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Tim Rohrmann: Zwei Welten? - Geschlechtertrennung in der Kindheit

Cover Tim Rohrmann: Zwei Welten? - Geschlechtertrennung in der Kindheit. Forschung und Praxis im Dialog. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 426 Seiten. ISBN 978-3-940755-14-8. 42,00 EUR.

Reihe: Erziehungswissenschaft.
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Thema

Jungen, das problematische Geschlecht?! Feminisierung der Kinderbetreuung und Schule? Differenzierte Koedukation? Große Aufmerksamkeit wird seid einiger Zeit dem Thema der Betreuung von Jungen in Kindertageseinrichtungen und in der Grundschule gewidmet. Das „schlechtere“ Abschneiden von Jungen im schulischen Bildungsprozess lenkt eine dramatisierende Aufmerksamkeit auf dieses Geschlechterthema. Durch diese Fokussierung rücken Genderstudies, geschlechtsreflexive Pädagogik und Gender Mainstreaming in das Blickfeld. Derzeit steht der große Vorwurf im Raum, dass die Feminisierung dieser Arbeitsfelder Ursache oder Hintergrund der problematischen Auffälligkeiten von Jungen sein könnten.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf Forschungen von Tim Rohrmann 2004/05 in Braunschweig zu dem Thema „Identität und Geschlecht in der Kindheit“. Es gibt einen interdisziplinären Überblick über neuere empirische Forschungen, theoretische Erklärungen und pädagogische Praxiskonzepte zum Thema und geht der Frage nach, ob und in welcher Weise Praxiskonzepte geschlechtsbewusster Pädagogik die Tendenz von Mädchen und Jungen gleichgeschlechtliche Spielgruppen zu bevorzugen aufgreifen.

Tim Rohrmann veröffentlicht seit mehr als 10 Jahren zum Thema Jungenarbeit, zur Situation von Jungen insbesondere in der Kindertagesbetreuung und in der Schule. Auf dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen in der Arbeit mit Jungen, in der Fortbildungsarbeit und mit der entsprechenden Vernetzung im Feld der Jungenarbeit und der geschlechtsdifferenzierten Arbeit bringt Herr Rohrmann die besten Voraussetzungen für eine kompetente Analyse vorhandener Forschung und Praxis mit.

Aufbau und Inhalt

Das Buch basiert auf der Doktorarbeit Herrn Rohrmanns. Für diese hat er zusammengetragen, welche Arbeitsansätze für geschlechtshomogene Gruppen im Vorschul- und Grundschulbereich beschrieben worden sind und wie der Forschungsstand ist. Somit wird ein umfassender und aktueller Überblick über die internationale empirische Forschung zu Geschlechterinteraktionen in der Kindheit, über Geschlechterverhältnissen in pädagogischen Institutionen und über Praxisansätze geschlechtsbezogener Pädagogik in Kindertageseinrichtungen und Grundschulen insbesondere im deutschsprachigen Raum vorgestellt.

Davon ausgehend wird der Forschungsstand kritisch analysiert. Mit Hilfe von Gruppendiskussionen mit führenden ExpertInnen aus Genderforschung, Ausbildung und Praxis entwickelt Tim Rohrmann Perspektiven für einen neuen und angemessenen wissenschaftlichen und pädagogischen Umgang mit der Genderthematik in der frühen und mittleren Kindheit. Nach Vorwort und Einleitung widmet sich das 3. Kapitel der Bestandsaufnahme zur nationalen und internationalen Forschung zu (selbstgewählten) geschlechtshomogenen Spielgruppen und zu gemeinschaftlichen Spielsituationen. Zuvor wird vom Autor noch ausführlich auf die These der „zwei Kulturen“ (männlich und weiblich) eingegangen. Auch den Erkenntnissen aus Untersuchungen zum gemeinsamen Spiel wird ein ganzes Kapitel gewidmet.

Unter der Überschrift „Erklärungsansätze“ listet der Autor aus sehr unterschiedlichen Theorieansätzen Erkenntnisse auf:

  • geschlechtsdifferenzierte Entwicklungsstufen,
  • strukturelle Bedingungen,
  • Biologie,
  • Psychologie und Tiefenpsychologie sowie
  • sozialkonstruktivistische und
  • feministische Ansätze.

Kapitel vier beinhaltet die Bestandsaufnahme der vorfindbaren, beschriebenen pädagogischen Praxis. Mit dem ersten Teil geht Tim Rohrmann auf das Geschlecht der betreuenden Person ein und stellt fest, dass dies zwar häufig kritisch thematisiert (Feminisierung der Grundschule) aber in Untersuchungen nicht ausreichend gewürdigt wird. Er sammelte dazu Zahlen aus unterschiedlichsten Quellen um der „gefühlten“ Geschlechterverteilung eine fundierte Basis zu geben. Auch der historischen Entwicklung der Berufsbilder wird Raum gegeben.

Je ein Kapitel befasst sich mit der gegenderten Praxis in Kindertageseinrichtungen und in der Grundschule im internationale Vergleich.

Die wissenschaftliche Methode der Expertinneninterviews wird im 5. Kapitel einführend beschrieben. 10 Frauen und 11 Männer, überwiegend aus in den Bereichen Lehre und Forschung, nahmen an den leitfadengestützten Gruppendiskussionen teil. Folgende Themenkomplexe wurden eingebracht:

  • Gibt es die „zwei Welten“ der Mädchen und Jungen?;
  • Welche Auswirkungen hat diese Tendenz der Geschlechtertrennung?;
  • Wie könnte mit dieser Tendenz pädagogisch sinnvoll umgegangen werden?;
  • Welche Bedeutung könnte die Dominanz von Frauen im Zusammenhang mit den geschlechtsgetrennten Lebenswelten von Kindern und die Anwesenheit von männlichen Pädagogen haben?;
  • Welche Konsequenzen für das Arbeitsfeld und die Aus- und Fortbildung sind absehbar?

Unter der Überschrift „Ergebnisse“ fasst der Autor die inhaltlichen Aussagen der ExpertInnen und die wesentlichen Ergebnisse der empirischen Studie zusammen. So wird z.B. von negativen und positiven Folgen also vom „Janusgesicht“ der Geschlechtertrennung berichtet, allerdings auch festgestellt, dass die Gruppen so unterschiedlich sind, dass allgemeine Aussagen nicht getroffen werden können. Festgestellt wurde auch, dass Genderkompetenz nur im Zusammenhang mit einheitlichen Zielvorstellungen wirksam sei. Ergebnisse gab es auch zur Debatte zur Bedeutung männlicher Fachkräfte und zum Verhältnis von Wissenschaft und Praxis.

Das 6. Kapitel enthält die Konsequenzen aus der Forschungsarbeit. Grafische Darstellungen verdeutlichen die Ergebnisse und eine Grafik zeigt Geschlechtertrennung als Kristallisationspunkt geschlechtsbezogener Entwicklung und Sozialisation. Perspektiven für die Forschung und Konsequenzen für die Praxis (Gender Play), die Aus- und Weiterbildung sowie die Anregung von Dialogen von Frauen und Männern bilden den Abschluss.

Zielgruppen

Diese Lektüre ist in ihren diversen Abschnitten für verschiedene Zielgruppen interessant. Für Aus- und Weiterbildung sowie NeueinsteigerInnen eignen sich die Ausführungen zu theoretischen Hintergründen besonders. Führungskräfte und Verantwortliche für inhaltliche Konzeptionen, Fachkräfte aus Politik und Administration finden trotz der fehlenden Stringenz in Aussagen wertvolle Anregungen und Informationen. Praktikerinnen aus der Kinderbetreuung, aus Schule und verbandlicher Kinderarbeit u.ä. können von den vielen auch internationalen Praxisbeispielen und vor allen von den abschließenden Darstellungen und Vorschlägen profitieren.

Diskussion

Das Buch enthält keine fertigen Konzepte oder Programme sondern Anregungen, die sich für die pädagogische Praxis aus der Untersuchung heraus ergeben. Das ist einerseits sehr erfreulich, weil besonders auch bei diesem Thema der geschlechtsreflektierten Pädagogik Rezepte nur zu kurz greifen können. Ist doch, wie immer wieder auch vom Autor angemerkt, Reflexion (der eigenen Handlungsantriebe, der individuellen Situation eines Mädchens/Jungen, der Struktur, des pädagogischen Handelns usw.) das A und O. Andererseits gibt es natürlich den drängenden Wunsch stringente Erklärungen und daraus folgende Handlungsanweisungen zu bekommen. Konsequenterweise enthält das 3. Kapitel, in dem ein Überblick über den nationalen und internationalen Forschungsstand zu geschlechtshomogenen oder -heterogenen Spielgruppen in Vor- und Grundschule gegeben wird, statt einer Zusammenfassung Fragen zur Reflexion.

Wie ein roter Faden durchziehen die Themen „Krise der Jungen“ und „Feminisierung der Pädagogik“ das Buch. Auch dazu werden diverse Studien herangezogen und lassen nur die Feststellung zu, dass dieser Zusammenhang bislang nicht durch Forschung belegt ist. Es werden aber etliche interessante Aspekte benannt, durchdacht und dargestellt, die hilfreich im weiteren Umgang mit der Thematik sein können.

Im letzten Kapitel werden mit Hilfe von Grafiken sehr anschaulich und verständlich die Forschungsergebnisse dargestellt und auch Anregungen für den pädagogischen Alltag und die Ausbildung von Fachkräften vermittelt.


Rezensentin
Hannelore Güntner
Dipl. Sozialpädagogin (FH), Erzieherin, Supervisorin (DGSv), Bildungsreferentin. Fortbildungen und Trainings in den Bereichen der Mädchenarbeit, Genderpädagogik, Gender Mainstreaming und geschlechtersensiblen Cross Work
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Zitiervorschlag
Hannelore Güntner. Rezension vom 17.02.2009 zu: Tim Rohrmann: Zwei Welten? - Geschlechtertrennung in der Kindheit. Forschung und Praxis im Dialog. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-940755-14-8. Reihe: Erziehungswissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6854.php, Datum des Zugriffs 22.04.2019.


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