Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Barbara Jeltsch-Schudel: Identität und Behinderung

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Jödecke, 27.01.2009

Cover Barbara Jeltsch-Schudel: Identität und Behinderung ISBN 978-3-89896-325-1

Barbara Jeltsch-Schudel: Identität und Behinderung. Biographische Reflexionen erwachsener Personen mit einer Seh-, Hör- oder Körperbehinderung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2008. 284 Seiten. ISBN 978-3-89896-325-1. 29,50 EUR. CH: 48,00 sFr.
Reihe: Lehren und Lernen mit behinderten Menschen - 14
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Von Behinderung Betroffene wollen als Experten in eigener Sache gefragt und wertgeschätzt werden. Der immer wieder provozierte und sich offensichtlich, wenn auch sehr langsam und zäh vollziehende Paradigmenwechsel in der Heil-, Sonder-Rehabilitations- und Behindertenpädagogik geht einher mit der Zurückdrängung und dem kritisch- konstruktiven Hinterfragen von Stellvertretung und Fremdbestimmung in allen Lebensbereichen oder Lebenswelten von „Menschen mit Behinderung“. Die vorliegende Studie möchte offensichtlich dazu beitragen, den Erfahrungen betroffener Menschen in ihrer Relevanz für die heil- und sonderpädagogische Theorie und Praxis stärker als bisher Rechnung zu tragen.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Studie beschäftigt sich im Kern mit den Aussagen von neun behinderten Informantinnen und Informanten und drei mittelbar Betroffenen (Geschwistern). Die narrativen Interviews werden zu Einzelportraits verdichtet, erzählend nachgezeichnet und mit Bezug auf übergreifende Identitätsthemen (Bindungen, das Erleben der eigenen Andersartigkeit, Handlungsmöglichkeiten, Umgang mit Behinderung) interpretierend kommentiert und methodisch reflektiert.

Die Darstellung übergreifender Identitätsthemen wird ergänzt durch die Wiedergabe von Erfahrungen der Interviewten hinsichtlich der Ausgestaltung ihrer eigenen Identität (dem Ausbalancieren der eigenen Situation, der Entwicklung von Selbstbestimmung, des Rückgewinnens einer aktiven Lebenseinstellung) und der Einschätzung hindernder oder unterstützender Momente von Bildung und Erziehung in ihrem Lebenslauf.

Eingeleitet wird die Studie durch zwei umfassende Kapitel zu den sozialwissenschaftlichen Grundlagen des Verhältnisses von Identität und Behinderung und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Aufwachsen von Schweizer Kindern und Jugendlichen zwischen 1950- 1980.

Zielgruppen

All diejenigen, die in Forschung, Lehre und Ausbildung mit Biografiearbeit befasst sind und die Bedeutung der Aussagen Behinderter als Experten in eigener Sache erkannt haben.

Diskussion

Die vorliegende Arbeit kann als eingebettet in den Diskurs um die Rationalisierung von Lebenswelten betrachtet werden. Lebenszusammenhänge werden rational durchanalysiert und damit bewusst gemacht. Rationalität i.S. technologischer beinhaltet aber nicht selten auch den systemischen Durchgriff auf eben diese Lebenswelt: Wissen ist Macht. Eben das kann als Schattenseite dieser Rationalisierung betrachtet werden. Rationalität ohne Mitgefühl, ohne Empathie kann zur Inhumanität geraten. Rationalität bewahrt aber auch vor Mystifikation, die zum Hort für Gewalttätigkeit im Kontext unhinterfragter Machtausübung geraten kann.

Die Studie bewahrt die Kraft der „Selbstbemächtigung“, die in der Narration, in der Erzählung, der Aktualisierung von Identität über rekursive Selbstbeschreibungen liegt. Die “gefilterten“ Anregungen und Schlussfolgerungen für die Sonderpädagogik jedoch verbleiben im Feld des alltäglich- selbstverständlichen.

Fazit

Zu empfehlen für ein Seminar zu Methoden wissenschaftlichen Arbeitens, exemplarisch für (qualitative) empirische Sozialforschung.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Jödecke
Mailformular

Es gibt 32 Rezensionen von Manfred Jödecke.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 27.01.2009 zu: Barbara Jeltsch-Schudel: Identität und Behinderung. Biographische Reflexionen erwachsener Personen mit einer Seh-, Hör- oder Körperbehinderung. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2008. ISBN 978-3-89896-325-1. Reihe: Lehren und Lernen mit behinderten Menschen - 14. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6913.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht