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Elke Josties: Szeneorientierte Jugendkulturarbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 10.08.2009

Cover Elke Josties: Szeneorientierte Jugendkulturarbeit ISBN 978-3-937895-80-2

Elke Josties: Szeneorientierte Jugendkulturarbeit. Unkoventionelle Wege der Qualifizierung Jugendlicher und junger Erwachsener. Schibri-Verlag (Uckerland) 2008. 136 Seiten. ISBN 978-3-937895-80-2. 14,80 EUR.
Reihe: Praxis, Theorie, Innovation - Band 5.

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Thema

Der kleine Band (135 Seiten Text) ist eine empirische Studie zum Zusammenhang von höherschwelligen Angeboten der Jugendarbeit und der Möglichkeit eines Zugangs zu ungewöhnlicher Erwerbsarbeit. Er ist Bestandteil einer Schriftenreihe der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin: Praxis/Theorie/Innovation – Berliner Beiträge zu Bildung, Gesundheit und Sozialer Arbeit .

Das Thema ‚Szeneorientierte Jugendkulturarbeit‘ ist neu. Während man mit ‚Jugendkulturarbeit‘ schon seit langem einem mittlerweile konturlos gewordenen Arbeitsbereich des Sozialen bezeichnet, ist der Begriff ‚szeneorientierte Jugendkulturarbeit‘ fachlich (noch) nicht einschlägig; er umschreibt aber bündig den thematische Rahmen des Buches: Den Blick auf außerordentliche Lernbiografien jugendlicher Szeneangehöriger (Rapper, HipHopper, Sprayer etc.) in, durch und aus Szenen in ein kreativ orientiertes Erwerbsleben. These ist: ‚Spezifische Jugendkulturarbeit kann einen spezifischen Beitrag zur Qualifizierung Jugendlicher leisten‘.

AutorIn

Die Autorin lehrt und forscht an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin. Der Homepage kann ich entnehmen, dass Frau Josties Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Kulturarbeit ist (mit dem Schwerpunkt Musik). Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt sie neben anderen ‚Bildungspotenziale der Jugendkulturarbeit‘. In diesem Schwerpunkt ist der zur Rezension anstehende Titel anzusiedeln.

Entstehungshintergrund

Das EU-Projekt ‚Equal II – Entwicklungspartnerschaft Event Berlin‘ finanziert praxisorientierte Ausbildungs- und Beschäftigungsprogramme im Bereich ‚Kultur als Wirtschaftsfaktor‘. Dabei ist die Alice-Salomon-Hochschule ‚strategische Partnerin‘ eines Teilprojektes, das Berufsorientierung im Umfeld unterschiedlicher Bereiche der Jugendarbeit, vor allem aber der Jugendkulturarbeit anstrebt; dabei hat sie vor allem Jugendliche und junge Erwachsene in schwierigen Lagen im Blick: Es geht um einen unkonventinellen Zugang auch auf Ausgegrenzte und Marginalisierte, auf Deviante und Migrantinnen und Migranten. Die Autorin hat dieses Teilprojekt wissenschaftlich begleitet und in einem Werkstattseminar Studierende an die Szenen herangeführt und mit der Durchführung der narrativen Interviews betraut.

Aufbau …

Nach einer Einführung über ‚Bildungspotenziale der Jugendkulturarbeit‘ (I) werden vor dem Hintergrund einer Jugendarbeit in der Krise Momente einer ‚szeneorientierten Jugendkultuarbeit in Berlin‘ beschrieben, in der Künstler und Kulturschaffende als ‚facilitator‘ kreativer Angebote für jugendliche Szeneangehörige fungieren.(II) Danach werden acht inzwischen berufstätige junge Erwachsenen (Analyse narrativer Interviews) vorgestellt, die als Teilnehmende an diesen Angeboten partzipiert hatten: Deren Biografieentwicklung soll Zeugnis ablegen von der Macht informeller Bildung. Der Abschnitt wird illustriert durch eine kleine Farbfotodokumentation aus der Projektarbeit. (III) Im Anschluss werden in einer interpretierenden Zusammenfassung die ‚Bedeutungspotenziale szeneorientierter Jugendkulturabeit‘ unter Berücksichtigung der biographischen Bedeutung für die Jugendlichen mit dem Hinweis auf die Erwerbsmöglichkeiten von Schlüsselkompetenzen gewürdigt. (IV)

... und Inhalte

Im Zentrum der kleinen Dokumentation stehen ausführliche Zusammenfassungen narrativer Interviews acht (ehemals) szeneorientierter Jugendlicher, die sich abseits von Normalbiographien aus teilweise schwierigen Lebenssituationen herausgelöst haben. Dabei wird der Fokus insbesondere auf die Verbesserung der Chancen zum Zugang zum Arbeitsmarkt gelegt mit einem Augenmerk auf die Funktion spezieller Angebote einer spezifischen Jugendkulturarbeit. In der zusammenfassenden Analyse werden fallweise unterschiedliche Aufgaben von Jugendkulturarbeit angerissen: Als Praktikum, als Prävention, als Jugendszenenwerkstatt, als Ort freiwilligen Engagements und als Erwerbsquelle. Dabei wird dokumentiert, wie die konkreten Angebote Jugendliche in schwierigen oder sensiblen Phasen begleiten oder unterstützen konnten. Außerdem werden die pädagogisch handelnden Akteure kurz skizziert, die Szenen werden gestreift und dabei werden die Hintergründe der szeneorientierten Jugendkulturarbeit beleuchtet.

Die acht vorgestellten ehemaligen Jugendlichen und jetzigen jungen Erwachsenen stehen in Lohn und Brot und dokumentieren dadurch bereits einen entscheidenden Erfolg des Projektes, dem es gelungen ist, zumindest unterstützend diesen Lebenswegsabschnitt begleitet zu haben. Die Acht stehen exemplarisch; die unterschiedlichen Aufgaben und Funktionen von Jugendkulturarbeit können so sehr anschaulich beispielhaft erlebt werden. Die Standorte der Interviewten im Netzwerk einer multifunktionalen Jugendkulturarbeit werden übersichtlich unterschiedlichen Funktionen zugeordnet (Räume, Werkstatt, Prävention, Praktikum, Anerkennung, Engagement). Das ist ein reizvoller Weg der Interpretation der Ergebnisse, die knapp und bündig passiert. Der Nachweis des Wertes informeller Bildung passiert nahezu en passant und der nachfolgende Blick auf erwerbbare Schlüsselqualifikationen liefert die wissenschaftliche Referenz als ‚Kompetenznachweis Kultur‘ der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung.

Diskussion

Die Studie tritt sehr bescheiden auf: Es gibt knappe Beschreibungen des Projekts und einzelner Projektsettings, ein ebenso kurzes Fazit mit abschließender Würdigung. Alles Andere lässt die Studie für sich selbst sprechen: Die Jugendlichen dokumentieren ihren eigenen beruflichen Erfolg und ihre eigene persönliche Weiterentwicklung. Die Erfolgsaussichten szeneorientierter Jugendkulturabeit werden nicht diskutiert. Stattdessen wird der Erfolg gezeigt, indem die damals Jugendlichen und jetzt Erwachsenen selber zu Wort kommen. Das ist à la bonne heure.

Der Fokus liegt nicht in einer Darstellung der einzelnen Angebote, sondern auf ihrer Wirkung auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Deswegen erfahren wir wenig über die Struktur der Angebote, über die Qualifikation der pädagogisch beteiligten ‚Facilitators‘, über die Einbindung der Angebote in die Einrichtungen, über sozialpädagogische Professionalität – und die braucht sich bestimmt nicht zu verstecken. Wohl wissen wir etwas über die ‚soft skills‘ der pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Sie sind nicht nur ‚facilitators‘ sondern auch Vorbilder, sie sind offensichtlich pädagogisch qualifiziert und Künstlerinnen oder Künstler. Wir erfahren nicht, wie sie gearbeitet haben – und das hätten wir gern gewusst, weil der Erfolg neugierig macht. Welches sind die Bedingungen und Voraussetzungen erfolgreicher Arbeit?

Die Interviews und die Auswertungen sind sehr differenziert und liefern ein anschauliches Bild der Jugendlichen und der Ergebnisse. Es wird deutlich, dass solch hochwertige Ergebnisse nur mit einem sensiblen Instrumentarium erheben lassen. Die von der Autorin‚eigens entwickelte ‚Methode der objektiven Hermeneutik‘ (S.14) hätte ich mir – zumindest in einer Skizze – kurz vorgestellt gewünscht, denn auch da macht der Erfolg neugierig.

Aber diese Einwände sind marginal.

Fazit

Jugendarbeit in der Krise steht unter erhöhtem Legitimationsdruck. Immer wieder tauchen die Vorwürfe mangelnder Zeitgemäßheit und fehlender Wirksamkeit auf. Deswegen sind alle Nachweise der Erfolge unkonventioneller Arbeit und nachgewiesener Erträge herzlich willkommen, zumal wenn sie in der Dokumentation höherschwelliger Angeboten informeller Bildung daherkommen, deren Nachhaltigkeit sich auch in einer stimmigen Erwerbsbiographie dokumentiert.

Der Band ist der überzeugende Nachweis von Bildungspotenzialen der Jugendkulturarbeit. Die Fachkräfte der Sozialen Arbeit erfahren Ansporn zur Konzeption von Angeboten informeller Bildung und erhalten gleichzeitig Material zu deren argumentativer Verteidigung.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 10.08.2009 zu: Elke Josties: Szeneorientierte Jugendkulturarbeit. Unkoventionelle Wege der Qualifizierung Jugendlicher und junger Erwachsener. Schibri-Verlag (Uckerland) 2008. ISBN 978-3-937895-80-2. Reihe: Praxis, Theorie, Innovation - Band 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6857.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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