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Thomas Coelen, Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Grundbegriffe Ganztagsbildung

Rezensiert von Dr. Thomas Markert, 01.01.2009

Cover Thomas Coelen, Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Grundbegriffe Ganztagsbildung ISBN 978-3-531-15367-4

Thomas Coelen, Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Grundbegriffe Ganztagsbildung. Das Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 992 Seiten. ISBN 978-3-531-15367-4. 59,90 EUR.

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Zielsetzung

Zunächst scheint es sinnvoll voranzustellen, dass Coelen & Otto, wenn sie ihr Werk mit „Das Handbuch“ untertiteln, nicht zwingend einen Alleinvertretungsanspruch für die „Ganztagsbildung“ reklamieren wollen. Vielmehr weisen sie so darauf hin, dass bereits 2004 im selben Verlag ihr ähnlich betitelter Sammelband „Grundbegriffe der Ganztagsbildung“ (Otto & Coelen) erschien, der eine erste theoretische Systematisierung enthielt.

Im ersten Satz des einleitenden Beitrags von Coelen & Otto (S. 17-25) stellen die Herausgeber des Handbuchs vor, was sie unter „Ganztagsbildung“ verstehen: „Die Bezeichnung „Ganztagsbildung“ dient als Chiffre für einen gesellschaftstheoretisch fundierten Konzeptvorschlag, der Möglichkeiten zur Identitätsentwicklung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen u. a. in Jugendeinrichtungen und Schulen auf Basis der institutionellen Eigenheiten – und damit ihrer bildungsrelevanten Strukturprinzipien – im Rahmen einer räumlich begrenzten, regionalen oder lokalen Bildungslandschaft fasst.“ (S. 17). Diese Definition lässt die Zielrichtung des Handbuches bereits anklingen: Es geht um die Zusammenführung der Ansätze und Diskussionen, die bisher unter den Überschriften „Ganztagsschule“ und u. a. „außerschulische Bildung“ geführt wurden. „Ganztagsbildung“ wird als „Schlüsselbegriff“ – so die Verlagsankündigung [1] – genutzt, der einen rahmenden Denkansatz symbolisiert. Die Herausgeber zielen mit dem Handbuch darauf ab, „die traditionelle Konflikthaltung insbesondere zwischen Schul- und Sozialpädagogik, aber auch zu anderen sozio-kulturellen Angeboten mit der Entwicklung des Begriffs und des Konzepts der „Ganztagsbildung“ produktiv zu überwinden“ (ebenda). Das Handbuch ist ein Aufruf an die akademischen Disziplinen wie professionellen Fachkräfte, „diesen bildungstheoretischen und -politischen Perspektivenwechsel unter dem Anspruch der Verwirklichungsgerechtigkeit als Chance insbesondere für bislang sozial- und bildungsbezogen benachteiligte Kinder und Jugendliche zu ergreifen“ (ebenda). Der Band ist so Ausdruck eines Konzeptes und zugleich ein „seitenschwerer“ Appell.

Die 20 Teilnehmenden eines Redaktionsworkshops vereinbarten Anfang 2007, dass dieses „erste Handbuch der Ganztagsbildung“ (S. 18) „bilanzierend und interdisziplinär, theoretisch einordnend und pädagogisch begründend, Perspektiven eröffnend und politisch eingreifend sein“ (ebenda) möge. Anliegen des Handbuch ist so die Aufarbeitung, Systematisierung und Kontextualisierung der einschlägigen Debatte seit PISA 2000 (vgl. ebenda).

Autoren, Aufbau und Überblick über die gebotenen Beiträge

Gerahmt vom einleitenden Beitrag von Coelen & Otto (S. 17-25) und Thierschs abschließendem Epilog (S. 977-983) beinhaltet das Handbuch 95 jeweils ca. zehnseitige Aufsätze. Diese wurden von „insgesamt 35 Autorinnen und 76 Autoren“ (S. 22) aus Universitäten, Fachhochschulen, Instituten, Akademien, Ministerien, Verbänden u. a. m. verfasst (vgl. ebenda). Dabei ist – wie der Blick ins Autorenverzeichnis zeigt – die Zahl der Autor/innen, die nicht Professor/innen oder wissenschaftliche Mitarbeiter/innen an Universitäten oder Fachhochschulen sind, eher gering.

Das Handbuch gliedert sich in fünf unterschiedlich umfangreiche Teile. Dabei ist die „Grundausrichtung des Handbuches […] von den Akteuren und Akteurinnen her gedacht“ (S. 18), wobei damit die Adressat/innen wie die beteiligten Professionellen gemeint sind.

  1. Entsprechend dieser Ausrichtung des Bandes beschäftigt sich der erste Teil mit „Adressaten, Grundkategorien und Prozesse[n]“. Die 16 Aufsätze des einleitenden Teils sind den drei in der Überschrift genannten Themengebieten geordnet. Unter „Adressaten und Akteure“ finden sich Ausführungen zu „Kinder[n]“, „Jugendliche[n]“ und „Eltern“. Der zweite Abschnitt „Kategorien und Herausforderungen“ enthält die Themen „Heterogenität“, „Soziale Ungleichheit“, „Generationsbeziehungen und Generationenverhältnisse“, „Gender und Koedukation“ und „Ethnie und Migration“. Mit „Prozesse und Verhältnisse“ sind acht Artikel u. a. zu „Entwicklungsaufgaben“, „Informelle[m] Lernen“ und „Spiel“ überschrieben.
  2. Der zweite Teil – „Anlässe, Themen und Handlungsfelder“ – umfasst 19 Beiträge. Am Anfang werden die aus der Ganztagsschuldebatte bekannten „Anlässe und Aufgaben“, wie „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und „Kompetenzen“ diskutiert. Ergänzt wird dies um die Themen „Devianz und Delinquenz“, „Schulaversion und Schulabsentismus“ und „(Gewalt-)Prävention“. Danach werden „Themen und Inhalte“ der Ganztagsbildung referiert (bspw. Kunst, Sport, Beruf u. a. m.). Als „Handlungsfelder und Schnittstellen“ werden u. a. die „Pädagogik der frühen Kindheit“ oder „Schulsozialarbeit“ thematisiert.
  3. Im dritten und zugleich umfangreichsten Teil stehen „Lernwelten, Institutionen und Perspektiven“ im Mittelpunkt der 38 Aufsätze. Die Vielzahl der Beiträge erklärt sich dadurch, dass nach den „Lernwelten und Bildungsorten“ das Themenfeld der „Institutionen und Organisationen“ in einem Dreischritt abgehandelt wird. Zunächst widmen sich sieben Beiträge der „Kinder- und Jugendhilfe“. Daran schließen sich zehn Aufsätze zu den Schulen, darunter vor allem markanten Aspekten ganztägig organisierter Schule an. Im dritten Schritt geht es um die Zusammenführung: Fünf Aufsätze behandeln das Themenfeld „Vernetzungen und Kooperationen“. Der dritte Teil des Handbuches schließt dann mit „Verbindende[n] Perspektiven“ wie „Bildungslandschaften“, „Reformpädagogische Diskurse über die Ganztagsschule“ u. a. m. ab.
  4. Daran schließt sich der vierte Teil zu „Personal, Professionen und Teams“ an. In den sechs Aufsätzen werden erstens die verschiedenen Professionen behandelt, die an der Ganztagsbildung mitwirken. Zweitens steht die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams im Blickpunkt.
  5. Im fünften Teil – „Theorien, Evaluationen und Planungen“ (16 Aufsätze) – wird der Blick zunächst auf die „Theoretische[n] Rahmungen“ gelenkt. Hier wird nicht nur der Diskurs zum Begriff „Ganztagsbildung“ analysiert, sondern auch „Wissensgesellschaft“, „Entgrenzung“ oder „Chancengleichheit im deutschen Bildungswesen“ stehen im Zentrum der einzelnen Beiträge. Unter „Evaluation und Berichterstattung“ sind u. a. Beiträge zum Forschungsstand gesammelt. Dabei widmen sich zwei Artikel dem interessanten Thema der Wirkungen, sowohl hinsichtlich der Jugendarbeit wie der außerunterrichtlichen Angebote an Ganztagsschulen. Im letzten Abschnitt wird die Planung von Angeboten der Ganztagsbildung im Zusammenhang mit den politischen Bedingungen behandelt.

Der Epilog des Handbuches wurde von Hans Thiersch verfasst. Unter dem Titel „Bildung als Projekt der Moderne“ fokussiert er darauf, dass alle Bemühungen, die im Zusammenhang mit (Ganztags-)Bildung stehen, ein zentrales Menschrecht thematisieren. So wird am Ende des Buches noch einmal der Gedanke aufgenommen, dass der Begriff „Ganztagsbildung“ in der aktuellen Debatte für den Anspruch steht, Gerechtigkeit schaffen zu wollen – und zwar „im Gegenwind des Neoliberalismus“ (Thiersch, S. 982).

Den Schluss des Buches bilden das Autorenverzeichnis und ein zweiseitiges Sachregister.

Diskussion

Nicht die Aufsätze sind unbedingt mehrperspektivisch geschrieben, sondern vielmehr jeder einzelne Aufsatz leistet – wie die Herausgeber schon in der Einleitung ankündigen – „hierzu einen arbeitsteiligen Beitrag“ (S. 18). Und hier deutet sich schon an, dass die Zusammenführung der Perspektiven von den Lesenden (mit) zu leisten ist. Zwei Anmerkungen drängen sich dazu auf: Zum einen wäre es hier wünschenswert, dass am Ende der Beiträge Verweise zu thematisch ähnlichen und weiterführenden Artikeln innerhalb des Buches zu finden wären. Zum anderen bedeutet das Handbuch in dieser Konzeption eine Herausforderung, denn es gilt, individuell einen „Leseweg“ durch die Ganztagsbildung zu finden. Diese Praxis des zeitintensiven Informierens und Aneignens ist im Bereich der Wissenschaft ein gängiger Weg. Und es wäre wünschenswert, dass die weiteren Adressat/innen des Werkes, also die „pädagogischen Leitungskräfte in Schulen, Jugendhilfeinstitutionen und sozio-kulturellen Einrichtungen sowie in politischen Gremien besonders auf regionaler und kommunaler Ebene“ (ebenda, S. 17) sich in ähnlicher Art das Thema erschließen können. Damit ist das Handbuch auch ein Appell, von den schnellen Entscheidungen und Schlüssen, die das bildungspolitische Programm transportiert und fordert, Abstand zu nehmen und mit einer gewissen Nachdenklichkeit innezuhalten, sich einfach Zeit zu nehmen. Doch ist dieser Anspruch realistisch? All jenen, denen das ermöglicht wird und gelingt, eröffnet sich mit dem Handbuch eine Fundgrube, die Bekanntes zusammenführt, Neues eröffnet und zugleich Gängiges in Frage stellt. Es ist bspw. wohltuend, wenn man im Buch (endlich!) einen erziehungswissenschaftlichen Standpunkt findet, der die politisch postulierte Trias von „Bildung, Erziehung und Betreuung“ hinterfragt (vgl. Homfeldt & Schneider in Bezug auf den Betreuungsbegriff, S. 495-503).

Nicht zu unterschätzen ist der Wert des Buches im Sinne eines Sammelbandes. Eine Vielzahl wichtiger Stimmen aus den unterschiedlichen Disziplinen ist im Handbuch versammelt und quasi „gezwungen“, auf ca. zehn Seiten ihre Gedanken zum Thema zu dokumentieren. Insofern ist der Kauf des Handbuches vor allem für Lehrende und Studierende der Pädagogik eine sich schnell lohnende Investition.

Anzumerken ist noch die Hoffnung, dass die Herausgabe der ersten Auflage des Handbuchs zugleich der Startpunkt für die Arbeit an der zweiten Auflage ist. Denn es ist zwingend notwendig, das rege Gestalten in der Praxis und die vielfältigen Forschungen, die aktuell und zukünftig hilfreiche Erkenntnisse zur Ganztagsbildung hervorbringen, aufzunehmen. Und im Zuge der Aktualisierung könnte auch eine kleine Lücke im Handbuch geschlossen werden, die für die aktuelle „Ganztags-Literatur“ regelrecht markant ist: Jugendhilfe und Schule kooperieren in den östlichen Bundesländern flächendeckend, da es eine Tradition der Zusammenarbeit zwischen Grundschule und Hort gibt. Ganztagsbildung ist dort eine natürlich standortspezifisch verschieden weit entwickelte Praxis. Oder schätzen dies die Herausgeber, indem sich im Handbuch kein spezifischer Artikel zum Hort finden lässt, anders ein?

Fazit

Den Herausgebern ist es in ihrem Band gelungen, Autoren zu versammeln, die das Themenfeld der Ganztagsbildung auf seinen vielfältigen Ebenen und in seiner Breite aufgreifen. Das Ziel, systematisierende Grundlagenarbeit leisten zu wollen, wurde erreicht. Abschließend anzumerken bleibt, dass das mit dem Handbuch transportierte Verständnis der „Ganztagsbildung“ grundsätzliche Veränderungen im Bildungssystem nach sich ziehen würde (vgl. auch den Artikel von Dzierzbicka & Horvarth, S. 878-886). Die Etablierung des Begriffs und so auch der Erfolg dieses Handbuches hängen so weitgehend davon ab, inwieweit es ein Interesse für einen solchen Umbau gibt.


[1] Homepage VS Verlag für Sozialwissenschaften: www.vs-verlag.de/index.php;do=show/sid=b33be3718272a5080a3edc0b0f19639a/site=w/book_id=15661 (Zugriff 08.12.2008)

Rezension von
Dr. Thomas Markert
Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
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Es gibt 11 Rezensionen von Thomas Markert.

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Zitiervorschlag
Thomas Markert. Rezension vom 01.01.2009 zu: Thomas Coelen, Hans-Uwe Otto (Hrsg.): Grundbegriffe Ganztagsbildung. Das Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15367-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6860.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


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