socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Erich Schützendorf, Wolfgang Dannecker: Vergesslich, störrisch, undankbar? (Demenz)

Cover Erich Schützendorf, Wolfgang Dannecker: Vergesslich, störrisch, undankbar? Demente Angehörige liebevoll pflegen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 183 Seiten. ISBN 978-3-497-02030-0. 19,90 EUR.

Reinhardts gerontologische Reihe - Band 43.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Autoren

Die beiden Autoren sind seit vielen Jahren im Bereich der Gerontologie und Altenhilfeberatung tätig. Erich Schützendorf ist Dipl. Pädagoge und arbeitet als Fachbereitsleiter für Fragen des Älterwerden der VHS Kreis Viersen. Wolfgang Dannecker ist Sozialarbeiter und Dipl. Sozialgerontologe, war langjährig in der kommunalen Altenberatung und Altenplanung tätig und arbeitet als Dozent an Hochschulen und Altenpflegeschulen.

Thema

Das Hauptanliegen des vorliegende Buch ist, wie bereits der Untertitel ankündigt, zu einer „liebevolle“ Pflege von alten Menschen mit demenziellen Erkrankungen anzuregen und zu ermutigen. Ausgehend von der hohen Zahl von ca. 1,2 Millionen Menschen mit einer mittleren bis schweren Demenz und der Tatsache, dass die Hauptverantwortung der Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz bei den Familienangehörigen liegt, kreist das Buch um die Frage, wie trotz deren hohen Belastung eine liebevolle Begleitung, Betreuung und Pflege möglich ist. Zumal in dem Buchtitel, wenngleich mit Fragezeichen, die Alltagserfahrung aufgegriffen wird, dass viele alte verwirrte Menschen oft als „störrisch“ und „undankbar“ erlebt werden.

Aufbau

Inhaltlich ist das vorliegende Buch zwei geteilt. Im ersten Teil wird anhand einer fiktiven Geschichte der typische Verlauf einer Demenz bei einer alten Mutter sowie die in der Regel ebenso typischen Verunsicherungen und Nöte der damit konfrontierten Angehörigen geschildert. Der zweite, etwas kürzere Teil des Buches umfasst einen ausführlichen Infoteil zu rechtlichen, finanziellen, organisatorischen und medizinisch-therapeutischen Fragen der Betreuung, Begleitung und Pflege von Angehörigen mit dementiellen oder anderen Alterserkrankungen oder Behinderungen.

Teil I

Die fiktive Geschichte ist mehr als eine Falldarstellung. Es ist der Versuch eine Entwicklungsgeschichte und eine Art Reisebericht in ein „unbekanntes Land“ zu schreiben. Die Protagonisten der Geschichte sind die relativ plötzlich sich verändernde alte Mutter Elisabeth Bach und ihre zunehmend rat- und rastloser werdene Tochter Karin Thomas. Der Tod des Ehemanns und Vaters steht am Anfang der Geschichte. Wie so oft bei alten Ehepaaren, gerät durch den Verlust bei dem zurück gebliebenen Partner fast von einem Tag auf den anderen alles aus den Fugen. Für die Mutter ist nichts mehr so wie vorher. Es beginnt für sie gleichsam eine neue Zeitrechnung: sie gibt so manche alte Gewohnheiten auf, an anderen hält sie, aus der Sicht der Tochter, starrsinnig fest, sie wird fordernder, unduldsamer und wie es scheint auch eigensinniger und rücksichtloser. Für die Tochter beginnt damit die Zeit der Verunsicherung, der Unwägbarkeiten und Unplanbarkeiten. Je mehr sie sich um die Mutter kümmert, umso mehr scheint sich die Mutter zu verändern und all ihren Bemühungen zu entziehen. Die Autoren begeben sich nun in die Rollen der Wegbegleiter, greifen die Fragen der Tochter auf, bieten nachvollziehbare Erläuterungen und Erklärungen für das oft seltsame Verhalten der Mutter, geben Hinweise und Anregungen für ein anderes und besseres Verständnis und scheuen nicht vor praktischen Ratschlägen zu alltäglichen Konfliktsituationen zurück. Achten sehr darauf, dass die Tochter nicht nur lernt ihre Mutter zu verstehen und sie liebevoll zu begleiten, sondern sich zugleich um sich selbst kümmern und von der Mutter abgrenzen kann.Und die Leser werden durch die Art der Berichterstattung von den Autoren ebenfalls mitgenommen, sie erfahren, welche neue Anforderungen und Aufgaben auf jeden, der mit ähnlichen Betreuungssituationen konfrontiert wird, zu kommen kann und wie sich der oft lange Weg der Betreuung eines alten Menschen als Berg- und Talfahrt erweist. Sie werden angeregt sich zu fragen, welche Belastungen sie zu tragen bereit sind, wann es notwendig werden kann, sich unterstützende Hilfe und Helfer zu suchen und sie werden gleichzeitig ermutigt sich auf lebensbereichernde Erfahrungen einzulassen, wenn sie als pflegende Angehörige offen für eigenes Lernen und zugleich aufmerksam sich selbst gegenüber werden.

Von der Darstellungsform her wird die Geschichte immer wieder durch hilfreiche Informationen und Hinweise z.B. zu Fragen der medizinischen Behandlung, der außerhäuslichen Betreuung, zu rechtlichen und finanziellen Belangen durchbrochen und so in Richtung eines informativen Ratgebers versachlicht.

Ein Nachteil dieser Vorgehensweise kann für einen Leser, der selbst in einer Pflegesituation eines betroffenen Angehörigen ist, allerdings sein, dass er unwillkürlich seine eigene Situation mit der dargestellten Geschichte vergleicht und letztere gleichsam zum Maßstab für die je eigenen Erfahrungen und das eigene Erleben macht. Und dann kann es leicht geschehen, dass ein solcher Leser zwischen spontaner, emotionaler Zustimmung, wie : „ja genau so ist sie, die Mutter oder er, der Vater“ und verärgerter, abwehrender Ablehnung, wie „ja aber meine Mutter oder mein Vater verhält sich ganz anders“ hin und her pendelt.

Trotzdem, insgesamt regt die fiktive Geschichte zum Nachdenken an, zum Erkennen der eigenen Widerstände, des Unverständnisses und lenkt die Aufmerksamkeit auf die zunehmenden Ängste und Verlusterfahrungen von dementiell veränderten Menschen wie auch auf die eigenen Belastungserfahrungen der begleitenden Angehörigen. Zudem wird man als Leser aufgefordert anhand der Fragen, die als Zwischenüberschriften immer wieder formuliert werden, nach eigenen Antworten zu suchen. Hilfreich ist auch, dass die Fragen und Probleme, die die Tochter formuliert immer wieder zu einem Perspektivwechsel anregen, und zugleich in Infothek-Abschnitten auf sehr praktische Fragen in der Bewältigung der alltäglichen Anforderungen eingegangen wird. Allerdings bei so manchen Deutungen von Verhaltensauffälligkeiten sind die Autoren recht schnell mit einer möglichen (medizinischen) Diagnose, so z.B. dann, wenn sie behaupten, es liegt eine „dementielle Veränderung nahe“, wenn „Frau Bach beispielsweise zuerst den Kaffee in die Kaffemaschine löffelt und dann den Filter darauf legt“.

Teil II

In diesem Teil werden in einer gut gegliederten, übersichtlichen Infothek unabhängig von dem Einzelfall, die Fragen und Themen, die für viele pflegende Angehörige im Verlauf einer Begleitung auftauchen, ausführlicher und systematischer bearbeitet. Angefangen von Begegnungs- und Kontaktmöglichkeiten für alleinlebende Seniorinnen und Senioren sowie zu Fragen der Vorsorge, über Informations- und Beratungsquellen im Bereich Wohnen und Pflege, über die verschiedensten medizinischen, technischen, sozialen und pflegerischen Hilfen im Umgang mit dementiell veränderten Menschen bis zu Informationen zur Pflegeversicherung, zu Kosten und Finanzierungsmodalitäten der verschiedenen Dienstleistungen im ambulanten, teilstationären und stationären Bereich und zu Checklisten für die Suche nach einem geeigneten Pflegeheimplatz. Hilfreich ist dieser Infoteil allerdings mehr für diejenigen Angehörigen und Betreuer, die sich einen Überblick über die gegebenen Hilfsmöglichkeiten und die gesetzlichen Bedingungen sowie (versicherungs)rechtlichen Regularien im Falle einer Betreuungs- und Pflegesituation verschaffen wollen. Wer spezielle Informationen und Hilfen für den Einzelfall benötigt, für den werden die allgemeinen Informationen in diesem Teil weniger dienlich sein.

Zielgruppe

Vorrangig ist das vorliegende Buch an pflegende Angehörige altersverwirrter Menschen gerichtet, aber auch an Angehörige oder professionelle Helfer, die ähnliche Betreuungs- und Pflegesituation auch bei jüngeren Menschen mit chronischen Erkrankungen oder mit Behinderungen zu meistern und zu bewältigen haben.

Fazit

Für Angehörige von alten, hochbetagten Menschen, die bereits verwirrt sind bzw. die Diagnose Demenz erhalten haben, und auch für Angehörige, die sich rechtzeitig mit dem Altwerden ihrer Eltern und den damit verbundenen Veränderungen und möglichen Konsequenzen auseinander setzen wollen, ist das vorliegenden Buch eindeutig eine anregende, unterstützende und vorbereitende Lektüre. Auch der Infoteil gibt den pflegenden Laien einen guten Überblick und kann ihm auch Wegweiser für die dringlichsten und wichtigsten Hilfen und Informationen in dem immer unübersichtlicher werden „Pflegemarkt-Dschungel sein. Allerdings, wer ganz konkrete Hilfe und Anlaufstellen „vor Ort“ sucht, der muss sich dann doch in seiner eigenen Region auf die Suche machen. Aber durch die umfangreichen und thematisch sortierten Anregungen und Informationen in dem Ratgeberteil sind die notwendigen und passenden Informationen, Hilfen und Dienste wahrscheinlich leichter ausfindig zu machen.

Zu empfehlen ist das Buch jedoch auch den verschiedenen Helfern, die als gelernte Fachkräfte, als angelernte oder ehrenamtliche Kräfte dementiell veränderte Menschen begleiten, betreuen und pflegen. Denn durch die leicht lesbaren, gut nachvollziehbaren Darstellung der Irrungen und Wirrungen beider Seiten – der demenzerkrankten Mutter wie auch der pflegenden Angehörigen – wird Verständnis für beide Seiten geweckt. Zugleich wird die für alle Pflegesituation geltende akzeptierende und wertschätzende Grund- und Suchhaltung anschaulich vorgestellt, denn sie sollte jedem Expertenwissen sowie speziellen Techniken und Methoden als Fundament einer „liebevolle“ und personenbezogene Betreuung und Pflege“ gleichsam vorgelagert sein. Zumal gerade professionelle Helfer immer in Gefahr sind, im „Eifer des beruflichen Gefechts“ diese grundlegende Suchhaltung aus den Blick zu verlieren.“


Rezensentin
Dipl. Soziologin Angela M. Laußer
Dipl. Soziologin, Beraterin, Trainerin und Coach
E-Mail Mailformular


Alle 13 Rezensionen von Angela M. Laußer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Angela M. Laußer. Rezension vom 20.05.2009 zu: Erich Schützendorf, Wolfgang Dannecker: Vergesslich, störrisch, undankbar? Demente Angehörige liebevoll pflegen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-497-02030-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6855.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung