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Andreas Rödder, Wolfgang Elz (Hrsg.): Alte Werte - neue Werte

Rezensiert von Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann, 20.05.2009

Cover Andreas Rödder, Wolfgang Elz (Hrsg.): Alte Werte - neue Werte ISBN 978-3-525-36379-9

Andreas Rödder, Wolfgang Elz (Hrsg.): Alte Werte - neue Werte. Schlaglichter des Wertewandels. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2008. 200 Seiten. ISBN 978-3-525-36379-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 36,00 sFr.

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Thema

Zumindest seit der Zeit der studentischen Protestbewegung der Endsechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ist man sich des Wandels von Werten und einem liberalisierteren Normenverständnis immer stärker bewusst geworden. Es setzt nicht nur in der Politik, sondern gerade auch in der Wissenschaft eine Debatte über den sog. Wertewandel ein, die insbesondere durch den amerikanischen Politologen Ronald Inglehart (Michigan), wie auch durch den deutschen Sozialwissenschaftler Helmut Klages (Speyer) vorangebracht worden ist. Dabei geht die Diskussion bis heute zum einen darum, inwieweit der Wandel von materialistischen Werten hin zu postmaterialistischen (Inglehart) erfolgt, oder ob es zum anderen eine Art von ‚Wertesynthese‘ zwischen alten und neuen Werten (Klages) gibt. Deshalb fällt es dem Rezensenten in diesem Zusammenhang leichter von einer ‚Akzeptanzveränderung‘ bezüglich überlieferter wie auch vorhandener Wertekonzepte zu sprechen, da s.E. Werte als solche bestehen bleiben, sich aber die Sichtweise verändert, was sich in einer dieser Sichtweise annähernden Anerkenntnis eines Gestaltwandels von Wertordnungen in dem Buch widerspiegelt.

Das zu rezensierende Werk versucht nun einen möglichen Wertewandel aus verschiedener Perspektive zu analysieren und dessen Lebendigkeit und Vielseitigkeit zu dokumentieren

Herausgeber

Als eigentliche Herausgeber des Bandes fungieren Andreas Rödder und Wolfgang Elz. Rödder ist Professor für Neueste Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und Elz ist Akademischer Oberrat am gleichen Institut.

Die weiteren Autoren des Bandes sind Mitglieder der scientific community deutscher Universitäten, sowie namhafte Personen aus politischen, pädagogischen und militärischen Praxisbereichen.

Entstehungshintergrund

Die beiden Herausgeber gelten wohl auch als die Initiatoren einer neunteiligen Diskussions- und Vortragsreihe, die vom Herbst 2006 bis zum Frühjahr 2007 in Mainz stattfand und deren Statements in überarbeiteter Form für die vorliegende Sammlung von Essays aus Wissenschaft und Praxis aufbereitet wurden.

Aufbau

Es handelt sich um einen in acht Kapiteln untergliederten Sammelband, der den Wandel der Werte auf verschiedenen Feldern, als da sind: Arbeit und bürgerliche Werte, Bildung und Erziehung, Familie und Privatheit, Religion und Kirchlichkeit, Staat und Nation, Militär und Zivilität untersucht. Ergänzung finden diese Felder in der Abhandlung zum einen in der Frage nach der Menschenwürde und zum anderen in der Diskussion um eine sogenannte Leitkultur.

Inhalte

Entsprechend der Strukturierung des Buches werden zunächst die grundlegenden Dinge zum Verständnis von Werten überhaupt referiert, indem die historisch-politischen Perspektiven des Wertewandels aufgezeigt und eine Differenzierung zwischen Selbstentfaltungs- und Freiheitswerten einerseits und den Pflicht- und Akzeptanzwerten andrerseits (Rödder) vorgenommen werden. Sodann findet die Darlegung von sogenannten bürgerlichen Werten (Schulz) und jenen, die sich aus der Arbeiterbewegung entwickelt haben (Tenfelde), statt.

Das Kapitel „Bildung und Erziehung“ zeigt die sich aufgrund der 68er-Bewegung verändernden Zielsetzungen hinsichtlich einer sich umorientierenden Werteerziehung (Bueb) wie auch die Bedeutung von ‚Bildung‘ als Wert (Tenorth) der Schule als zumindest fragwürdigem Ort der Vermittlung auf. Das sich anschließende Kapitel „Familie und Privatheit“ beschäftigt sich mit dem anhaltenden Wertewandelprozess im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts aufgrund einer Entstandardisierung der Lebensläufe und Beziehungsstrukturen (Wirsching), um letztlich auch die Entinstitutionalisierung von Familie und Ehe zu konstatieren (von Trotha). Bei der Betrachtung des Wertewandels im Kapitel „Religion und Kirchen“ stehen einerseits die Folgewirkungen aus Säkularisierung sowie der Pluralisierung und Individualisierung der Religion (Gabriel) im Mittelpunkt, während andrerseits die Bedeutung des Wertbegriffs für die Kirche und den Glauben hinterfragt wird (Deckers).

Natürlich stellt sich die Frage nach einem sich wandelnden Werteverständnis von „Staat und Nation“ angesichts veränderter politischer Konstellationen z. B. durch die Europäische Union (Ritter), aber auch des innerhalb des letzen halben Jahrhunderts sich vollziehenden Wandels von Wertehorizonten und der Wertesysteme bezogen auf den europäischen Nationalstaat (Schwarz). Auf der militärischen Ebene ist zum einen die Erörterung der Frage nach der wechselseitigen Beeinflussung von militärischer und ziviler Gesellschaft im Hinblick auf dezidierte Wertvorstellungen von nicht unwesentlichem Belang (Frevert), während zum anderen die Durchsetzung von Wertekonzepten im globalen Rahmen mit militärischen Mitteln der notwendigen Akzeptanz bedarf (Naumann).

Die abschließenden Kapitel beschäftigen sich im Zusammenhang mit dem kardinalen Grundwert der Menschenwürde mit der Gefährdung der globalen Sakralisierung der Person (Joas) sowie mit den sich aus der Diskussion über die Notwendigkeit einer Leitkultur ergebenden Fragen nach der Anerkennung von kultureller Vielfalt (Roth), dem möglichen Widerspruch zwischen einer Vielfalt des Pluralismus und der Beglaubigung des Absoluten (Böhr) und dem Hinterfragen eines alleinigen christlich-abendländischen Anspruchs von Leitwerten unserer Gesellschaft.

Diskussion

Das vorliegende Werk vermag durchaus aufgrund der Vielfalt der Beiträge differierender Sichtweisen ein breites Betrachtungsspektrum widerzuspiegeln. Es werden unterschiedliche Perspektiven, wissenschaftliche Zugangsweisen, Stile und fachspezifische erkenntnisleitende Interessiertheiten deutlich. Dies wiederum bedeutet zum einen eine nahezu umfassende Abhandlung des Themas, erschwert jedoch zum anderen aufgrund immer wieder notwendiger Umorientierungen eine durchgängige Beschäftigung damit. Das von den Herausgebern angestrebte Ziel, die Lebendigkeit und Vielseitigkeit des Themas deutlich machen zu wollen, kann als erreicht gelten. Dies gilt nur bedingt für die Titelgebung des Werkes: warum und worin der Gegensatz von „alten Werten“ und „neuen Werten“ besteht, kommt sicherlich weit weniger in den Beiträgen zum Ausdruck, als etwa die im Untertitel genannten ‚Schlaglichter des Wertewandels‘.

Fazit

Das Buch ist, weil es eine Dokumentation einer Vortragsreihe ist, tatsächlich auch nur so zu verstehen. Dies mindert keineswegs den Wert des Sammelwerkes. Es bietet damit die besondere Gelegenheit, sich mit den unterschiedlichen Facetten des Wertewandels zu beschäftigen und reizt somit auch zu einer vertiefenden fachspezifischen wie auch fächerübergreifenden Auseinandersetzung mit dem Generalthema. Somit ist das Werk sehr gut geeignet, für alle jene, die sich nicht nur im Studium mit der Werteproblematik beschäftigen müssen und wollen.

Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor (em.) für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Es gibt 85 Rezensionen von Peter Eisenmann.

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ISSN 2190-9245