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Thomas Widmer, Wolfgang Beywl u.a. (Hrsg.): Evaluation. Ein systematisches Handbuch

Cover Thomas Widmer, Wolfgang Beywl, Carlo Fabian (Hrsg.): Evaluation. Ein systematisches Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 634 Seiten. ISBN 978-3-531-15741-2. 69,90 EUR.
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Thema

Thema des vorliegenden Sammelbandes ist der Stand der Evaluationstätigkeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz in ausgewählten Themenfeldern und im Vergleich zwischen den drei Ländern. Systematisch werden für diese Länder der aktuelle Entwicklungsstand der Evaluation und ein Überblick über den Grad der institutionellen Einbettung der Evaluationsfunktion im jeweiligen Regierungssystem und auf den Ebenen des Staates (Bund, Länder/Kantone, Gemeinden) dargestellt. Zudem wird die Anwendung und Nutzung von Evaluationsresultaten anhand der neusten diesbezüglichen Forschungsliteratur referiert.

Herausgeber

PD Dr. Thomas Widmer ist Leiter des Forschungsbereichs „Policy-Analyse & Evaluation“ sowie Privatdozent am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich. Er ist unter anderem Vorstandsmitglied der Schweizerischen Evaluationsgesellschaft (SEVAL).

Dr. Wolfgang Beywl ist Leiter des Weiterbildungsprogramms „Evaluation“ an der Koordinationsstelle für Weiterbildung der Universität Bern und wissenschaftlicher Leiter der Univation GmbH – Institut für Evaluation Köln. Von 1997 bis 2005 war er Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Evaluation in Deutschland und Österreich (DeGEval).

Prof. Carlo Fabian ist seit 2008 Leiter RADIX Nordwestschweiz, Kompetenzzentrum für Gesundheitsförderung und Prävention. Vorher war er u.a. Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit in Basel.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund der Studie liegt in einer im Frühling 2007 durchgeführten Fachtagung von DeGEVal, SEVAL und der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel. Dieses Treffen von Expertinnen und Experten der Evaluation aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erlaubte den erstmaligen Austausch zu Erfahrungen, Methodiken und Praxen über die Ländergrenzen hinweg. Aus der Tagung entstand die vorliegende Publikation. Damit ist gleich auch etwas über das dem Band zugrunde liegende Evaluationsverständnis gesagt sowie zur Auswahl der Autoren und Autorinnen. Diese erfolgte mit Unterstützung der beiden Evaluationsgesellschaften DeGEval und SEVAL und war mit dem Anspruch verbunden, Beiträge von Autorinnen und Autoren zu erhalten, die über den besten Überblick im jeweiligen Themenfeld verfügten. Ein Überblick, der sich vor allem aus evaluationsfachlicher Perspektive als aktuell und umfassend ausweisen sollte.

Aufbau

Der Sammelband ist in drei Teilen aufgegliedert.

  1. Nach der Einleitung wird im ersten Teil die institutionelle Einbettung der Evaluationsfunktion in vier Beiträgen behandelt. Der erste Beitrag von Götz Konzendorf beschreibt die diesbezügliche Situation für Deutschland, Rupert Pichler untersucht die „institutionellen Dimensionen von Evaluierung in Österreich“ und Luzius Mader die Einbettung der Evaluationsfunktion in der Schweiz. Der Artikel von Thomas Widmer und Frans L. Leeuw schliesst den ersten Teil des Sammelbands mit einem Vergleich der dargestellten Einbettung der Evaluationsfunktionen in den Institutionen Deutschlands, Österreichs und in der Schweiz ab.
  2. Der zweite Teils des Sammelbands, der umfangmässig den grössten Anteil aufweist, beschreibt für zehn Themenfelder die Situation hinsichtlich Evaluation. Pro Themenfeld und Land beleuchtet (in der Regel) ein Artikel den aktuellen Stand, die Entstehungsgeschichte, Evaluationsgegenstände, Evaluationskulturen und Verwendung von Evaluationen. Jedes Themenfeld wird mit einem eigenen, die drei Länder vergleichenden Beitrag abgeschlossen.
    Die zehn ausführlich behandelten Themenfelder sind: Agrarpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Bildung, Energie- und Umweltpolitik, Entwicklungszusammenarbeit, Forschung und Technologie, Gesundheit, Institutionelle Politik, Raumentwicklungspolitik und Soziale Arbeit.
  3. Der dritte Hauptteil des Buches umfasst zwei den Sammelband zusammenfassende Kapitel. Das erste zur „Nutzung der Evaluationsfunktion“ beinhaltet drei Beiträge: Christiane Spiel und Evelyn Bergsmann dokumentieren den Stand des Wissens über die Nutzung der Evaluationsfunktion in Deutschland und Österreich, Andreas Balthasar informiert über Evaluationen in der Schweiz und Carlo Fabian vergleicht die Nutzung der Evaluationsfunktion in den drei Ländern. Das abschliessende zweite Kapitel des dritten Teils „Sektorale und nationale Trends“ von Thomas Widmer und Wolfgang Beywl nimmt die Resultate aus den einzelnen Beiträgen auf und formuliert die zentralen Ergebnisse aus Sicht der Herausgeber.

Im Anhang des Sammelbands finden sich die Liste der Autorinnen und Autoren, ein Personenverzeichnis, ein umfangreiches Sachverzeichnis sowie die gesamte im Band referenzierte Literatur.

Ausgewählte Inhalte

Im vergleichenden Beitrag von Widmer und Leeuw (S. 64–71) zur institutionellen Einbettung von Evaluation in den politischen Systemen der drei Länder wird auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den drei Ländern hingewiesen. Die Schweiz kennt mit dem Artikel 170 der Bundesverfassung (entspricht dem Grundgesetz in Deutschland) einen verfassungsrechtlichen Evaluationsauftrag: „Die Bundesversammlung sorgt dafür, dass die Massnahmen des Bundes auf ihre Wirksamkeit überprüft werden“. Im Unterschied dazu wird in Deutschland und Österreich der Staat über rechtliche Normen angehalten, neben der Rechts- und Ordnungsmässigkeit und Wirtschaftlichkeit, auch die Wirksamkeit staatlichen Handelns zu berücksichtigen. Für Deutschland und Österreich sind zusätzlich die rechtlichen Grundlagen der Europäischen Union von Bedeutung für die Evaluationstätigkeiten in den verschiedenen Themenfeldern, wie z.B. in der Agrarpolitik oder Struktur- und Regionalpolitik. Weiter sind auf einer rechtlich tieferen Ebene (Gesetze, Verordnungen) in allen drei Ländern spezialgesetzliche Vorgaben zur Durchführung von Evaluationen zu finden, die eher abstrakte Bewertungskriterien formulieren, doch Ziele und Nutzung der Evaluation offen lassen.

Gemeinsam für alle drei Länder gilt hinsichtlich Organisationen der Evaluation, dass es bisher zu keiner Schaffung einer zentralen Evaluationsinstanz pro Land gekommen ist. Vielmehr verteilen sich die Evaluationsaktivitäten auf unterschiedlichste Akteurinnen und Akteure, die sich zudem häufig durch eine grosse Nähe zum Evaluationsgegenstand auszeichnen. Als Ausnahme sind die Rechnungshöfe (in Deutschland und Österreich) bzw. die Eidgenössische Finanzkontrolle zu nennen, deren Aufgaben der Finanzaufsicht um Fragen zur Wirtschaftlichkeit und Effizienz erweitert wurden. Davon abgesehen konstatieren Widmer und Leeuw ein eher geringes Interesse der deutschen und österreichischen Legislative an Evaluation (vgl. S. 66). Die Schweiz kennt mit der Parlamentarischen Verwaltungskontrolle (PVK) zumindest eine Abteilung der Bundesverwaltung, die das Parlament hinsichtlich des Evaluationsauftrags in der Verfassung unterstützt.

Diese Differenzen in der rechtlichen und auch organisatorischen Grundlegung von Evaluationen tragen dazu bei, dass sich für die Schweiz vergleichsweise eine grössere Anzahl an Beiträgen zu Evaluationstätigkeiten, institutionellen Fragen der Verankerung der Evaluationsfunktion oder themenfeldübergreifenden Überlegungen finden lassen. Dies gilt zumindest auf der Bundesebene. Alle drei Länder sind im Urteil der Autoren des Beitrags herausgefordert, die vielfältigen Evaluationstätigkeiten zu koordinieren und den Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten auszubauen.

Fazit

Der vorliegende Sammelband versteht sich als Handbuch zum Stand der Evaluation in Deutschland, Österreich und der Schweiz hinsichtlich Verwendung, Verbreitung und Resultaten von Evaluationen in zehn Themenfeldern (diese reichen von Agrarpolitik über Entwicklungszusammenarbeit, Forschung und Technologie bis hin zu Sozialer Arbeit). Im ersten Teil des Sammelbands erhalten die Leser/innen Informationen zur institutionellen Einbettung der Evaluation in den politisch-administrativen Systemen der drei Länder, während die zehn Themenfelder im zweiten Teil des Bands ausführlich behandelt werden. Der dritte Teil führt die unterschiedlichen Ausführungen in den Einzelbeiträgen wieder zusammen.

Der systematische Aufbau des Bandes in allen drei Teilen, mit jeweils einem Beitrag pro Land und einem vergleichenden Beitrag zu den drei Ländern, erleichtert die Orientierung und selektive Auswahl beim Lesen. Die Schwerpunkte der Beiträge in den Themenfeldern sind Aktualität, Darstellung des Kontextes der Evaluationstätigkeit, Beschreibung der Evaluationsaktivitäten, Verbindung zu anderen Evaluationsfeldern und Berücksichtigung der internationalen Entwicklungen, zeitlicher Vergleich des Evaluationsstandes von 2000 mit dem aktuellen (2008) und Würdigung (vgl. S. 22). Der Informationsteil im Anhang erhöht den Nutzen dieses Sammelbands zusätzlich und macht ihn empfehlenswert für alle Leserinnen und Leser, die über Evaluationen in Deutschland, Österrreich und der Schweiz in ausgewählten Themenfeldern und aktuelle Entwicklungen der Evaluationsforschung, vor allem aus professioneller, d.h. evaluationsfachlicher Sicht, auf dem Laufenden sein möchten.


Rezension von
Roland Baur
Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Fachhochschule Nordwestschweiz. Hochschule für Soziale Arbeit. Institut Professionsforschung und kooperative Wissensbildung
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit


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Zitiervorschlag
Roland Baur. Rezension vom 10.08.2009 zu: Thomas Widmer, Wolfgang Beywl, Carlo Fabian (Hrsg.): Evaluation. Ein systematisches Handbuch. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-15741-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6918.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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