Gunter Groen, Franz Petermann: Depressive Kinder und Jugendliche
Rezensiert von Dr. Christian Brandt, 11.03.2003
Gunter Groen, Franz Petermann: Depressive Kinder und Jugendliche.
Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG
(Göttingen) 2002.
265 Seiten.
ISBN 978-3-8017-1328-7.
32,95 EUR.
CH: 55,00 sFr.
Klinische Kinderpsychologie, Band 6.
Einführung in die Themenstellung
Depressive Störungen im Kindes- und Jugendalter zeigen alterstypische Symptomkonstellationen, die sich teilweise von dem für Erwachsene beschriebenen Bild systematisch unterscheiden. Prinzipiell handelt es sich bei der Depression um eine internalisierende Störung mit den Kernsymptomen anhaltender, über verschiedene Situationen hinweg stabiler Niedergeschlagenheit und Interesseverlust, Selbstwertzweifeln und verringerter Zuversicht. Insbesondere im Jugendalter kann das charakteristische emotionale Zentrum der Symptomatik jedoch durch gereiztes, expansives Sozialverhalten, Schulunlust, und Anschluss an deviante Gleichaltrigengruppen mit Alkohol- und Drogengebrauch überdeckt sein. Solche sekundären, durch die depressive Verstimmung ausgelösten Anpassungsprobleme können die psychosoziale Entwicklung von Heranwachsenden erheblich beeinträchtigen. Eine unmittelbare Gefährdung der Betroffenen stellt das bei depressiven Störungen erhöhte Risiko suizidaler Handlungen dar. Während die Störung im Kindesalter seltener auftritt, gleicht sich die Auftretenshäufigkeit ab dem Jugendalter der des Erwachsenenalters an, mit einem deutlich höheren Risiko für Mädchen.
Entstehungshintergrund des Buches
Das hier rezensierte Buch erscheint in der Reihe Klinische Kinderpsychologie, die von Franz Petermann herausgegeben wird. Die Arbeitsgruppe um Franz Petermann, Direktor am Zentrum für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen, hat in den letzten Jahren einen ungeheuren Beitrag zur Weiterentwicklung einer kognitiv-behavioral ausgerichteten Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie geleistet. Dr. Gunter Groen, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Professor Petermann, arbeitete im Rahmen einer Dissertation an der Bremer Jugendstudie mit. Auf diese Dissertation geht die hier besprochene Veröffentlichung teilweise zurück.
Aufbau und Inhalte
Das Buch ist sehr klar und übersichtlich gegliedert, beginnend mit Beschreibung und diagnostischer Klassifikation der Störung, einem Überblick über die wichtigsten epidemiologischen Daten und Komorbiditäten, sowie Ausführungen zu typischen Verlaufsformen. Das Kapitel zur Störungsgenese legt den Schwerpunkt auf entwicklungsbezogene Faktoren, die als relevant für das erhöhte Risiko depressiver Störungen im Jugendalter betrachtet werden. Der Abschnitt zum diagnostischen Vorgehen gibt wertvolle Hinweise zur Exploration und standardisierten Diagnoseinstrumenten; etwas mehr Gewicht hätte allerdings auf die in der Praxis teilweise recht schwierige Abgrenzung zu emotionalen Störungen des Kindes- und Jugendalters gelegt werden können.
Die Ausführungen zur alterangemessenen Behandlung der Störung erfolgen vorrangig aus kognitiv-behavioraler Perspektive, es werden dabei auch aktuelle Behandlungsmanuale dargestellt. Das Schlusskapitel beschreibt kognitiv-behaviorale Präventionsprogramme, sowohl für spezifische Risikogruppen wie zum allgemeinen Einsatz im Jugendalter.
Zielgruppen und Fazit
Das Buch ist jedem, der psychotherapeutisch oder medizinisch-psychiatrisch mit älteren Kindern und insbesondere mit Jugendlichen arbeitet, zu empfehlen. Erfahrenen Praktikern wird die Abhandlung vielleicht phasenweise zu extensiv erscheinen, aber die Lektüre lohnt sich. Einige Redundanz besteht allerdings zu dem Depressions-Aufsatz beider Autoren in dem von Franz Petermann herausgegebenen Lehrbuch der Entwicklungspsychopathologie. Sehr nützlich ist die Umfänglichkeit der Erläuterungen für die Ausbildung im Bereich der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie; allerdings wäre hierfür die Illustration durch einige Fallbeispiele noch wünschenswert gewesen.
Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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