hörner als Professor für Vergleichende Pädagogik, Drinck als Vertreterin einer Professur für Schulpädagogik und Jobst als promovierte Mitarbeiterin der Professur Vergleichende Pädagogik. Im Bachelorstudiengang für verschiedene schulische Lehrämter bieten sie Seminare zu erziehungswissenschaftlichen Grundbegriffen an.

Entstehungshintergrund

Gedacht ist das Buch für StudienanfängerInnen, und zwar vor allem in Bachelorstudiengängen (Einbandrückentext). Es soll aber auch durch das Studium begleiten und zur Vorbereitung auf Prüfungen dienen.

Aufbau

Jede/r der AutorInnen hat einen eigenen Teil verfasst: Hörner zu „Bildung“, Drinck zu „Erziehung“ und Jobst zu „Sozialisation“, wobei jeder Teil vier Kapitel umfasst. Verweise zwischen den Teilen sind eher sparsam, und es gibt sie nur als groben Hinweis auf die betreffenden Kapitel. Auch existiert keine Einleitung, die einen Zusammenhang herstellen könnte. Vielmehr beginnt der Text des ersten Teils unvermittelt mit der Frage: „Warum ist es nötig, in einem Studiengang für Lehrer [!] systematische Überlegungen zum Bildungsbegriff anzustellen?“ (S. 9)

Jeder Teil hat sein eigenes Literaturverzeichnis. Am Ende jedes Kapitels wird ein Fazit gezogen, werden Wiederholungs- und Reflexionsfragen gestellt und Empfehlungen zum weiteren Lesen gegeben. Ein Personen- oder Sachverzeichnis, das das Nachschlagen erleichtern würde, gibt es nicht. Eine zusätzliche Orientierung bieten Randtitel (Marginalien) zum laufenden Text.

Inhalte

Im ersten Kapitel zeigt Hörner die Bedeutung des Bildungsbegriffs für die Frage, welche Inhalte die Schule vermitteln soll. Der Autor stellt erste Merkmale des Begriffs dar sowie geschichtliche Ursprünge aus der klassischen Antike und dem deutschen Neuhumanismus. Daran anschließend sind die Folgen des humboldtschen Bildungsverständnisses der Gegenstand des nächsten Kapitels. Es geht dabei besonders um das gegensätzliche Verhältnis von allgemeiner und beruflicher Bildung und um spätere Versuche, die Trennung konzeptionell und bildungspolitisch zu überwinden. Das dritte Kapitel gilt dem Wandel des Bildungsbegriffs in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, indem der gesellschaftliche Aspekt der Bildung betont wird: In der Folge erscheint Bildung auch als Kapital, sowohl volkswirtschaftlich als auch individuell; eine kritische Sicht hierauf gewinnt Hörner, indem er sich auf den dreifachen Kapitalbegriff des französischen Soziologen Pierre Bourdieu bezieht. Das letzte Kapitel dieses Teils wendet sich der heutigen Schule zu, indem nach der Unterrichtsrelevanz des Bildungsbegriffs gefragt wird. Dazu beginnt Hörner mit einem Rückgriff auf die bildungstheoretische Didaktik Wolfgang Klafkis, geht auf die Curriculumtheorie Saul B. Robinsohns ein, um von hier die Weiterentwicklung des klafkischen Modells, die kritisch-konstruktive Didaktik, zur Sprache zu bringen.

Drinck nähert sich im folgenden Teil dem Begriff Erziehung, indem sie zunächst dessen anthropologische Voraussetzungen betrachtet: die Frage nach der Erziehbarkeit und Erziehungsbedürftigkeit des Menschen. Referiert werden pädagogische Klassiker und solche aus der Anthropologie, wobei das Verhältnis von Anlage und Umwelt sowie Personalisation und Ich-Bildung hervorgehoben sind. Im Anschluss behandelt Drinck Theorien der Erziehung. Diese Abhandlung reicht in historischer Sicht von frühen christlichen Anfängen über das Zeitalter der Aufklärung, reformpädagogische Bestrebungen, Erziehung im nationalsozialistischen Staat bis zur Umerziehung in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Wiederum „künftige Lehrerinnen und Lehrer“ (S. 133) spricht das folgende Kapitel an, in dem erziehender Unterricht ein wesentliches Thema ist. Das Kapitel handelt auch von Erziehungsstilen, besonders der Eltern, und es wird eine Auswahl heutiger Erziehungsprogramme vorgestellt, die der Erziehung in der Familie dienen sollen. Das letzte Kapitel dieses Teils schließlich gilt Institutionen der Erziehung sowie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dabei kommt die Schule – in Kontrastierung zur Familie – am ausführlichsten zur Sprache; es werden aber auch Kinderkrippen, Kindergärten und sozialpädagogische Institutionen behandelt.

Jobst beginnt ihren Teil mit einer Bestimmung des Begriffes Sozialisation und mit der Vorstellung dreier sozialisationstheoretischer Perspektiven. Ausgerichtet sind sie eher soziologisch als psychologisch; denn sie gründen auf dem Strukturfunktionalismus, dem Symbolischen Interaktionismus und dem Historischen Materialismus. Die beiden folgenden Kapitel erläutern Sozialisation an den Beispielen der Familie und der Schule. Im Abschnitt zu Familie und Entwicklung des Kindes wird etwas ausführlicher eine kognitionspsychologische Darstellung, vor allem nach Jean Piaget, eingefügt. Das Kapitel über Schule zeigt dann in der Hauptsache, wie in der Schule verschiedene Faktoren der Sozialisation aufeinander wirken. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem so genannten heimlichen Lehrplan, und in einem eigenen Abschnitt werden „Konsequenzen für den Lehrer“ (S. 197) diskutiert. Das letzte Kapitel widmet Jobst dem Thema der Entwicklung der Identität im Jugendalter – unter Berücksichtigung der Peergroup. Dazu geht Jobst zunächst auf bezeichnende Merkmale der Jugendphase ein, um danach verschiedene Formen der Identität und identitätstheoretische Annahmen zu erörtern.

Diskussion und Bewertung

Das Manko des Buches ist vor allem, dass ihm eine Einleitung fehlt, in der die AutorInnen ihr Konzept darlegen. Wodurch soll das Buch sich besonders für Bachelor-Studierende eignen – und wozu bedarf es überhaupt eines weiteren Buches zu Grundbegriffen der Erziehungswissenschaft? Wieso beschränken sich die AutorInnen auf drei Grundbegriffe – während sie in ihren eigenen Seminaren zumindest vier zum Thema machen („Entwicklung“ kommt dort hinzu)? In anderer Studienliteratur lassen sich zum Teil viel mehr Grundbegriffe finden. Selbst dort, wo sich andere AutorInnen auf drei Grundbegriffe beschränken, müssen das nicht diejenigen sein, die für das vorliegende Buch ausgewählt wurden. Mit gewissem Recht könnte statt „Sozialisation“ der Begriff „Unterricht“ genannt werden.

Klärung wäre nötig gewesen, weil es in der Erziehungswissenschaft keinen unstrittigen, verbindlichen Kanon an Grundwissen gibt und auch keine unangefochtene Übereinstimmung darüber, was nötiger Kern eines erziehungswissenschaftlichen Studiums sein soll.

Um bei StudienanfängerInnen ein angemessenes Problemverständnis zu fördern, hätte ich mir mehr Aussagen folgender Art gewünscht: „dass die beiden Grundbegriffe ‚Erziehung‘ und ‚Bildung‘ keine eindeutige Trennschärfe besitzen und aus diesem Grunde häufig synonym gebraucht werden“; dass aber dennoch im vorliegenden Buch die Begriffe, einschließlich dem der Sozialisation, so dargestellt sind, „als ob sie eine ursprünglich abgrenzbare Bedeutung hätten“; dass der Begriff Sozialisation aus einer Nachbardisziplin stammt, aber dazu dienen kann, „Phänomene zu definieren, die im Erziehungs- und Bildungsprozess auftreten“ (Drinck, S. 92 [!]).

Angesichts des im Einbandrückentext erhobenen Allgemeinheitsanspruchs irritiert die mitunter ausgesprochene oder erkennbare Orientierung an Lehramtsstudierenden. Es erscheint zweifelhaft, ob die AutorInnen Bachelor-Studierende anderer erziehungswissenschaftlicher Richtungen im Blick hatten: etwa Studierende der Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung oder Sonderpädagogik.

Fazit

Ich werde das Buch StudienanfängerInnen nicht eigens empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 06.03.2009 zu: Wolfgang Hörner, Barbara Drinck, Solvejg Jobst: Bildung, Erziehung, Sozialisation. Grundbegriffe der Erziehungswissenschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-968-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6841.php, Datum des Zugriffs 10.07.2020.


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