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Imbke Behnken, Jana Mikota (Hrsg.): Gemeinsam an der Familiengeschichte arbeiten

Cover Imbke Behnken, Jana Mikota (Hrsg.): Gemeinsam an der Familiengeschichte arbeiten. Texte und Erfahrungen aus Erinnerungswerkstätten. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-2220-9. 22,00 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: Kinder des Weltkrieges.
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Thema

Nach den Bänden über die Kriegskinder nun ein Band von den Kriegskindern, in Form gebracht und darüber hinaus flankiert von Überlegungen über Klassifikationsversuche der Generationenfolge und über das autobiographische Erinnern von Kindheit und Jugend als eine mögliche Besonderheit des Älterwerdens.

Beide Herausgeberinnen gehören zu der Studiengruppe Kinder des Weltkriegs am Kulturwissenschaftlichen Institut des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen, die auch schon die Herausgabe der vorhergehenden Bände im Juventa-Verlag unterstützte.

Entstehungshintergrund

Wie auch diese ist der vorliegende Band Ergebnis der Projekte der Studiengruppe “Kinder des Weltkriegs“, die es sich in Nordrhein-Westfalen zur Aufgabe gemacht hat, die Beziehungen von Kriegskindheit, Erfahrungen der Nachkriegsjahre und schließlich deren Reflexion und erneute Bearbeitung im Lichte des Alt-seins zu erforschen und weiterzuvermitteln (Jürgen Zinnecker: Erinnerungswerkstätten, in diesem Band Seite 11 bis 16). Zwei Erinnerungswerkstätten sind im Buch vertreten: Essen und Siegen.

Aufbau

Nachdem im Teil I des Buches einige kurze Reflexionen über Biographiearbeit, Erinnerungswerkstätten, Grob- und Feinklassifikationen von Generationenfolgen in Soziologie und Sozialgeschichte dargelegt sind, befassen sich die Teile II und III in ausführlichen Beiträgen der Mitglieder der Erinnerungswerkstätten mit deren Erfahrungen und Erlebnissen in unterschiedlicher Qualität und Quantität, teils mit Bildern. In 26 Textbeiträgen von 16 Autoren werden Vorkriegs-, Kriegs- und Nachkriegszeit in der Art lebendig, in der die jeweiligen Autoren sich zu fassen vermögen. Eine Neuheit ist die beigelegte CD-ROM, auf der einige der Autoren, mit Fotos von damals unterlegt, ihre gedruckten Texte oder auch andere vortragen.

Teil I: Erinnerungen und Erinnerungswerkstätten

Was sind Erinnerungswerkstätten, wozu dienen sie, was können sie bewirken ? Diesen Fragen gehen Imbe Behnken, Ursula Pietsch-Lindt, Stephan Schopp, Egor Arlt und Jana Mikota in ihren Beiträgen nach. Wer im Ruhrgebiet im Kulturbetrieb beheimatet ist, dem werden die Aufsätze nicht viel neues sagen. Für Leser südlich der Mainlinie aber ist dies eine gute Einführung in eine Form der Kulturarbeit, die zu verbreiten sich auch südliche Volkshochschulen zu eigen machen sollten – auch im Süden war Krieg.

Jürgen Zinnecker faßt noch einmal die unterschiedlichen Zugänge zur Generationen- oder Kohortenbildung, wie sie in Soziologie und Sozialwissenschaft gebräuchlich sind, zusammen, wobei es durchaus so sein kann, wie der Rezensent zu vermerken weiß, daß gewisse prägende Jahre anders verortet oder auch mal gar nicht persönlich zugerechnet werden – wie z.B. die Holocaust Serie in Deutschland ja doch anders rezipiert wurde als in Amerika und hier müßte z.B. die „Heimat“-Serie von E. Reitz auch ihren Platz finden.

Teil II: Erinnerungswerkstatt Essen und Teil III: Erinnerungswerkstatt Siegen

Diese beiden Teile bilden nun den Korpus des Buches. Hier kommen die Kriegskinder zu Wort, Bild und Schrift – ersteres nur auf der CD, aber die beiden anderen Elemente sind auch im Buch gut vertreten, wenngleich, dies sei hier schon als Kritik angemerkt, die foto-grafische Aufbereitung des alten Bildmaterials doch hätte professioneller sein können. Es hat nicht nur Charme, alte Fotos als alte Fotos zu präsentieren, um vielleicht den dokumentarischen Charakter hervorzuheben, sondern erschwert manchmal eher die Aufnahme der Botschaft.

Es kommen (neben anderen) zu Wort: das Stiefkind eines „Gebietsführers“ und SS-Sturmführers (Bärbel Afflerbach), die Tochter eines schlesischen Soldaten (Ilse Bürvenich), der Sohn eines Bergarbeiters aus Werden an der Ruhr (Günther Grütgen), der Gymnasiast aus Mansfeld (Friedrich Gürge), die Stenotypistinnen-Tochter aus Berlin (Marianne Kaiser), die Tochter eines bekannten Kapellmeisters und Komponisten aus Köln (Anita Schorn). Familiengeschichte und Zeitgeschichte finden sich oft in Gegenständen zusammen, so auch im Jäckchen einer Erstklässlerin, wie uns Anna Breuer-Kolo mit vielen Fotos belegt. Und gleich schließt sich die Frage an den neugierigen Leser an: wo liegt denn eigentlich das Sudetenland ?

In unterschiedlicher literarischer Qualität, mit unterschiedlicher Distanz zum Geschehen, manchmal noch im Mitschwingen der damaligen Ereignisse, so kann der Leser nacherleben oder zumindest sich mitgenommen fühlen in diese seltsamen Zeiten zwischen 1933 und 1949, in den Rausch des Erfolges und den Kater der Niederlage, auch die unterschiedliche Politisierung und die demzufolge auch unterschiedliche Distanzierung zur offiziellen Linie bzw. offiziellen Darstellung des Ganges der Ereignisse mit vollziehen.

Beispielsweise die merkwürdige Gefühlswelt einer Familie, die zunächst einen hohen Funktionär der NSDAP und der SS als Familienoberhaupt im Krieg verlor, die Kinder den zweiten Mann der Mutter „15 Jahre lang fast wie Luft“ behandelten und erst vor wenigen Jahren begannen, den Vater, der selber als Halbwaise groß wurde, besser zu verstehen. Daß da eine Ausgrenzung eines wichtigen Familienmitgliedes „bei lebendigem Leibe“ stattfand und wie sich dies wiederum ausgewirkt haben mag, bleibt zum großen Erstaunen des Rezensenten ganz unreflektiert (Bärbel Afflerbach: Als meine Mutter zum zweiten Mal heiratete, Seite 82 bis 86).

Und die Berichte spiegeln in ganz unterschiedlicher Weise den Umgang mit der Kriegszeit wider. So in der Geschichte des Kapellmeisters, die von seiner Tochter, Anita Schorn, berichtet wird: „Die Eltern“ und „Kriegsweihnacht“. Das Talent und die Ausbildung des Vaters halten die Familie schon vor dem Krieg nicht nur über Wasser, sondern ermöglichen ein relativ sorgenfreies Leben, das auch mit Aufstieg verbunden ist und helfen auch im Krieg und nach Kriegsende alsbald, wieder da Fuß zu fassen, wo man sozusagen unterbrochen wurde.

Sigrid Schuster-Schmah fragt in dem Beitrag „Wo ist meine Heimat?“ nach ihrer eigentlichen, eigenen, erlebten, erfahrenen und gefühlten Heimat jetzt, wo doch die Vorfahren alle Schlesier waren, wie aus dem Ahnenpaß zweifelsfrei belegt. Doch wo gehört sie jetzt hin, nachdem ihr in den Kriegsjahren und danach von allen Seiten klar gemacht wurde, daß da, wo sie gerade lebt, eben ihre Heimat nicht ist. Und vieles unternommen wurde, daß sie das auch merke. Und fährt in die Wirkungsstätten ihrer Vorfahren, erlebt, nachdem sie Teile ihrer persönlichen Geschichte literarisch verarbeitet und veröffentlicht hat (Wir sehen uns bestimmt wieder. Ein Kinderschicksal aus Schlesien. Oetinger-Verlag, 1999), Zuspruch und Zustimmung gerade in Polen. Und wirft die Frage auf, „ob es sich dabei um Heimat oder schlicht um die Suche nach meiner Identität handelt“ (Seite 217).

Diskussion

Bei 16 unterschiedlichen autobiographischen Berichten erhebt sich doch die Frage: wer soll das lesen, für wen ist der Band gemacht? Nun gut, auch der Rezensent hatte einige deja-vu Erlebnisse angesichts der Fotos, beim Hören der Geschichten von der CD, die ihn seinerseits an die „Nachkriegserzählungen“ erinnerten, die bei Konfirmationen, Hochzeiten oder runden Geburtstagen zu vorgerückter Stunde und steigendem Bier- oder Weinpegel zur Selbstvergewisserung, es doch mit dem Wiederaufbau geschafft zu haben, die Runde machten. Auch in dieser Familie gibt es noch Dokumente wie z.B. den Entlassungsschein aus britischer Kriegsgefangenschaft, Liebesbriefe aus dem Gefangenenlager, Fotos vom ersten Schrebergarten in der neuen Heimat. Indes – wohin führte denn diese Erinnerungsarbeit, wenn sie denn nötig wäre? Hat etwa jemand nicht mitbekommen, daß da ein Krieg war ?

Es wäre sicher ein interessanter nächster Schritt, in den durch die Schreibwerkstätten ans Licht gebrachten Texte nun einmal nachzuschauen, wie sich die Verarbeitung dieser Geschichte (i.S. von history) im Text widerspiegelt, also die Produktion als literarisches Erzeugnis unter Gesichtspunkten der Literaturanalyse aufzuarbeiten, um herauszufinden, inwieweit sich doch Erzählmuster durchsetzen, die alles wieder in eine ganz anderes Licht stellen. Inwieweit also durch die Erzählform wieder eine Distanzierung stattfindet, die dialektisch aufgehoben werden wollte.

Fazit

Das Persönliche ist politisch. Wie sich die Zeitgeschichte im Erleben und Berichten, in der autobiographischen Rückschau, vermittelt über die Hilfe von Schreib- und Erinnerungswerkstätten, abbildet und bricht, kann in dem vorliegenden Band, in dem mehr als 20 autobiographische Berichte von Kriegskindheiten gesammelt veröffentlicht sind, und anhand der beiliegenden CD, in der die Autoren auch zu Wort kommen, exemplarisch nachvollzogen werden. Die Haltung, mit der erinnert und berichtet wird, bricht keinem Revanchismus Bahn. In den Worten einer der AutorInnen:

„Viele Genrationen meiner Familie lebten bis zu ihrem Lebensende in Schlesien, es ist die Heimat meiner Vorfahren. Ich interessiere mich für dieses Land, aber es fehlt mir nicht. Vermissen würde ich alle jene menschlichen Begegnungen und Kontakte…Weil mir das Heimatland eben doch nahesteht.“ (S.218)


Rezensent
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 29.09.2009 zu: Imbke Behnken, Jana Mikota (Hrsg.): Gemeinsam an der Familiengeschichte arbeiten. Texte und Erfahrungen aus Erinnerungswerkstätten. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-2220-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6877.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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