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Gert Jugert: Fit for life

Cover Gert Jugert: Fit for life. Module und Arbeitsblätter zum Training sozialer Kompetenz für Jugendliche. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 9., überarbeitete und erweiterte Auflage. 337 Seiten. ISBN 978-3-7799-0372-7. 76,00 EUR.

Reihe: Pädagogisches Training.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3200-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autorengruppe

Dr. Gert Jugert ist Gründer des Bremer Instituts für Pädagogik und Psychologie; Anke Rehder arbeitet als Dipl.-Psychologin bei der Hans-Wendt-Stiftung in Bremen; Peter Notz ist Mitarbeiter des SOS-Kinderdorfes Worpswede und selbständig als Dipl.-Psychologe tätig; Dr. Franz Petermann ist Professor für Klinische Psychologie und Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Sozialtraining geht zurück auf eine Projektarbeit des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation an der Universität Bremen, die mit Unterstützung der Europäischen Union und der ehemaligen Bundeanstalt für Arbeit realisiert werden konnte und deren Ergebnisse erstmals 2001 veröffentlicht wurden. Im Mittelpunkt des Projektes, das zunächst in Einrichtungen der Berufsbildung durchgeführt wurde, stand die Zielsetzung der Förderung sozialer Kompetenzen und beruflicher Schlüsselqualifikationen. Mittlerweile wird das Konzept in verschiedensten Kontexte von der offenen Jugendarbeit bis hin zur Schulsozialarbeit angewendet. Das Training richtet sich an Jugendliche im Alter von 13 bis 20 Jahren. Die nun vorliegende 9. Auflage ist, so schreiben die Autoren im Vorwort, ein völlig überarbeitetes und teilweise erweitertes Werk. Der Grundansatz des Erlernens sozialer Kompetenz auf dem Hintergrund der Theorie der sozial-kognitiven Informationsverarbeitung von Dodge (1993) in Verbindung mit der sozial-kognitiven Lerntheorie und dem Konzept der Selbstwirksamkeit Banduras (1979; 1992), ist weiterhin die Basis dieses Sozialtrainings.

Aufbau

Das vorliegende Trainingsmanual gliedert sich in vier große Bereiche. Diese entsprechen auch dem Aufbau des theoretischen Begleitbuches von Jugert u.a. (2009), vgl. die Rezension von Margot Klinkner unter www.socialnet.de/rezensionen/3165.php.

  1. Der erste Teil gibt eine Einführung in das Manual, in der die Ziele, Motivationsfragen und Anregungen zur didaktischen Gestaltung der Umsetzung im Mittelpunkt stehen.
  2. Der zweite Hauptteil beinhaltet die insgesamt 15 Trainingsmodule mitsamt verschiedenen Übungsvarianten und den dazugehörigen Arbeitsblättern.
  3. Hervorzuheben ist für die Publikation eines Sozialtrainings der dritte Teil, der Schulungsunterlagen für die Trainerinnen und Trainer bereitstellt, so dass Multiplikatoren auf eine abgestimmte Vorlage für Fortbildungen zum FIT FOR LIFE Programm zurückgreifen können.
  4. Ebenso praxisnah ist der vierte Teil mit den Materialien zur Evaluation des Programms, so dass wissenschaftsbasierte Auswertungen der Sozialtrainings möglich sind.

Inhalte

Die einzelnen Trainingsmodule sind im Aufbau und der didaktischen Gestaltung immer gleich. Zunächst wird ritualisiert mit den bekannten Ampelkarten, bzw. Signalkarten die Stimmungslage der Jugendlichen erfasst und nach einer Phase der Besprechung von grundlegenden Verhaltensregeln eine Konzentrationsübung durchgeführt, die die Aufmerksamkeit der Gruppe für das anstehende Thema bündelt. Nach der inhaltlichen Arbeit zum jeweiligen Thema finden eine Auswertung und eine ritualisierte Abschlussrunde statt. Diese Struktur sollte im Hinblick auf die Zielsetzung des Verhaltenstrainings auch nicht verändert werden.

Das eigentliche Training gliedert sich in 15 Module mit folgenden Themen:

  • Motivation,
  • Feedback,
  • Selbstsicherheit,
  • Selbstmanagement,
  • Kommunikation,
  • Körpersprache,
  • Kooperation und Teamfähigkeit,
  • Freizeit, Lebensplanung,
  • Beruf und Zukunft,
  • Gefühle,
  • Konflikte (2 Einheiten),
  • Einfühlungsvermögen sowie
  • Lob und Kritik.

An dieser Gliederung wird die Zielsetzung des Trainings, Anpassungsleistungen an schulische und berufliche Erfordernisse zu fördern, deutlich. Vergleicht der Leser diese Gliederung mit der Gliederung der Module in der letzten Auflage von 2009 (Motivation, Gesundheit, Selbstsicherheit, Körpersprache, Kommunikation, Fit für Konflikte Teil 1; Freizeit, Lebensplanung, Beruf und Zukunft, Gefühle, Einfühlungsvermögen, Fit für Konflikte Teil 2, Lob und Kritik) werden die Überarbeitungen der Neuauflage sichtbar.

Die Erweiterung auf 15 Module ist sicherlich sinnvoll, zumal so umfassende Themen wie „Lebensplanung“ und „Beruf und Zukunft“ wohl nicht in einer Sitzung abschließend behandelt werden können. Allein zu diesen Themen gibt es ja eigene Trainings über mehr als zehn Sitzungen.

Neu in das Trainingsmanual ist das Thema „Feedback“ aufgenommen, das gut strukturiert eine Anleitung und verschiedene Übungen zum gegenseitigen Prozess des Feedbacks bereitstellt. Unter der neuen Überschrift „Selbstmanagement“, werden Zielsetzungen des alten Moduls „Gesundheit“ aufgegriffen und um die Zielsetzung der Reflexion auf gesundheitsförderndes Verhalten und Stressbewältigung erweitert. Als letztes neues Thema wird die Fähigkeit zur „Kooperation und Teamfähigkeit“ als ein aktuelles Thema der modernen Bildungs- und Arbeitswelt neu aufgenommen. Die Inhalte der anderen Module sind im Wesentlichen die gleichen geblieben, so dass von einer völligen Überarbeitung (so die Autoren im Vorwort, S. 9) eigentlich nicht gesprochen werden kann.

Diskussion

Das Modulhandbuch ist im Aufbau und in der Ausführung mit seiner Vielzahl an Anregungen, Erklärungen und konkreten Arbeitsblättern sehr klar strukturiert. Die Einführung und der Schulungsteil bieten den Trainerinnen und Trainer auch ohne Rückgriff auf das Theoriebuch eine ausgezeichnete Anleitung für die praktische Umsetzung. Um die theoretischen Ansätze aber besser zu verstehen und das Training mit einer entsprechenden Haltung durchzuführen, ist es ratsam, das Trainingsmanual nicht ohne das Theoriebuch zu nutzen. Dies gilt besonders für die Multiplikatoren, wenn sie die Module des Schulungsteils für die Aus- und Fortbildung von Trainerinnen und Trainern nutzen. Dieser letzte Teil eignet sich auch gut zur Selbstreflexion der Trainerinnen und Trainer.

Die Stringenz des Aufbaus lädt dazu ein, entsprechend der eigenen Einschätzung der Zielgruppe und in Ergänzung zum verhaltensorientierten Ansatz auch andere Elemente sozialer Kompetenzsteigerung in das Training einzubeziehen. Die Breite und Offenheit in der Zielsetzung lässt dies auch zu und wird von der Autorengruppe sogar empfohlen, um zusätzliche Verknüpfungen zur Lebenswelt der Jugendlichen herzustellen (vgl. S. 24). Auch inhaltlich müssen die Zielsetzungen der Module im Hinblick auf die Zielgruppe den unterschiedlichen Jugendkulturen angepasst werden, wenn man als Trainer nicht die Grundauffassung der Autorengruppe teilt, dass „die heutige Jugend [so ist], wie sie immer war: unbeschwert und empfindlich, laut und fröhlich, experimentierfreudig und sensibel, naiv und egozentrisch“ (S. 5). Die Aufgabe einer differenzierten Zielgruppenanalyse vor der Durchführung eines Sozialtrainings ist leider im Konzept nicht mit aufgenommen. Ebenso lassen manche inhaltliche Verallgemeinerungen der Förderung eines kritischen Bewusstseins bei den Jugendlichen im Hinblick auf die gesellschaftlichen Anforderungen des gewünschten sozialen Verhaltens wenig Spielraum. So werden in manchen Texten implizite individuelle Handlungsspielräume postuliert, die unter Einbeziehung gesellschaftlicher Verhältnisse für viele Jugendliche gar nicht vorhanden sind. So wird zum Beispiel bei der Pro und Contra Übung zum Thema Lebensplanung die Zielsetzung verfolgt, „bei wichtigen Entscheidungen auf rationale Weise vorzugehen“ (S. 158). Sind Entscheidungen auf emotionaler Basis weniger wertvoll? Die dann folgende Übungsanleitung einer Sammlung von Pro und Contra Argumenten zur Fragestellung „Nehme ich einen Job in einer Stadt weit weg an - oder nicht?“ bezieht die Zumutbarkeitsklauseln des SGB II und SGB III auf irrationale Weise nun wiederum nicht ein. Auch die einleitenden Hinweise beim Thema „Beruf und Zukunft“ lassen den kritischen Leser aufhorchen. Da wird formuliert, dass eine berufliche Tätigkeit für ein selbstbestimmtes und selbstständiges Leben wichtig sei, alle beruflichen Möglichkeiten „konkret überlegt“ und den „wechselnden Bedingungen angepasst“ werden müssten und eine „Flexibilität“ notwendig sei, um sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten zu können (vgl. S. 65). Die Auseinandersetzung mit der Fürsorgepflicht des Staates und der Wirtschaft, allen Jugendlichen entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten auch zur Verfügung zu stellen und Rahmenbedingungen einer möglichen erfolgreichen beruflichen Entwicklung zu schaffen, wird leider ausgeblendet. Gerade diese Auseinandersetzung würde die Zielsetzung der Förderung einer Sozialkompetenz, die den gesellschaftlichen Wirklichkeiten tatsächlich standhält, sehr bereichern. Doch bei fast allen Trainingseinheiten scheint es, dass die zu erlernenden sozialen Kompetenzen im wertneutralen Raum losgelöst von gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnissen existieren.

Unabhängig von diesen grundsätzlichen Einwänden gegen klassische Verhaltenstrainings auf der Basis kognitiver Lerntheorien, stellt das vorliegende Trainingsmanual ein äußerst kompetentes Werk dar, das vielen Praktikern in der konkreten Form ein sehr hilfreiches Arbeitsmaterial sein wird. Gerade die Einbeziehung sozial emotionaler Erlebnisinhalte in den verschiedenen Übungen der Module ist sehr wertvoll. So werden vor allem die Methode des strukturierten Rollenspiels, Methoden des Modelllernens sowie Übungen zur sozialen Verstärkung des erlernten Verhaltens und zur Erleichterung des Transfers in den Alltag eingesetzt.

Die Anleitung zur Evaluation des Programms mit den konkreten Auswertungsbögen hat im Vergleich zur letzten Ausgabe einen höheren Stellenwert bekommen, da diese nun in einem separaten Kapitel ausgeführt wird. Dabei fehlt aber ein Hinweis, dass es für die Nachhaltigkeit des Lernprozesses einer Gruppe sinnvoll ist, nach der Auswertungsphase die Evaluationsergebnisse auch der Zielgruppe vorzustellen, um eine Nachreflexion zu ermöglichen. Gerade im schulischen Kontext sollte dies möglich sein, da die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Sozialtrainings ja weiterhin an der Schule präsent sind und der Prozess der Ausbildung sozialer Kompetenz mit dem Training sicherlich nicht abgeschlossen ist.

Fazit

In Verbindung mit den Grundlagen und Anleitungsbuch zum Training stellt das Modulhandbuch ein sehr praxistaugliches und komfortables Arbeitsmaterial dar. Den Fachkräften, die mit Jugendlichen dieses Sozialtraining durchführen, wird ein umfangreiches und übersichtliches Material geboten, welches eins zu eins in der Praxis ohne zusätzlichen Aufwand eingesetzt werden kann. Im Zuge des medialen Zeitalters wäre es schön, die Texte der Module und Arbeitsblätter auch in elektronischer Form zur Verfügung gestellt zu bekommen. Das würde manche Kopierflut an Arbeitsblättern in Schule und Jugendarbeit ein wenig bremsen. Die neuen Schwerpunkte und die Erweiterungen des Trainings - zum Beispiel das Thema „Feedback“ - stellen eine sinnvolle und konsequente Überarbeitung des Werks dar, so dass die Neuauflage wieder breiten Zuspruch und große Resonanz finden wird.


Rezensent
Dr. Georg Singe
Dipl.-Sozialarbeiter, Dipl.-Theologe Systemischer Familientherapeut, Supervisor und Lehrtherapeut (DGSF)
Dozent an der Fakultät I für Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften, Fachbereich Soziale Arbeit der Universität Vechta
Homepage www.uni-vechta.de/soziale-arbeit/mitglieder/georg-s ...
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Zitiervorschlag
Georg Singe. Rezension vom 31.08.2011 zu: Gert Jugert: Fit for life. Module und Arbeitsblätter zum Training sozialer Kompetenz für Jugendliche. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 9., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7799-0372-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6873.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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