socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gundula Barsch: Lehrbuch Suchtprävention

Cover Gundula Barsch: Lehrbuch Suchtprävention. Von der Drogennaivität zur Drogenmündigkeit. Neuland Verlag (Geesthacht) 2008. 352 Seiten. ISBN 978-3-87581-267-1. 39,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die traditionelle Suchtprävention befindet sich in einer "existentiellen" Krise, die man freilich noch immer nicht voll wahrhaben will. Trotz vielfältiger Präventions-Ansätze, die zum Teil inzwischen schon marktmäßig miteinander konkurrieren,  und trotz einäugig staatlicher und politischer Unterstützung gelingt es ihr nicht, wirklich zu ihren Adressaten durchzudringen (vgl. Quensel: Das Elend der Suchtprävention, vgl. die Rezension)

Im hier zu besprechenden "Lehrbuch", das kein Lehrbuch im eigentlichen Sinne sein will, untersucht Gundula Barsch - auf der Basis auch eigener praktischer und forschungsaktiver Erfahrungen - die Gründe dieses Versagens, um von hier aus Leitlinien für eine andere Art "akzeptierender Prävention" zu entwickeln. Unter dem von ihr geprägten paradigmatisch entgegengesetzten Begriffspaar einer hegemonial geltenden "Drogennaivität", der gegenüber eine selbstverantwortliche "Drogenmündigkeit" anzustreben sei, sucht sie nach einem Ausweg aus einer Situation, die bisher zentral durch einen medizinisch geprägten "Tunnelblick" auf die Schattenseiten des Drogenkonsums gekennzeichnet sei. Ein mächtiges und machtbesetztes Gedankengerüst, das sich nicht zuletzt auch darin zeigt, dass man/sie sich zunächst immer wieder ausführlich kritisch mit den Inhalten und Folgen dieser real durchgesetzten "Drogennaivität" befasst, während die angestrebte "Drogenmündigkeit" in ihrer Eigenständigkeit (also nicht als Negation der bisherigen Präventionspraxis) zunächst einmal nicht allzu sehr über einige sehr beherzigenswerte Grundgedanken hinauskommt.

Dementsprechend diskutiert Gundula Barsch ihr Anliegen insgesamt auf einer eher grundsätzlichen Ebene, ohne stärker zwischen primärer und sekundärer Prävention zu unterscheiden oder die üblichen Differenzierungen zwischen einer strukturell angelegten "Verhältnisprävention" und einer - zumeist auf SchülerInnen bezogenen - "Verhaltensprävention" anzusprechen.

Aufbau und Inhalt

In ihrem ersten kritischen Hauptteil behandelt die Autorin in drei großen Schritten zunächst die grundsätzliche Problematik einer jeden Prävention, dann deren speziellere Problematik im Gesundheitsbereich, um schließlich genauer die sich daraus ergebenden "Widersprüche und Sackgassen" bisheriger Suchtpräventions-Ansätze zu analysieren.

Das zunächst so verführerisch einleuchtende Konzept einer möglichst früh vorbeugend eingreifenden Prävention birgt drei eng miteinander verbundene Risiken:

  1. den Machbarkeitswahn, also den Glauben "alle Prozesse nach menschlichem Maß gestalten" zu können (25);
  2. die elitär patriarchalische "Subjekt-Objekt-Beziehung, die in der Praxis zu einem beunruhigenden Herrschaftsverhältnis zwischen Experten und den von Prävention zu erreichenden sozialen Gruppen münden kann" (31)
  3. die Frage, wer aus welchen Gründen die "normativen Zielvorgaben setzt": "In diesem Sinne werden mit Prävention Verhaltenaufforderungen gesetzt und Anpassungsdruck formuliert. Oft nicht bedacht wird, dass auf diese Weise erst Abweichungen definiert und konstituiert werden" (41).

Drei Risiken, die im Gesundheitsbereich immer dann verstärkt relevant werden, wenn sich "die Medizin in den standespolitisch und ökonomisch hart umkämpften Feldern und Märkten der Prävention durchsetzt" (68). Dies gälte selbst dann, wenn man im "Public-Health"-Denken einer breiteren "salutogenen" Gesundheitsauffassung folgt, solange auch hier "Gesundheit" als höchster Wert zur Pflicht gemacht werde (79).

Im engeren Bereich einer Suchtprävention, die "im Wesentlichen durch Sichtweisen und Strategien geprägt (sei), die sich im Rahmen klinischer Behandlungsangebote etabliert hatten" (90) gehe man dementsprechend von einer" binären Polarisierung Abstinenz versus Sucht" aus, wobei sowohl die Drogen-Substanz wie defizitäre Persönlichkeitszüge ("Sucht ist Flucht") das Bild bestimmten. Diese "suchttherapeutische" Basis schlage auch in den vier rezenteren Präventionsansätzen durch, so lange diese primär am Abstinenz-Modell ausgerichtet seien:

  1. So seien Life-Skills-Ansätze (Lebenskompetenz, Selbstwertschätzung etc.) an sich höchst sinnvoll, doch zeige sich deren Engführung, "wenn diese,  in ihrer Ausgangsidee auf Emanzipation und Empowerment zielenden Konzepte, sich nunmehr auf Grundideen und Problematisierungsmuster stützen, mit denen die Zielgruppen erst pathologisiert und zu defizitären Wesen verstümmelt werden" (121)
  2. Auch der Ansatz in "funktionalen Äquivalenten" (Erlebnis-, Kultur- und Abenteuer-Pädagogik) könnte an sich die Substanz-Fixierung aufheben (124), verkomme aber, wenn und solange man allein das Ziel "Abstinenz" betonen müsse, um auf entsprechende Fördergelder zurückgreifen zu können.
  3. Die jüngere "Karte" des Peer-Involvements, die den hohen Wert der Gleichaltrigen-Beziehung nutzen möchte, gerate letztendlich immer wieder zur "Kolonialisierung von Lebenswelten (Kappeler)" (133), solange man nicht die Peers selber als handlungskompetente Beteiligte im Sinne eines "Peer-Support" nach dem Vorbild etwa von JES (Junkies, Ehemalige und Substituierte) verstehe (137f).
  4. Schließlich drohe auch dem Anliegen der Risiko-Prävention die Gefahr "einer negativen, vor allem auf Krankheit orientierten Sicht, in der ein Substanzkonsum als Faktor mit pathogener Potenz den Normalzustand störe" (143)

Die zweite Hälfte des Buches fordert in vier Schritten den Paradigma-Wechsel hin zur Drogenmündigkeit. Die Autorin fasst dafür zunächst noch einmal "die bedrückenden Mentalitätsstrukturen zum Drogenthema im 21. Jahrhundert" zusammen, um sodann unter dem Leitkonzept von "set und setting" den "Eigensinn der Konsumenten" näher herauszuarbeiten. Als Basis dieser Drogenmündigkeit gilt ihr ein "geglückter Substanzkonsum", den sie abschließend in einzelnen Schritten näher konkretisiert.

Das "drogennaive" Paradigma blende mit seiner Substanz-Fixierung, seinem unausweichlich drohendem Sucht-Modell sowie seinem medizinisch geprägten Gesundheitskonzept ("in einer Art von Gesundheitsdiktatur", 190) nicht nur fast alle nicht pharmakologisch/medizinische Zusammenhänge aus (196), sondern vergrößere das "Problem" im Wege der selffulfilling prophecy: "Der immer wieder und ausschließlich dargestellte Zusammenhang von Substanzkonsum und Konfliktbearbeitung popularisiert in seiner Umkehrung eine Erwartung, die mit einem solchen Effekt scheinbar nur von psychoaktiven Substanzen eingelöst werden kann" (183).

Demgegenüber stünde schon heute genügend Wissen bereit, um dieses einäugige Sehen zu beenden (198). Zunächst hänge die Wirkung einer jeden Substanz nicht nur von der Menge, sondern auch von der jeweiligen Konsumtechnik und der individuellen Verträglichkeit ab (204f), wie dies ja auch im "set"-Konzept (subjektive Erwartungshaltung, Befindlichkeit) gefasst werde. Entscheidend sei auch das jeweilige "setting", also die äußeren Konsum-Umstände des Konsums, die von der aktuellen Konsum-Situation bis hinein in deren gesellschaftlich kulturelle Rahmung reichten, die sich zudem permanent verändere. Dies zeige sich auch in der Vielfalt höchst unterschiedlicher Funktionen des Konsums (229), die, jeweils individuell variiert, auch "eine wesentliche Bedeutung bei der Herstellung persönlicher Identität erhalten" könnten (235).

Das neue Paradigma gehe deshalb davon aus, dass "schädigende Konsummuster immer nur Extreme einer darüber hinaus gehenden, variantenreichen Praxis (sind), in der der Umgang mit psychoaktiven Substanzen auf sehr unterschiedliche Weise in das Leben des Menschen eingebunden ist und dabei mehrheitlich zum unproblematischen Bestandteil des Lebens wird" (248); insofern sei die "Fixierung auf Abstinenz durch eine Orientierung auf Problemvermeidung/Problemreduktion" abzulösen (249). Als Leitmotiv schlägt die Autorin hierfür (unter Hinweisen auf Noack) das Bild eines "geglückten Umgangs mit psychoaktiven Substanzen" vor, der sich nicht in purem Konsumismus verliere (257), doch jedem den persönlichen Weg zum inneren Glück "in Übereinstimmung mit sich selbst und seinen eigenen Möglichkeiten" offen halte (261), so lange man wechselseitig "die Glücksansprüche der anderen mit dem eigenen Substanzkonsum respektiere" (271): "Mit der gewählten Begrifflichkeit "geglückter Umgang" soll (…) ausdrücklich betont werden, dass den Menschen das Recht zusteht, Entscheidungen zu treffen, die zum Glück durch freudvolles, angenehmes, genuss- und lustvolles Tun verhelfen. Angesichts der tief verwurzelten Pflichtethik, die unserer Kultur noch immer eigen ist, ist dies keine selbstverständliche Aussage" (274).

Unter "Drogenmündigkeit" wird nun abschließend die Fähigkeit verstanden, "sich eigenständig in vielfältigen Alltagssituationen zu orientieren und zu geglückten Formen des Umgang mit psychoaktiven Substanzen zu finden" (282). Diese sei nicht vorgegeben, sondern müsse - im jeweiligen soziokulturellen Rahmen unter Wahrung der Autonomie des Einzelnen - erworben werden. Als "Kernkompetenzen" gelten dafür "Drogenkenntnisse in ihren informativen, kulturellen und technischen Aspekten, Genussfähigkeit mit ihren technischen, sinnlichen, sozialkulturellen ethischen Elementen und Motivationen, Kritikfähigkeit und Fähigkeiten zum Risikomanagement" (295).

Die Frage, wie dies "in praktisches Tun umgesetzt und Konsumprobleme verhindert werden können, wird (jedoch) hier nicht eingelöst!" (310), doch gelten als notwendige "Rahmenbedingungen" eine "Normalisierung des Drogenthemas", die Akzeptanz von und Hilfestellung für pluralisierte Drogenkulturen, Straffreiheit und Entstigmatisierung von Konsumenten. Rahmenbedingungen, die dann jeweils im Sinne einer emanzipierend akzeptierenden Pädagogik individuell und gruppenspezifisch umzusetzen seien.

Fazit

Ein geglücktes Vorhaben! Es belegt einmal mehr in einer wohl durchdachten Weise, wie sich langsam in der praktisch orientierten Drogenpolitik das klassische Abstinenz-Paradigma aufzulösen beginnt, wenn auch die Politik und die etablierten Suchtpräventionisten hier noch lange hinterher hinken werden. Insofern sollte dieses Buch Pflichtlektüre zumindest für alle diejenigen sein, die am Projekt einer gesellschaftlich so wichtigen "allgemeinen Drogenmündigkeit" mitarbeiten möchten. Vielleicht wäre es dafür gut, wenn die Autorin noch einmal auf ihr ursprüngliches Vorhaben, einen 70 Seiten langen Text zu schreiben (9), zurückgriffe, da ich befürchte, dass viele Leser die Mühe scheuen werden, sich auf den nicht immer ganz leicht zu lesenden, umfangreichen Text gründlicher einzulassen.

Ich würde darin auch etwas stärker den unheilvollen praktischen und ideellen Einfluss der Kriminalisierung betonen (vgl. Geyer/ Wurth: Rauschzeichen. Cannabis: Alles, was man wissen muss. dazu die Rezension), den alltäglichen Genuss-Aspekt unterstreichen (vgl. Ehrenreich: Dancing in the Streets. A History of Collective Joy  – dazu die Rezension), die Risiken der "unfreiwilligen" Abstinenz herausarbeiten und mich insgesamt stärker auf die jugendspezifische "Sucht"-Prävention  konzentrieren, da hier sowohl die Bedeutung der Jugendkultur einerseits (vgl. Martinic/Mesham: Swimming with Crocodiles: The Culture of Extreme Drinking, dazu die Rezension) und der patriarchale Machtaspekt andererseits, wie aber auch die Chancen einer "verhältnis-orientierten", schulbezogenen Prävention deutlicher werden, zumal man hier inzwischen auch bereits gelegentlich positivere Ansätze einer Drogenmündigkeits-Prävention finden könnte.


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
E-Mail Mailformular


Alle 57 Rezensionen von Stephan Quensel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 12.12.2008 zu: Gundula Barsch: Lehrbuch Suchtprävention. Von der Drogennaivität zur Drogenmündigkeit. Neuland Verlag (Geesthacht) 2008. ISBN 978-3-87581-267-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6916.php, Datum des Zugriffs 28.05.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!