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Lars Holzäpfel: Beratung bei der Einführung von Selbstevaluation an Schulen

Cover Lars Holzäpfel: Beratung bei der Einführung von Selbstevaluation an Schulen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. 230 Seiten. ISBN 978-3-8309-2062-5. 29,90 EUR.

Reihe: Internationale Hochschulschriften - Band 514.
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Autor

Der Autor ist promovierter Realschullehrer der Naturwissenschaften, Begleiter mehrerer Qualitätsentwicklungsprojekte an Schulen. Z.Zt. wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Mathematik und Informatik und ihre Didaktiken an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

Entstehungshintergrund

Diese Arbeit entstand parallel zu dem Pilotprojekt „Einführung in die Selbstevaluation„des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg und stellte einen Teil der wissenschaftlichen Begleitung dar. Sie ergänzt die Begleitung des Projekts, die in der Arbeit von Schimitzek[1] (vgl. die Rezension) dargestellt wird.

Thematik in Einleitung

Die systemische Selbstevaluation als datenbasierte Steuerung von Schulentwicklungsprozessen gewinnt an Bedeutung. Schulen haben größere Freiheit, gleichzeitig größere Verantwortung für Qualität. Der Diskurs um die Qualität verlagert sich an die Einzelschulen und Kollegien. Selbstevaluation wird zum Steuerungsinstrument für den Innovationsprozess an Schulen, deshalb benötigen diese Beratung. Es geht um Evaluationskonzepte für ganze Schulen, alle Kollegen. Ein Austausch über gemeinsame Zielsetzungen wird nötig und die eigene Arbeit muss im Hinblick auf die eigenen Zielsetzungen kritisch reflektiert werden; ggf. müssen Veränderungen vorgenommen werden. Die Diskussion über Schulprogramme und Schulziele erfordert intensive soziale Interaktionen; dabei muss offen kommuniziert werden und Konflikte müssen ausgetragen werden. Es handelt sich bei der Einführung der Selbstevaluation eher um einen sozialen als um einen technischen Prozess. Es gibt Beratermodelle, aber die individuelle Schule mit ihren Zielen und Bedürfnissen steht im Vordergrund.

Die genannten Evaluationskonzepte werden exemplarisch am Lande Baden-Württemberg dargestellt. Dort ist Selbstevaluation seit  2004 verbindlich. Thema des Buchs ist der Beratungsprozess in Baden-Württemberg, die Zusammenarbeit der Berater mit den einzelnen Schulen.

Folgendes wird behandelt:

  • Hürden, Erwartungen, Angebote im Beratungsprozess zwischen Beratern und Schulen
  • Zielformulierungen bezogen auf die Beratungen, Art der notwendigen Unterstützung
  • Aufgabenverteilung und Rollenklärung
  • Personale Einflussfaktoren (z.B. Veränderungsbereitschaft, Wahrnehmung der aktuellen Arbeitssituation, gemeinsame Werte im Kollegium, veränderte Rolle der Schulleitung)
  • Beratung als Beitrag zur Weiterentwicklung der Schulen, Frage nach Nutzen

Kapitel 2.1.: Betrachtungsmodell für Beratung bei Einführung von Selbstevaluation

In den letzten Jahren wurden Einzelschulen stärker in den Prozess der Qualitätsentwicklung einbezogen. Mehrere  Vergleichsstudien haben Probleme im Bildungswesen Deutschlands aufgezeigt. Als Grund wird die inputorientierte Steuerung angenommen; deshalb erfolgt ein Paradigmenwechel zu stärkerer Outputorientierung. Kompetenzen sind in den Bildungsstandards formuliert worden. Die Eigenverantwortung der Einzelschule wächst; dazu gehört erhöhte Kontrolle durch externe Steuerungsinstrumente wie externe Evaluation oder die outputorientierte Messung von Kompetenzen und Standards durch Diagnose- und Vergleichsarbeiten aber auch durch nationale und internationale Studien. Es ergibt sich ein Spannungsfeld zwischen Autonomie und Evaluationspflicht.

Die durch zunehmende Autonomie geförderte  Qualitätsdebatte vor Ort  setzt schulinterne Prozesse in Gang: Ein gemeinsames Qualitätsverständnis wird ausgehandelt. Zunehmend müssen die Interessen von Stakeholdern (hier: Schülern, Eltern, Schulträger, letztlich Gesellschaft) berücksichtigt werden. Lehrer werden nun zu Akteuren für die Gestaltung und Evaluation ihrer schuleigenen Entwicklungsprozesse; sie treten mit ihren Rezipienten in Kontakt. Auch Selbstevaluation dient zur Entwicklung der schulischen Evaluationskultur.

In den Einzelschulen muss sich der Führungsstil der Schulleitung verändern; Steuergruppen und Eltern werden wichtiger.

Einzelne Lehrer haben unterschiedliche Voraussetzungen, Kompetenzen, Lehrerbilder, reagieren unterschiedlich auf ihre aktuelle Arbeitssituation und auf Veränderungsprozesse. Daneben geht es maßgeblich um deren Interaktion innerhalb der Schulgemeinde.

Externe Beratung  ist vonnöten.

Holzäpfel will in der Arbeit das gesamte Kollegium bzgl. der Einstellung zur Innovation betrachten. Er skizziert verschiedene Modelle zur Beschreibung von Beratungsprozessen, um daraus ein eigenes Modell zu formulieren.

Kapitel 2.2.: Inhalt der Selbstevaluation

Im baden-württembergischen Bildungsplan von 2004 stehen Selbst- und Fremdevaluation in Interdependenz und werden als Grundpfeiler schulischer Qualitätsentwicklung verstanden. Ziel ist ein systematischer, zielgerichteter und empirisch abgesicherter Entwicklungsprozess.  Mit dem Leitfaden zur Selbstevaluation (Untersuchungen von Unterrichtsergebnissen und -prozessen, der Professionalität der Lehrkräfte, der Schulführung und des -managements, des Schul- und Klassenklimas und der Außenbeziehungen) erhalten die Schulen dazu eine Handreichung.

Hier entsteht Beraterbedarf in der Reflexion über das alltägliche Know-how, in der Vermittlung des Gesamtkonzepts der Qualitätsentwicklung und der Klarheit über das schuleigene Qualitätskonzept. Verfahren und Techniken eines empirisch abgesicherten Vorgehens müssen erlernt werden. Die Lehrkräfte müssen auf dem Weg der Veränderung unterstützt werden durch Moderation, Konfliktmanagement und Einzelfallberatung. Ein weiterer Ansatzpunkt der Beratung ist die Organisation des Veränderungsprozesses: Schulprogramme müssen konzipiert, realisiert und evaluiert werden. Strategische, inhaltliche und planerische Unterstützung sind vonnöten.

Im Folgenden werden „Evaluation, Selbst- und Fremdevaluation, externe und interne Evaluation“ definiert.

Kapitel 2.3.: individuelle Personen und kollektive Ebene

Verschiedene Faktoren wirken auf Selbstevaluation ein: Selbstwirksamkeitserwartung (z.B. fehlende Kompetenz bei Evaluation), zeitliche Belastung, Wahrnehmung der Arbeitssituation und Veränderungsbereitschaft, kollektive Einflussfaktoren (Voraussetzung: Teamkompetenz). Ursachen für Konflikte können unterschiedliche Werte sein oder informelle Gruppenbildung. „Mit der Einführung von Selbstevaluation eröffnet sich für Lehrer ein Spannungsfeld zwischen der Position des «Einzelkämpfers« in Unterricht und der kollektiven Arbeit an der gemeinsamen Sache.“ (S. 53)

Die Rolle der Schulleitung ändert sich durch die Einführung von Selbstevaluation: Sie gilt als Impulsgeber, der gemeinsam mit dem Kollegium an der Weiterentwicklung ihrer Schule arbeitet (partizipativer Führungsstil) . Sie sorgt also für gute Atmosphäre und gutes Schulklima auf informeller Ebene.  Sie ist aber weiterhin auf formeller Ebene in der Funktion als Dienstvorgesetzter tätig.

Kapitel 2.4.: Betrachtung schulischer Innovationsprozesse

Die Schule muss den Qualitätsentwicklungsprozess eigenständig und eigenverantwortlich organisieren. Zu den von außen vorgegebenen Output-Zielen muss sie sich in einem langen Aushandlungsprozess schrittweise selbst Ziele setzen. Beides zusammen führt zu Entwicklungsschritten. Nicht alle Personen durchlaufen die Prozesse im Gleichschritt, aber möglichst viele sollen eingebunden werden. Häufig arbeiten zunächst einmal die Schulleitung und die Steuerungsgruppen zusammen, die die Informationen an die Kollegen weitergeben.

Holzäpfel zeigt verschiedene Modelle der Schritte der Qualitätsentwicklung auf. Diese sind i.a.: eine Ist-Analyse, die systemische Reflexion und die Handlung.

Die Problematik der Beziehungsstrukturen innerhalb der Organisation ist ein für den Innovationsprozess wichtiges Beobachtungsfeld, insbesondere die Führungsstile und Partizipationsmöglichkeiten.

Kapitel 2.5.: Beraterbegriffe, -rollen, -konzepte

Professionelle Berater der Organisation Schule gehen anhand von empirischen Theorien vor, sie sind unparteiisch, die beratungsnehmende Schule entwickelt die Ratschläge meist selbst. Sie lässt sich freiwillig beraten für einen begrenzten Zeitraum mit Zielsetzung. Schulen müssen selbst wissen, was sie wollen. Dazu hilft der Berater, Problembewusstsein zu entwickeln.

Berater haben vielschichtige Rollen und Aufgaben, die Holzäpfel anhand von verschiedenen Modellen darstellt. Berater für baden-württembergische Schulen  sind Lehrkräfte, die sich durch 7 Fortbildungsbausteine  für die Beratertätigkeit qualifiziert haben. (S. 74)

Problematisch stellt sich an vielen Schulen die Beratungsbereitschaft dar. Sie haben zur Aufrechterhaltung von Stabilität und Kontinuität geschlossene soziale Systeme aufgebaut, die Innovations- und Beratungsmöglichkeiten begrenzen.

Anschließend beschreibt Holzäpfel 7 verschiedene Beraterrollen. (S. 77-78)

Kapitel 3: Forschungsfragen

In dieser Arbeit werden Beratungsprozesse bei der Einführung von Selbstevaluation aus der Sicht der Berater und der Lehrkräfte dargestellt.

Voraussetzungen für Schulen sind die Bereitschaft, sich mit neuen Inhalten auseinanderzusetzen, den Innovationsprozess zu organisieren, sich darauf einzulassen, miteinander an der Selbstevaluation zu arbeiten. Zunächst müssen Ziele formuliert werden, Aufgaben verteilt; die in die Zusammenarbeit mit dem Berater involvierten Kollegen bzw. Schulleitung müssen benannt werden. Der Evaluationsbegriff muss eng mit dem Entwicklungsaspekt gekoppelt werden. Weitere wesentliche Faktoren sind Selbstwirksamkeitserwartung der Kollegen, Belastung, Veränderungsbereitschaft, Wahrnehmung der eigenen Arbeitssituation, soziale Unterstützung im Kollegium, soziale Konflikte, gemeinsame pädagogische Vorstellungen, Führungsstil der Schulleitung.

Holzäpfel stellt verschiedene Hypothesen zur Beraterrolle auf.

Kapitel 4: methodische Vorgehensweise:

Dies ist der zentrale Teil der Arbeit. Es handelt sich um eine Begleitforschung, der kein experimentelles Design zugrunde liegt.

Neben qualitativen offenen und halbstrukturierten Verfahren werden Skalen entwickelt, um die einzelnen Aspekte der Beratung quantitativ abzubilden.

Es wurden schriftliche Befragungen zu 3 Zeitpunkten durchgeführt. Da die Beratung freiwillig war, , nahmen nicht alle am Pilotprojekt beteiligten Schulen diese war bzw. sprangen nach einer Zeit wieder ab. Auch handelt es sich in den seltensten Fällen um Vollerhebungen des gesamten Kollegiums; eher waren Schulleitung und Steuergruppe involviert. Auch sandten niemals alle 57 ausgewählten Pilotschulen ihre Befragungen zurück.

Holzäpfel untersucht Daten von Lehrkräften und Beratern aus allen 3 Befragungen zu den Personen, zum Prozess, zum Inhalt, zum Kontext und gibt Beispielsaussagen.

Danach werden Skalen dargestellt zur Zusammenarbeit zwischen Berater und Schule, zu individuellen und sozialen  Aspekten und weiteren Aspekten im Prozess.

Kapitel 5: Ergebnisdarstellung

Die Ergebnisse beantworten Fragen nach Hürden, Erwartungen und Angeboten im Beratungsprozess, nach Zielformulierungen von Schulen und Beratern, nach Aufgabenverteilung und Rollenklärung, nach personalen Einflussfaktoren, nach Beratung als Beitrag zur Weiterentwicklung der Schule. Holzäpfel vergleicht dabei Ansichten von Schulen mit denen ihrer Berater. Eine Befragung zu Anfang und Ende des Untersuchungszeitraums zeigt beispielsweise, dass Schulen Beratung als Beitrag zur Weiterentwicklung im Prozess der Selbstevaluation empfinden.

Kapitel 6: Diskussion

Holzäpfel reflektiert seine Ergebnisse vor dem Hintergrund methodischer Vorgehensweisen Er zieht Konsequenzen für  die praktische Umsetzung und stellt weitere Forschungsfragen.

Fazit

Holzäpfels Arbeit dürfte für Lehrer/innen, Schulleiter/innen, Schulverwaltungen und Bildungsministerien interessant sein, da die theoretischen Ausführungen und  die baden-württembergischen Ergebnisse sicher auch in ähnlicher Weise für andere Bundesländer, die Berater an Schulen einsetzen, gelten.


[1] Schimitzek, Corina (2008): „Es ist etwas in Bewegung geraten!“ Begleituntersuchung zur Startphase «Selbstevaluation« an allgemein bildenden Schulen in Baden-Württemberg. Berlin: dissertation.de – Verlag im Internet. 434 Seiten + Leitfaden zur Selbstevaluation an Schulen. Materialien für allgemein bildende Schulen in Baden-Württemberg, hrsg. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, Landesinstitut für Schulentwicklung. Oktober 2005, 45 S.


Rezensentin
Dr. Monika Wilkening
Tätigkeitsfeld: seit 32 Jahren Gymnasiallehrerin Klassen 5-13 für die Fächer Englisch und Französisch, Autorin von zahlreichen Fachaufsätzen und Fachreferentin, Rezensentin; Arbeitsschwerpunkte: schülerorientierte Unterrichtsformen im Fremdsprachenunterricht, Evaluation, insbes. Selbst- und Partnerevaluation, 2011 Promotion zur Doktorin der Philosophie an der Universität Augsburg. Praxisbuch zur Selbst- und Partnerevaluation (4/2013)


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Zitiervorschlag
Monika Wilkening. Rezension vom 15.12.2008 zu: Lars Holzäpfel: Beratung bei der Einführung von Selbstevaluation an Schulen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. ISBN 978-3-8309-2062-5. Reihe: Internationale Hochschulschriften - Band 514. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6890.php, Datum des Zugriffs 22.01.2018.


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