Christian Stegbauer: Reziprozität. Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit
Rezensiert von Jan Marbach, 15.04.2003
Christian Stegbauer: Reziprozität. Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2002. 182 Seiten. ISBN 978-3-531-13851-0. 19,90 EUR.
Einführung und Überblick
Reziprozität, so fasst der Autor gegen Ende seines Buches (S. 157) zusammen, ist "... ein Grundprinzip menschlichen Handelns". Gegenseitigkeit sei "... eines der letzten universal gültigen beziehungsstiftenden Regularien ..." (ebd.). Sie produziere und reproduziere Bindungen und leiste auf diese Weise einen wesentlichen Beitrag zur Herstellung eines gesellschaftlichen Gefüges. Der Eindruck, der sich am Ende der Lektüre des kleinen Bandes einstellt, ist weit weniger klar. Was der Autor im Lauf seiner Ausführungen vor allem vermittelt, ist die Kontextabhängigkeit von Reziprozität, also die unterschiedliche Bedeutung des scheinbar immer gleichen Prinzips in unterschiedlichen Handlungs- und Beziehungszusammenhängen. Die stringente Gliederung unterstreicht das. Sie spannt den Bogen von "direkter Reziprozität" über "generalisierte Reziprozität", die "Reziprozität von Rollen" bis zur "Reziprozität der Perspektiven". Den Abschluss bildet eine "Soziologie sozialer Beziehungen", in sich durchaus plausibel, denn die argumentative Stoßrichtung suggeriert in der Tat den Bedarf nach einer Soziologie der Kontexte reziproken Handelns. Um nachzuvollziehen, warum das Buch am Ende dennoch unbefriedigend bleibt und eher Ratlosigkeit hinterlässt, ist ein Blick auf Stegbauers Argumentationsweise notwendig.
Aufbau und Inhalte
Das Buch beginnt vielversprechend. In der Einführung bemüht sich der Autor um einen leicht verständlichen und intuitiven Zugang zu seinem Gegenstand. Dies geschieht anhand einer Vielzahl gut nachvollziehbarer Beispiele aus dem Alltagsleben. In einer ersten Annäherung wird Reziprozität gefasst als "... eine Erwiderung einer Gabe, einer Tat, einer Rede, in bestimmter Form ..." (S. 15). Ohne das aus seinen Beispielen abzuleiten, legt sich Stegbauer aber schon hier theoriestrategisch fest. Entscheidend am reziproken Tausch sei die Einbettung der Handelnden in größere Kollektive: "Es reicht nicht nur, zwei Individuen zu betrachten, sondern der Kontext der strukturellen Einbettung der Individuen ist in vielen (wohl den allermeisten Fällen) mitentscheidend für die tatsächlich stattfindenden Austauschprozesse" (S. 14). Alle Versuche, Tauschprozesse aus der Perspektive der beteiligten Akteure zu rekonstruieren, stehen damit unter dem Generalverdacht theoretischer Unzulänglichkeit. Die leitende These Stegbauers lautet: "... die Tauschmodi [beruhen] nicht (oder zumindest nicht nur, oft auch gar nicht) auf individuell-rationalen Kalkülen, sondern diese werden durch die Form der Beziehungen, in die die Akteure eingebunden sind, in spezifischer Weise strukturiert" (S. 34).
Die so zu Reibflächen erkorenen Ansätze des "methodologischen Individualismus", sei es der Spieltheorie oder der leider nur ganz am Rande erwähnten Tauschtheorie Peter Blaus und seiner Nachfolger, werden nun nicht etwa immanenter Aporien überführt oder mit empirischer Kontra-Evidenz konfrontiert. Das Muster der Argumentation ist die "petitio principii", die a priori unterstellte Gültigkeit des Nachzuweisenden. So sei schon die Ausgangsfrage, wie Kooperation in einer Welt von Egoisten möglich sei, durch ihre individualistische Ausrichtung gleichsam mit einem Geburtsmakel versehen: "Die Akteure werden nicht in erster Linie als in Beziehungen Stehende und durch diese Beziehungen geprägte Handelnde charakterisiert, sondern als Egoisten, die sich eigennützig verhalten" (S. 37). Durch diese Art der Auseinandersetzung kann die theoretische Perspektive des methodologischen Individualismus, die ja - was die Rekonstruktion des Sozialen anbelangt - derjenigen des Autors durchaus vergleichbar ist, nur noch als Verkürzung des Gegenstands wahrgenommen werden.
Hinzu tritt eine zuweilend eklektisch verengte Rezeption einschlägiger Literatur. Marcel Mauss wird zwar häufig als ethnologischer Kronzeuge für die universelle Bedeutung der Reziprozität zitiert, aber an einer entscheidenden Stelle nicht ernst genommen. Bei der Einführung in Formen direkter Reziprozität heißt es lapidar, die einfachste Form des Austauschs sei der Kauf (S. 36). Warenkauf ist aber nicht nur aus ökonomischer Sicht voraussetzungsreich. Auch aus tauschtheoretischer Perspektive gibt es zwischen Tausch und Kauf einige soziologisch entscheidende Unterschiede. Mauss sieht sie vor allem in dem Sozialität stiftenden Moment der Verpflichtung, die dem Kaufakt fehlt. Statt aber diese für seine Argumentation eigentlich hilfreiche Differenz aufzugreifen, springt Stegbauer unvermittelt vom Kauf auf die spieltheoretischen Experimente Axelrods. Deren Ertrag für eine theoretische Durchdringung der Genese sozialer Kooperation wird aber nicht kritisch unter die Lupe genommen, sondern lediglich mit Stegbauers theoretischen Vorurteilen konfrontiert: "Der Austausch kann daher in Umkehrung der behaupteten kausalen Folge auch als Katalysator für Beziehungen angesehen werden - als Ergebnis einer Folge gelungener Tauschakte kommt es zu einer Intensivierung von Bindungen" (S. 40).
Ähnlich eklektisch geht es unter dem Stichwort "generalisierte Reziprozität" zu. Stegbauer verliert sich darin, Modelle der Intergenerationen-Reziprozität zu entwickeln, obwohl die einschlägige Literatur (etwa der Vierte Familienbericht) wesentlich besser Ausgearbeitetes bereithält. Dass der Autor in diesem Zusammenhang auch wichtige empirische Befunde wie die von Mangen et al. (1988) oder Bien (1994) nicht zur Kenntnis nimmt, sei nur am Rande erwähnt. Zuzustimmen ist Stegbauer darin, dass es soziale Handlungen wie etwa anonyme Spenden für Katastrophenopfer gibt, die sich weder mit individuellen Nutzenkalkülen noch mit soziobiologisch begründetem Altruismus unter genetisch Verwandten erklären lassen (S. 127). Ob es ausreicht, solches Handeln als generalisierte Reziprozität aufzufassen ("ich helfe Menschen in Not, weil ich in gleicher Lage auch von anderen Hilfe erwarte") oder ob nur die Befähigung zur Empathie aufgrund einer phänomenologischen Reziprozität von Perspektiven eine Erklärung liefert ("ich helfe Menschen in Not, weil ich mich in ihre Lage versetzen kann und Mitleid empfinde"), sei einmal dahin gestellt. Fragwürdig erscheint aber, wenn der Autor im Rückschluss folgert, dass alles, was er zuvor unter dem Titel Reziprozität aufgeführt hat, allein aus der von ihm bevorzugten Perspektive zu erklären sei.
Entscheidend für die Überzeugungskraft Stegbauers ist die Art und Weise, wie er die Kluft zwischen der Kontextgebundenheit von Reziprozität und ihrer Universalität zu bewältigen sucht. Es ist dieser Spagat, an dem er letztlich scheitert. Um trotz des Gestrüpps der sinnstiftenden Kontexte an der Universalität reziproken Handelns festhalten zu können, greift Stegbauer auf die Ideen zweier Klassiker der Soziologie, Georg Simmel und Leopold von Wiese, zurück. Gesellschaft im Sinne von Geselligkeit erschließe sich erst jenseits individueller Motive in einer reinen, über jeden spezifischen Inhalt erhobenen Form (Simmel). Stegbauer zieht daraus die Erkenntnis: "Die Geselligkeit kann also auf individuelle Zwecksetzungen außerhalb ihres eigentlichen Zwecks, nämlich des Beisammenseins verzichten. Daraus ist zu schließen, dass sich die Handlungen keineswegs aus den Motiven der beteiligten Individuen erklären lassen" (S. 134). Dieser Schluss ist etwa so plausibel wie die Behauptung, weil ein Fußballspiel eine Form von Geselligkeit darstelle, seien die Aktionen der Spieler nicht durch ihr Motiv, Tore zu schießen und Gegentore zu verhindern, sondern allein als Ausfluss ihres Beisammenseins zu erklären. Es grenzt im Fortgang an unfreiwillige Satire, wenn Stegbauer in Leopold von Wieses "System der Allgemeinen Soziologie", das wegen seiner Starrheit und Blutleere zu Recht vergessen ist, "dynamische Komponenten" (S. 145) entdeckt haben will. Dort werde eine soziale Beziehung verstanden als ein durch einen "sozialen Prozess" herbeigeführter labiler Zustand verhältnismäßiger Verbundenheit oder Getrenntheit zwischen Menschen (ebd.).
Derart mit dem Rüstzeug der formalen Soziologie ausgestattet geht Stegbauer in den Schlussspurt seiner "Soziologie sozialer Beziehungen". Fast erscheint es folgerichtig, dass er nun gleichsam das Rad einer Beziehungssoziologie neu erfindet, obwohl in Gestalt der soziologischen Netzwerkanalyse ein seit Jahrzehnten theoretisch und methodisch ausgebautes Konzept zur Untersuchung sozialer Beziehungen sowie eine Überfülle an empirischen Befunden vorliegt. Zwar hat der Autor davon gehört, denn er erwähnt den Urvater der modernen Netzwerkanalyse, Moreno, sowie das Verfahren der Blockmodell-Analyse von White, Boorman & Breiger (1976). Mit dieser Auswahl wird er indessen der Netzwerkanalyse so gerecht wie einer Geschichte des Automobils, die an einem Wiener Fiaker und einem US-Straßenkreuzer der 60er Jahre aufgehängt wird.
Dass Stegbauer das netzwerkanalytische Konzept von Reziprozität (in Dyaden) und Kontext (in Form indirekter Verknüpfungen über Dritte) ignoriert, zeigt sein Räsonnieren über soziale Beziehungen. Die Symmetrie einer Beziehung macht er nicht an ihrem Inhalt fest - etwa Freundschaft im Gegensatz zur gerichteten und daher potentiell asymmetrischen Unterstützung -, sondern daran, ob sie gleichrangige Personen verbindet, wohl im Bemühen, den Kontext einzufangen (S. 146). Auf diese Weise kann freilich auch eine Nicht-Beziehung symmetrisch oder asymmetrisch sein. Bei der Frage, wie Beziehungen zu messen seien, ergeht er sich in psychometrischen Überlegungen, um mangels Fassbarem dann doch wieder bei netzwerkanalytischen Kategorien (Frequenz, Stärke, Multiplexität etc.) und der Blockmodell-Analyse zu landen. Sein Fundamentaleinwand "... dass auch hier die Beziehungen innerhalb von Gruppen für die Auswertung individualisiert werden. Beziehungen eines höheren Aggregatzustandes bleiben auch mit diesem Verfahren nicht analysierbar. Um diese einzubeziehen, fehlen allerdings auch noch grundlegende Forschungsarbeiten" (S. 156) offenbart zweierlei: Unkenntnis über diverse Verfahren zur Messung struktureller Äquivalenz in Netzwerken, die sehr wohl aggregierte Beziehungen abbilden, ohne ihre Fundierung in individuellen Beziehungen aufzugeben, und Hilflosigkeit bei der Suche nach der "Blauen Blume" eines transindividuellen Beziehungskosmos, dem Kontext "an sich" jedweder Reziprozität.
Fazit
Obwohl das Buch sprachlich leicht verständlich ist und in der Einleitung durch lebensnahe Beispiele glänzt, wird es dem Anspruch einer Einführung in das Thema der Gegenseitigkeit sozialen Handelns nur zum kleineren Teil gerecht. Zu sehr ist das Buch von den Vorannahmen des Autors geprägt, zu bruchstückhaft bleibt die Auswahl der theoretischen Ansätze und methodischen Verfahren, sodass letztlich weder Studenten noch Praktiker das finden werden, was sie von einer fundierten Einführung erwarten dürfen.
Rezension von
Jan Marbach
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