socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Friedrich W. Kron: Grundwissen Didaktik

Cover Friedrich W. Kron: Grundwissen Didaktik. UTB (Stuttgart) 2008. 5., überarbeitete Auflage. 266 Seiten. ISBN 978-3-8252-8073-4. 29,90 EUR.

Mit 18 Tabellen.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Neben seiner „Pädagogik“ ist das Buch Grundwissen Didaktik das zweite wichtige Grundlagenwerk Friedrich W. Krons, der sich selbst der Denk- und Forschungstradition der Phänomenologie im Spannungsfeld von Geistes- und Sozialwissenschaften zuordnet. Zudem sei, so schreibt er im Vorwort zur 5. Auflage, der symbolische Interaktionismus leitend, weil sich in diesem Denkansatz „Erklären“ und „Verstehen“ komplementär zueinander verhielten. Vom gr. Didaskein oder didaskalo (lehren) abgeleitet, versteht man unter Didaktik die Wissenschaft vom Unterricht oder das Professionswissen des Unterrichts und der lernförderlichen Arrangements in unterschiedlichen Lernkontexten wie Schule, Erwachsenenbildung, Elementarpädagogik, außerschulische Jugendarbeit, berufliche Weiterbildung. Hilbert Meyer versteht unter Didaktik die Fragestellung: Wer was wann mit wem wo wie womit warum und wozu lernen soll? Die zweite Dimension der Didaktik erschließt sich als Wissenschaftstheorie des Systems Unterrichten und Lehren. Die erste wissenschaftliche Didaktik der Neuzeit verfasste der protestantische Theologie und Pädagoge Jan Amos Comenius unter dem Titel: Didacta Magna (1993).

Aufbau und Inhalt

Krons Buch teilt sich in 6 Hauptkapitel:

  1. Erste Zugänge zum Fach
  2. Didaktik als Wissenschaft
  3. Theorien, Modelle und Konzepte
  4. Lerntheorien und –modelle
  5. Curriculum und Curriculumarbeit
  6. Medien und mediendidaktische Kompetenz

Ad 1.0

Im ersten Teil werden die Zugänge zur Pädagogik im Allgemeinen und zur Didaktik, die Bestandteil der Erziehungswissenschaft ist, im Besonderen offen gelegt. Kron nimmt hierbei (S. 17) Bezug auf die Kompetenz-Teilbereiche der „Standards für die Lehrerbildung“ der Kultusministerkonferenz (KMK). Dabei gibt er einige der gängigen Didaktik Definitionen wieder:

  • „Die Didaktik ist eine wissenschaftliche Disziplin der Pädagogik […]; sie gehört zur Allgemeinen Pädagogik.“ (Klingberg 1972, S. 41)
  • „Allgemeine Didaktik wird als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft aufgefaßt.“ (Peterßen 1983, S. 26)
  • „Die geisteswissenschaftliche Didaktik ist eine Teildisziplin der sogenannten geisteswissenschaftlichen Pädagogik, nämlich jene Disziplin, die auf das das Problem des Unterrichts gerichtet ist.“ (Klafki 1985, S. 34)
  • „Die Setzung lautet, dass Didaktik eine Teildisziplin der Erziehungswissenschaft ist.“ (Jank/Meyer 2002, S.29)

Kron betont in dieser Zusammenstellung, die Didaktik entwickele ihren Fokus zumeist auf Lehr- und Lernprozesse und auf die Bedingungen dieser Prozesse. Die Meyerschen Kernfragen (W-Fragen) der Didaktik um Inhalte (S. 29):

  • Herausarbeitung der grundlegenden Inhalte und Begriffe des zu vermittelnden Faches,
  • Ermittlung der Lernziele,
  • wissenschaftliche Überprüfung derselben,
  • historische und und vergleichende wissenschaftliche Arbeiten auf den vorgenannten Gebieten,
  • Diskussion und Begründung der Bildungsrelevanz der betreffenden kulturellen Inhalte,
  • begründende und begründete Auswahl derselben,
  • Entwurf von Curricula, Teilcurricula, Unterrichtssequenzen,
  • Erforschung und Darstellung fach- und Kulturgut angemessener Vermittlungsverfahren, inklusive Medien,
  • Erarbeitung von Evaluationsverfahren,
  • Kooperative Forschung mit den anderen didaktischen Teildisziplinen, mit der Didaktik und Pädagogik sowie mit deren Nachbardisziplinen.

Dabei wird klar, dass die Didaktik in einem Komplex von Nachbardisziplinen wie Philosophie, Theologie, Anthropologie, Humanwissenschaften, Medizin usw. steht. Um diese Komplexität in Lehr- und Lernprozessen zu reduzieren, nimmt man Darstellungen wie das Didaktische Dreieck (Lehrer, Schüler, Sache), oder Didaktische Viereck (Lehrer, Schüler, Sache, Medien), oder Didaktische Fünfeck (Schwendemann) (Lehrer, Schüler, Sache, Medien und Sozialformen des Lehrens und Lernens) zu Hilfe. Für den Bereich der schulischen Didaktik sind zwei Didaktikdimensionen wichtig:

  1. die Fachdidaktik der jeweiligen Unterrichtsfächer
  2. die Schulartendidaktik

Die „Schulartendidaktik befasst sich mit den Lehr- und Lernprozessen sowie deren Bedingungszusammenhängen in spezifischen Schularten, z.B. der Grundschule – Grundschuldidaktik, des Gymnasiums – Gymnasialdidaktik, der Sonderschule – Sonderschuldidaktik.“ (S. 27)

Die Fachdidaktik beruht zum einen auf den Bemühungen der Fachwissenschaften, Nachbardisziplinen und zum anderen versucht sie kulturelle Inhalte fachlich zu organisieren und zu vermitteln. Aufschlussreich sind Krons Ausführungen zur Etymologie und Begriffsbedeutung des Wortes Didaktik, die er auf sechs Grundbedeutungen zurückführt (S. 33):

  1. Die Tätigkeit zu lehren bzw. zu unterrichten und zu unterweisen;
  2. die Personen, die diese Tätigkeit durchführen, also die Lehrer bzw. Lehrerinnen einschließlich ihrer Qualifikation, nämlich zum Lehren geeignet bzw. ausgebildet zu sein;
  3. die Inhalte, die gelehrt werden bzw. die zum Lehren geeignet und wichtig erscheinen, inklusive der Umstellung, dass diese auch gewusst, mithin gelernt werden sollen;
  4. die Lehrmittel, also die Methoden und Medien der Vermittlung;
  5. die Schule und die Klasse als die umbauten und sozialen Räume, in welchen das Lehren organisiert und durchgeführt wird, und
  6. das Lernen, die Haupttätigkeit der Schüler bzw. Schülerinnen.

Ad 2.0

Didaktik sei auch die Wissenschaft vom Lehren und Lernen, Unterricht, der Bildungsinhalte und gelte als Theorie der Steuerung von Lernprozessen; neuerdings tritt neben dieser Liste nach W. Klafki auch noch das Verständnis, Didaktik sei auch die Anwendung psychologischer Lehr- und Lerntheorien. Kron fasst die Komplexität dieser vielschichtigen wissenschaftstheoretischen Bestimmungen so zusammen, dass für ihn die Didaktik vor allem eine Handlungswissenschaft ist (S. 37), die alle anderen Dimensionen umfasst und in umfassende Enkulturationsaufgaben mündet. Didaktik kann also auch als Enkulturationswissenschaft gefasst werden: „Damit wird die Bedeutung des gesellschaftlichen, interaktiven und individuellen Vermittlungsprozesses kultureller und sozialer Inhalte ins Zentrum von Forschung, Theoriebildung und Praxis gerückt.“ (S. 43) Didaktik, so Kron, unterstütze auf diese Art und Weise Identität und Persönlichkeitsbildung des Individuums bzw. das Lernen von Kultur (S. 44) in den entsprechenden gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen. „Lehr- und Lernprozesse sind also soziale und kulturelle Lehr- und Lernprozesse zugleich, auch wenn in didaktischer Absicht die kulturelle Dimension in ihrer Inhaltlichkeit und Zielstellung sowie in der Frage nach ihrer Vermittlung und den einzusetzenden Medien in den Vordergrund gerückt wird.“ (S. 49) Der Theoriegehalt didaktischer Theorien lässt sich unterscheiden in drei Dimensionen nach Alltagstheorien, Handlungstheorien und Gegenstandstheorien, die beim Verstehen und Erklären unterstützend oder innerhalb der Qualitätssicherung wirken können oder in vielfältiger Weise nutzbar sind. Ziel ist jeweils ein didaktisches Modell zu entwickeln, das entweder Anlass zu empirischer Forschung gibt oder auf den Unterricht zurückwirkt oder Interessenzusammenhänge als Lebenszusammenhänge klärt. In diesem Sinn wirkt Didaktik ungemein kritisch und befreiend, wenn sie hilft, die selbstreflexiven Kompetenzen, z.B. von Lehrenden, auszuweiten.

Ad 3.0

Im dritten Kapitel werden die gängigen didaktischen Theorien, Modelle und Konzepte vorgestellt; beginnend mit dem Leitbegriff Bildung nach Wolfgang Klafki, wonach beide Dimensionen von Bildung (formale und materiale Bildung) sich zueinander komplementär verhalten. Sinnvoll sei exemplarisches Lehren und Lernen, was zum Begriff der kategorialen Bildung führt. Kategoriale Bildung realisiere sich als „doppelseitige“ Erschließung der Individuen (S. 73). Damit meint Klafki Folgendes: „Diese doppelseitige Erschließung geschieht als Sichtbarwerden von allgemeinen, kategorial erhellenden Inhalten auf der objektiven Seite und als Aufgehen allgemeiner Einsichten, Erlebnisse, Erfahrungen auf der Seite des Subjekts. Anders formuliert: Das Sichtbarwerden von ` allgemeinen Inhalten`, von kategorialen Prinzipien im paradigmatischen „Stoff“, also auf der Seite der „Wirklichkeit“, ist nichts anderes als das Gewinnen von „Kategorien“ auf der Seite des Subjekts.“ (Klafki 1974, S. 43) Klafki formuliert auf der Grundlage dieses Ansatzes sieben wesentliche Kategorien der Bildung (das Fundamentale, das Exemplarische, das Typische, das Klassische, das Repräsentative, die einfachen Zweckformen und die einfachen ästhetischen Formen) (Klafki 1985, S. 91ff.; Kron S. 74). In Auseinandersetzung mit dem Klafkischen Ansatz entstanden in den letzten dreißig Jahren verschiedene Konzepte und Modelle von Didaktik bzw. konkrete Handlungsanweisungen zur Planung von Unterricht. Leitbegriff dabei blieb immer der Klafkische Begriff von Bildung „als Befähigung zu vernünftiger Selbstbestimmung, die die Emanzipation von Fremdbestimmung voraussetzt oder einschließt, als Befähigung zur Autonomie, zur Freiheit eigenen Denkens und eigener moralischer Entscheidung“ verstanden. (Klafki 1991, S. 19) Bildungsprozesse werden unter dieser Maßgabe multiperspektivisch, um menschheitliche Schlüsselprobleme anzugehen. Entscheidend in Klafkis Neuansatz ist der jeweilige Begründungszusammenhang eines Themas, einer Unterrichtsstunde (Gegenwartsbedeutung, Zukunftsbedeutung, Exemplarische Bedeutung); die thematische Struktur (erschließt sich über Lernziele); die Zugänglichkeit und Elementarisierung / Darstellbarkeit; die Erweisbarkeit; die methodische Strukturierung. Dieses Konzept ist jüngst von Klafki als Sinndimensionen des Unterrichts weiterentwickelt worden (Klafki 2007, S. 165-192). Zum Umkreis des Bildungsansatzes in der Didaktik gehören weitere Modelle. Neben Bildung als Leitbegriff (Klafki) existieren weitere Basisbegriffe (Lernen, Interaktion, System, Kommunikation), unter denen didaktische Modelle gefasst werden können. Eines davon ist das so genannte Berliner Modell, das nach P. Heimann an der Situation der LehrerInnen (also lerntheoretisch strukturiert) ansetzt und das der Analyse und Planung von Unterricht in seinen vielfältigen Bedeutungs- und Bedingungszusammenhängen dient (vgl. Heimann et al 1977). Das Verfahren wird Faktoren- oder auch Strukturanalyse genannt, weil Entscheidungsfelder wie Lehrintentionen, Inhalte, Methoden und Medien und Bedingungsfelder wie anthropogene und soziogene, kulturelle Bedingungen eine Rolle spielen. Das Berliner Modell wurde dann von Schulz als „Hamburger Modell“ weiterentwickelt, das gesellschaftskritisch wirken konnte: „Im Unterschied zu Heimann bezieht Schulz viel konsequenter anthropologische und gesellschaftskritische Momente in seinen Theorie-Entwurf mit ein, der dadurch einen stark normativen Charakter erhält. Insbesondere das Strukturmoment der Emanzipation als Zielkategorie ist hier zu nennen.“ (Kron, S. 100)

Die lernzielorientierte Modellbildung (Lernziel als nachgeordneter Leitbegriff) nach B. und Chr. Möller fokussiert gegenüber dem Bildungsansatz die präzise Zielformulierung der Lernprozesse (Kron, S. 103). Das Modell sieht die Schritte Lernplanung, Lernorganisation und Lernkontrolle vor. Um das leisten zu können, ist es wichtig, sich Rechenschaft über die Lernziele zu geben. Unter einem Lernziel verstehen die Autoren Folgendes: Ein Lernziel ist „dann eindeutig beschrieben, wenn darin angegeben wird, was der Lernende tun soll (eindeutige Endverhaltensbeschreibung), woran und unter welchen situativen Bedingungen er dies tun soll (Angabe der näheren Bedingungen des situativen Rahmens), und woran das richtige Verhalten oder Produkt erkannt werden kann (Angabe des Beurteilungsmaßstabes, der Grenze für das noch annehmbare Verhalten).“ (Kron, S. 106) Auf dem weltanschaulichen Hintergrund basiert das lernorganisatorische Modell mit emanzipatorischer Zielstellung nach M. Bönsch. Er „sieht das emanzipatorische Ziel im mikrosozialen Zusammenhang der Schulklasse primär darin, die Schüler und Schülerinnen handlungsfähig zu machen. Der emanzipatorische Gehalt dieser Handlungsfähigkeit liegt darin, dass sie in der Lage sind, nicht nur das, was sie lernen, sondern auch die soziale Seite, nämlich das, wie sie lernen, in den Blick zu bekommen. Dabei geht es nicht nur um ihre eigene Situation, sondern auch um die der MitschülerInnen. Das Bedenken eines größeres Zusammenhangs kann dann vom gesellschaftskritischen Anspruch her als jener Weg verstanden werden, auf dem SchülerInnen neben ihrem fachlichen und sozialen auch ihr gesellschaftliches Bewusstsein entwickeln.“ (Kron, S. 113) Die dritte Linie innerhalb der didaktischen Leitbegriffe erschließt sich über den Begriff Interaktion (R. Biermann, D. Bosch, W. Popp, H. Rumpf, K.-H. Flechsig, H. D. Haller, R. Winkel), der in der Sozialisationsforschung eine wesentliche Rolle spielt. Erkenntnisleitend ist dabei das Konzept des symbolischen Interaktionismus, der davon ausgeht, dass sich pädagogisches Handeln über Interaktionen erfassen lässt, denen soziale Beziehungen zugrunde liegen, die sich über Symbole erschließen lassen (vgl. Kron, S. 115) Personen handeln und kommunizieren aufgrund von Bedeutungen. Deswegen kann sich Didaktik auch als Handlungswissenschaft verstehen, die voraussetzt, dass Lehr- und Lernprozesse durch symbolisch vermittelte Interaktionen strukturiert sind (Kron, S. 121). Wichtig ist jedoch die didaktische Funktion innerhalb von Lehr- und Lernprozessen. Weiter sind symmetrische Beziehungen im Unterricht zwischen den Interagierenden notwendig, um Herrschaftswissen zu minimieren. Der vierte Leitbegriff ist System (F. v. Cube, E. König, H. Riedel, W. H. Peterßen, A. Scheunpflug), der erst in letzten Jahren Einzug in die didaktische Modellbildung gefunden hat, wobei Unterricht als offenes soziales System angesehen wird: „Die systemische Auffassung geht von der strukturellen und funktionalen Annahme aus, dass das Handeln eines Menschen als gegenseitige Beeinflussung aller Subjekte und Objekte in einem lebendigen sozialen System, z.B. Familie, zu verstehen ist.“ (Kron, S. 138)

Der fünfte Leitbegriff Konstruktion nimmt systemisch-konstruktivistische Ansätze auf (z.B. K. Reich), die selbst auf den Spuren von Piaget, Aebli, Kelly und Kohlberg wandeln. Kron definiert hierbei Konstruktion wie folgt: „In diesen Forschungen, und Theoriebildungen wird die Entwicklung des Denkens als Genese kognitiver Strukturen beschrieben. Dieser intraindividuelle Prozess, in dem sich die kognitiven Strukturen bilden, wird als Konstruktion bezeichnet; das Produkt als Konstrukt. Ein Konstrukt kann als die kognitive Repräsentation von Welt bzw. Wirklichkeit angesehen werden; die Konstruktion als Prozess der kognitiven bzw. erkenntnismäßigen Bearbeitung bzw. Transformation von Welt.“ (Kron, S. 152) Wichtig in Bezug auf Unterricht ist dabei, dass die Akteure des Unterrichts auf beiden Seiten (Lehrende und Lernende) in den Blick rücken und damit als aktiv Handelnde verstanden werden können. Im Ansatz von K. Reich bedeutet Konstruktion (vgl. Reich 2000), „dass Menschen ihre Wirklichkeit entdecken und zur Darstellung bringen, d.h. konstituieren.“ (Kron, S. 154)

Ad 4.0

In diesem Kapitel widmet sich Werner Kron ausführlich den Lerntheorien und beginnt mit dem Skinnerschen Modell Lernen durch negative und positive Verstärkung (Behaviourismus), wobei die Frage nach der extrinsischen (von außen kommenden) und der intrinsischen (von innen kommenden) Motivation des Lernenden im Vordergrund steht. Hilfreich sind die von Kron zusammengestellten Kriterien für Selbstlernprogramme (S. 162); weitere klassische Lerntheorien wie das kybernetische Modell (v. Cube) oder das Lernen am Modell (Bandura) oder die strukturgenetische Lerntheorie oder des psychologischen Konstruktivismus werden ausführlich dargestellt und kritisch gewürdigt. Einen völlig neuen Ansatz im Feld der Lerntheorien betritt Kron mit seinen Ausführungen über neurobiologische Erkenntnisse bezüglich Lernen (S. 190ff.), wobei die Wahrnehmungsleistung des Lernenden im Vordergrund steht: „Die Wahrnehmung kann als eine Basisfunktion individueller Lebenstätigkeit angesehen werden. Sie liegt allen Interaktionen zugrunde und steht mit dem Lernen in einem konstitutiven Zusammenhang.“ (Kron, S. 190) Kron fokussiert die Gesetzmäßigkeiten des Wahrnehmungsprozesses beim Lernenden und bestätigt so das konstruktivistische Paradigma. Anschaulich sind in diesem Zusammenhang die Tipps für Lerntechniken im Unterricht (S. 194).

Ad 5.0

Gegenstand des fünften Kapitels ist die Reflexion von Unterrichtspraxis am Beispiel der Curriculumarbeit, d.h. Arbeit am Lehrplan. Kron definiert Curriculum / Lehrplan wie folgt als ein „System geplanter Aktionen, die dem Lehren dienen […]. Das Lehren wird dabei als ein System verstanden, die beabsichtigten Aktionen oder Vorhaben zu planen.“ (Kron, S. 203 nach Encyclopedia of Educational Research 1969, S. 276). Lehrpläne müssen jedoch ständig angepasst und transformiert werden, was nach Kron unter Berufung auf Robinsohn die eigentliche Leistung didaktischer Wissenschaft darstellt (S. 204). Hier ist vor Allem bedeutsam, dass die Didaktik eine vernetzte Kultur-Wissenschaft ist. Mit Bezug auf Robinsohn begreift Kron den Aufbau eines Curriculums nach folgenden Strukturelementen: 1. Lebenssituation; 2. Grundwerte; 3. Strukturen des Wissens; 4. SchülerInnen; 5. LehrerInnen; 6. Methoden; 7. Medien; 8. Organisation; 9. Zeit; 10. Ziele; 11. Kontrollen; 12. Evaluation (S. 209). Diskussionswürdig sind die Zielbestimmungen für ein Strukturkonzept der Curriculumentwicklung und ebenso die taxonomiebegründeten Lehr- und Lernziele (hauptsächlich in Bezug auf die kognitive Lerndimension). Als Königsweg der Didaktik erweise sich dann das offene Curriculum, das sich als offener Unterricht, freie Arbeit, Projektarbeit; Freinet Arbeit usw. zeigt (S. 217). Zu unterscheiden sind das formelle, schulbezogene, klassenbezogene, handlungsbezogene Curriculum im Kontext der LernerInnen; auf der Seite der Lehrenden lassen sich das interpretationsfeste bzw. das interpretationsoffene Konzept.

Ad 6.0

Das letzte Kapitel des Buches beschäftigt sich mit der didaktischen Funktion von Medien im Unterricht und den entsprechenden mediendidaktischen Konzeptionen und Mediendefinitionen (S. 226f.). Kron bestimmt Medien als Hilfsmittel, „deren Einsatz unter primär instrumentellen Interessen, z.B. Optimierung von Lehr- und Lernprozessen erfolgt.“ (Kron, S. 228). Bildungstheoretisch lassen 5 verschiedene Medienkategorien unterscheiden:

  1. Druckmedien,
  2. Medien des bewegten Bildes;
  3. Auditive Medien;
  4. Szenisches Theater,
  5. Spielzeug usw.

Zu unterscheiden ist hierbei auch, ob die Medien primär demonstrierendem oder instruierendem didaktischen Interesse entspringen. Kron definiert Mediendidaktik als Reflexion der Medien und des Medieneinsatzes folgendermaßen: „Mediendidaktik kann als eigenständige, interdisziplinär arbeitende Wissenschaft verstanden werden. Sie steht im weiten Sinn mit einer Vielzahl von Nachbardisziplinen, wie z.B. Psychologie, Soziologie, Kommunikationswissenschaften, sowie im engen Sinn mit der Medienpädagogik, der Pädagogik, der Didaktik und den Fachdidaktiken in Kooperation, und sie teilt sich verschiedene Aufgabenfelder mit der Medienpädagogik, wie z.B. Medienerziehung, Medienkunde und Medienforschung. Die Mediendidaktik befasst sich mit Strukturen, Funktionen und Wirkungen von Medien in Lehr- und Lernprozessen. Ihr liegen didaktische und pädagogische Theorien zugrunde, bildungs- und gesellschaftspolitische Vorgaben und die Vielfalt der Forschungsergebnisse und Erkenntnisse aus den Nachbardisziplinen, mit denen sie kooperiert.“ (Kron, S. 234)

Fazit

Hervorzuheben ist der große Nutzen des Buches für Studierende, aber auch gestandene Lehrkräfte, die ihre Theoriebasis grundlegend aufbauen bzw. erweitern wollen. Die Referenzstrukturen der Didaktik als Theorie und als Wissenschaft werden deutlich und über die sorgfältig ausgewählte Literatur erschließen sich didaktische Modelle und Konzeptionen für all diejenigen, die weiterarbeiten wollen. Das Buch ist in meinen Augen ein absolutes Standardwerk, das rundum zu empfehlen ist.


Rezensent
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
E-Mail Mailformular


Alle 49 Rezensionen von Wilhelm Schwendemann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 17.10.2009 zu: Friedrich W. Kron: Grundwissen Didaktik. UTB (Stuttgart) 2008. 5., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-8252-8073-4. Mit 18 Tabellen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6923.php, Datum des Zugriffs 26.04.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung